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Komm, Ende der Mühen!

von Matthias Weigel

Cottbus, 22. Oktober 2011. Dieser Demokratie will man einfach nicht trauen, dafür ist ihr Beigeschmack dann doch zu bitter. Aischylos' "Orestie" wird zwar gemeinhin als Geschichte der Geburtsstunde der Demokratie gelesen: Schließlich wird darin der endlose Kreislauf der Blutrache unterbrochen, durch eine ordentliche Gerichtsverhandlung, in der Geschworene über die Strafe für den Muttermörder Orestes abstimmen sollen.

Dumm nur, dass es bei der Abstimmung zur Stimmengleichheit kommt und Götter-Chefin Athene das letzte Wort hat. Sie entscheidet sich zu Gunsten Orests, in etwa mit folgender Begründung: Sie fühle sich den Männern mehr verbunden, schließlich habe ihr Vater Zeus sie auch ohne die Hilfe einer Frau zeugen können, und somit seien doch Väter wichtiger als Mütter.

Die Schlacht nach der Schlacht

Dieser überaus zynische Ausgang der ersten demokratischen Abstimmung des Menschengeschlechts stimmt auch Christian Schlüter skeptisch, der als Bielefelder Oberspielleiter für die Inszenierung nun am Staatstheater Cottbus zu Gast ist. Wie er den knapp dreistündigen Abend beginnt, so lässt er ihn auch wieder enden: Sieben Spieler sitzen auf Stühlen an Tischen und bitten um eine Änderung, die jetzt kommen solle, eine Änderung, jetzt! Komm, Ende der Mühen! Wirklich geändert hat sich nämlich auch nach dem großen Schlachten eigentlich nichts.

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Tot: Kassandra (Laura Maria Hänsel) neben Agamemnon (Gunnar Golkowski). Noch unter den Lebenden: Aigisthos (Amadeus Gollner) und Klytaimestra (Susann Thiede).     © Marlies Kross

Langsam bringen sich zu Beginn die tapferen Sieben mit der gestrafften Prosa-Übersetzung von Peter Stein in Fahrt, sprechen wenig gemeinsam, teilen vielmehr die Sätze untereinander auf, auch wortweise; unterbrechen sich, korrigieren sich, fallen sich ins Wort, führen die Sätze anderer zu Ende. Diese rumorende Chor-Verhandlung wird bald das erste Individuum ausspucken: Oliver Seidel rennt als Herold im Stahlhelm so lange auf der Stelle, bis er atemlos vom Sieg über Troja berichten kann.

Es wird nicht der einzige formale, körperliche Moment bleiben. Zusammen mit Choreografin Gundula Peuthert hat Schlüter Bewegungen, Konstellationen und Gesten entworfen, die rhythmisierend, distanzierend und – oft, leider nicht immer – pathosvermeidend wirken. So wird auf das verhasste Wort "Troja" stets chorisch aufgestampft und ausgespuckt, Sprachmelodien werden künstlich umgeleitet, maskierte Rachegöttinnen wiegen im Pulk.

Eine Entdeckung: Laura Maria Hänsel als Kassandra

Kriegsheimkehrer Agamemnon (Gunnar Golkowski) hat für den Sieg über Troja einen hohen Preis gezahlt: Er hat seine eigene Tochter geopfert. Grund genug für Klytaimestra (Susann Thiede), ihren Mann zu hassen, der auch noch so dreist ist, seine exotische Liebhaberin Kassandra mit nach Hause zu bringen. Und die ist immerhin eine Wucht: Neuzugang Laura Maria Hänsel spielt diese unglückliche Seherin, die das Blutbad zwar kommen sieht, sich ihm aber nicht entzieht. Ferngesteuert stakst sie gegen Tische und Stühle, ist ganz Medium und lässt die grausamen Visionen sich aus ihrem Innersten herausfressen, wie kranke Geschwüre an die Oberfläche schäumen, bis sie erschöpft ihrem eigenen Tode entgegengeht. An der Seite von Agamemnon wird sie der Rache der Klytaimestra zum Opfer fallen.

Was wiederum die Rache des Orest heraufbeschwört. Der Sohn kehrt unerwartet in die Heimat zurück, findet den Vater im Grab und die Mutter schuldig, woraufhin er kurzen Prozess mit ihr und ihrem Liebhaber Aigisthos macht (Amadeus Gollner). Arndt Wille steht sich dabei als hyper-verkorkster Orestes leider eher selbst im Wege, wenn er zu jedem Wort ambitioniert die Blutgefäße schwellen lässt. Aber auf jeden Fall spricht die Farbe eine klare Sprache: Es haben sich inzwischen schon so einige rote Blutflecken angesammelt. Doch Orestes steht unter dem persönlichen Schutz von Apollon, während die Erinnyen (Rachegöttinnen) den Blutrausch fortgesetzt sehen wollen. Zur Schlichtung wird letztendlich Athene zur Hilfe gerufen, die eben jene löchrige Demokratie einleitet.

