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Ein Ritterschaumstoff-Spiel

von Wolfgang Behrens

Berlin, 4. November 2011. Es ist schon nicht jedermanns Sache, dieses "große historische Ritterschauspiel" mit seinen klappernden Visieren, vertauschten Briefen, brennenden Burgen und lichtumflossenen Cherubim. Der alte Goethe etwa soll nach der Lektüre des "Käthchen von Heilbronn" von einem "wunderbaren Gemisch aus Sinn und Unsinn" gesprochen haben. Wobei es ihm weniger um das Wunderbare zu tun war als um den Unsinn, denn er setzte hinzu: "Das führe ich nicht auf, wenn es auch halb Weimar verlangt."

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Anne Müller ist Kleists Käthchen. © Bettina Stöß

Den Unsinn beim Wort nehmen

In diesen Tagen, da sich der 200. Todestag des Dichters nähert, verlangt nicht nur halb Weimar, sondern die halbe Welt nach Kleist, weswegen das Berliner Maxim Gorki Theater und sein Intendant Armin Petras ein Kleistfestival ersonnen haben, das in knapp drei Wochen den ganzen dramatischen Kleist (und auch die Novellen müssen hinein, Novellendramaturgie, verstehen Sie) zur Aufführung bringt. Zur Eröffnung dieses Festivals ließ sich nun der Regisseur Jan Bosse vom Unsinn des "Käthchens" nicht abschrecken, im Gegenteil: Er nahm den Unsinn beim Wort.

Und so scheppern denn in Bosses Inszenierung die Ritterrüstungen, es keifen die Burgfräuleins, die in ihren Glitzergewändern dem Kintopp entstiegen scheinen, und es wird geblödelt, als gelte es, die Väter der Klamotte zu beleben. "Öffn' das Visier", ruft da der Graf Wetter vom Strahl, und schon geht das Gezerre an dem ollen Blechding los – es klemmt, es klemmt! –, und hinein stößt der Graf das Schwert in einen schmalen Schlitz. So stirbt es sich in einer Ritterparodie.

Tendenz zum Länglichen

Als Mitstreiter für seinen Nonsens-Ritt hat Bosse zudem die Puppentruppe "Das Helmi" gewonnen (in Freiburg haben die schon einmal bei einer Version des "Käthchen" mitgemischt), deren mittlerweile im Stadt- und Staatstheater angekommenen Figurenkreationen nach wie vor so aussehen, als hätten ein paar versprengte Kubisten im LSD-Vollrausch Sesamstraßen-Puppen zu basteln versucht. Die Helmis steuern ein paar herrlich blöde Schaumstoff-Nebenrollen bei – die Köhler, den Kaiser, die Pferde, den Engel, den Fluss –, mit ihrer ostentativ zur Schau getragenen Laieninbrunst drohen sie den Abend jedoch auch einige Male auszubremsen. Manche der Nummern in der Ritterrevue tendieren dann, so lustig sie sind, zum Länglichen.

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Käthchen in der Sesamstraße. © Bettina Stöß

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es ist ein Spaß. Ein Spaß, was sonst? In Kleists "Käthchen" aber tritt neben den Unsinn – das räumte immerhin auch Goethe ein – der Sinn. Da ist das Käthchen, das somnambul durch diese schrille Mittelalterwelt taumelt, im Herzen eine Liebe, deren Unbedingtheit ans Terroristische grenzt: In aller traumwandlerischen Unschuld ist das Käthchen eine Stalkerin. Das Absolute dieser Figur und ihre Probe aufs totale Liebesexempel können nicht einfach weggewitzelt werden.

Bravourakt von schneidender Intelligenz

Und Anne Müller tut dies auch nicht. Mit unstet flackerndem Blick und krampfenden Händen spielt sie ihr Käthchen auf eigenartig wesenhafte, kreatürliche Weise: stark und entschlossen zwar und vom Instinkt getrieben, aber eben – getrieben. Es bleibt so wundersam in der Waage, ob Käthchens Liebe Segen oder Fluch ist, göttliches Geschenk oder neurotische Verirrung.

