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Das sonderbare Licht des Unglückssterns

von Guido Rademachers

Köln, 8. Oktober 2011. Kein Kasten diesmal. Johannes Schütz, in dessen eindrucksvoll leeren Bühnenbehausungen Jürgen Gosch und zuletzt auch Kölns Intendantin Karin Beier das Innenleben der Figuren wie unter einem Brennglas bündelten, begnügt sich für die eigene Inszenierung von Racines "Phädra" mit nur einer einzigen Wand. Sie ist dunkelgrau angestrichen und schließt die Bühne bis zum Dach der Kölner Halle Kalk nach hinten hin vollständig ab.

Pulverisierte Klassik

An die Wand angebaut ist eine kleine Mauer, auf der die Schauspieler sitzen, wenn sie nicht an der Reihe sind. Parallel dazu steht vorne vor den Zuschauern ein zweites Mäuerchen. Drei dünne weiße Drähte sind darüber gespannt und markieren ein Bühnenportal. Auf dem Boden liegt eine Art feiner weißer Sand. Es könnte gut auch zerriebener Marmor oder Gips sein: Pulverisierte Klassik, grell beleuchtet von einer einzigen Lichtquelle, einem Scheinwerfer, der auf leicht gekrümmter Schiene langsam vor der Spielfläche seine Bahn zieht.

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  Mondlandschaft des Begehrens (Anja Laïs, Christian Nickel, Orlando Klaus)
  © Klaus Lefebvre

Es ist lunares Licht. Aufnahmen der Mondlandung haben eine ähnliche Qualität: die Konturen sind scharf, es fallen starke Schlagschatten, die Farben wirken ausgeblichen. So sieht ein Analytiker. Leidenschaften brennen in solchem Setting nicht mehr. Schütz zeigt eine Archäologie der Gefühle, Monumenta affectuum historica, emotionale Denkmäler, die so fern scheinen wie ein anderer Himmelskörper und so kalt lassen wie das Licht ist, das auf sie scheint.

Lamento über die verbotene Liebe

Der Schweizer Literaturwissenschaftler Jean Starobinski hat einmal "Phädra" als Tragödie bezeichnet, in der jede Gestik zum Verschwinden neige, und zwar zu Gunsten des Blicks. Der Akt des Sehens nehme bei Racine alle Gesten in sich auf, die der Stilwille der französischen Klassik unterdrücke, enthalte alle Spannungen und Wünsche. In der Halle Kalk bleibt das Repertoire überschaubar. Man blickt leer vor sich hin, wenn man auf dem hinteren Mäuerchen wartet, und bevorzugt frontal ins Publikum, wenn man etwas zu sagen hat. Wozu es offenbar keinen wirklich drängt.

Im elegant-leichten Laufschritt absolviert Orlando Klaus als Hippolyt mit nacktem Oberkörper erst einmal eine Trainingsrunde nach der anderen, bevor endlich sein erster Satz fällt. Die Jamben fließen klassisch-gediegen, die Stimme schmeichelt sich angenehm ins Zuschauerohr. Ein glänzender Kehlkopf fliegt durch den Raum und verkündet – einen belanglosen Restkörper an Ort und Stelle zurücklassend – die verbotene Liebe zu Aricia. Marina Frenk klimpert als Angebetete aufs Stichwort ein wenig auf einem Klavier herum. Das Scheinwerfergestirn wandert weiter auf seiner Bahn hinter eine Säule und taucht die Bühne in Dunkel. Phädra tritt nach vorne.

Choreografie der Schatten

Anja Laïs wirkt wie eine medikamentös nicht optimal eingestellte Kranke mit depressiven Störungen. Leicht sediert zerdehnt sie ein Lamento über ihre verbotene Liebe zum Stiefsohn Hippolyt, strukturiert den hohen Verskunstsprech durch gelegentliches Nasehochziehen und ignoriert die neben ihr pausenlos die Fäuste ballende Amme (Nadine Geyersbach als Oenone), so gut sie kann. Sollten in ihr einmal die Stürme der Leidenschaft getobt haben, dann ist jetzt nur noch Verwüstung übrig geblieben. Diese Phädra ist todmüde. "Lerne Phädra kennen und ihre ganze Raserei", sagt sie und kann doch nur im Zeitlupentempo auf Hippolyt zugehen. Das Scheinwerferlicht modelliert auf der Rückwand riesige Schatten, die wie klassische Statuen wirken.

Die relative Bedeutungslosigkeit Racines außerhalb Frankreichs wird im Allgemeinen in der Unübersetzbarkeit des klassischen französischen Alexandriners gesehen. An die Stelle des höfischen Balletts der Worte (durch die Übertragung Schillers in den robusten Blankvers ohne Reim ohnehin schon erdenschwerer gemacht) setzt Schütz eine langsame Bildchoreografie der Körper und Schatten.

Man wird Schütz – schon 1984 schuf er das Bühnenbild für eine "Phädra"-Inszenierung von Ernst Wendt, vor gerade einmal einem Jahr für die von Matthias Hartmann – nicht mangelnde Durchdringung des Stoffes vorwerfen können. Auch bei Racine ist Phädra von Anfang an todgeweiht. Das sonderbar grelle Licht eines Unglücksterns, der um die Ausgrabungsstätte "Phädra" kreist, dürfte sich auch im Originaltext aufspüren lassen. Dennoch wirkt die Aufführung selbst bei einer Digest-Fassung von guten 90 Minuten nur wie pflichtbewusst-zähes Klassik-Exerzitium.

 

Phädra
von Jean Racine, übertragen von Friedrich Schiller
Regie und Bühne: Johannes Schütz, Mitarbeit Bühne: Daniel Gantz, Kostüme: Sabine Thoss, Musik: Wolfgang Siuda, Dramaturgie: Jan Hein, Licht: Michael Frank.
Mit: Christian Nickel, Anja Laïs, Orlando Klaus, Marina Frenck, Horst Mendroch, Nadine Geyersbach, Anna Böger.

www.schauspielkoeln.de

 

 

Kritikenrundschau

Als lebloses Trauerspiel beschreibt Christian Bos, Kritiker des Kölner Stadtanzeigers (10.10.2011), diesen Abend, bei dem er sich "wie ein zum gelangweilten Teil einer ins Theater gezwungenen Schulklasse" fühlte. Beinahe jedes Wort an diesem Abend klinge hohl, so Bos, jede Szene wirke wie eine Eleven-Übung in hoher Deklaklamationskunst.

Der Abend wirke nicht, als habe sich im großen Ausstatter viel Regiekreativität angestaut, schreibt Stefan Keim in der Welt (13.10.2011). Manche Schauspieler kämpften sehr mit der Künstlichkeit der Sprache. "In körperliche Aktionen können sie sich nicht flüchten, denn mit Ausnahme von Phädras Maueraggression gibt es kaum Bewegung auf der Bühne." Pur wolle der Abend sein: "keine Musik, nur etwas Klavierklimpern. Und bloß ein Scheinwerfer, der große Schatten wirft. Was man von dieser Inszenierung nicht behaupten kann."

Schütz' Regie schärfe das Ohr für Racines Sprach-Finessen, so dass man die Messerchen dieser Schicksal-Häckselmaschine im Geiste blitzen sieht – so beschreibt es Hartmut Wilmes in der Kölner Rundschau (10.10.2011). "Erkauft wird dies mit szenischer Askese, die selten und dann nicht unbedingt sinnfällig durchbrochen wird: etwa wenn Phädra ihre Eifersucht mit der Spitzhacke an einem Schneewall austobt." Ansonsten bleibe die Tragödie über weite Strecken schockgefroren.

 
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