Bezahlter Sparringpartner

27. Oktober 2011. Die linksgerichtete Schweizer Die Wochenzeitung fasst in einem Artikel von Fredi Lerch verschiedenen Stimmen zur neuen Plattform theaterkritik.ch zusammen, das am 3. November 2011 an den Start geht (mehr hier): Während die Printfeuilletons das Projekt verteufelten (etwa als dreisten Bruch "mit dem Journalistenkodex der Unkäuflichkeit"), rechtfertige es die freie Szene mit dem Versagen eben jenes Feuilletons.

Annette Rommel, Präsidentin des Kinder- und Jugendtheaterverbands (Astej) und Leiterin des Vorstadttheaters Basel, beklage, dass Kinder- und Jugendtheater zumeist nicht ernst genommen würden mit dem Argument, "was für Kinder sei, könne nicht Kunst sein, also seien Besprechungen überflüssig". Außerdem spiegelten die Medien die Theaterszenen-Vielfalt "in keiner Weise mehr". Ähnlich Barbara Anderhub, Ko-Leiterin des Kleintheaters Luzern: Für unbekannte Theaterensembles oder junge Kabarettschaffende sei die Situation "verheerend" – wenn sie besprochen würden, dann im Lokalteil und als "Theaterberichterstattung, nicht Theaterkritik".

Das sagten die Kritiker auch selbst, etwas Bettina Spoerri: "Fundierte, differenzierte Theaterkritik außerhalb des Mainstreams wird in den Schweizer Medien immer seltener." Und Tobi Müller, der mittlerweile in Berlin lebt, behauptet sogar: "In der Schweiz gibt es schlicht keine vollamtlichen Theaterkritiker mehr." Wenn Zeitungen bei freien Gruppen immer häufiger nur noch unwissende PraktikantInnen vorbeischickten, habe das mit Theaterkritik nichts mehr zu tun.

Besser falsch als gar nicht

Zwar ist Müller skeptisch, was die Zukunft des Projektes betrifft: Freie Gruppen würden sich nicht mehr als ein bis zwei Verrisse bieten lassen. Dennoch hält er theaterkritik.ch für eine Alternative: "Wenn für fundierte Theaterkritik kein Geld und keine Zeit mehr zur Verfügung stehen, dann lieber mit dem oeil extérieure den bezahlten Sparringpartner spielen als leere Kritikformeln der Pseudounabhängigkeit zu reproduzieren." Wie er schon zuvor auf nachtkritik.de forderte, müssten solche Sparringtexte "ungeschützter, offener, dialogischer, experimenteller" daherkommen.

Lerchs Artikel endet mit einer vehementen Befürwortung von theaterkritik.ch. Noch vor einem eigenen, dezidiert positiven Kommentar heißt es, dass die Rede übers Theater auch dann nicht zu Ende sei, wenn die Theaterkritik in der Tradition Lessings und der Aufklärung mangels Zeit, Geld und Medien am Ende wäre. "Heute muss Theaterkritik nicht nur Innovationen fordern und fördern, sie muss sich auch selbst erneuern. 'theaterkritik.ch' bietet hierzulande als neues Medium die Chance zur kontinuierlichen Dokumentation dieses Erneuerungsprozesses." Statt sich Zynimus und Häme der Feuilletons anzuschließen, sei es "klüger, im Computer den Link 'theaterkritik.ch' als Favoriten zu speichern, kritisch neugierig mitzulesen und – warum nicht – wieder einmal den Besuch eines Off-Theaters ins Auge zu fassen".

(geka)

 
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