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Leben oder nicht Leben

von Grete Götze

Frankfurt/Main, 3. Dezember 2011. Oliver Reese bereitet den Zuschauern des Schauspiels Frankfurt mit der Hamlet-Premiere einen angenehmen Theaterabend in einer unerheblichen Inszenierung. Denn der Intendant unterliegt gewissermaßen selbst Hamlets Problem. Er entscheidet sich bei William Shakespeares Stück, das unendliche viele Lesarten anbietet, für keine. Oder für jede.

Das fängt schon bei der Wahl des Hauptdarstellers an. Reese lässt den dänischen Prinzen von Bettina Hoppe spielen, die sich in ihrer Frankfurter Zeit zu einem der Stars des Ensembles entwickelt hat und kürzlich für den Faustpreis nominiert war. Damit stellt er seine Inszenierung in eine Tradition. Asta Nielsen hat den Hamlet gespielt, Sarah Bernhardt und Angela Winkler. Warum soll also nicht auch unter Reeses Regie eine Frau den Hamlet spielen? Keine Einwände – nur stellt sich die Frage, welche Funktion diese Entscheidung hat. Zwar fällt qua Geschlechtszuordnung die ödipale Deutung weg, dass Hamlet den ganzen Wahnsinn nur seiner Mutter wegen veranstaltet, aber was man nun damit machen soll, dass Hamlet eine sie ist, bleibt unklar. Auch deshalb, weil Hoppe als Frau gar nicht auffällt, sondern in schwarzen Reiterhosen und mit strähnigem Haar aussieht wie ein Knabe.

Hamlet im Friseursalon
Dann ist der Abend sprachlich heutisiert. Reese hat das Stück aus dem Jahr 1603 von Roland Schimmelpfennig neu übersetzen lassen und die alte Sprache damit näher an unsere Gegenwart herangeholt. Es ist eine interessante Übersetzung, in der Verse und Prosa miteinander vermischt werden. Mit dem Ergebnis, dass die Sprache weder der des 17. Jahrhunderts entspricht noch der heutigen. "Etwas ist faul im Staat von Dänemark", heißt es etwas unbeholfen, aber auch "Leben oder nicht Leben, das ist hier die Frage", was eine interessante Wendung des bekanntesten Satzes der Theaterliteratur ist.

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Bettina Hoppe als Hamlet © Birgit Hupfeld

Gespielt wird auf einer weißen Treppe. Sie führt ins Bühneninnere und ist begrenzt durch verspiegelte Wände aus Plastik. In der Kombination mit den Röhrenhosen des Laertes und den tiefen T-Shirt-Ausschnitten der jüngeren Männer des Abends hat das etwas von einem Friseursalon. Es ist aber auch ein Abgrund, in dem der Zuschauer die Schauspieler von allen Seiten gespiegelt sieht. "Vielleicht beruht das Geniale in 'Hamlet' gerade darauf, dass man sich darin spiegeln kann", wird im Programmheft der Theaterkritiker Jan Kott zitiert. Generationen hätten in diesem Drama nach ihren eigenen Zügen gesucht und sie gefunden. Aber was ist denn hier der eigene Zug, was soll denn hier gespiegelt werden?

Sprechende Farben
Auf jeden Fall gespiegelt werden die Kostüme der Schauspieler. Hamlets Geliebte Ophelia ist zunächst in rot gehüllt, die Farbe der Liebe, und als sie später schutzlos dem Wahnsinn anheim fällt, ist ihr Kleid transparent. Hamlet selbst kommt in schwarz daher, der Farbe des Vaterbetrauerers; König Claudius in cremefarbenenem Anzug zur grünen Satinrobe seiner Frau. Nach der Pause, wenn die Katastrophe in immer schnellerer Wendung über die Protagonisten hinein bricht, tragen dann alle schwarz. So weit, so berechenbar. So ordentlich auf die Bühne gebracht.

Denn in den dreieinhalb Stunden, die der Abend dauert, kommt keine Langeweile auf. Das Publikum folgt interessiert der neuen Übersetzung, der soliden Schauspielerleistung und allen Theatermitteln, die aufgefahren werden. Es wird gefochten, getanzt und gesungen, die Bühnentechnik bemüht und vom Band Musik gespielt. Es wird auch versucht, komisch zu sein, was nicht gelingt, wenn Hoppe plötzlich Marcel Reich-Ranicki nachäfft und gelingt, wenn Rosenkranz und Güldenstern sich wie Zwillinge über die Bühne trollen und zur karnevalesken Aufführung des Stückes im Stück ansetzen, die, von Bettina Hoppe am Klavier begleitet, zu den intensivsten Momenten dieses "Hamlet" gehört. Es wäre ja ein lohnenswerter Abend. Wenn nur klar wäre, worum es eigentlich geht.


