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Wanderer in der Schranklandschaft

von Tobias Prüwer

Leipzig, 27. Oktober 2011. Der Weltgeist spuckt Blut: Taumelnd bewegt sich der Wanderer über dem Nebelmeer mit weitem Mantel, Hut und Rucksack bewappnet durchs Bühnenbild. Dann bricht er zusammen, haucht sein Leben aus und streckt alle Viere von sich. In "Penthesilea" kommt Caspar David Friedrichs gemalte Figur leibhaftig auf die Centraltheaterbühne. Wenn dieses Sinnbild des Romantikers elendig eingeht, stirbt mit ihm die ganze Ära des großen Gefühls. Man könnte geneigt sein, diesen Tod der Romantik in der Inszenierung von Robert Borgmann als wiederholt und vollendet anzusehen. Wie sonst soll man es deuten, wenn Amazonen und Griechen über eine Schrankwandlandschaft staksen, eine aufgetürmte Wüstung aus Sperrholz und Furnier? Wenn der Körper des Achilles, in ein überdimensioniertes Einweckglas verrenkt, zwischen prallen, roten Kirschen hervorragt? Wenn leere Larven Leidenschaft behaupten?

Akt der Emanzipation

Regisseur Robert Borgmann meint es ernst mit der Romantik und gibt Heinrich von Kleists tragischen Stoff artig wieder. Auf dem Schlachtfeld vor den Toren Trojas ringen die Amazonen um ihre Königin Penthesilea (burschikos-blass: Katharina Knap) mit den griechischen Truppen, die von Achilles (androgyn-heiser: Marek Harloff) angeführt werden. Die Alpha-Tiere verlieben sich in einander, können sich aber nicht über den künftigen Wohnort einigen. Achilles will nicht einer Frauengesellschaft leben, Penthesilea lehnt den Männerstaat ab. Am Ende zerfleischt sie den Geliebten im Berserkerrausch mit den Zähnen, erkennt ihr Tun zu spät und richtet die Waffe gegen sich selbst.

© R. Arnold/Centraltheater
Menschen vor Schranklandschaft       © R. Arnold/Centraltheater

Borgmann verlagert diese kriegerische Welt in eine Kulisse, die man aus seiner geschichtsphilosophisch-pointierten Vatermord-Bearbeitung der vergangenen Spielzeit kennt. Deren Einbauschrankheim ist gleichsam aufgesprengt im Bühnenraum verteilt. Zwischen Kommoden und Vitrinen thronen Spüle und Ecktisch, die auch hier einen Familienmittelpunkt darstellen, an dem man zusammenfindet. Am randständigen Nähmaschinentisch nimmt dieses Mal der Wanderer eine Uhr auseinander, was in den zentralen Bühnenraum projiziert wird. Der Schicksalsfaden, der in "Vatermord" Welt-Bilder in Form von Fotos vernäht, rinnt hier durch die Hände von fünf Sängerinnen, die vor der Bühne postiert sind.

Hundert kleine Tode

Sie bilden den Chor, unterstützen zusammen mit einer Musikerin an Klavier und Keyboard das Bühnengeschehen lautmalend und erschaffen so die intensivsten Momente der Inszenierung. Wenn sich ihre sphärischen Klänge erheben, baut sich eine angehende Spannung auf. Doch stirbt die geweckte Erwartung immer wieder, erleidet hundert kleine Tode. Denn das ewige, die Bühne dominierende Monologisieren macht Kleists Text zum zähen Kleister. Dessen träges Fließen heben weder gelegentlich starke Bilder noch der Operntouch auf.

Am Geist der Romantik zu rühren, bedeutet an diesem Abend zunehmende Langeweile. Beim weitestgehend statischen Spiel ist auch das manchmal leise Aus-der-Rolle-Fallen nicht mehr als ein Gimmick. Borgmann setzt immens auf Sprache, doch nimmt es Wunder, warum der Vortrag nicht durchkomponiert wurde, die Darstellenden am Wort zu scheitern drohen. So wirkt der Kleist-Text, auf den die Inszenierung so pocht, ramponiert, führt seine eigentliche Stärke Sprachgewalt sogar zu unfreiwilliger Komik. Kunst ist immer Behauptung, aber die romantische Verzauberung ist bei dieser "Penthesilea" reine Behauptung. Man nimmt den Schauspielern ihre wortreichen Gefühlsbekundungen, die tragische Last nicht ab. Selbst im einzigen Moment auf der Bühne, in dem sich Penthesilea und Achilles nahekommen, zeigen sich ihre Liebesbekundungen mehr als Schwadronieren denn Regen der Gefühle.

