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Nicht allein um nicht zu sterben

von Beat Mazenauer

Basel, 25. November 2011. Ehrungen beflügeln. Die kürzliche Verleihung des Hans-Reinhart-Rings scheint Christoph Marthaler aber eher dazu bewogen zu haben, den Puls seines neuen Projekts zu verlangsamen. Das wunde Herz findet Labsal in der Musik von Giuseppe Verdi und in einer gemächlichen, doch kräftigen Frequenz seiner Schläge. Vielleicht hat es daran gelegen, dass das Basler Premierenpublikum warm applaudierte, mehr aber nicht. Keine Ovationen. Vielleicht waren nach den letzten Aufführungen, allen voran dem Sprachlabor Meine faire Dame vor einem Jahr, die Erwartungen mehr auf Amüsement gestellt.

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Lo Stimolatore Cardiaco.
© Tanja Dorendorf

Nicht, dass "Lo stimolatore cardiaco" nicht komisch wäre, doch es ist es auf die subtile Art. Wenn hin und wieder auch laute Lacher zu vernehmen waren, so nur als Signal dafür, dass sich Marthaler ab und an auch zu grobem Klamauk hinreißen lässt. Es geschieht hier selten. Das Verdi-Projekt funktioniert anders, wie eindrücklich gleich der Anfang demonstriert. Als erste recken die beiden musikalischen Leiter ihre Köpfe mit angeklebten Bärten à la ZZ Top aus dem Orchestergraben, um synchron die Ouvertüre zu dirigieren, die aus einer endlosen Wiederholung von ein paar Akkorden besteht.

Gestenreiche Sektion eines Fischs

Dann öffnet sich die Bühne und gibt den Blick frei auf ein von Duri Bischoff sachlich-funktional eingerichtetes Eingangsambiente im Stil der 1960er Jahre. Kreuz und quer verzweigt sich ein Gewirr von Treppen und bietet so eine Vielzahl von Begegnungs- wie Fluchtmöglichkeiten. Dieses Treppenhaus beginnt sich nach und nach mit Menschen zu füllen, die zaghaft oder forsch, gelassen oder hektisch durcheinander im Takt treppauf und treppab gehen. Die Szene erinnert an Jacques Tatis Playtime – gerade auch in ihrer melancholischen Tragikomik. Christoph Marthaler lässt dem Publikum alle Zeit der Welt für seine Lektionen im Treppensteigen.

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Lo Stimolatore Cardiaco. © Tanja Dorendorf

Damit ist bereits der Grundton angeschlagen, der im Fortgang des Stückes rhythmisch variiert, doch nie ganz aufgegeben wird. Als man es kaum mehr zu hoffen wagt, beginnt das Orchester mit ganzer Kraft zu spielen, auf der Bühne begleitet von der überschwänglich gestenreichen Sektion eines Fischs. Das absurde Geschehen verwandelt die Bühne in ein grandioses Stummfilmszenario, zu dem Verdis Musik die pathetische Klangkulisse liefert. Dann zerfällt das Pathos unversehens wieder und der Chor verlässt über das Treppengewirr die Bühne.

Beredte Stummheit

In seiner Anlage ist (und bleibt) "Lo stimolatore cardiaco" ein rätselhaftes Stück. Es ist eigentlich ein melancholisches Potpourri von ergreifend schönen Verdi-Melodien, die auf der Bühne eigenwillig illustriert werden. Indem sich das Ensemble zu grotesken Bildern formiert, um gleich wieder in die Einzelteile auseinanderzustreben, wird die klangliche Lieblichkeit verfremdet und gebrochen, mit dem Zweck, die den Melodien innewohnende Melancholie zu akzentuieren.

Gesprochen wird dabei wenig. Ueli Jäggi mit einem verzweifelten Anfall ("un errore, un errore") oder Carina Braunschmidt im akkuraten Ton einer neunmalklugen Gouvernante geben kurze Einlagen. Fast schon beredt gibt sich der stumme alte Mann, dessen Text als Obertitel eingeblendet wird. Sonst aber bildet das Ensemble, sich beistehend oder entzweit, eine präzis choreographierte Einheit auf der Bühne. Sein Spiel, das immer wieder mit unaufgeregtem Slapstick und subtilen Zeichen glänzt, bildet dabei einen Kontrapunkt zur Musik.