Hamlet, Prinz von Dänemark
von William Shakespeare in einer Neuübersetzung von Roland Schimmelpfennig.
Regie: Oliver Reese, Bühne: Hansjörg Hartung, Kostüm: Bernd Skodzig, Musik: Jörg Gollasch, Dramaturgie Nora Khuon.
Mit: Bettina Hoppe, Felix von Manteuffel, Till Weinheimer, Stephanie Eidt, Peter Schröder, Sébastien Jacoi, Sandra Gerling, Mathis Reinhardt, Christian Bo Salle, Johannes Kühn, Moritz Pliquet.

www.schauspielfrankfurt.de


Noch einen Hamlet, von einem Intendanten in Szene gesetzt, gibt es derzeit in Düsseldorf zu sehen: Bei Staffan Valdemar Holm wird der dänische Prinz in einen Goldkäfig gesperrt.

 

Kritikenrundschau

"Wir sind zufällig im Schauspiel Frankfurt", schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen (5.12.2011) und setzt fort: "Es behauptet, man spiele Shakespeares 'Hamlet'. Man schaut aber dreieinhalb Stunden einer Abendgesellschaft zu, die (…) eigentlich nichts weiter tut, als ihre Garderobe vorzuführen, nichts zu sagen hat und sonst auch nicht wüsste, was sie hier verloren hätte. Wie das halt bei Models üblich ist." Der "Name des sogenannten Regisseurs" täusche, der Abend sei eindeutig von einem "offenbar hochbegabten Designer namens Bernd Skodzig" inszeniert, "der auf der Paylist des Modeschauspielhauses untertriebenerweise nur als Kostümbildner verzeichnet" sei.

"Eine Stunde hätte der formbewusste Regiestil Reeses sicher füllen können", meint Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (5.12.2011). "Vielleicht hätte diese inzwischen frankfurt-typische Mischung aus Klassizität, Konsumierbarkeit und Anschaulichkeit auch etwas länger getragen. Aber nach dreieinhalb Stunden ist klar: Dieser 'Hamlet' ist auch nur eine normale Stadttheater-Aufführung. Es gibt zu viel Miss- oder halb Gelungenes." Immerhin: Schimmelpfennigs Übersetzung setze "auf Verständlichkeit, lässt dem Text ein Geheimnis und wahrt, wie man sagt, behutsam den Lautstand". Und einen Grund, weshalb man die Aufführung gesehen haben müsse, gebe es doch: Bettina Hoppe. Deren "düstere Erscheinung und das Ringen um Erkenntnis lassen sie vom ersten Moment an als natürlichen Hamlet erscheinen."

"Den spärlichen Textilien zum Trotz bleiben Reeses Absichten undurchsichtig", schreibt Jan Küveler in der Welt (5.12.2011). Bettina Hoppes Hamlet werde von der Frage geplagt, "warum er eine Frau ist und somit in Bezug auf die Mama eines hübschen Ödipus-Komplexes verlustig geht. Verständlich also, dass Hoppes Dänenprinz-Grundmodus eine Art verkniffene Leberwurschtigkeit ist. Schade ist es trotzdem." Hoppe erobere sich zwar Lebendigkeit, aber wenn es selbst dort, "wo Stegstolzieren angesagt ist, weniger statisch zugeht als an diesem Hofe", scheint das nicht viel zu fruchten: "Schuld daran ist eine Regie, die Till Weinheimer als Emporkömmlingskönig Claudius so steif herumstehen lässt, als habe er sich selbst und nicht dem Bruder das mörderische Gift ins Ohr geträufelt."

"Hamlet" sei "seit je ein Stück der Spiegelungen und doppelten Wände", schreibt Marcus Hladek in der Frankfurter Neuen Presse (5.12.2011). Und so zaubere "all das Weiß und Silber" der Bühne Hansjörg Hartungs "mit seiner luftig-demokratischen Transparenz auch ganz gegenläufige Effekte herbei". Doch die "bildhafte Ich-Werdung im Spiegel-Ich auf dieser Bühne bliebe billig, wenn das Schauspielerische nicht zum Mehrwert fände." Das aber tut es, denn Bettina Hoppe zeige "Hamlet als vielseitigen Spiegel-Polyeder auf der Suche nach einem Kern im Spiegelland, ganz ungeteiltes Ich, das sich unter gold-silberner Thermodecke zum Spiegel-Monster aufwirft."

