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Figuren im Endspiel

von Ralph Gambihler

Leipzig, 19. November 2011. Es ist wohl so, dass dieser zunächst nette und lustige, später in wüste Szenen umschlagende Abend einen ziemlich großen Kreis abschreitet, irgendwo auf einer Bahn zwischen Gott und der Welt, und irgendwie um eine Mitte kreisend, die man Wahnsinn nennen könnte, oder auch Theater - am besten beides. Shakespeare ist nur stellenweise der Autor dieses neuen Hartmann-Oratoriums, das wieder mal aus grellen Bildern und scharfkantigen Gedanken gemacht ist. Die Autorenzeile annonciert sehr knapp einen Verschnitt "nach Shakespeare/Anderen/Hartmann".

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Und wenn die Musik des Irrsinns Nahrung wäre? © David Baltzer

Auch mit dem Regisseur ist das so eine Sache. Engagiert war mit Jürgen Kruse eigentlich ein Urgestein der Post-68er. Kruse kam der Produktion allerdings auf halber Probenstrecke sehr plötzlich abhanden. Intendant Sebastian Hartmann sprang als Retter in der Not ein und steht nun federführend im Besetzungszettel, wobei man nur mutmaßen kann, inwieweit das Ergebnis ein Kruse-Hartmann-Amalgam ist oder ein originärer Hartmann-Schnellschuss. Rein stilistisch spricht manches für letzeres.

Parodie eines Irrenhauses

Die Ausgangssituation ist der Boulevardkomödie "Der nackte Wahnsinn" entlehnt, einem Theater-im-Theater-Stück, mit dem der Brite Michael Frayn Anfang der 1980er berühmt wurde. Ein Ensemble steht mit seiner Inszenierung kurz vor der Premiere, die Hauptprobe verläuft katastrophal. Zum einen ist der Probenstand, kruder Entertainment-Bombast mit Pyrotechnik und Konfettikanone, billig bis niederschmetternd. Zum anderen entpuppt sich das Ensemble als Ansammlung von Neurotikern, Wirrköpfen,  Nervensägen und völlig verpeilten Typen.

Das Klischee vom Irrenhaus Theater wird in dieser Phase aufs Fröhlichste bedient und parodiert. Mit von der Partie: ein Kotzbrocken von Regiezuchtmeister (Manuel Harder), ein klemmiger und flüsternder Autor (Thomas Lawinky), eine dauergekränkte Schauspielerin (Susanne Böwe), ein rollenvesessener Kollege (Manolo Bertling) und ein ewig stolpernder Inspizient (Matthias Hummitzsch). Völlig klar, dass in diesem Haufen Hirnverbrannter nichts zu retten ist, weder vor noch hinter der Kulisse.

Ihr wollt also weiterhin Dramen, Figuren, Rollenspiel?

Um Lustspiel geht es aber nur vordergründig in diesem mal delikaten, mal garstigen, mal plump dröhnenden Hartmann-Kracher. Einen Schritt dahinter spiegelt der Abend am Shakespearschen Motiv der Verwechslungskomödie wesentliche Glaubenssätze und Erfahrungen des Leipziger Ensembles. Vor allem kreist er um das in Leipzig schwer angeknackste Verhältnis zur Bühnenkonvention Figur und seiner Konsequenz, dem Rollenspiel des Darstellers im Drama.

Ein in Klammern gesetzter Untertitel posaunt es mit anderen Worten hinaus. Er lautet: "Ich will nicht dass mir jemand sagt welche Rolle ich zu spielen habe!" - ohne Komma, dafür mit Ausrufezeichen. Auch den Titel "Nackter Wahnsinn - Was ihr wollt" kann man auf dieser Metaebene lesen, sozusagen aus der Sicht des gekränkten Postdramatikers, der kopfschüttelnd registriert, dass der Glaube an die Figur nicht ausstirbt am Stadttheater: Ihr störrischen Esel von Zuschauer wollt also weiterhin Dramen, Figuren, Rollenspiel, Tiefgang?! Sollt ihr haben! Das Ergebnis ist allerdings: nackter Wahnsinn! Im Komischen wie im Tragischen!

