Am Kamin

von Wolfgang Behrens

Berlin, 6. November 2007. "Im traurigen Monat November war’s, die Tage wurden trüber …" So wie Heine einst das winterliche Deutschland bereiste, so reist Falk Richter schon seit vielen Jahren durch den Winter der menschlichen Herzen. In seinen Stücken herrscht klirrende soziale Kälte, die bis in die Stücktitel hineinkriecht: "Unter Eis" hieß 2004 sein bislang größter Erfolg.

Virtuelle Flammen

Doch auch die Behaglichkeit des Kamins gehört zum Winter; in Jan Pappelbaums (irgendwie schon häufiger gesehenem) Wohnzimmer-Bühnenbild zu Richters neuem Stück "Im Ausnahmezustand" – schwarze Resopalwände, hellgraue Sofagarnitur – flackert der Kamin immerhin noch auf einem Monitor. Er ist das Wärmezentrum im strengen Schwarz-Grau-Weiß von Bühne und Kostümen. In ihm – und sei sein virtuelles Feuer noch so kalt – glimmt die alte Hoffnung der Menschheit auf gute, auf beruhigte Zeiten. Auch Heine singt in seinem "Wintermärchen" von dieser Hoffnung:

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.

Ein neues Lied, ein böses Lied

Falk Richter berichtet in "Im Ausnahmezustand" von dem Versuch nicht aller, sondern einiger weniger Menschen, sich ein Himmelreich auf Erden zu errichten. "Hier gibt es alles, alles, was man für ein schönes Leben braucht", sagt Die Frau einmal, und das meint Sicherheit, Annehmlichkeiten, geregelte Verhältnisse. Denn Die Frau, Der Mann und Der Junge wohnen in einer sogenannten "Gated Community", die sich dem Guten und Schönen verschrieben hat, indem – simpler Trick – das Böse und Hässliche mittels eines Zauns ferngehalten wird.

Was Richter, der bei der Uraufführung seines Stücks an der Berliner Schaubühne auch selbst Regie führte, nun aber vorführt, ist, wie dieses Himmelreich an seinen eigenen Voraussetzungen – gleichsam aus sich selbst heraus – zugrunde geht und zugrunde gehen muss: Die Angst, es zu verlieren, kontaminiert alle Lebensbereiche. Und verloren ist das Himmelreich schnell: Wer nicht, wie von "ihnen" vorgesehen (wer "sie" sind, bleibt offen), reibungslos funktioniert, wer nicht mehr zum Guten und Schönen bedingungslos beitragen kann, der muss die "Gated Community" verlassen.

Auf den Leib geschrieben

Der Mann und Der Junge aber funktionieren nicht oder nicht mehr richtig: Des Mannes Arbeitsleistung lässt – vielleicht nur altersbedingt – nach, seine unbedingte Loyalität wird von "ihnen" in Frage gestellt. Der Junge aber pubertiert, er scheint sich – horribile dictu – für Dinge zu interessieren, die möglicherweise außerhalb des Tores der "Gated Community" liegen. Sie, Die Frau, wird darob zur Inquisitorin der eigenen Privatsphäre: Von Misstrauen und Verlustängsten zerfressen, seziert sie lieblos und unnachgiebig jede Regung, jeden Sprechakt von Mann und Kind. Kalt ist’s in dieser Familie geworden, sie lebt "unter Eis" – und war doch ausgezogen, die Wärme der Geborgenheit zu finden.

Falk Richter hat "Im Ausnahmezustand" zweien seiner Lieblingsschauspieler auf den Leib geschrieben: Bibiana Beglau und Bruno Cathomas (denen sich noch der sehr talentierte 15jährige Vincent Redetzki zugesellt). Natürlich spielen die Beglau und Cathomas großartig: Sie verrät ihre Rolle dankenswerterweise nicht von vornherein an hemmungslose Hysterie, sondern agiert aus einer verhaltenen Ruhe heraus, die sich erst langsam mit Nervosität auflädt und nach und nach in gewaltige (und auch gewaltig komische) Arien der Angst und des verletzten Ehrgeizes hineinsteigert.

Riskante Erwärmung auf Kammerspiel-Niveau

Er ist von Beginn an herrlich fahrig, seine Hände wissen nicht wohin und spielen geistesabwesend am Kugelschreiber, gehetzte Blicke, erbärmlich hängende Schultern. Und auch er bekommt seine Arien: Ausbrüche eines erst gedeckelten und schließlich überschnappenden Zorns, der von dem immer wieder zu Boden plumpsenden Körper Besitz ergreift – wie kein anderer vermag Cathomas aufs Beherrschteste die Unbeherrschtheit zu spielen.

Merkwürdigerweise jedoch überdeckt die psychologistische und komödiantische Brillanz des Spiels der beiden Hauptdarsteller ein wenig die kühle, fast reißbrettartig didaktische Botschaft des Stücks: Die artifizielle Metapher einer gehegten und eingehegten Welt, deren selbstzerstörerische Angst vor einem Außen die zwangsläufige Kehrseite des angestrebten Glücks ist, wird so zu einem Ehe-Kammerspiel erwärmt, wie es gar nicht so weit von der Boulevardbühne oder dem Fernsehdrama entfernt ist. Das mindert nicht die Lust am Zusehen, vielleicht aber die Härte der Erkenntnis. Und zu allem lodert behaglich der Kamin, dessen kalte Hitze wohl doch nicht ins Himmelreich, sondern direkt in die Hölle führt.

