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Lamento Moderato

von Eva Biringer

Berlin, 29. Oktober 2011. Ein einziges Mal setzt die Lethargie aus: Wenn die Gesellschaft zur Festgesellschaft wird und zu den ausgelassenen Klängen des provisorischen Orchesters im Paartanz über die Bühne wirbelt. Da ist das Schicksal des Kirschgartens schon besiegelt, und noch bevor der Übermut der Tänzer auf das Publikum übergreifen könnte, senkt sich ein semi-transparenter Plastikvorhang, der die Musik und mit ihr die Menschen beinahe zum Verschwinden bringt.

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Der Kirschgarten ist verkauft! Gutsbesitzerin Ranjewskaja (Cornelia Froboes) und ihre Tochter Anja (Anna Graenzer) © Thomas Aurin

Dieser Vorhang ist symptomatisch für Thomas Langhoffs "Kirschgarten" am Berliner Ensemble. Stets scheint die Inszenierung bemüht, alles Laute, Expressive hinter einer Schallmauer verschwinden zu lassen.

Keine Zukunftsmusik

Grauer Filz überzieht die Stühle, auf denen sich die eben aus Paris heimgekehrte Gutsbesitzerin Ranjewskaja und ihr Bruder Gajew (Cornelia Froboess und Martin Seifert) niederlassen, als ob jedes Geräusch zu vermeiden wäre. Nachdem Ranjewskajas Sohn im nahe gelegenen Fluss ertrank, floh sie ins Exil, wo sie lebte wie Gott in Frankreich, und steht nun vor dem Ruin. Ihr Gutshaus und mit ihm der prächtige Kirschgarten sollen verkauft werden. Der gerissene Kaufmann Lopachin (Robert Gallinowski) schlägt vor, eine Art Ferienkolonie auf dem Grundstück zu errichten. Für die Dame des Hauses klingt das wie Zukunftsmusik in Moll, dunkel zwar, aber in für sie nicht mehr erreichbarer Ferne. So ergeht sie sich in ausgiebigen Kaffeezeremonien, Frühstücksausflügen in die Stadt und wirft mit Geld um sich, als hätte sie das Savoir-vivre erfunden.

Währenddessen bangt das Personal halbherzig um die Zukunft des Guts und kommt sich näher, wobei keines der drei potentiellen Liebespaare zueinander findet: Student Trofimov (Christian Hockenbrink) verzehrt sich lieber nach klassenkämpferischen Tiraden, anstatt das Flehen der Gutstochter Anja (Anna Graezer) zu erhören, Jaschas (Dejan Bucin) Gefühle Dunjascha (Hanna Jürgens) gegenüber sind bald so lau wie der kredenzte Champagner, und Lopachin kann sich auch nicht so recht für die scheue Warja (Laura Mitzkus) erwärmen.

Als wir schliefen

Diese post-dekadente Gesellschaft hat sich in einem Zustand der Lethargie verloren, als hätte man sie mit Valium ruhig gestellt. Da kann es schon mal passieren, dass einer mitten im Gespräch einfach wegnickt, seine eigene Ohnmacht ankündigt oder sich gleich auf den Boden legt. Irgendwann wurden sie alle mit dem Geschenk der Freiheit überfordert. Thomas Langhoff legt in seiner Inszenierung leise Bezüge zwischen der Wende vor 21 Jahren und der Aufhebung der Leibeigenschaft im zaristischen Russland ein gutes Jahrhundert davor.

Bis auf ein paar kleine Auflockerungsübungen, wie sie der mit Schnauzer und Südländerschopf aalglatt daherkommende Jascha praktiziert, passiert wenig. Ein heruntergefallenes Teeservice reißt Schauspieler und Publikum da schon aus einem Halbschlaf. Ganz bravourös unterhält immerhin Carmen-Maja Antoni in der Rolle der Gouvernante. Mit Zaubertricks und artistischen Einlagen ist sie ein Stimmungsaufheller im übrigen Stimmungstief. Stutzig wird man nur, als sie zum zweiten Mal ihre Lebensgeschichte zum Besten gibt und sich laut fragt, wer sie sei. Ein Hinweis auf partielle Amnesie?