Mit dieser Entgegensetzung – ein unbeirrbar liebendes Mädchen in einer grotesk sich gerierenden Gesellschaft – hätte es sein Bewenden haben können, und es wäre von einem mäßigen Abend zu berichten gewesen. Fulminant aber wird die Aufführung dort, wo Joachim Meyerhoff die Szene betritt. Sein Graf Wetter vom Strahl ist die einzige Figur, die in Bosses Inszenierung eine Entwicklung durchmacht; diese aber wird von Meyerhoff mit einem schauspielerischen Virtuosenstück sondergleichen, mit einem Bravourakt von schneidender Intelligenz beglaubigt.

Vor dem Femgericht gibt Meyerhoff zu Beginn den harten Kerl, dessen Hauptüberzeugung darin besteht, ein harter Kerl zu sein. In seiner hochnotpeinlichen Ritterrüstung verströmt er den Charme eines abgehalfterten Countrysängers, der sich vor einem desinteressierten Publikum als poor lonesome cowboy inszeniert. Sehr komisch ist das, und kippt doch bald ins Gefährliche, wenn sich in diese Attitüde beim Verhör des Käthchens eine rohe und ungelenke Brutalität mischt.

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Anne Müller und Joachim Meyerhoff. © Bettina Stöß

Holunderbusch und Pappkarton

Die Beharrlichkeit des Mädchens bleibt aber nicht ohne Wirkung: Als es sich im dritten Akt unerlaubterweise wieder dem Grafen nähert, lässt Meyerhoff diesen in eine Erregung geraten, die über jedes Maß hinausschießt. Die heftige Züchtigung mit der Peitsche enttarnt sich so bei Meyerhoff sinnfällig als maskiertes Begehren.

Von diesem Wendepunkt her entwickelt Meyerhoff dann auch die Holunderbusch-Szene: Mit mühsam unterdrückter Gewalt treibt es ihn zu dem (hier in einem Pappkarton) schlafenden Körper des Käthchens hin, reißt ihn an sich und knotet sich in ihn hinein – im tumben Ritter erwachen Gefühle, die ihn buchstäblich übermannen. Am Ende dieser Linie steht ein schüchtern Liebender, der Metaphern stammelt und unbeholfen in Körpersprache zu übersetzen sucht.

Kleist hat mit dem bunten Genremix des "Käthchen" recht unverbrämt auf das Unterhaltungsbedürfnis seines zeitgenössischen Publikums gezielt. Und auch Jan Bosse hat sich mit seiner Inszenierung ziemlich eindeutig zum fröhlichen Unterhaltungstheater bekannt. Dank eines Joachim Meyerhoff aber ist er darüber hinaus gekommen.

 

Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe
von Heinrich von Kleist
Regie: Jan Bosse, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Musik: Arno Kraehahn, Puppenbau: Florian Loycke, Dramaturgie: Gabriella Bußacker.
Mit: Anne Müller, Joachim Meyerhoff, Sabine Waibel, Matti Krause, Ruth Reinecke, Albrecht A. Schuch, Das Helmi (Florian Loycke, Emir Tebatabai, Brian Morrow).

www.gorki.de



Vom Kleistfestival des Maxim Gorki Theaters wurden hier bereits folgende Inszenierungen besprochen: Amphitryon, Das Erdbeben in Chili, Die Hermannsschlacht (nach Kleist und Grabbe), Der Krieg (nach Kleist und Goldoni) und Penthesilea


Kritikenrundschau

Andreas Schäfer schreibt im Berliner Tagesspiegel (6.11.2011): Bosse habe "Käthchen von Heilbronn" nicht "aus ihrem unergründlichen Geist, sondern aus der Mechanik Kunigundes heraus" aufgeführt. "Die Versatzstücke, die Kleist mühsam zusammengesteckt hat, schraubt Bosse wieder auseinander und führt sie ironisch vor. Mehr als dass er Käthchens Geschichte erzählt, zelebriert er freudig ihre Unglaubwürdigkeit. Das ist zwar gewitzt und auf spitzfindige Weise logisch, aber auch Freibrief für jeden kettenrasselnden Gimmick. Und es kaschiert, dass Bosse das Stück nicht ernst nehmen will (oder kann)."

