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Politische Science-Fiction

Dresden, 5. November 2011. Beim 8. Festival Politik im Freien Theater, das am morgigen Sonntag zu Ende geht, sind heute Abend zwei Preise vergeben worden. Der dafür verantwortlichen unabhängigen Jury gehörten Annette Jahns (Regisseurin und Sängerin, Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste und Senatorin im Sächsischen Kultursenat), Gabriela Massuh (Verlegerin, Herausgeberin, Autorin, ehemalige Programmreferentin des Goethe-Instituts Buenos Aires) und Matthias Pees (Dramaturg und Kurator, Theaterproduzent in Sao Paulo und Chefdramaturg der Wiener Festwochen) an.

Der mit 15.000 Euro dotierte Preis der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) wird als Zuschuss für eine Gastspieltournee in Deutschland vergeben und wurde dem ungarischen Regisseur Kornél Mundruczó für seine Inszenierung Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein zugesprochen. Die Inszenierung sei, begründet die Jury, "nicht nur ein gut recherchiertes Reality-Roadmovie über ost-westeuropäischen Mädchenhandel und brutalste Gewalt, sondern zugleich ein (...) Zuschauerexperiment in Sachen Wahrnehmung und Haltung, ein unangenehmes Wechselbad aus Beobachtung und Anteilnahme, Kälte und Mitgefühl, Abscheu und Faszination". Hier stelle sich "die Frage nach Menschlichkeit, Freiheit und Sklaverei, Verkörperung und Darstellung, Abstraktion und Realismus aus ganz neuer, verblüffender und verstörender Perspektive".

Der Preis des Goethe-Instituts über 10.000 Euro unterstützt hingegen die internationale Gastspielreise einer deutschsprachigen Produktion und ging an Chris Kondek und Christiane Kühl für Money – It Came From Outer Space. Es sei dies "nicht nur 'ein Abend über das Geld' (...), sondern entwirft unter dem Vorwand der Science-Fictionalisierung und des Formats einer Lecture-Performance eine erstaunlich präzise Biografie der aktuellen Finanzkrise - so anschaulich, dramatisch effektiv und sachlich nüchtern, wie man sie in den Medienberichten, in Aussagen von Experten oder Statements der Politik kaum findet". Dem Autorenduo gelinge es, "die Irrationalität und das Chaos des Marktes so inspiriert auszumalen, dass es endlich allgemein verständlich wird". Hinter dem "trashig-komischen Spiel" verberge sich "eine erschreckende Aussage: Die Menschen wollen das Monster bekämpfen, aber sie geben ihm genau das, wonach es dürstet."

Beide Produktionen, so die Jury, widmeten sich "gesellschaftlicher, sozialer und politischer Realität nicht nur thematisch", sondern wiesen zugleich "auf die Komplexität der Wahrnehmbarkeit solcher Realität" und ihre "immer auch mögliche Nicht-Authentizität" hin. Dies gelinge, "indem sie unter Verzicht auf Konsensfähigkeit und emotionale Identifikation diese in beiden Fällen extrem genau recherchierte Realität mit außergewöhnlichen ästhetischen Mitteln radikal, überraschend und verstörend unterhaltsam in Frage stellen – und im Moment der Aufführung in eine andere, direkte und entgrenzte Wirklichkeit und Präsenz des Theaters zu transformieren suchen".

(Festival Politik im Freien Theater / ape)

 

Hier gibt's die gesammelten Nachtkritiken und Kritikenrundschauen zu den Produktionen des Festivals Politik im Freien Theater 2011.

 
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