alt

Die Verheißung des Echten

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 12. November 2011. Madame Irma hat es geschafft. Die elegante Frau mit dem schimmernden Oberteil und dem marmorbleichen Hals, der von dunklen Haarwellen umspielt wird, sieht nicht aus wie eine Puffmutter, eher wie die vorzeigbare Gattin eines angesehenen Großbürgers, die in ihrer reichlich bemessenen Freizeit von einer nervösen Erotik umweht bella figura macht. Doch schimmert sie nun in einem Salon voller Spiegel, wo gewöhnlich ihre Kunden von ihren Mädchen bedient werden – und das Theaterpublikum, das ausnahmsweise auf der Bühne Platz nehmen durfte. Weiter oben verjüngen sich die Spiegel, sie werfen Irmas zuckende, schmale Glieder, ihren flackernden Blick vielfach zurück, in alle Richtungen, wie in einem Kaleidoskop. Dann ruft Madame erneut, sich um die eigene Achse windend, dass sie es geschafft habe, "dieses Haus von der Erde zu lösen: Alles schwebt." Für Augenblicke leuchtet aus Irmas Augen das Glück.

Das Bordell als Illusionsmaschine
Alles schwebt: Diese kühne Behauptung scheint wie eine versteckte Regieanweisung des Autors auf. In einem Stück, das ein Bordell zur wunderlichen Illusionsmaschine verklärt, in der kleine Männer sich einbilden, mal etwas Großes, Mächtiges zu sein: ein General vielleicht, ein Bischof, ein Richter. Während drinnen Madame Irmas Mädchen die sonderlichsten Phantasien beflügelt, mit Leuchtdildos schwenkend und als Pferd verkleidet wiehernd wilden Kleinbürgern die Realität wie eine lästige Schmeißfliege vom schweißnassen Leibe hält, tobt draußen die Revolution. Die Verheißung des Authentischen. Sie kommt näher, donnernd, scheppernd. Doch als sie da ist, wird der Raum der Imagination nicht zerstört, im Gegenteil. Das Theater im Spiel geht weiter, auch im vermeintlichen Draußen. Der General, der Bischof und der Richter werden schließlich von den Massen bejubelt, die dreifaltige Perversion winkt dem Publikum zu, rettet sich in die nächste postrevolutionäre Illusion, während Irma zur Königin gekrönt wird, sich freuend, dass ihr Schmuck, ihr Kleid, ihre Spitzen endlich "echt" sein werden. Alles ist jetzt echt. Madame Irma hat es geschafft.

balkon_matthiasdreher_560_u
  Madame Irma und dreifaltige Perversion © Matthias Dreher

Es ist Thomas Dannemanns bisher beste Regiearbeit in Stuttgart. Er begreift Genets Stück als das, was es im besten Falle ist: ein Theater jenseits der Moral. Die Bühne ist keine Erziehungsanstalt. Dannemann lässt alles schweben, Figuren, Ideologien, lässt gar die Stühle des Publikums tanzen, das mitten in der Vorstellung aufgefordert wird, die Sitzreihen umzubauen. Und dennoch kommt keine Ordnung zustande, man schaut nur anders als zuvor in sein eigenes Spiegelbild, das nichts und alles bedeutet. So wie Astrid Meyerfeldts wundervoll unberechenbare Irma mit jeder Geste gleichzeitig alle Frauen, zig Welten verkörpert: ängstliches Gör, erfahrene Liebhaberin, fürsorgliche Bordellmanagerin, abscheuliche Menschenhändlerin, reaktionäre Spießbürgerin.

Grausam schöner Wachtraum
Mit Freud ist Dannemanns Kreaturen nicht beizukommen. Auch nicht, wenn der Richter (Lutz Salzmann) Lisa Bitters Mädchen kopfüber in ein Lavabo drückt, um ihr ein Geständnis abzupressen, den Diebstahl eines Brötchens. Diese Szene gewinnt bei all der Brutalität etwas Zärtliches, ja Liebevolles. Beide, Gefolterte und Folterer, haben je Verständnis für die Pein, die Lust des anderen. Die Frage nach der Schuld stellt sich nie. Lisa Bitters süße Hure ist besessen von der Suche nach dem richtigen Wort, einem Code, mit dem sie das irre Spiel vorantreiben kann. Als sie endlich "Brötchen" flüstert (bei Genet steht "Brot", Beate Seidels Strichfassung ist so konsequent wie luzide) verwandelt sich die böse, zerfurchte Fratze des Richters plötzlich in eine sanftmütige Landschaft, in der es sich zu leben lohnt. Bei diesem Anblick findet das Mädchen so etwas wie Ruhe, Erleichterung. Distanz von sich selbst. So verführt sie auch den Betrachter, schließt ihn ein in ihren grausam schönen Wachtraum.