Ähnlich urteilt Peter Hans Göpfert im rbb Kulturradio (5.11.2011): "Jan Bosse liest den Untertitel, den Kleist gewählt hat, 'ein großes historisches Ritterschauspiel' ironisch. Diese dreieinhalb Stunden ist nichts ernst oder romantisch oder illusionistisch gemeint." Während der Kritiker die Auftritte der Puppenspieler von Das Helmi anfangs putzig, dann zunehmend ärgerlich empfindet, ragt für ihn ein Akteur heraus: Joachim Meyerhoff. Der Gaststar "ist ein großartiger Sprecher. Bei ihm klingt Kleist noch stark, selbst wenn er noch so schnoddrig mit heruntergeklapptem Visier gesprochen wird. (…) Er ist wunderbar komisch, wo rundum nur Albernheit regiert."

Kleist habe das "Käthchen" "ähnlich gewagt aus Genreversatzstücken zusammengeschraubt wie die mediävistischen Quacksalber die arme Kunigunde von Thurneck aus recycelbarem Körpermaterial." Man könne nun – meint Elmar Krekeler in der Welt (7.11.2011) "ein Sprachweihfestspiel inszenieren" oder das Stück "so unernst nehmen, wie es möglicherweise (auch) gemeint war – und es so beherzt in Richtung Volkstheater bewegen, wie Bosse es tut." Der nehme nämlich nicht viel ernst am "Käthchen", "den Ritter schon. Dessen Geschichte erzählt er. Joachim Meyerhoff ist Friedrich Graf Wetter vom Strahl. Er ist fantastisch. So fantastisch, so alles um sich herum in den Schatten strahlend, dass man sich manchmal bange fragt, ob das Stück nicht vielleicht doch den falschen Titel hat." Meyerhoff tanze "immer auf der scharfen Klinge und steigert sich ins Unmäßige. Wie ein Orkan fällt er übers duldsame Käthchen her, das nicht nachgibt, bis er's endlich begriffen hat mit der Menschwerdung aus dem Mannsein." Und am Ende hat Krekeler auch tatsächlich einen neuen Titel parat: "Des wilden Mannes Zähmung."

Jan Bosse habe das Stück so inszeniert, "dass man in jeder Szene überdeutlich sieht, dass im 'Käthchen' zusammengeschraubt ist, was nicht zusammengehört", schreibt Dirk Pilz in der Berliner Zeitung/Frankfurter Rundschau (7.11.2011). Besonders schön tropfe am Anfang aus jeder Silbe Joachim Meyerhoffs "eine seifige Ironie, die alles zum großen Ritterspaß verwandelt. Und dann, Auftritt Anne Müller als Käthchen: ganz in Ernst und Entschiedenheit gehüllt. Riesenstaunaugen, die Finger verkrampfen sich. Nein, die beiden passen nicht zusammen." Alles zerfleddere hier, "jedes Gefühl, jede Figur wird als konstruiert vorgeführt." Die Schauspieler aber könnten "nicht anders als komisch sein, das Stück nicht anders als kolportagehaft wirken und dem Zuschauer bleibt nicht mehr, als all das putzig zu finden."

Jan Bosse wisse "um die tendenzielle Unspielbarkeit" des "Käthchen" und zerlege "das mythisch mittelalterliche Handlungs- und Bildergeschehen des historischen Ritterschauspiels in lustige und gut verdauliche Stadttheaterhäppchen", meint Eberhard Spreng auf Deutschlandfunk (5.11.2011). Doch "nach dem lustigen Unsinn sollte ja auch vom Sinn einer unwahrscheinlichen Liebegeschichte die Rede sein. Aber die geht in diesem Wechsel der allesamt lauten Register eher unter und das zentrale Paar, das von Anne Müller gespielte Käthchen und Meyerhoffs Friedrich finden nicht zu einer wirklichen Spielbeziehung." Auch am Ende hätten das Käthchen und der Graf nicht zueinander gefunden, zu mächtig sei "die sie umgebende Revue der Albernheiten."