 

Im Ausnahmezustand
von Falk Richter
Regie: Falk Richter, Bühne: Jan Pappelbaum, Kostüme: Almut Eppinger,
Musik: Paul Lemp. Mit: Bibiana Beglau, Bruno Cathomas, Vincent Redetzki.

www.schaubuehne.de

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Kritikenrundschau

Falk Richter, schreibt Gerhard Stadelmaier in der FAZ (8.11.2007), habe "seit Jahren ein Abonnement auf Apokalypsen". Sein Theater müsse man sich als "riesigen Zeigefinger" vorstellen, der "erregt" "nach droben" fuchtele. Dabei bleibe er aber den "Beweis fürs Wichtige" schuldig. Es sei "Angstmachertheater, Alarmismus-Schaugewerbe zum Billigtarif". Als Regisseur habe er seiner Apokalypse nun aber "die Puschen des Familienzickentheaters" angezogen. Das sei – zumal mit Cathomas und Beglau, die nahe an Strindbergs "Totentanz" geraten würden – durchaus "reizend, aber ohne Bedeutung".

Auch Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (8.11.2007) weist darauf hin, dass die "Madigmachung des bürgerlichen Alltags" bei Falk Richter zum "Service" gehöre. In seinem neuen Stück, das er in der Schaubühne selbst zur Uraufführung gebracht hat, gehe es abermals um "die in ihrer Gründlichkeit schon predigerhafte Verhohnepiepelung jeglichen Daseinstrostes im Diesseits, wo alles eitel ist". Trotzdem sei "Im Ausnahmezustand" als "Themenabend" ein "Gewinn", aber das liege allein an Bibiana Beglau und Bruno Carthomas, "den beiden großen Schauspielern".

Ähnlich Matthias Heine in der Welt (8.11.2007). Richter, der "seine heißherzige Kritik am 'System' (so der Titel eines Stückezyklus) auf die Salontemperatur eines Kammerspiels heruntergekühlt" hätte, verdanke es allein den Schauspielern, dass "Im Ausnahmezustand" an der Schaubühne "auf die Höhe einer sehenswerten Aufführung geliftet wird".

Christine Wahl
im Berliner Tagesspiegel (8.11.2007) schließt sich an, gewichtet aber anders: Bibiana Beglau, Bruno Cathomas und der 15-jährige Vincent Redetzki könnten "nicht darüber hinwegtäuschen, dass Richter nicht wirklich etwas zu erzählen hätte, was er dem Publikum nicht schon in früheren Stücken gesagt hätte."

Nicht ganz so schlecht kommt das Stück in Christine Dössels Kritik in der Süddeutschen Zeitung (8.11.2007) weg. Sie nennt Richter einen "soziologischen Polarforscher, der einen "globalisierungskritisch inspirierten, faktenreich recherchierten, mit didaktischem Gestus konstruierten Seelen-Science-Fiction" geschrieben hätte. Immerhin. Die Schauspieler natürlich, "die raubtierhaft geschmeidige, gefährlich lauernde" Bibiana Beglau und "der bärig tapsige, sich verkrampft wegduckende" Bruno Cathomas seien "ganz wunderbar": "Grau ist an der Schaubühne alle Gesellschaftstheorie. Aber rot, gottlob, das Blut, das in den Adern schäumt."

Peter Michalzik
in der Frankfurter Rundschau (8.11.2007) hingegen geht auf schauspielerische Leistungen gar nicht ein. Vielmehr zeigt er sich von dem Stück, das "zwischen rhythmisiertem Gestammel, wohlkalkulierten und gut gesetzten Gags und vorhersehbarer Psychologie banal, klischeehaft und vorhersehbar durchs klar und stimmungsvoll ausgeleuchtete Wohnzimmer" "blubbt", ziemlich deprimiert. Als "Popdramatiker" und "Popkritiker" habe Richter vor zehn Jahren begonnen und stelle inzwischen "die Welt als Ganzes unter Generalverdacht", wobei er sich "im Herzen des bürgerlichen Wohlfühlrealismus immer besser ein(richte)."

Die taz (8.11.2007) und dort Jörg Sundermeier, ist gnädiger. "Im Ausnahmezustand" sei ein "angenehmes Stück" mit einem "sehr schönen Titel", das dank der SchauspielerInnen "befriedige", obwohl Falk Richter als Regisseur seines eigenen Stückes viel zu wenig Striche gemacht und das kleine Ensemble zu unnötiger Überdeutlichkeit genötigt habe.

In der Neuen Züricher Zeitung (8.11.2007) vermisst Dirk Pilz eine "konzeptionelle Klarheit" der Inszenierung. "Gleichsam unter der Hand gerät sie nämlich doch immer wieder ins psychologische Fach und behauptet Charaktere, wo das Stück nur Thesenträger kennt." Richters "politikwissenschaftliches, soziologisches Forschungsinteresse hat (noch) nicht diejenige Bühnensprache, Spielweise, Form gefunden, mit der sich mehr als proseminaristische Erkenntnisse abwerfen ließen".

 

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