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Das Lied vom unergründlichen Willen zur Tat

von Christian Rakow

Neubrandenburg, 25. November 2011. Bilder von den Verheerungen eines Tsunamis in Japan sind dem Programmheft beigegeben, dazu Passagen aus Elfriede Jelineks "Das Werk", aus diesem mächtigen Spottlied auf den technisierten Menschen in seinem Ringen mit den Naturgewalten, den äußeren und inneren: "Letzten Endes siegt immer die Natur des Menschen, die zerstören oder aufbauen will …".

Von diesen Worten reicht eine Traditionslinie quer durch das Zeitalter des Homo Faber bis zu Theodor Storms "Der Schimmelreiter" von 1888. Auch Storms Novelle ist Aufstiegs- und Untergangsvision in einem: Ein faustischer Mensch ist dieser Deicherbauer Hauke Haien, ein Landgewinner, der mit mathematisch geschultem Kopf dem Meer Meter um Meter Marsch abringt. Aber sein Einsatz ist hoch: Sein schonungslos progressives Lebenswerk lässt Hauke in der Dorfgemeinschaft bald isoliert dastehen; seine junge Familie will nicht gedeihen. Hybris packt den Helden. Im Finale geht er in den Nordseefluten unter, um anschließend als Untoter durch die Köpfe der Küstenbewohner zu spuken: der Schimmelreiter, ein Gespenst der Modernisierung.

Nordseenebel und Genrebild

Gespenstisch lässt Christoph Schroth zu Beginn seiner "Schimmelreiter"-Inszenierung in Neubrandenburg Rauchschschwaden durch den Zuschauerraum ziehen. "Das ist der Nordseenebel", witzelt man in den Bankreihen, die den etwa 200 Plätze großen Saal des Schauspielhauses bestuhlen. Überhaupt ist der "Schimmelreiter" auch hier, einige Dutzend Kilometer landeinwärts, ein Heimatspiel. Mein Sitznachbar wird von seiner Frau mit den "Worterklärungen für Binnenländer" aus dem Programmheft abgeprüft: von "Schlick" bis "Watten" und "Demath". Kein Patzer, alle Vokabeln sitzen fest wie ein Achterknoten auf'm Fischkutter.

Christoph Schroth (Jahrgang 1937) ist einer der renommiertesten ostdeutschen Theatermacher, der vornehmlich in Schwerin (1974–1989) und Cottbus (1992–2003) als Intendant und Regisseur seine Vorstellung von "Volkstheater" verwirklichte. Dass dem Konzept "Volkstheater" bei ihm nichts Ranschmeißerisches anhaftet, beweist auch dieser "Schimmelreiter". Fraglos sieht vieles an diesem Abend nach anheimelnd historischem Genrebild aus: Die vier Darsteller bewegen sich stets moderat temperiert in wetterfester Dorftracht zwischen abgewetztem Mobiliar – Bett, Schreibtisch, Esstisch, Schifferkiste (Bühne: Jochen Finke).

Und dunkel dräut die Kreatur

© Jörg Metzner
Scherenschnitte vor Wolkenhimmel © Jörg Metzner

Aber die große Ruhe und Ernsthaftigkeit, mit der Storms Novelle (in einer Bearbeitung von Franziska Steiof) hier chronologisch erzählt und in dialogischen Szenen entfaltet wird, ist doch ganz eigen, intensiv, wohltuend klar. In die Bühnenrückwand ist in einiger Höhe ein breiter Panoramaschlitz eingelassen, der den Blick auf einen stürmischen Wolkenhimmel freigibt. Davor erscheinen die Akteure gelegentlich scherenschnittartig oder in Büstenansicht wie zum großformatigen Puppenspiel. Nie aber wird daraus Kasperletheater, nie Popanzreigen.

