Ungeschminkter Schrecken

von Rüdiger Oberschür

Gießen, 3. November 2007. Bürgerkrieg und Exil auf der Bühne erfahrbar machen. Das ist das Ziel, das Wajdi Mouawad mit seinem mittlerweile viel gespielten Stück "Verbrennungen" verfolgt. Mit einer Testamentseröffnung beginnt der frankokanadische Autor eine Odyssee aus Politkrimi und Familientragödie, in der sich die Abgründe der Gewalt öffnen. Die Zwillinge Jeanne und Simon folgen dem letzten Willen der Mutter Nawal Marwan, begeben sich auf die Suche nach dem totgeglaubten Vater - und damit auf die Erkundungsreise zu den ungeheuren Wurzeln der eigenen Familie im Libanon.

Der junge Regisseur Titus Georgi nähert sich dem bedrückenden Stoff am Stadttheater Gießen auf asketische Weise, ohne dem Stück nennenswerte Striche zuzufügen. Hier ist ein "armes Theater" frei nach Jerzy Grotowski am Werk, worin die szenische Technik des Schauspielers den Kern des Theaters darstellt. Vor allem aber der Text, die Sätze, das Wort. Sprache pur statt Bilder satt.

Choreographie des Schreckens

Als Verweis auf die verschachtelten Handlungsebenen hat Katja Wetzel eine in zwei Teile aufgebrochene, kahle Fläche auf die Bühne gestellt. Der Raum ist leer, nach hinten hebt eine Schräge an. Ansonsten: Kein Theaterblut, keine nennenswerte Requisitenschlacht, keine Videoästhetik. Dafür fein gearbeitete Gestik und Mimik, fast choreographiert wirkende Tableaus und ein regelrecht komponiertes Ineinanderfließen der Szenerien und Ereignisse.

Wo das Stück fast wie ein Film funktioniert und in seinen Rückblenden und Einschüben auseinander zu fallen droht, lässt Georgi Überlappungen zu und setzt dank der Unterstützung des grandiosen Parviz Mir-Ali musikalische Motive und wabernde Geräuschkulissen als Bindemittel ein. Einmal entwickelt sich zum Tanz und Geschrei eines Heckenschützen ein undefinierbares Dröhnen zum "Logical Song" des Krieges.

Leben am Rande des Todes

Die vordergründige Sprachbetonung Georgis erschließt den Inhalt sinnvoll, da die Mutter Nawal Marwan, die so schicksalsschwer immer wieder durch das Stück wandelt, auf Sprache und verbale Verständigung Zeit ihres Lebens all ihre Hoffnungen gesetzt hat. Lesen, Schreiben, Sprechen, das sind hier die erstrebenswerten Parameter, um dem Elend überhaupt entrinnen zu können, wie wir es von so vielen Kriegs- und Krisengebieten kennen. 

Durch diese Sparsamkeit der Mittel gewährt Georgi dem Stück auch seinen universalen Wert, wenngleich die libanesischen Kriegsjahre von 1975 bis 1990 unüberhörbar sind. "Niemand kann hier zärtlich über die Dinge reden", heißt es schon in einer der ersten der knapp 40 Szenen.

Suche nach der Herkunft

Georgi verortet in der Mutterfigur seinen Zugriff, besetzt Nawal Marwan den Altersvarianten gemäß gleich dreifach. In der reifsten und weisesten Version gibt sie hier die wunderbare Tatja Seibt, die derzeit als Gast am Haus weilt. Ihr alles offenbarender Monolog kurz vorm Ende ist das Fesselndste und Bewegendste, was das Gießener Stadttheater seit Jahren erlebt hat. Das Vertrauen, das Georgi in die archaische Wucht von Mouawads poetischer Sprache setzt, geht im schlichten Schrecken, den die Zwillinge durch die Aufklärung ihrer eigenen Herkunft erfahren, treffend auf. 

 

Verbrennungen
von Wajdi Mouawad
aus dem Französischen von Uli Menke
Regie: Titus Georgi, Bühne und Kostüme: Katja Wetzel.
Mit: Christian Fries, Irina Ries, Isaak Dentler, Benjamin Strecker, Kyra Lippler, Carolin Weber, Muriel Roth, Tatja Seibt, Gunnar Seidel, Karsten Morschett, Karsten Morschett, Roman Kurtz, Benjamin Strecker, Gunnar Seidel, Benjamin Strecker, Roman Kurtz.


www.stadttheater-giessen.de

Kommentar schreiben