Komik und Klage im Widerstreit

Marthaler hat dafür weniger Verdi-Kracher ausgewählt, als eine Reihe von ruhigen, melancholischen Stücken, die inhaltlich die Motive Tod und Mühsal einerseits, Verlangen und Liebe andererseits umspielen. Das Miserere (aus "Il Trovatore") "Hab Erbarmen, o Herr, mit einer Seele" steht dabei in einem Wechselbad der Eindrücke. Komik und Klage geraten dauernd in Widerstreit zueinander, Ordnung und Chaos bilden die zwei zentralen Bewegungsmuster, die Marthaler in seiner Inszenierung akkurat zu einer tragischen Posse zusammenfügt.

Dabei werden konsequent alle Trennungen aufgehoben, etwa zwischen Bühne und Orchestergraben. Gegen Ende hin verlässt der erste Dirigent seinen Posten und nimmt seinen Abgang quer über die Bühne. Ihm folgen die Bläser, doch nicht um ganz zu verschwinden. Zusammen mit dem unsichtbaren Chor bleiben sie aus einem fernen Off vernehmbar – als Teil des musikalischen Arrangements. Nach und nach leert sich auch die Bühne, das Stück endet in einem letzten Auftritt der zwei bärtigen Dirigenten und ein paar endlos wiederholten Takten fast so, wie es begonnen hat.

"Lo stimolatore cardiaco" überzeugt gerade durch diese ausgehaltene, angehaltene Langsamkeit. Sie bricht das musikalische Wohlfühlambiente, das in diesem Stück auch steckt und akzentuiert es auf eine Weise, die sinnlich erfahren wird. Der Verstand mag darüber grübeln, wie und was er will.

 

Lo stimolatore cardiaco
Una soluzione transitoria con sopratitoli in tedesco e musica italiana di Giuseppe Verdi
Regie: Christoph Marthaler, Dramaturgie: Malte Ubenauf, Brigitte Heusinger, Bühne: Duri Bischoff, Kostüm: Sarah Schittek, Musikaliche Leitung: Giuliano Betta, Bendix Dethleffsen.
Mit: Tora Augestad, Karl-Heinz Brandt, Carina Braunschmidt, Bendix Dethleffsen, Altea Garrido, Ueli Jäggi, Claudio Otelli, Agata Wilewska, Jeroen Willems, Bernhard Landau, Chor des Theater Basel, Sinfonieorchester Basel, Kammerensemble des Sinfonieorchesters Basel.

http://www.theater-basel.ch

 

Mehr zu den musikalisch-enigmatischen Arbeiten Christoph Marthalers finden Sie im nachtkritik.de-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Begeistert urteilt Christian Fluri in der Basellandschaftliche Zeitung (27.11.2011): Der "Theatererfinder" Marthaler "bringt ein stilles und berührendes Theaterkunstwerk über Leben und Sterben auf die Bühne. Seine absurde Komik macht Schritt für Schritt der Melancholie Platz." Mit einem "virtuosen Ensemble" von Sängern, Schauspielern und Orchester bringe Marthaler Verdis Musik anfangs "ins Stocken" und entführe uns "in eine gefühlskalte Halle: als Mikrokosmos unseres Inneren". Bald füge er Auszüge aus diversen Verdi-Opern zu einer "stimmigen Collage", montiere schlüssig Passagen aus Melvilles "Moby Dick" hinein und bewege den Abend sukzessive auf die "Melancholie des langsamen Sterbens" zu.

