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Platzangst im sozialen Raum

von Tobias Prüwer

Plauen, 3. Dezember 2011. Wenig behaglich zeigt sich die offene Bühne, als das Publikum seinen Platz findet. Im weitgehend leeren Raum dräut im Hintergrund zwischen Nebelschwaden eine Stapelarbeit aus farblosen Quadern. Die Kastenkonstruktion aus dunklem Holz, grauer Sichtbetonanmutung und Lochblechfassade erinnert an die Stadthäuser, die mehr und mehr die urbanen Räume bevölkern. Dann rollt das sechsköpfige Darstellerensemble eine Gangway herein. Es nimmt die Treppe ein und gibt als mehrstimmiger Chor den Schmerzensmann Harry Haller, der die zum Normalzustand erklärte Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben nicht hinnehmen mag. Nach diesem Prolog splittert die Gruppe auseinander und zieht in die quadratische Wohnstruktur ein – das Spiel, das Haller seinen Kopf kosten wird, beginnt.

Harry Hallers Kopfkino
Im Theater Plauen hat das Team um Regisseurin Marie Bues alles getan, um Hermann Hesses "Steppenwolf" (1927) mit Verve, aber nicht brachial in die Gegenwart zu versetzen. Hesses Unbehagen an der Bürgerkultur, seine in Romanform gegossene Platzangst im sozialen Raum, wird in eine andere ungenügende, krisenhafte Zeit gehievt: unsere Spätmoderne. Harry Hallers Kopfkino, seine Zerrissenheit in die zwei widersprüchlichen Naturen Wolf und Mensch bringt Bues in eine angemessene Bühnensprache (Theaterfassung: Joachim Lux). In surrealen Situationen, abgedrehten Bildern wird Hallers Introspektion expressiv. Sein inneres Ringen mit sich selbst, das Für und Wider der Ichs unter der Schädeldecke wird aufgesprengt und szenisch im Rund verteilt. Haller will dem mediokren Tugend-Diktum nicht folgen, das einst Wedekind im Lied vom gehorsamen Mädchen parodierte: "Verlier dich von dem Lebenspfad / Nie seitwärts ins Geheg. / Geh immer artig kerzengrad' / Den goldenen Mittelweg". Und doch findet auch der Steppenwolf im verbauten Kubus sein unheimliches Heim.

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Steppenwolf im Townhouse © Peter Awtukowitsch

Nicht nur die Krise des bürgerlichen Subjekts wird an diesem Abend in Plauen verhandelt. Wenn Haller über die Bürger schwadronierend fragt, wieso ausgerechnet diese nicht für Gewalt verantwortlich seien, dann ist damit – gewollt oder ungewollt – die Diskussion um die unlängst entdeckte neonazistische Mördergruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" mit angesprochen. Immerhin hatte die in dieser sächsisch-thüringischen Region zwischen Jena und Zwickau ihre Basis und auch braune Unterstützerschaft. Entspringt nicht, so ruft nun dieser Haller zwischen den Zeilen, aus dem konsumerisch Ich-bezogenen, unpolitischen Menschen jener oft kleingeredete "Extremismus der Mitte"? Beruht das gesellschaftliche Ungefüge auch auf der Perspektivlosigkeit der Mittelschicht, die ihre eigene Unzufriedenheit als alternativlosen Status quo zelebriert?

Groteske Zirkusshow
Tief leidet Haller an sich selbst, an der Idee, ein integres Ich haben zu müssen oder zu wollen. Wie in einer grotesken Zirkusshow führt er den Wolf in sich vor, taxieren sich Haller-Mensch und Haller-Tier. Dabei bleibt letztlich uneindeutig, wer wen dressiert und abrichtet. Dies geschieht in Einzeldialogen und kleinen Spielszenen, etwa wenn Haller mit seiner Amour fou Hermine wortreich das Herr-und-Knecht-Verhältnis ausbuchstabiert. Genüsslich wird das manchmal allzu formale Körpertheater vorgeführt, Tanzszenen werden zu Tantra-Sex-Positionen. Und vor einem sich zwischen Yogi und Slapstick-Artist unentschieden in wechselnden Posen verrenkenden Haller üben sich die anderen Figuren meditationsversunken in seinem Credo: "Leer ist die Welt, leer vom Ich".

Dass dieses lose szenische Bündel nicht zerfasert oder in Wölkchen der Belanglosigkeit zerstäubt, ist einer durchdachten Dramaturgie und dem schlüssigen Bühnenkonzept zu verdanken. Die Darsteller kommen nicht nur dann und wann nach vorn zu ihrem szenischen Stelldichein, sondern agieren im gesamten Bühnenraum. Immer wieder ist das Rondell aus spießiger Stadthaus-Kulisse in Bewegung, kreist diese Architektur des neuen Biedermeier um ein zumeist leeres Zentrum. Das Spiel von diversen räumlichen Standpunkten verleiht der Inszenierung eine vielstimmige Plastizität. Im Zusammenwirken von Schauspiel und Theatermaschinerie ist so ein – trotz ärgerlicher Texthänger – fein aufeinander abgestimmtes Ensemble zu sehen. Mit Krawallverzicht und dem Betonen leiser Ironie hat Regisseur Bues Hesses facettenreichem Fabulieren eine erstaunliche Gestalt gegeben. Wenn dieser Steppenwolf nach einer Schlussszene aus endothermem, alles in sich aufsaugendem Gefecht zwischen Nebelschwaden die Bühne durch den Zuschauerraum verlässt, endet ein auch unterhaltsamer Abend, der nicht minder zu denken gibt.


Der Steppenwolf
Schauspiel nach Hermann Hesse, für die Bühne eingerichtet von Joachim Lux
Regie: Marie Bues, Bühne/Kostüme Heike Mondschein & Floor Savelkoul, Musik: Thomas Esser, Dramaturgie: Janine Henkel.
Mit: Saro Emirze, Frank Siebers, Julia Bardosch, Marsha Zimmermann, David Moorbach, Johannes Lang.

www.theater-plauen-zwickau.de

 

Kritikenrunschau

Marie Bues habe "die Vorlage, die es bereits in sich hat, mit Freuden der Rockgeneration auf Hochtouren" gebracht, schreibt Lutz Kirchner in der Freien Presse (5.12.2011). "Ein Wunder fast, dass der Text so hörbar und verständlich blieb, eine heute selten zu findende Tugend." Hesses Steppenwolf, "von Frank Siebers empfindsam vorgestellt", treibe in Bues' Inszenierung "am Rande des Wahnsinns mit schrägen Figuren durch die Nacht".

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