Kunstraum, Kunstkäfig

Man hat es schon irgendwie geahnt, dass sich die Sache ungut auswächst, trotz der schönen Lieder von Steve Binetti an der Gitarre. Hinter dem ersten Bild, einem liegenden Frauenakt, vermutlich 19. Jahrhundert, wird bald ein Kunstraum enthüllt und bespielt, der mehr ein Kunstkäfig ist, kalt und quadratisch, mit bedarfsweise grell aufscheinenden Neonröhren und einem Vordergitter, das manchmal wie ein riesiges Garagentor herunterfährt.

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Wie man es in Leipzig will © David Baltzer

Die "vierte Wand" zwischen Bühne und Saal, die Hartmann einzureißen verkündet hat, kehrt hier als Drohung zurück, derweil immer wieder Figuren-Versatzstücke aus dem klassischen Repertoire  - Antigone, Ophelia, Shakespeare-Personal aus "Was ihr wollt" - durch die Kulisse geistern. Bis von Zeit zu Zeit der in Reihe sieben postierte Regie-Kotzbrocken an seinem Pult dazwischen quatscht und die "klassische Illusion" mit der Illusion des Probendramas erstickt.

Die "böse" Szene des Abends beginnt mit einem Lacher. Maximilian Brauer als Jesus, der einen echten Esel im Schlepptau hat, ist ein wirklich komischer Anblick. Hartmann macht mit ihm aber keine Witze, sondern erzählt die Geschichte von Gott und Gottes Sohn als abendländisches Urdrama mit fester Rollenverteilung. Als Jesus im Dialog mit Gott Vater seine ihm zugedachte Opferrolle erkennt und verweigert, schreit er wie am Spieß: "Ich kündige den Vertrag!" Wieder und wieder.

Des Esels Kern und Strapazen für die Magengruppe

Er will nicht ans Kreuz, will nicht sterben für die Menschheit, will raus aus seiner Rolle, rennt wie ein Bündel Wahnsinn durch den Raum, bald splitterfasernackt, autoaggressiv das Geschlechtsteil malträtierend, wild rammelnd, als habe die Luft einen Schoß, schließlich so lang den frischen Kot auf seinem Körper verschmierend, den der wundersam ausharrende Esel wie auf Kommando auf den Bühnenboden fallen ließ. Die Szene haut mächtig in die Magengrube und treibt etliche Leute aus dem Saal. Sie dauert eine halbe beklemmende Ewigkeit lang, endet mit einem Kontextsprung zu Natascha Kampusch (Entführungsopfer und Medienfigur!) und einem kalt zelebrierten Blutbad. Der Kotgeruch dünstet derweil weiter durchs Parkett.

Paradoxerweise hat der Abend etwas Pädagogisches. Er wirkt immer wieder wie eine hochfahrende und diskursfertige Lektion in Sachen Postdramatik, angereichert mit diffuser Systemkritik im Subtext, irgendwo zwischen Hyperventilation und grandioser Delikatesse. Womöglich aber kann man ihn auch als frühes Requiem auf das freiwillige Ende seiner Leipziger Intendanz auffassen. In anderthalb Jahren ist ja Schluss.


