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Die Vermessung des Ego

von Reinhard Kriechbaum

Graz, 2. Oktober 2011. "Wann schreibst Du auch so was?", fragt nicht nur die Mutter den hoffnungsvollen Autor – und meint Daniel Kehlmanns "Vermessung der Welt". Einen Theaterabend lang erleben wir, wie Thomas, Autor des Romans "Die Arbeit der Nacht", zusehen muss, wie Freund Daniels Verkaufszahlen astronomisch in die Höhe klettern. Selbst krebst er bei achttausend herum (diese Auflage ist ihm vom Hanser-Verlag jedenfalls angekündigt), was andere für durchaus respektabel halten. Aber: "So viel verkauft Daniel am Tag". Grund genug, in einen Fieber-Albtraum zu taumeln, der in diesem Fall eher ein Alk-Traum ist.

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Unter Jongleuren               © Lupi Spuma

Mit dem autobiographischen Roman "Das bin doch ich" hat es der Österreicher Thomas Glavinic 2007 auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis gebracht. Dorthin zu gelangen, davon träumt auch im Roman/im Stück die Hauptfigur Thomas Glavinic. Frust ist freilich angesagt: "Im Perlentaucher lese ich, dass Daniel der beste Autor seiner Generation ist. Das bin doch ich!"

Genüsslich unterm Wortschwall duschen

Glavinic' Buch avancierte damals zu einem der Lieblinge des Feuilletons, erweckt es doch den Anschein, dass da einer so richtig süffig abrechnet mit dem Literaturbetrieb. Michael Krüger, Chef des Hanser-Verlags, taucht auf, die Literaturagentin Karin Graf. Zu den Freunden des Autors rechnet ein buntes Völkchen der Wiener Theater- und Popmusiklandschaft. In Graz, wo Thomas Glavinic 1972 geboren wurde, genießt der Autor Lokalmatador-Bonus, wie die Uraufführung zeigte. Jubel für eine sagenhaft temporeiche Theaterarbeit, unter deren Wortschwall man genüsslich duschen kann, ohne sich mit allzu tiefgründigen Hintersinnigkeiten abplagen zu müssen.

Regisseurin Christine Eder hat die Spielfassung erstellt. Es werden keine Pseudo-Szenen aus dem in Ich-Form gehaltenen Roman destilliert. Der Abend beginnt wie eine Lesung und bleibt eine Ich-Erzählung. Geschlagene zwei Stunden lang redet sich Thomas Frank in der Rolle des Thomas Glacvinic in aberwitzigem Tempo den Mund fusselig.

Verkehrt herum aufgestellte Kulissenteile

In dieser Assoziationenkette aus Erinnerungen und Alltagsszenen tauchen reale und fiktive Menschen en Masse auf – drei Darsteller geben ihnen vorwiegend karikative Züge. Die Hauptfigur, der verkrachte Autor, spricht dem Alkohol reichlich zu, und so wird die Sache immer überdrehter. Nicht unwitzig das Bühnenbild von Monika Rovan. Eine Wand aus verkehrt herum aufgestellten Kulissenteilen. Da sieht einer den Betrieb von innen, von hinten (ist da ein Unterschied?) – und nach vorne kommt er nicht so recht.

Irgendwie fühlt man sich zurückversetzt in jene Zeiten, als in Graz die Literaten des Forum Stadtpark Furore machten und der Parade-Autor Wolfgang Bauer gerne solch alkohol-durchtränkten Surrealismus mit witzigen lokalen und regionalen Erdungen auf die Bühne brachte. Aber Glavinic ist anderthalb Generationen jünger (und die Regisseurin ebenfalls) – es dürften keine gezielten Paraphrasen auf Bauers Dramatik sein, eher Glückstreffer.

Lebende Messlatte für den Erfolg

In Thomas Franks Ego-Wortschwall hinein geraten drei Mitspieler, die blitzschnell von Rolle zu Rolle wechseln. Meist sind sie überdreht, grell und karikierend gezeichnet, sanguinische Stichwortbringer. Der allgegenwärtige "Daniel", der leibhaftig oder per imaginärem SMS den gerade aktuellen Verkaufsstand der "Vermessung der Welt" durchgibt, ist natürlich ur-seriös (Christoph Rothenbuchner spielt ihn).

Nicht unwitzig, diese Roman-Dramatisierung genau eine Woche nach der Uraufführung von Kehlmanns Geister in Princeton im Grazer Schauspielhaus anzusetzen. "Freund Daniel" ist in Glavinic' Text ja die lebende Messlatte für den literarischen Erfolg. Und er wird sogar zum Kritiker an dem schließlich doch erschienenen Roman "Die Arbeit der Nacht": "Daniel schreibt über mich, im Spiegel: Glavinic - warum nicht?"

 

Das bin doch ich
nach dem Roman von Thomas Glavinic
Regie und Fassung: Christine Eder, Bühne und Kostüme: Monika Rovan, Musik: Thomas Butteweg, Dramaturgie: Regina Guhl.
Mit: Thomas Frank, Sebastian Reiß, Christoph Rothenbuchner und Birgit Stöger.

www.theater-graz.com/schauspielhaus



Kritikenrundschau

Weil sich "ein großer Teil der Szenen wunderbar für die Bühne eignet" und weil das Ganze "mit Witz, vier Schauspielern, denen der Text offenbar genauso viel Spaß gemacht hat wie den Lesern, und einer Regisseurin, die die kleinen und großen Gemeinheiten des Lebens in poetisch-böse Bilder zu übersetzen weiß", deshalb schätzt Colette M. Schmidt im Standard (3.10.2011) diese Romanadaption. "Eder gibt den Schauspielern wenige, oft ironisierende Requisiten (Bühne und Kostüme: Monika Rovan), viel spielerische Freiheit und den richtigen Takt vor, um die Szenen schnell und logisch zu verknüpfen."

Nach einem "strengen literarischen Beginn" mit einer Dichterlesung "entwickelt sich rasch Situationskomik, die zum Besten an diesem knapp zweistündigen Abend gehört", schreibt ein Anonymus für Die Presse (3.10.2011). "Das Ensemble ist immer lustvoll und wandlungsfähig bei der Sache, hantelt sich geschickt über manche Längen des Textes hinweg. Denn dieser selbstironische, streckenweise auch leichtgängige Roman bietet zwar eine Reihe amüsanter Episoden, aber wenig Dramatik." Entsprechend "ist es konsequent, dass die Regie auf verspielte Rasanz setzt, auf den sympathischen Esprit von Glavinic."

Weit weniger begeistert ist Michael Tschida in der Kleinen Zeitung (3.10.2011): "Prosa auf der Bühne ist eine Epidemie, die längst auch das Grazer Schauspielhaus erfasst hat. Mit der Transponierung von Glavinics ironischem Selbstbespiegelungsroman ins Dramatische kommt einmal mehr der Wunsch auf: Bitte impfen!" Zumal die Romanvorlage "nicht gerade der überzeugendste Text" von Thomas Glavinic sei. Regisseurin Christine Eder "bebildert zumeist bloß die mit Erfolgssucht, Neurosen und Alko-Hohlköpfigkeit aufgeladenen Episoden. Diese Doppelbelichtung von Glavinics realsatirischen Nahaufnahmen wird samt den dauerversuchten drei großen K (Kabarett, Klamauk, Klamotte) rasch zu üppig. Wie Schlagobers mit Zucker."

 
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