Streichquartett auf der sinkenden Titanic

Mit einer Ausnahme: Firs, greiser Diener und eiserner Verfechter der Leibeigenschaft (von Jürgen Holtz als Clown von fast beckettschem Format gespielt), ist trotz seines hohen Alters eine schillernde Erscheinung. Vom Rest der Truppe wird ihm abwechselnd Schwerhörigkeit und Senilität unterstellt. Tatsächlich scheint es, als habe er mehr als alle anderen verstanden, worum es geht. Dass nämlich nicht nur die Tage des Kirschgartens gezählt sind, sondern die einer ganzen Epoche. Seinen Bühnentod stirbt Firs konsequent allein und geräuschlos.

Ein starkes Motiv findet Langhoff in der Musik, insofern deren Schwermut stellvertretend für die der Handelnden steht. Beim Anblick des Orchesters, das immer mal wieder seitlich auf die Bühne gefahren kommt, fühlt man sich unweigerlich an das Streichquartett auf der sinkenden Titanic erinnert. Selbst wenn an anderer Stelle eine heitere Melodie auf der Gitarre komödiantisch schief intoniert wird, überwiegt der Eindruck einer Hintergrundmusik, die einen sanft in den Schlaf lullt.

Bis zum erwähnten Ballabend. Da kommt Leben auf die Bühne und das kollektive Lachen über den stolpernden Kontoristen (Thomas Wittmann) wirkt wie ein Befreiungsschlag. Mitten hinein platzt die Nachricht vom Verkauf des Guts. Neuer Eigentümer ist Lopachin. Wie aus dem Tiefschlaf gerissen springt er auf und vollführt einen kurzen, infernalischen Tanz. Sekunden später bricht das Orchester ab, und das folgende chorische Lamento ist nur der endgültige Abgesang auf eine vergangene Epoche. Da ist der Plastikvorhang wohlgemerkt schon gefallen.

 

Der Kirschgarten
von Anton Tschechow
Übertragen und bearbeitet von Thomas Brasch
Regie: Thomas Langhoff, Bühne: Katrin Kersten, Kostüme: Wicke Naujoks, Musik: Hans-Jörn Brandenburg, Dramaturgie: Dietmar Böck.
Mit: Cornelia Froboess, Anna Graenzer, Laura Mitzkus, Martin Seifert, Robert Gallinowski, Christian Hockenbrink, Axel Werner, Carmen-Maja Antoni, Thomas Wittmann, Hanna Jürgens, Jürgen Holtz, Dejan Bucin, Detlef Lutz, Claudia Burckhardt, Uli Pleßmann, Michael Kinkel.

www.berliner-ensemble.de

 

Andere Kirschgärten? 2009 holzte in Leipzig Sebastian Hartmann den Garten der Ranjewskaja ab. Michael Thalheimer machte ihm 2010 in Stuttgart den Garaus und 2011 in Köln Karin Henkel.


Kritikenrundschau

Dass Langhoff am BE mit einer radikal zeitgenössischen Perspektive in diese inoffiziellen kleinen "Kirschgarten"-Festspiele starten würde, sei von vornherein nicht zu befürchten gewesen, schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (30.10.2011). Insofern sei "interessanter als die antiquierten Volkstänze, zu denen Langhoff bei der Party im dritten Akt noch aufspielen lässt", die Frage der Sympathienverteilung in diesem Auf- und Abstiegsspiel. Und die beantworte die Inszenierung relativ eindeutig: Sie schlage sich – angesichts ihrer eigenen konventionellen Ästhetik nicht ganz unoriginell – auf die Seite des Aufsteigers Lopachin, der bei Robert Gallinowski ein bulliger Underdog mit ausdrücklich weichem Kern und angemessen geschmacksunsicherem Leinen-Jackett sei. An der eigentlichen Hauptperson Ranjewskaja, gespielt von Cornelia Froboess, verliere man bereits ziemlich früh jedwedes Interesse. Zu einer Art heimlichem Hauptdarsteller entwickele sich am Ende Jürgen Holtz, der den alten Diener Firs spielt: "Wer in das Gesicht dieses Schauspielers schaut, der den grandios gespielten äußeren Verfall mit einer messerscharfen Textarbeit kontrastiert, erfährt mehr über Auf- und Abstiege, die Dialektik von Herr und Knecht und gesellschaftliche Umbrüche (beziehungsweise ihr Ausbleiben) als vom Rest dieser 'Kirschgarten'-Gesellschaft zusammen."