Mit genauer Körperbeobachtung führt Schroth sein Ensemble. Man hat Schauspieler in Tier-Rollen gewiss schon oft dem Orkus der Lächerlichkeit entgegen trudeln sehen. Nicht so hier, wenn Conrad Nicklisch tief gebeugt den Schimmel gibt. Geschunden, dunkel, dräuend steht er da, kratzt mit dem Huf im Boden. Schroth setzt auf prägnante, fast geschnitzte Posen und große Distanzen zwischen seinen Spielern. Emotionale Annäherungen und Reflexionen der Figuren werden durch kleinere Lieder und Sprechgesänge (in der Tradition von Kurt Weill und Hanns Eisler vertont von Rainer Böhm) live zu Klavierbegleitung realisiert.

Fragile Vitalität

Schroth hat den Konflikt des Helden nach Innen verlegt und ins Allgemeinmenschliche abstrahiert. Hauke Haien ist bei Michael Berndt kein wuchtiger Tatmensch, sondern ein schlanker Studierzimmerfantast. Schweiß glitzert ihm auf der Stirn, schüchtern, fast abgewandt wirbt er um Elke Volkerts (Christina Kraft), die ihn mit ihrem Erbkapital zum Deichgrafen macht. Sein Gegenspieler Ole Peters (Conrad Nicklisch) vermag als zahmer Spötter kaum, Haukes Ehrgeiz anzustacheln. Nicht der soziale Wettkampf, nicht das Ringen um Prestige treibt diesen Hauke an. Es ist vielmehr ein unergründlicher, blinder Wille zur Tat, der sich wie eine Naturgewalt in ihm hochfrisst. Mit dieser anthropologischen Wendung rückt der Abend wirklich nahe an Elfriede Jelineks Diktum aus dem Programmheft.

Letztlich packt der kalte Wahn den Erneuerer der Deiche. Im Schwachsinn seines Kindes Wienke spiegelt sich sein eigener verkletterter Sinn. Seine ohnehin fragile Vitalität schwindet vor dem Blick des stumpfen Sprosses. Hauke will die Hand seiner Frau Elke fassen, aber die beiden stehen meterweit entfernt. "Der Allmächtige gibt den Menschen keine Antwort", sagt Hauke. Dann geht er mit den Seinen in den Sturmfluten unter. Der verklärende Schluss der Storm'schen Erzählung, die den Aufklärer Hauke Haien ins Licht setzt, fällt hier aus. Der Neubrandenburger "Schimmelreiter" gibt eine pessimistische Note zum aktuellen Gang des Zivilisationsgeschehens.

 

Der Schimmelreiter
Schauspiel nach Theodor Storm von Franziska Steiof
Regie: Christoph Schroth, Bühne: Jochen Finke, Kostüme: Renée Hendrix, Musik: Rainer Böhm, Dramaturgie: Matthias Wolf, Musikalische Einstudierung: Doreen Rother.
Mit: Thomas Pötzsch, Conrad Nicklisch, Christina Kraft, Michael Berndt, Anna Darina.

www.theater-und-orchester.de

 

Alle Texte aus dem nachtkritik-Schwerpunkt Nord in dieser Spielzeit hier.

 

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Kritikenrundschau

"Machtvolle Sprache übersetzt in machtvolle Bilder" hat eine begeisterte Susanne Schulz für den Nordkurier (25.11.2011) gesehen. Mit sinnfälligen spielerischen Formen gestalte Christoph Schroth "jene verschiedenen Ebenen, die den Stoff so mystisch machen". Den homogenen Wechsel zwischen überaus wirkungsvoll in Wort und Klangkulisse gesetzten Prosa-Parts, den Rollen der handelnden Personen aus Theodor Storms Novelle sowie den von Rainer Böhm vertonten Gedichten, die deren Gefühlswelt erhellen, meisterten die vier Schauspieler eindrucksvoll, so Schulz weiter. "Die vielschichtige Inszenierung fördert die Verletzlichkeit der vermeintlich so spröden, kargen Charaktere zutage."

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