Nackter Wahnsinn - Was ihr wollt
Nach William Shakespeare/Anderen/Sebastian Hartmann
Regie und Bühne: Sebastian Hartmann, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik: Steve Binetti, Chorleitung: Walter Zoller, Licht: Lothar Baumgarte, Dramaturgie: Uwe Bautz. Mit: Manolo Bertling, Susanne Böwe, Maximilian Brauer, Artemis Chalkidou, Edgar Eckert, Sarah Franke, Manuel Harder, Matthias Hummitzsch, Andrej Kaminsky, Thomas Lawinky, Hagen Oechel, Birgit Unterweger, Cordelia Wege.

www.centraltheater-leipzig.de

 

Kritikenrundschau

Was an diesem Abend geboten werde, sei "über lange Strecken so lahm, dass selbst eine miefige Shakespeare-Gedächtnis-Inszenierung es schwer hätte, das zu unterbieten", schreibt Nina May in der Leipziger Volkszeitung (21.11.2011). Was jammerschade sei, denn "aus der grundlegenden Idee hätte sich ein spannender Abend entwickeln lassen können: (…) Sich auf den Aspekt des täglichen Rollenspiels zu konzentrieren und diesen wiederum am professionellen der Schauspieler zu spiegeln, indem man Michael Frayns 'Der nackte Wahnsinn' mit ins Boot holt, ist eine reizvolle Ausgangsposition." Sebastian Hartmann aber habe "seine Inszenierung auf dem Stand einer Konzeptionsprobe" belassen. Und man sei "auch noch stolz darauf, dass gar nicht erst versucht wird, einen Gedanken weiter als bis zur nächsten Pointe zu verfolgen." Und mit dem Shakespeare-Teil des Abends möchte man sich laut Nina May "eigentlich gar nicht ernsthaft auseinandersetzen."

Alexander Kohlmann, der den Abend für Fazit auf Deutschlandradio Kultur (19.11.2011) bespricht, hat "etwas erlebt, was man auch in meinem Metier selten erlebt". Der Abend stelle das Experiment an, "was passiert eigentlich, wenn man konsequent die Theatermaschinerie mit Schauspielern, Regisseuren und Technikern von der Leine lässt, es fast unkontrolliert macht". Nach der "etwas faden Farce über das Theater" im ersten Teil werde es im zweiten Teil dann "extrem pubertär". Das ganze habe einen "performativen Charakter" bekommen, mit dem Grundfragen: "Welche Rolle spiele ich im Leben, welche Rolle spiele ich auf der Bühne, (...) wer führt bei mir die Regie?" Man habe das Gefühl, dass "tatsächlich improvisiert wurde" – "und das sehr wild und fast auch beängstigend", man habe das Gefühl, da gerate auf der Bühne etwas "außer Kontrolle", auch "ein interessanter Moment, da es sowas ja eigentlich in der durchplanten Theaterwelt überhaupt nicht mehr gibt". Shakespeare schimmere hier nur so durch. Dennoch sei das Gros des (sehr jungen) Publikum sehr begeistert gewesen zu sein; "man hatte das Gefühl, man ist auf einem Happening, auf einer Art Party".

In der Mitteldeutschen Zeitung aus Halle schreibt Andreas Hillger (23.11.2011): Hartmanns "fast vier Stunden währendes Spektakel" sei eine "einzige Verweigerung, ein monströser Kalauer über die Welt des Theaters und das Theater in der Welt". Eiinmal mehr sei es Hartmann um "die Dekonstruktion einer Kunst, die ihn und die er zweifellos beherrscht", gegangen. In den wenigen Momenten, in denen "Manolo Bertling und Sarah Franke, Edgar Eckert und Birgit Unterweger tatsächlich" Shakespeare oder Goethe sprechen dürften, hielte Hartmann dem Publikum "das Glücksversprechen der wahren Verwandlung wie einen Köder" hin. Und immer, "wenn das Stück in Fluss zu kommen drohte," sei es unterbrochen worden. Von Frayn blieben "nur die Sardinen" und von Shakespeare "nur ein paar Schatten im grellen Neonröhren-Käfig". Das Satyrspiel am Ende, "in dem sich Maximilian Brauer als Jesus mit Eselskot beschmiert und Cordelia Wege als Natascha Kampusch blutüberströmt gegen ihre Opferrolle rebelliert", betone "die leere Pose der Provokation".

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