It's the economy, stupid!

von Andreas Schnell

Bremen, 29. November 2011. "Es weht ein Wind von Norden, der weht uns hin und her" – Hans Albers sang so 1947. Für die Theatermacherinnen und Theatermacher an der Küste hat sich das nicht groß geändert. Aus dem hohen, dem schleswig-holsteinischen Norden hört man von Premieren vor halbleerem Haus, von eingeschränktem Spielbetrieb weiter östlich. In Mecklenburg-Vorpommern sollen Fusionen erzwungen werden, während die Bausubstanz überall vor sich hin rottet. "Uns geht's ja noch gold" war gestern, heute stehen die Zeichen auf Sturm.

Besser hat es nur der Nordwesten. Zwar mussten auch Bremen, Oldenburg, Bremerhaven und die Landesbühne Nord, die in Wilhelmshaven ihr Hauptquartier unterhält, in den letzten Jahren immer wieder mit Etatkürzungen leben. Auch hier kochten waschechte Theaterkrisen hoch, so meldete die Nordwestzeitung Anfang 2010: "Landesbühne braucht dringend Hilfe". Doch bereits ein halbes Jahr später gab die Zeitung wieder Entwarnung: "Existenz der Landesbühne Nord vorerst gesichert".

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Das renovierte Staatstheater Oldenburg
© Staatstheater Oldenburg

In Bremerhaven hat Intendant Ulrich Mokrusch das Drei-Sparten-Haus gerade um eine vierte erweitert. In Oldenburg wurde in der letzten Spielzeit das Große Haus restauriert. In Bremen verhandeln Senat und Theater über einen Sechsjahresvertrag, der die Finanzierung des Hauses langfristig sichern soll. Und nach dem Ende der niederschmetternden Intendanz von Hans-Joachim Frey wurde die vergangene Spielzeit sogar mit einem Plus abgeschlossen. Katastrophenmeldungen sind seltener geworden. Was also läuft in Nordwest anders als in Nordost?

Die Etats

Wenn man sich bei den Intendanten von Bremerhaven, Wilhemshaven, Oldenburg und dem leitenden Dramaturgen am Theater Bremen umhört, findet man einen gemeinsamen Nenner: Die Theater werden von der Politik grundsätzlich gewollt – selbst wenn immer wieder Etatdebatten geführt werden. "Natürlich gab es vor allem in Bremen nach der Pleite des Musicals 'Marie Antoinette' bereits deutliche Sparbemühungen, und auch in den anderen Theatern wird streng gehaushaltet, aber die Existenz der Theater stand nicht zur Disposition", betont Marcel Klett, Leiter der Schauspielsparte des Theaters Bremen.

In Bremen leitet seit der Spielzeit 2010/2011 ein fünfköpfiges Direktorium das Stadttheater bis zum Antritt des designierten Intendanten Michael Börgerding im kommenden Sommer, nachdem der letzte Intendant Hans-Joachim Frey seinen Vertrag zum Sommer 2010 vorzeitig aufgelöst hat. Unter seiner Leitung hatte das Theater Bremen seinen Etat von jährlich 32 Millionen Euro um schlappe 4,8 Millionen Euro überzogen.

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Das Kurtheater Norderney, einer von 13 Spielorten der Landesbühne Nord. © Landesbühne Nord

Mit andauernden Etatproblemen hat die Wilhelmshavener Landesbühne zu kämpfen. Das Land Niedersachsen zieht sich laut Intendant Gerhard Hess (hier ein Theater-Portrait aus dem european business network ebn24, vom Intendanten persönlich verfasst) zunehmend aus der Finanzierung des Theaters zurück, das mit seinen Inszenierungen die Nordwest-Region von Ostfriesland über das Emsland bis in das Oldenburger Münsterland bespielt. Vor allem den 14 Trägerkommunen sei es zu verdanken, dass die Existenz dieser Bühne gesichert werden konnte: "Die Kommunen haben ihre Beiträge im Jahr 2009 überproportional erhöht", berichtet Hess, auf kommunaler Ebene ein klares Bekenntnis zum Theater.