Auch Peter Laudenbach ist in der Süddeutschen Zeitung (31.10.2011) alles andere als begeistert von "Thomas Langhoffs arg dröger Inszenierung". Die Ranjewskaja sei ein "in die Jahre gekommenes Luxus Girlie, halb Grand Dame im Endstadium, halb Edel-Hippie-Mutti in bunt wallenden Gewändern". Als Kraftzentren der Inszenierung macht Laudenbach Robert Gallinowskis Lopachin und den Firs von Jürgen Holtz aus. Aber auch tolle Holtz-Momente könnten die sich mühsam dahin schleppende Inszenierung nur für Momente retten, meint Laudenbach – und holt nochmal zum Rundumschlag aus: gegen die verkitschte Textfassung "mit konfusen Ergriffenheitsmomenten" und die "scheußliche Bühne", die "so beliebig und am verhandelten Stoff so desinteressiert" sei "wie die ganze Veranstaltung".

Dirk Pilz schreibt in der Berliner Zeitung (31.10.2011) eine Eloge auf Jürgen Holtz: "Sein Fach ist eine Verwandlungssprechkunst, die jedes Wort auf schwankendem Doppelboden zu errichten versteht." Und: "Sein Firs ist immer zwischen Ausrufe- und Fragezeichen aufgespannt. Schon der Gang, die Blicke: Alles ist, als könne es sofort kippen. Das ist groß, das ist sehenswert, oh ja. Aber ach – er ist an diesem seltsam müden Abend so allein damit." Thomas Langhoff habe den "Kirschgarten" "als Untergangsgesellschaft gezeichnet. Er verzichtet auf alle Aktualitätshuberei, aber die Botschaft ist nicht zu übersehen: Das Hier und Heute – dem Untergang geweiht." Man könne das "als ziemlich politische, vielleicht auch provokante" oder auch "als ziemlich fatalistische, vielleicht verzweifelte Lesart nehmen". Die Bühnenpraxis sei "jedoch, dass leider niemand für diese Deutung eine entsprechend lebenszittrige Spielform findet, außer Jürgen Holtz."

Ein "schauspielkünstlerisches Leistungsgefälle" macht Volker Trauth für die Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (29.10.2011) an diesem Abend aus, durch das "Leerstellen" entstünden und die Ereignisabfolge schleppend würde. Auch für Trauth ragt Jürgen Holtz als Firs heraus, zudem Robert Gallinowski als Lopachin. Langhoffs Regie folge der Tendenz von Thomas Braschs Übertragung, d.h. "Braschs Realismusbemühungen". Langhoff "nimmt den Figuren den elegischen, sentimental dahinfließenden Dauerton. Es wird viel gelacht an diesem Abend und fast alle versuchen sich an artistischen Kunststücken. (…) In den besten Momenten bleiben diese Kunststücke nicht Selbstzweck, sondern bieten den Ausführenden die Chance, innere Leere und Zukunftsangst zu überdecken."

"Schneller als hier hat das hochsymbolische Sehnsuchtsgehölz selten sein Schicksal ereilt", befindet Matthias Heine in der Welt (2.11.2011). "Nur gut zwei Stunden dauert es, bis die Axthiebe, die von draußen in das Gutshaus hallen, ankündigen, dass die alte Zeit der überflüssigen Menschen, die sich sentimental an alte Häuser und alte Kirschbäume klammern, endgültig vorbei ist." An Bühnen und Kostümen lässt Heine kein gutes Haar, an Langhoffs Inszenierung schon: "Das stört aber alles nicht sonderlich. Man sieht den Schauspielern auch im grellen Licht gerne zu." Cornelia Froboess unterspiele ihre Ranjewskaja mit einer gewissen ostentativen Nüchternheit, Robert Gallinowski spiele Lopachin angemessen als groß gewordenen Jungen, der zwar gern auf dicke Hose macht, aber damit eigentlich nur verbirgt, dass er selbst schon von der Wehmut Blässe angekränkelt ist. Und natürlich folgt auch hier eine Lobrede auf Jürgen Holtz.

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