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Nur einmal noch Schwanensee tanzen

von Andreas Klaeui

Zürich, 22. Oktober 2011. "Weiter träumen" ist ein Stück über Panik. Oder, was hier dasselbe ist, über Desillusionierung, die Enttäuschung darüber, dass das Leben aus nichts weiter besteht als aus einer Folge von Kompromissen, an denen wir uns abrackern, und dass Liebe, Sex, Moral, Glück ziemlich verschiedene Hochzeiten sind, auf denen wir nicht gleichzeitig tanzen können.

Ein Mann liegt auf der Intensivstation im Koma – seine Frau entsetzt sich bei dem Gedanken, er könnte als derjenige aufwachen, der er in 42 Jahren Ehe immer war. Dies ist die Grundsituation. Thomas Jonigks Blick geht auf die Frau, Silvia, "mindestens sechzig, wenn möglich siebzig Jahre alt" (Silvia Fenz, für die er die Rolle geschrieben hat, ist 71). Ihr Gatte mit dem sprechenden Namen "Bockmann" ist Metapher, der Person gewordene Sexualtrieb; der Spielort natürlich ebenso Metapher, eine Intensivstation in dem Sinn, wie zum Beispiel auch Weihnachten eine Intensivstation ist, nämlich für Träume, Glücksversprechen und Ernüchterung. "Auf der Bühne ein Weihnachtsbaum, kein Krankenhausrealismus", wünscht Jonigk sich.

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Fritz Fenne (Hans) und Silvia Fenz (Silvia)
© Toni Suter / T+T Fotografie

Ein Glücksversprechen namens Hans

Das Glücksversprechen heißt Hans, ist groß, grunge und galant, und so romantisch, wie ein zeitgemäßer jugendlicher Liebhaber überhaupt nur sein kann (Fritz Fenne). Er bringt Silvia zum Sprechen. Sie schüttet ihm ihr Herz aus, sie fragt sich erstaunt: Ich weiß gar nicht, warum ich Ihnen das alles erzähle, wir kennen uns überhaupt nicht. – Er sagt: Ich liebe Sie auch.

Er bringt sie zum Tanzen. Im vielleicht schönsten Moment dieses Abends, als Silvia, sie muss grad noch ein wenig verlegen über sich lachen, strahlt aber auch schon ganz begeistert, ihre 71jährigen Arme und Beine zu jugendlichen Ballettgliedern dehnt und mit Musik erfüllt und als Tschaikowsky-Schwan durch die Intensivstation schwebt.

Er bringt sie zum Weinen und am Ende, als die Verhältnisse geklärt sind, sogar zu einem kurzen Augenblick von beruhigtem Glück. Wenn's nicht bloß geträumt war. Thomas Jonigk lässt vieles in der Schwebe in diesem Stück; seine Figuren sind Chiffren: die Männer haarige Affen, mehr als ein getigertes Kleidchen und blondierte Haare braucht es nicht, um alle Primärreize hinreichend zu stimulieren (aber als Silvia ihren Hans fragt, willst du mit mir schlafen, antwortet er: Darüber habe ich noch nicht nachgedacht).

Auch die Frauen sind Funktionen, Ehefrau, Geliebte, Krankenschwester, junges Mädchen, typisierter geht nicht – und genau darin sind sie gescheitert, auf sympathische Weise lebensuntüchtig, möchte man sagen. Doch immer bricht in ihnen auch der Traum durch, die Kompromisslosigkeit. Da zwitschern aufs Mal shakespearische Nachtigallen und Lerchen, tief in ihrem Innern sind sie alle zusammen Romantiker: und darin muss man sie ernst nehmen.

Biologismus im Tigerkleidchen

Genau dies tut Christof Loy in seiner Inszenierung aber nicht. Er bleibt beim Krankenhausrealismus (Bühne: Jan Versweyveld) und Tigerkleidchen-Boulevard, spielt auf sichere Pointe und behebt die Figuren damit der Möglichkeit, uns wirklich zu betreffen. Er will Leichtigkeit erreichen und schafft statt dessen Schwere, einen platten biologistischen Reigen, wo schwebende Melancholie sein könnte. Was Verweis sein könnte auf einen immer schon verlorenen Kampf, spielt sich an die Rampe, bereitwillig legt sich hin, was eigentlich auf den Rücken geworfen ist, und worüber wir mit einem Stich im Herzen lächeln müssten, das können wir nun einfach wegprusten.

