alt

Glückskekse

von Andreas Wilink

Köln, 26. November 2011. Hänschen ist groß und trägt dreisprachig vor. Sind ja auch mindestens drei von der Sorte, die auf der Kölner Schauspiel-Bühne erwachsenen Kinderkram machen. Noch ein vierter ist da, an der Hammondorgel und am Synthesizer, von dem wir nicht beschwören würden, dass er nicht auch Hans heißt statt Alexander Paeffgen wie im so genannten richtigen Leben. Aber hier sind wir woanders.

HaenselundGretel1_KlausLefebvre_u_280
Fließbandarbeiter und süße Sünder
in "Hänsel und Gretel". © Klaus Lefebvre

Zunächst in einer Fabrik. Dort wird in Masse produziert. Süßes am laufenden Meter. Fließbandware: Plätzchen. Die Packungen greifen sich gesichtlose weiß bekittelte Masken und stapeln sie auf Paletten. Dann folgt der Schichtwechsel. Vier individuelle Herren übernehmen den Job: die Hänschen. Sie öden sich bei dem routinierten Ablauf. Acht Stunden sind kein Tag. Also singt man sich lieber mal eins, um die Zeit abzukürzen. Jetzt könnte es zwölf schlagen. Wie bei Woody Allen in "Midnight in Paris". Ist ja vielleicht ohnehin die Nachtschicht, zumal Andreas Grötzinger, Christoph Homberger und Wim Opbrouck kräftig gähnen. Die Augen fallen ihnen zu. Der Schlaf der unbefriedigenden Arbeit gebiert Märchenhaftes.

Romantisch-jazziges Sampling

Der Fließband-Verkehr gerät in Unordnung, auch naschen die großen Jungs vom Gebäck, so dass rote Lämpchen aufglühen und Alarm schrillt. Plötzlich mutiert eine der Null-Acht-Fuffzehn-Schachteln zu einem Hexenhäuschen. Des Weiteren hockt eine Gliederpuppe zwischen den Pappkartons. Womit das bislang fremd ausschauende Kind einen Namen bekommt: "Hänsel und Gretel", freilich in "Modern Times"-Manier (allein schon der Fabrik wegen).

HaenselundGretel_KlausLefebvre_u_280
"Hänsel und Gretel". © Klaus Lefebvre

Homberger und Co. tun mit ihrem romantisch-jazzigen Sampling, was Engelbert Humperdinck selbst vorkomponiert hat: in seine Oper Volkslied-Weisen einzufügen, um zu erleben, dass seine eigenen Melodien eben auch zu solchen wurden. Oder unterscheiden wir noch zwischen "Suse, liebe Suse" oder "Ein Männlein steht im Walde" und dem "Abendsegen" oder "Brüderchen, komm tanz mit mir"?

Es knuspert. Jemand flötet vom Männlein im purpurroten Mäntelein. Die Künstler-Arbeiter flüstern, jodeln, echoen, jammen ­– Tenor Homberger und der Flame Opbrouck mit glockenklarer Stimme.

Es ist so schön, ein Hans zu sein

Als das Fließband überquillt und Rauch qualmt, beginnt so recht das Potpourri durch die drei Akte, auch der "Abendsegen" orgelt schön schräg, was das Keyboard hergibt. Einer verwandelt sich Quasimodo-haft in die böse Hexe, die später vom Grötzinger dunkel zottelig und mit Huhu markiert wird, während Homberger nun im roten Dirndl und dicken Strumpfhosen als stramme Gretel fungiert und sein Kollege den kurz behosten Hänsel darstellt, der verhext und willenlos in einen Container-Käfig muss und mit Käse-Kur fürs Schlachtfest gemästet wird.

HaenselundGretel_KlausLefebvre_u_560
"Hänsel und Gretel". © Klaus Lefebvre

Andererseits, Hänsel sind und bleiben alle Drei. Denn "es ist so schön, ein Hans zu sein", schmettern sie zur Selbstbestätigung ins Mikrofon, dass es beinahe schunkelt und der Saal mitklatscht und großes Geschrei macht wie beim Kasperletheater. Köln ist halt immer auch Hännesche. Ein "Kinderstubenweihfestspiel" wurde es also nicht, obschon der Hoch- und Deutschmeister Wagner den vier Jahrzehnte jüngeren Humperdinck beeinflusst hat. Auch ganz gut so. Aber es ist uns sehr hübsch auf den Keks gegangen.


Hänsel und Gretel
Singspiel
Idee und Konzept: Christoph Homberger, Wim Opbrouck, Regie: Servé Hermans, musikalische Beabeitung: Christoph Homberger, Alexander Paeffgen, Bühne: Jens Kilian, Kostüme: An de Mol, Licht: Dennis Diels, Michael Frank, Dramaturgie: Koen Haagdorens, Lucie Ortmann.
Mit: Andreas Grötzinger, Christoph Homberger, Wim Opbrouck, Alexander Paeffgen. Koproduktion des Schauspiels Köln mit dem NT Gent.

www.schauspielkoeln.de

www.ntgent.be

 

Mehr zu Christoph Homberger? Zuletzt war über ihn auf nachtkritik.de zu lesen, als er in Christoph Marthalers Inszenierung von Jaques Offenbachs La Grand-Duchesse de Gérolstein den General Boum spielte.

 

Kritikenrundschau

"Nach zähem Beginn und trotz überschaubarer Substanz funktioniert die lässig verquirlte Melange aus Kasperle-Mitmachtheater, angeschrägtem Singspiel und gehäckseltem Märchen erstaunlich gut", schreibt Hartmut Wilmes in der Kölnischen Rundschau (28.11.2011). Verhalte sich "das Stück zur Oper auch wie das Plätzchen zum Kuchen", so spinge der Spaß der Schauspieler doch "zu den kleinen Zuschauern im löchrig besetzten Parkett über. Und wenn den Erwachsenen die nette Hänselei auf den Keks zu gehen droht, ist sie auch schon vorbei."

Die erste halbe Stunde der Aufführung "könnte man als kindgerechte Aufbereitung der wohlbekannten Ästhetik" Christoph Marthalers beschreiben, meint Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (28.11.2011). Und es sei "schön zu sehen, dass Menschen, die nach 2000 geboren wurden, diesen Humor immer noch teilen". Die Altersempfehlung des Schauspiels "ab acht Jahren" kontert Bos zuletzt fröhlich: "Wir behaupten, dass jede(r) aufgeweckte Fünfjährige an diesem lustvoll dekonstruierten Märchen Vergnügen finden wird."

Kommentar schreiben