"Was ist das für ein Theater?" fragt Alexander Dick in der Badischen Zeitung (28.11.2011), nachdem er die traumlogischen Vorgänge auf der Treppenhaus-Bühne kurz beschrieben hat. Und antwortet sich selbst: "Natürlich – auch – ein absurdes. Eines, das in seinen (seltenen) besten Momenten ergreifend somnambul sein kann – sind wir nicht alle nur Schlafwandler auf diesem Globus, die manchmal ein-, manchmal ausgesperrt bleiben? Ohne erkennbares System – auch das ein Marthaler’scher Topos." Es stecke natürlich auch ein bisschen Loriot in diesem Theater mit ein paar kalkulierten Versprechern. "Und Monty Python’s. Und experimentelles Tanztheater (Choreographie: Altea Garrido) mit ganz aberwitzigen Verbiegungen. Und Dekonstruktionstheater. Und, und…"

Dieser "Herzschrittmacher" als "Übergangslösung mit deutschen Übertiteln und italienischer Musik von Verdi" sei eine typische Marthalerei geworden, ruhig dahinfließend, um nicht zu sagen: schläfrig, schreibt Manuel Brug in der Welt (28.11.2011). "Eine Blödelei mit melancholisch-kontemplativen Untertönen, längst altvertraut, immer wieder schön, bisweilen kaugummizäh, dabei zart und zärtlich, ja versöhnlich in der Musik schwimmend." Verdis Klanggut funktioniere in diesem "Hauch von Bedeutungs-Nichts" wirklich als Herzschrittmacher. "Man hört so bewusster hin, lauscht dem Visionären, Humanen dieser magischen, familiären Melodien nach."

Auch mit der neuen Arbeit von Christoph Marthaler lande man "unverkennbar im theatralischen Absurdistan", wo Tonkunst "geliebt und zugleich ad absurdum geführt" werde, "indem ihre Zuträger – das Orchester, der Dirigent, das Klavier –als Karikaturen gezeigt werden", so schreibt Sigfried Schibly in der Baseler Zeitung (28.11.2011). Mit Genuss geht der Rezensent die szenischen Einfälle und musiktheatralen Zitate durch. "In diesem Verdi-Selbstbedienungsladen rücken Sakral und Profan, Ernst und Witz, Kollektiv und Individuum bis zur Ununterscheidbarkeit zusammen." Dann aber folgen Einschränkungen: Nicht nur lasse die Komik dieses Abends die letzte Brillanz vermissen, es fehle auch "die politische Schärfe früherer Marthaler-Eigenschöpfungen". Der Künstler halte uns mit der "Heiterkeit seiner Altersmilde mit einer überschaubaren Anzahl Sinnlosigkeits-Metaphern einen Spiegel vor. Fazit: Wir haben einen Marthaler mehr – aber nicht den stärksten."

Der Musik-Kritiker Reinhard Brembeck fragt in der Süddeutschen Zeitung (2.12.2011): Was hätten Marthaler der Langsame und Verdi, der konzis, schnörkellos, rasant, direkt ist, gemein? Die Antwort: Verdie lege die gleiche "lichte Schwermut" an den Tag wie Marthaler. "Beide sind sie Skeptiker, beide denken sie unablässig über den Tod oder zumindest über das Verlöschen des Lebens nach, beide behaupten sie die Zeitlosigkeit dieser zentralen Themen." Wie Brecht sei Marthaler ein "Fan des V-Effekts", der seine Zuschauer "behutsam zum Denken bringen und zwingen will". Also träten gleich zwei Dirigenten an, beide mit langen falschen Rauschebärten, und zelebrierten mit dem Sinfonieorchester Basel ein kurzes 'Falstaff'-Motiv. "Immer wieder und nochmals und zuletzt immer spärlicher. Jede Verwechslung mit gängiger Oper ist somit ausgeschlossen." Nach der "hinreißend schrulligen Autopsie eines Schwertfischs" sei das Publikum gewonnen. Als musikalisches Grundgerüst sei "Otello" erkennbar. Dazu immer wieder knappe Hinweise auf "Falstaff". Nach und nach "sintert" der Tod in die Produktion ein. Aber die pure Schönheit von Verdis Musik betöre, sie verliere in Jan Czajkowskis Kammermusikfassungen alles "lärmig Piazzahafte und vermag so ihren melancholisch verzweifelten Kern zu offenbaren". Gegen den Sog der Musik vermöchten sich die Sänger-Schauspieler kaum zu profilieren, "sie sollen es wohl auch nicht, sollen eher heimatlos Getriebene bleiben, die in Marthalers Stiegenhaus verzweifelt nach einer Erlösung suchen". Aber Erlösung "von aller Sinnlosigkeit kann", so Marthaler, könne nie von außen kommen.

 
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