Mit Feuchttüchern gegen den Blutrausch

Was ja leider keine Schwarzmalerei ist: Täglich fressen sich derzeit Staatstrojaner, Banken-Milliarden oder EU-Generalentscheidungen ihre neuen Löcher. In all ihrer zeitlosen, klaren Konzentriertheit entblößt Schlüters Inszenierung den willkürlichen und wackeligen Pfeiler des antiken Dramas, und eben der Demokratie. Die ist gewiss kein Selbstläufer, und Löcher müssen laufend gestopft werden.

Und spätestens wenn dann am Ende wieder die Anfangspositionen eingenommen werden, erklärt sich auch das erste Bild: Mit Feuchttüchern wischten sich da die sieben Kämpfer Blutspuren aus dem Gesicht. Jetzt braucht es schon wieder neue Tücher.


Die Orestie
von Aischylos
Prosaübersetzung von Peter Stein
Regie: Christian Schlüter, Bühne und Kostüme: Jürgen Höth, Musikalische und chorische Komposition: Dirk Raulf, Choreographie: Gundula Peuthert, Dramaturgie: Bettina Jantzen
Mit: Laura Maria Hänsel, Johanna-Julia Spitzer, Susann Thiede, Gunnar Golkowski, Amadeus Gollner, Oliver Seidel, Arndt Wille

www.staatstheater-cottbus.de

 

Die Theater schreiten mit der Orestie des Aischylos regelmäßig zur Demokratiebefragung: etwa in Freiburg (Regie: Felicitas Brucker), in Würzburg (Regie: Stephan Suschke), in Nürnberg (Regie: Georg Schmiedleitner) oder in Essen (Regie: Roger Vontobel). Am Berliner Deutschen Theater hatte soeben die US-Version des Mythos Premiere: Trauer muss Elektra tragen von Eugene O'Neill (Regie: Stephan Kimmig).


Kritikenrundschau

"Trotz punktueller Einwände ist dies eine starke Inszenierung und Ensemblearbeit", befindet Hartmut Krug in der Märkischen Oderzeitung (24.10.2011) und – etwas ausführlicher – auch in der Lausitzer Rundschau (24.10.2011). Aischylos' "Orestie" werde in eine "überzeugende Strichfassung" gebracht. "Die gruppendynamisierten und von Gundula Peuthert choreografisch formalisierten Szenen sind vom siebenköpfigen Körper eines kraftvollen Chores bestimmt. Das schafft Distanz. Pathos und Leidenschaft sind nicht gespielt, sondern werden zitiert und vorgeführt." Sobald sich einzelne Figuren aus diesem gerade in seiner "darstellerischen Monotonie" überzeugenden Chor herauslösten, besäße diese Inszenierung "szenische Kraft".

Frank Dietschreit ist auf rbb Kulturradio (24.10.2011) begeistert. Nur sieben Schauspieler übernehmen in drei Stunden alle Rollen uns den Chor: "So entstehen eigenartige Momente der Verfremdung und der Beschleunigung, der Musikalität, denn in den chorischen Passagen ist das Sprechen stark rhythmisiert, sind die Bewegungen choreographiert und fast tänzerisch. Durch das Ineinanderfließen der Figuren, das Heraustreten aus den Rollen und die musikalische und chorische Komposition werden die Konflikte geschärft und ins Allgemeingültige transferiert." Sein Fazit: "Der Text mag alt sein, doch das Spiel ist ganz heutig und die Inszenierung ist von einer sowohl archaischen wie zeitlosen Kraft, wie man es nur noch selten im Theater erleben kann."

Für Gabriele Gorgas von der Sächsischen Zeitung (26.10.2011) lässt Schlüters Inszenierung "all jenes assoziieren, was uns täglich an Grausamkeiten entgegenflimmert, wo jeder direkt oder indirekt Einfluss nehmen, zumindest aber darüber nachdenken kann." In den Choreographien gelinge "eine Art gestischer Kanon, der beredt ist, wenn es um Lob, Dank, Lug, Trug, Hass, Wahn oder Rachsucht geht." Aus dem Ensemble herausgehoben wird Susann Thiede als Klytaimestra. Sie "bringt in dieses hintergründige Geschehen zu Beginn einen bemerkenswert intensiven 'Unterton' ein, der aber später, speziell in der Konfrontation mit Orestes (Arndt Wille), an Intensität verliert." Größtes Lob wird Johanna-Julia Spitzer als Elektra/Erinnye zuteil.

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