Anders als in Mecklenburg, wo etwa in Rostock zwar ein kleines Theater am Stadthafen in den 1990er Jahren neu gebaut, das Große Haus jedoch gleichzeitig dem Verfall preisgegeben und inzwischen wegen fehlender Sicherheitseinrichtungen geschlossen wurde, stärken die nordwestdeutschen Kommunen ihre Infrastruktur. Marcel Klett fasst zusammen: "Der bauliche Zustand ist im Nordwesten wohl eindeutig besser: In Bremerhaven wurde 2000 das Große Haus saniert, 2004 in Bremen das Theater am Goetheplatz, 2006 das Kleine Haus in Bremerhaven, das Bremer Schauspielhaus 2007 und in Oldenburg ist das große Haus gerade fertig geworden. Und mit dem Antritt von Markus Müller wurde in Oldenburg auch die Exerzierhalle eröffnet. Auch das ist gut fürs Publikum."

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"Amerika" nach Franz Kafka im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven.
© Rillke/Sandelmann Fotografie
Das Publikum

Auch der Publikumszuspruch, die Bindung der Zuschauer an "ihr" Theater, unterscheidet sich bedeutend zwischen West und Ost. Die Auslastung der Theater weist in den vier erwähnten Fällen stabile Zahlen oder sogar Wachstum auf. Gerhard Hess in Wilhelmshaven berichtet von 103.000 Besuchern in der letzten Spielzeit, was deutlich über den durchschnittlich 80.000 Zuschauern in den letzten zehn Jahren zuvor liegt. Ulrich Mokrusch, seit 2010 Intendant des Stadttheaters Bremerhaven, kann aktuell auf den besten September der letzten zehn Jahre verweisen, die Auslastung liege zwischen 75 und 80 Prozent. In Bremen sind die Zahlen laut Marcel Klett "solide"; in Oldenburg war es nicht zuletzt die Ausweichspielstätte auf dem alten Fliegerhorst, die vom Publikum hervorragend angenommen wurde, Markus Müller, Intendant des Oldenburger Staatstheaters, spricht von "Rekordzuschauerzahlen", 206.000 in der letzten Spielzeit.

Der Osten ist da deutlich schlechter dran, wie ein vergleichender Blick in die Statistik des Deutschen Bühnenvereins zeigt. Diese weist für die Spielzeit 2009/2010 für Bremen (wo allerdings die inzwischen wieder eingestellte Sommersbespielung hinzu kam) 202.333, für Bremerhaven 129.308 und für Oldenburg 179.003 Zuschauer aus. Rostock, obwohl mit 200.000 Einwohnern fast doppelt so groß wie Bremerhaven, hat nur so viele Zuschauer wie die Hafenstadt an der Nordsee (129.595). Das krisengeschüttelte Theater Vorpommern, das die Städte Stralsund und Greifswald bespielt nebst der Insel Rügen und den umliegenden Landkreisen, kommt mit geschätzten 160.000 Zuschauern für 2009/2010 nicht annähernd an den Besuch des Staatstheaters in der 160.000-Einwohnerstadt Oldenburg heran.

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Der Fliegerhorst in Oldenburg vor dem Umbau. © Mario Dirks

Außergewöhnliche Spielstätten, auch das lässt sich für den Nordwesten festhalten, scheinen durchaus Publikum in die Theater zu locken und Bevölkerungsteile anzusprechen, die bislang nicht ins Theater gingen. Der Fliegerhorst in Oldenburg ist ein Beispiel. Oder Bremerhaven: Mokrusch, der nach eigenen Aussagen durchaus besorgt war, wie das Bremerhavener Publikum die gründlich neue Ästhetik aufnehmen würde, die mit ihm Einzug hielt, erklärt den Erfolg nicht zuletzt damit, dass das Theater sich in die Stadt hinein bewegt habe. Inszenierungen wie die Bespielung des alten Nordseehotels durch Matthaei & Consorten oder Kafkas "Amerika" im Deutschen Auswandererhaus sorgen für Aufmerksamkeit in der Stadt und darüber hinaus.

