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"Kauf dir doch mal ein Parfüm"

Man erfährt in Eva Mattes' Erinnerungen "Wir können nicht alle wie Berta sein" so allerhand Beiläufiges, als würde einem das Leben dieser Ausnahmeschauspielerin in freundschaftlich-geselliger Runde nach dem zweiten oder dritten Glas Wein erzählt: Welches Kleid sie zu welcher Gelegenheit getragen hat, welchen Mann sie wann attraktiv fand und welche Ferien besonders schön waren. Das muss einen nicht alles interessieren, aber der unendlich charmante Ton, in dem Eva Mattes erzählt – es gibt auch ein Hörbuch, allerdings hat man ihre Stimme beim Lesen sowieso im Ohr –, trägt einen auch über diese Stellen hinweg.

cover_eva-matthesDoch dieses anscheinend so unbefangene Plaudern hat es in sich: Denn sobald Eva Mattes all die großen Regisseure und Künstler, mit denen sie gearbeitet hat, in ihren warmherzigen Blick nimmt, dann fühlt man sich als Leser dem Geheimnis der Schauspielkunst ganz nahe. Plötzlich schnuppert man die Luft der Theaterprobe, man spürt förmlich die hochsensible Atmosphäre, die ein Peter Zadek herstellte, um seinen Schauspielern die nötige Spannkraft zu geben. Im Detail ist das oft verblüffend: So berichtet Eva Mattes etwa von einer der wenigen konkreten Regie-Anweisungen, die sie von Zadek bei ihrem ersten gemeinsamen "Hamlet" (Bochum 1977) bekommen hat: "Die Königin sollte ein Parfüm tragen, kauf dir doch mal ein Parfüm."

Und Eva Mattes ist gerecht: Wer (wie ich) noch immer wissen will, wie das in den 1990er Jahren zwischen Heiner Müller, Einar Schleef und Peter Zadek war, der erfährt hier einiges, ohne dass auch nur ein böses Wort fällt. Und übrigens: Das Kleid, das Eva Mattes 1971 zur Verleihung des Bundesfilmpreises anhatte, stammte aus Afghanistan und war aus violetter Seide. (Wolfgang Behrens)

 

Eva Mattes
Wir können nicht alle wie Berta sein. Erinnerungen.
Ullstein Verlag, Berlin 2011. 412 S., 19,99 Euro.

 

 

Ibsen zeigt, Shakespeare ist

"Hinter dem Portal wird etwas anschaulich, vor dem Portal tritt es direkt mit dem Publikum in Beziehung." Klingt simpel, und doch ist das einer dieser Sätze (von denen es viele in dem Buch gibt), die sich einhämmern und einen noch einmal von Grund auf über den Bühnenraum nachdenken lassen. "Ibsen zum Beispiel kann man gut hinter dem Portal spielen, er will etwas zeigen. Shakespeare zeigt nicht, er ist." So einfach ist das – und so einleuchtend.

cover_wilfried-minksIm Gespräch mit seiner Ehefrau Ulrike Maack erzählt der Bühnenbildner und Regisseur Wilfried Minks in dem Buch "Wilfried Minks. Bühnenbauer" von seinem Leben und seiner Arbeit. Sein Leben ist spannend genug: ein heimatvertriebener Bauernsohn aus Böhmen, der als Theatermaler-Assistent am Theater im sächsischen Wurzen – mehr Provinz geht eigentlich nicht! – das erste Mal mit so etwas wie der Hochkultur in Berührung kommt, um dann eher zufällig als schräges Genie die Aufnahmeprüfung für Bühnenbild in Leipzig zu bestehen – und schließlich der bedeutendste Bühnenbildner der Bundesrepublik zu werden.

Doch der eigentliche Wert des Buches besteht sicherlich in Minks' Reflexionen über Bühne und Raum. Vor allem anhand seiner berühmten Bühnenbilder der 1960er und 1970er Jahre aus Ulm und Bremen erfährt man hier eine Menge über Künstlichkeit und Realismus, über das Spannungsverhältnis von Schauspielern zum Raum, über Licht, Materialien und ganz praktische Abläufe. Und darüber, wie man mit Bühnenbildern Stückdramaturgie macht. Wenn man den glücklicherweise reich illustrierten und schön ausgestatteten Band nach der Lektüre noch einmal durchblättert, dann drängt sich einem zuletzt der Eindruck auf, dass es eigentlich keine Bühne gibt, die Wilfried Minks noch nicht gebaut hat. (Wolfgang Behrens)

 

Ulrike Maack, Wilfried Minks
Wilfried Minks. Bühnenbauer.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 274 S., 39,90 Euro.

 

 

Das Brecht-Mädchen mit dem Lametta

Ein kleines, nicht einmal siebenjähriges Mädchen steht 1932 auf einem Berliner Weihnachtsmarkt und verkauft seine Lieblingspuppe und Lametta, um der Mutter am Heiligen Abend eine Wärmflasche aus Kupfer schenken zu können. Was wie eine rührselige Geschichte klingen könnte, wird bei Käthe Reichel in ihrem Erinnerungsbuch "Dämmerstunde" zu einem Lehrstück über Grundgesetze des Handels, über staatliche Gewalt und über demütigendes Mitleid. Denn das Kind lernt auf diesem Weihnachtsmarkt, wie man sich anpreist, welche Macht Polizisten haben und wie weh es tun kann, wenn die angebotene Ware nur aus Barmherzigkeit gekauft und dann achtlos zurückgelassen wird. Ein atheistisches Krippenspiel, zu lesen am besten unter dem Weihnachtsbaum.

cover_kaethe-reichelDas kleine Mädchen von damals wurde später von Bertolt Brecht ans Berliner Ensemble engagiert und eine große Schauspielerin: Ihr "Guter Mensch von Sezuan" unter Benno Besson ist legendär. Und auch in "Dämmerstunde" steckt viel Brecht: Wenn Käthe Reichel von dem Lebenswitz ihrer Urgroßmutter, Großmutter und Mutter erzählt, dann sind das auch kleine Emanzipationsgeschichten der Menschlichkeit gegen die sie umgebende soziale Härte – Figuren wie aus dem "Kaukasischen Kreidekreis". Mit wunderbar einfachem Pathos erreicht Käthe Reichel so Herz und Verstand.

Leider aber hat das Buch ein Kehrseite: Da versteigt sich die Autorin mit "ganz eigenen Gedanken" (wie es auf dem Klappentext heißt) zu wirren Verschwörungstheorien, denen zufolge die freiheitlich-demokratische Grundordnung als letztes Ziel nur den Krieg kennt. Mit einem kräftigen Schuss kruder DDR-Apologetik versetzt, wird das Ganze restlos ungenießbar. Schade, schade, denn was Käthe Reichel von den Dämmerstunden mit ihrer Mutter zu erzählen weiß, das ist wirklich lesenswert. (Wolfgang Behrens)

 

Käthe Reichel
Dämmerstunde. Erzähltes aus der Kindheit.
Verlag Neues Leben, Berlin 2011. 192 S., 12,95 Euro.

 

Unser Buch des Monats im November ist Josef Bierbichlers Roman Mittelreich.

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