Das Tragische, auch Komische ist aber nach Genet, dass im Bordell wie auf dem Theater der kapitalistischen Welt dieselben Regeln gelten; dass irgendeine Puffmutter die Regie führt, Gott spielt, die Rollen verteilt und Traumwelten perfektioniert: "Wellness-Welten", "Welthungerhilfe-Welten" oder auch "Schlossgarten-Salonwelten", wobei letzteres aus dem Mund Irmas der einzige Verweis auf eine realpolitische Verortung bleibt. Die Proteste gegen Stuttgarter Bahnhofsprojekte oder Frankfurter Bankentürme sind eine stumme Begleitmelodie an diesem Abend, die jeder für sich summt. Die wohlklingende Verheißung des Echten.


Der Balkon
von Jean Genet, Übersetzung: Georg Schulte-Frohlinde
Regie: Thomas Dannemann, Bühne: Cary Gayler, Kostüme: Regine Standfuss, Dramaturgie: Beate Seidel.
Mit: Astrid Meyerfeldt, Rainer Philippi, Lutz Salzmann, Rahel Ohm, Boris Burgstaller, Dorothea Arnold, Lisa Bitter, Boris Koneczny, Jan Krauter, Dino Scandariato.

www.staatstheater.stuttgart.de


Mehr Balkon? In Heidelberg verstand Claudia Bauer Genets Revolutionsfabel jüngst ganz anders.

 

Kritikenrundschau

Genets "Balkon" sei ein "verwirrendes, manchmal auch nur verworrenes Spiel um Sein und Schein, Theater und Politik", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen (14.11.2011). Skandalös sei es nicht mehr. Doch "das Spiel im 'Haus der Illusionen'" scheine heute "wieder an Plausibilität zu gewinnen". In Heidelberg habe Claudia Bauer das Stück "kürzlich als hysterisch schrille Farce" verjuxt, Thomas Dannemann mache nun daraus "ein anarchisch wildes, schwebend schönes, unaufdringlich aktualisiertes Vexierspiel voller Rätsel und Wunder." In Dannemanns Spiegelkabinett gebe es "keine Wirklichkeit, keine Moral außerhalb des Theaters: Rolle und Leben, Maske und Gesicht, Spiel und Ernst sind eins."

Nach Ansicht von Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (14.11.2011) wirke bei Genets "Balkon" leichthändig, was Thomas Dannemann "anderen Stücken verquält aufgepfropft" habe: "seine Lust am doppelten, dreifachen Boden, am Rätselhaften, am karnevalesken Trubel, am Traumspiel." Dabei halte sich Dannemann "sogar vornehm zurück, was die Regieanweisungen betrifft, zeigt keine nackten Brüste, keine halbnackten Scharfrichter, keine auf Stelzen stehenden Figuren." In der Inszenierung vereinten sich "artifizielles, elegantes Spiel und Absurdes mit der Kritik am Inszenierungswahn einer castingsüchtigen Gesellschaft einerseits und am Hype des eben nur vermeintlich Echten andererseits. Die Welt ist nach der Revolution nicht besser, Dannemann schließt sich Genets Skepsis an."

Cary Gaylers mit Raffinesse entworfene Bühnenkonstruktion vervielfältige "jedes Spiegelbild ins Unermessliche" und vergrößere "auch die darin demonstrativ vorgeführten Rollenspiele derart ins Absolute und Totalitäre, dass sich der Zuschauer nach zwei Theaterstunden selbst als Rollenspieler begreift", schreibt Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (14.11.2011). Auch der Zuschauer sei nicht, "was er zu sein glaubt, auch seine Identität wird künstlich hergestellt von Blicken und Erwartungen, die sich auf ihn richten – das jedenfalls ist die Botschaft des Bühnenbilds." Das klinge nicht nur "verkopft, sondern ist es auch, wenngleich es mitten ins Schwarze, ins bös Tiefschwarze des Denkens von Jean Genet trifft." In der Inszenierung sei "immer etwas los", und Dannemann habe "die schweren Böden des 'Balkons' mit Fleiß vermessen". Es fehlten jedoch "Witz und Sinnlichkeit", weswegen der Abend letztlich "blutleer verkopft" bleibe.

 
Kommentar schreiben