Sterile Tragödie

Als ob: Videoeinspielungen von alten und neuen Kriegen, Nachrichten über Krise, Euro-Schutzschirm und Rentenangleichung wirken wie zufällige Zusatzstoffe, die kritischen Zeitgeist herbeireden. Die hinzukommend auftretenden, bei Kleist nicht vorgesehenen Personen geben dem Beigeschmack der herbeikonstruierten Tiefe zusätzliches Gewicht: Clara Schumann klimpert am Klavier, Odysseus-Gattin Penelope gibt die Glucke, der Wanderer über dem Nebelmeer tritt als Weltgeist auf – alles nur Staffage. Und dass Heinrich von Kleist höchstselbst über Fidel Castros Verwechslung von Menstruation und Revolution – "Ich will Blut sehen" – zotet, macht als klamottenhafter Zug die Müdigkeit dieser Inszenierung auch nicht wett. Sein stellvertretender Selbstmord zum Ende des Stückes wirkt da auf eine, von der Regie wohl nicht intendierten Weise nur konsequent.

"Röslein auf dem Schlachtfeld" – Trotz reichlichen Blutströmen entpuppt sich Borgmanns "Penthesilea" als sterile Tragödie, dargereicht in einer halbgaren Sprechtheaterform. Mit solchem zur Schau gestellten und durch einige in den Originaltext gestreuten Klassikerversen unterfüttertes Pathos gräbt sich Borgmanns leidenschaftliches Vorhaben selbst das Lebenswasser ab. Letztlich gedeiht diese Totenbeschwörung der Romantik zur Entzauberung derselben, zur Dekonstruktion des großen Gefühls.



Penthesilea
von Heinrich von Kleist
Regie: Robert Borgmann, Bühne: Robert Borgmann, Mitarbeit Bühne: Peter Schickart, Kostüme: Janina Brinkmann, Musikalische Leitung: Friederike Bernhardt, Dramaturgie: Anja Nioduschewski.
Mit: Friederike Bernhardt, Günther Harder, Marek Harloff, Leonhard Hugger, Andreas Keller, Katharina Knap, Guido Lambrecht, Lenja Raschke, Laura Sundermann, Birgit Unterweger sowie Elsa Gregoire, Charlotte Hacker, Ekaterina Kaufmann/Katharina Helmke, Taryn Knerr/Maria Hengst, Sarah Therry.

www.centraltheater-leipzig.de

 

Mehr Penthesilea-Inszenierungen der jüngeren Zeit? Roger Vontobel hat "Penthesilea" im Juni 2010 bei den Ruhrfestspielen sehr klanglich genommen. Felicitas Brucker setzte Krieg, Liebe und Gewalt im Oktober 2010 am Maxim Gorki Theater ins Fadenkreuz. Wojtek Klemm hat im April 2011 in Göttingen sehr körpernbetont inszeniert und Kathrin Mädler hat das Stück ebenfalls im April 2011 inszeniert, und zwar in Nürnberg.

 

Kritikenrundschau

"Der Abend ist komplex und verschließt sich dem sortierenden Blick," schreibt Ralph Gambihler in der in Chemnitz erscheinenden Freien Presse (29.11. 2011). "Wir hören und sehen viel. Sehr viel." Aber was eigentlich? fragt sich der Kritiker auch. "Eine Kleist-Betörung? Eine Kleist-Erkundung? Eine Kleist-Sprechoper? Einen sprachkritischen Beitrag zur Romantik-Rezeption (sofern man Kleist der Romantik zuschlagen möchte)? (...) Eine theatrale Tiefenbohrung zum Thema Melancholie, Todessehnsucht und Krieg, in der die deutsche Tragödie aufscheint?" Man komme diesem Abend schwer auf die Schliche, schreibt Gambihler, der ihn mal "durchaus anregend" dann wieder "durchaus befremdlich" in verschiedensten gedanklichen Umlaufbahnen kreisen sieht. Konturen kann er indessen schwer ausmachen. Der Abend überblende viele Kontexte und verkunste viele Ideen, und zwar "atmosphärisch sehr dicht, faszinierend in einzelnen Bildern, in schlechten Momenten kunstgewerblich wabernd." Für das Gefühlsdrama der Amazonenkönigin Penthesilea und Achilles bleibt allerdings aus Gambihlers Sicht eher wenig Raum.

Die hohen Erwartungen, die Borgmann mit seiner Deutung von Bronnens "Vatermord" produziert habe, würden mit diesem Kleist nicht erfüllt, schreibt Nina May in der Leipziger Volkszeitung (29.10.2011). Man bekomme den "Eindruck, der Regisseur stehe zu ehrfürchtig vor dem Text, um sich verhalten zu können". Es werde ins Publikum deklamiert, Interaktion zwischen den Figuren bleibe aus. "So erscheinen die kleinsten Aktionen symbolisch überhöht. Diese überzeugen aber eher ästhetisch, weniger in der inhaltlichen Auseinandersetzung mit dem Stoff". Trotz manch eindrucksvoller Szene, die die Kritikerin ausmacht, stellt sich bei ihr das Gefühl ein, "dass diese Inszenierung sich der Rätselhaftigkeit des Kleistschen Werkes unterwirft, statt mit ihr umzugehen".

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