Bleibt das Vergnügen am formidablen Ensemble, zuvörderst Silvia Fenz, deren kleine, starke Silvia ja nicht zufällig den gleichen Namen trägt wie ihre Schöpferin. Bleiben Susanne-Marie Wrage als über-über-überpatentes Vatertöchterlein, Friederike Wagners Allegorie der letzten Hoffnung, Julia Kreusch als grandioser Trampel. Bleibt: Weiter träumen. Denn vermutlich ist ja jede Inszenierung a priori ein Kompromiss.


Weiter träumen (UA)
von Thomas Jonigk
Regie: Christof Loy, Bühne: Jan Versweyveld, Kostüme: Ursula Renzenbrink, Musik: Mathis Nitschke, Choreografie: Thomas Wilhelm, Dramaturgie: Thomas Jonigk.
Mit: Silvia Fenz, Christoph Quest, Susanne-Marie Wrage, Friederike Wagner, Julia Kreusch, Fritz Fenne, Klaus Brömmelmeier.

www.schauspielhaus.ch


Mehr über den Schriftsteller und Dramaturgen Thomas Jonigk finden Sie im Lexikon.


Kritikenrundschau

"Kein literarisches Meisterwerk insgesamt. Aber ein mit dem Zeitgeist flirtendes Amüsement, das sich dank Christof Loys spritziger Uraufführung klar abhebt von den im Untergrund lauernden Seichtheiten des Frauenzeitschrift-Niveaus." So schätzt Barbara Villiger Heilig von der Neuen Zürcher Zeitung (24.10.2011) diese Novität von Thomas Jonigk ein. Das Stück sei nicht nur für die Hauptdarstellerin Siliva Fenz geschrieben, sondern auch "Marketing-orientiert" auf das größtenteils ältere Damenpublikum im "Pfauen" zugeschnitten: "Tatsächlich wird sich fast jede Abonnentin bei der Rückschau auf ihr Beziehungsleben in einer der Frauenfiguren wiederfinden – und darüber herzlich lachen." So jonglierten die Figuren "großartig mit den weiblichen Klischees, die Jonigk üppig serviert": Silvia verkörpere "Ehefrust", es gebe "Torschlusspanik", "Arztroman-Romantik" und das "Sugardaddy-Syndrom", wobei die Rezensentin von den jeweiligen schauspielerischen Besetzungen angetan ist.

Nicht minder überzeugt ist ein Anonymus im Südkurier (24.10.2011) von den Darstellern. Eine "kluge Anlage" bescheinigt er Jonigks Stück. Es bleibe darin "offen, was wirklich ist und was imaginiert wird", wodurch, das Werk der "Gefahr von Klischees" entgehe. "Tragik und Komik verschränken sich, was auch der Regisseur Christof Loy, ein künstlerischer Weggefährte von Jonigk, in die Ur-Inszenierung im Pfauen hineinrettet." Loy akzentuiere die "durchaus in dem Stück vorgegebenen boulevardesken Elemente und Requisiten".

In der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (22.10.2011, 23:06 Uhr) lobt Hartmut Krug Jonigks Stück als "Groteske mit tieferem Sinn über unsere sexualisierte Gesellschaft": Es entfalte ein Spiel "in einer unwirklichen Zeit". Jonigk "schreibt kein postdramatisches Textkonvolut", aber auch kein "klassisches Well-made Play mit logischer Entwicklung". Er schaffe Situationen, in denen es immer "Sprünge, Brüche" gebe, weshalb das Stück auch nicht in "Banalitäten" und "Klischees", die es darin gleichwohl auch gebe, aufgehe. Mit Loy besitze Jonigk einen "sehr fantasievollen und sehr konzentrierten Regisseur", der "sehr schönes Schauspielertheater" aus dem Stück entwickle und eine "Balance zwischen Realismus und Traumwelt geschaffen" habe. Das "Träumerische und sinnlich Einleuchtende" zeichne diese Inszenierung aus.

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