Bosse habe Kleists Ritterschauspiel "aus dem Geist der Ideologiekritik wie der Augsburger Puppenkiste inszeniert", so Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (8.11.20211). Kleist Mittelalter-Staffage entsorge er "mit leichtem Hohn in den Trash". Der Graf sei hier "ein etwas debiler Altrocker in scheppernder Ritterrüstung"; das "im Klassikerschänden erfahrene Puppentheater 'Das Helmi'" mache den Rest des Personals "in erlesener Scheußlichkeit zu munteren Knallchargen". Dass das "eine Zeit lang Spaß macht", liege vornehmlich "am offensiven Vergnügen an der Schmiere (...) und der großen Könnerschaft", mit der Meyerhoff seinen Grafen "zum begriffsstutzigen Raubein" mache. Die "Gegenseite dieser minderbemittelten Kriegerwelt" dürfe dabei "nicht zur strahlenden Erscheinung werden", Müller spiele das Käthchen "etwas zu betont naiv", und Bosse lasse anklingen, "dass die gute Frau möglicherweise weniger unter zu großer Verliebtheit als an einem Sprung in der Schüssel leidet". Bosse inszeniere "vor allem sein Misstrauen gegen Kleists Dramaturgie der unwahrscheinlichen Fügung und der romantischen Exzentrik", in die Liebe nur in Traum, Märchen oder Wahn gelinge. Gerade weil er Kleist ernst nehme, weigere er sich, "in die naheliegenden Kitschfallen zu gehen" und stelle "diese Fallen auch noch mit trockenem Spott aus". Damit gelinge ihm "zwar eine so charmante wie intelligente Dekonstruktion, aber kein überzeugender Theaterabend".

Um den parodistischen Grundansatz Kleist's noch einmal zu parodieren, inszeniere Jan Bosse dieses große historische Ritterschauspiel "als gernegroße Jungssache", schreibt Thomas E. Schmidt in der Zeit (10.11.2011). "Die wahren Schauplätze des Spiels" seien "der Sandkasten, das Jugendzimmer, die Straße im 'Geddo' oder die Hirne spätpubertärer Hampelmänner". Bosse gehe es nicht darum, sich der "Nerven strapazierenden Gegenwart des Wunderbaren" zu stellen. Nicht um Käthchen drehe sich seine Inszenierung, sondern "ganz um den Mann, der sie herbeifantasiert und eine Heidenangst vor ihr hat". Entsprechend rücke Joachim Meyerhoff als Graf Wetter vom Strahl in ihren Mittelpunkt: Schon an seinem ersten Auftritt lerne der Zuschauer "zwei Wahrheiten über diese Aufführung: dass es ums Männliche geht, genauer ums Testosteron, in seiner grob-geilen wie auch in seiner schwärmerisch-puerilen Variante, und dass dieser Hauptdarsteller auf der Bühne eine Gravitationskraft entfaltet, der die anderen Schauspieler kaum etwas entgegenhalten können, wie immer sie sich anstrengen."

Spät und nur in einer einspaltigen Sammelbesprechung des gesamten Kleist-Festivals im Gorki klappert Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (23.11.2011) hinterher: In Jan Bosses Regie verkümmere die Titelfigur "zur Leerstelle im Stück". Die "arg unterforderte" Anne Müller spiele bloß eine "verhuschte Bubikopfblondine", die weder begreife, was die anderen umtreibt, noch was es sei, das sie selbst bewegt. Eine "Wesenlosigkeit". Schwer erträglich sei es wie Joachim Meyerhoff herum rassele und sich gefalle als "schwer erträgliche" Parodie eines "groben, dröhnenden, dauermaulenden Altrockers". Die Szene im Pappkarton unterm Holunderbusch bleibe in "dieser peinlich genügsamen Inszenierung" ebensolcher Kinderkram wie der Einsatz von "Das Helmi", mit ihren "schmuddeligen, quäkenden Schaumstoffgestalten".