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Das frühere Nordseehotel in Bremerhaven.
© Rillke/Sandelmann Fotografie

Einen möglichen Grund für den soliden Publikumszuspruch sehen Marcel Klett und seine Kollegen in der Verankerung der Theater in der Bevölkerung. Denn offenbar ziehen die Theater nicht nur bisher abstinente Zuschauergruppen in die "anderen", die spektakulären Spielorte, sondern es gelingt ihnen auch, die klassischen Schichten, die Reste des klassischen Bildungsbürgertums zu behalten. Anders ließen sich die aufgeführten Zuschauerzahlen gar nicht erreichen.

Leitungswechsel

Längst ist daher neben klassischem Marketing das "Tingeln über Land", wie Mokrusch es formuliert, unabdingbar geworden ist: Er selbst stellt regelmäßig im Umland Inszenierungen vor, begleitet von Ensemblemitgliedern, die Ausschnitte aus ihrer Arbeit präsentieren. Eine Frage also nicht nur des finanziellen Einsatzes, auch das Publikum will offensiv umworben sein. Ob man allerdings in Hinsicht auf diese Form der Werbung von einem Unterschied zwischen Nordwest und NordNordOst ausgehen kann?

Ein Faktor zur Erklärung des höheren Zuschauerzuspruchs mag allerdings der Wechsel an der Spitze der Häuser in Bremerhaven, Bremen und Oldenburg sein, der sich in den letzten Jahren vollzog. Seither weht ein frischer Wind durch die Spielpläne, die programmatische Risiken nicht scheuen. Auch die auf den Bühnen gebotene Qualität ist beachtlich.

Die Landesbühne Nord, die bewusst auch auf sperrige Produktionen setzt, wird dagegen bereits seit 1998 von Gerhard Hess geleitet. Und der weiß von einem signifikanten Anstieg der Besucherzahlen im Jahre 2003 zu berichten – ganz ohne Intendantenwechsel oder einen ästhetischen Schwenk im Spielplan. Ein Umstand, den sich auch Hess sich nicht erklären kann. Fakt ist allerdings: Der Intendantenwechsel in Bremerhaven hat auch überregional für Medienaufmerksamkeit gesorgt – sogar das Neue Deutschland berichtete jüngst über das Bremerhavener Theater.

Demographie

Zieht man wirtschaftliche und demographische Faktoren mit hinzu, wird das Bild klarer. Marcel Klett meint: "Sicherlich ist die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung im Nordwesten im Durchschnitt besser als in Mecklenburg-Vorpommern. Außerdem leben in der Metropolregion Bremen-Oldenburg rund eine Million mehr Menschen als in ganz Mecklenburg-Vorpommern." Zumal wegen des Verschwindens von Industrie, Großlandwirtschaft und Perspektive wohl vor allem besser qualifizierte, tendenziell dem Theater zugeneigte Menschen die Regionen im Nordosten verlassen haben. Offizielle Angaben sprechen von 5,4 Prozent Bevölkerungsrückgang in Mecklenburg-Vorpommern zwischen 2002 und 2009, die Prognose von 2009 bis 2030 geht von weiteren 12,5 Prozent aus, die das Land verlassen.

Für die Theater ein Menetekel an der Wand. Und schlimmer: denn wenn die Region durch weitere Theater- oder Spartenschließungen tatsächlich zur Kultursteppe verkommt, gibt es schließlich noch einen Grund weniger zum Bleiben. Weiß jemand einen Ausweg aus diesem Teufelskreis?

 

Den Auftakt zum Nord-Schwerpunkt in der Berichterstattung auf nachtkritik.de machte im September Georg Kasch mit seinem Überblick über die Situation in NordNordOst.

 
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