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Hamlet, FFM: grob und fadePolonius 2011-12-04 13:04
Dass auf einer der grösseren Bühnen Deutschlands tatsächlich noch eine Reich -Ranicki Parodie vorkommt -und das in einer repräsentativen Aufführung, ist ein Armutszeugnis. Diese Parodie war schon vor 10 Jahren auf jeder Bühne mal zu sehen - und schon damals unoriginell und plump. Solch grober und fader ästhetischer Zugriff macht dann eben auch den intellektuellen Gehalt von allem anderen fragwürdig - denn wenn bei einer solchen. die Inszenierung massgeblich mitkonstituierenden Parodie der Filter fehlt, muss auch bei vielen anderen Ideen eher König Zufall am Werk gewesen sein. Oder König Sponsor, der sich immer so Massenwitzchen wünscht.
#2 Hamlet, FFM: alles gewolltLaertes 2011-12-04 14:32
Da holperte aber nicht nur die Übersetzung im Staate Frankfurt. Weiße Bühnentreppen und Schimmelpfennig machen noch keinen Gosch (vgl. auch die letztlich nur schicke, gefällig säuselnde Phädra). Und was reden alle immer von tollen Schauspielern? Meint toll = eitel? Okay, dann stimme ich zu. Frau Hoppe ist ein Schatten ihrer weiblichen Hamletvorgängerinnen. Wo und was ist hier Ophelia? Es ist schon richtig, was nachtkritik beschreibt: alles gewollt und damit nichts erreicht an diesem Abend. Dramaturgentheater eben. Herrn Stadelmeier wird's gefallen. Reich-Ranicki hoffentlich auch.
#3 Hamlet; Ffm: Frankfurt wird DTMira Stark 2011-12-06 00:19
Das Schauspiel Frankfurt droht wie das deutsche Theater in Berlin zu werden. Absolut weltfremd, sauber und arrogant. Da ist es wirklich interessanter, auf die Strasse zu gehen und dem Treiben dort Aufmerksamkeit zu schenken. Aufwachen Herr Reese, (...)
#4 Hamlet, FFM: starke Dramaturgien wären ein KorrektivJanee 2011-12-06 00:49
Ich finde bemerkenswert, dass die Intendanten kaum noch starke Dramaturgien an ihrem Haus zulassen, die als Thinktank und Korrektiv fungieren. So war es noch vor Jahren Gang und Gäbe. Wer berät Reese bei diesem dürftigen Hamlet?! Dasselbe am Thalia Hamburg, wo sie jetzt mit Hegemann einen peinlichen Ausbruch versuchen. Gorki hat Koschwitz rausekickt. München, wo ist die Dramaturgie?! Stuttgart? Volksbühne? Die einzigen, die noch Profil haben: Köln, Dresden, zum Teil Leipzig.
#5 Hamlet, FFM: kritische InstanzWinfried 2011-12-09 18:20
Dem kann ich nur zustimmen, sehr fatal von Reese, dem Patriarchen, nur deutlich jüngere Frauen als Dramaturgen zu haben. Mal von Erdmann abgesehen, der auch nicht auf Augenhöhe mit Reese zu sein scheint. Wenn man sich an die Spitze von allem stellt und dann keine kritische Instanz mehr über sich hat, wirds schwierig.
#6 Hamlet, Frankfurt: KomödchenBorke 2011-12-10 19:21
Warum eskaliert die Kritik eigentlich jetzt? Der Tiefpunkt der Intendanz Reese war doch schon vor einigen Wochen "Physiker"?! Nun schießt sich alles auf Hamlet ein (was einfach nur nichts war). Frankfurter Komödchen sollte sich das Schauspielhaus seither nennen. Aber die Bude ist voll. Das rechtfertigt alles. Komödchen eben...
#7 Hamlet, Frankfurt: Ideen vorweisenWinfried 2011-12-11 01:46
Das rechtfertigt gar nichts. Dann müsste ja auch RTL subventioniert werden! Man schießt sich auf Hamlet ein (...) Da muss man schon auch ein paar künstlerische Ideen vorweisen können.
#8 Hamlet, Frankfurt: zu Lübbes RäubernAomas 2011-12-19 19:41
Auch wenn hier alles dagegen spricht: ich muss mal eine Lanze für das Schauspiel Frankfurt brechen. War am Wochenende nach einer desolaten Räuber-Premiere in Mainz (ohne Worte) zum Vergleich in Frankfurt. Und das war alles andere als nettes Theater. Klar. Präzise. Hart. Chapeau Frankfurt! Chapeau Enrico Lübbe!
#9 Hamlet, Frankfurt: Wertvoll und aufschlussreichHERRANT 2012-02-09 00:16
Ich kann die negativen Kritiken nicht nachvollziehen. Ich und meine 3 Mitbesucher (von 18 - 65) haben die Inszenierung als sehr wertvoll und aufschlussreich erlebt, auch wenn die Herangehensweise sehr analytisch ist.
Wir sind keine Neulinge, wir haben von Mnouchkine über Brook bis Stein, Peymann, Thalheimer, u.v. a. viel Theater gesehen.
Dabei die Erfahrung gemacht, dass die gleiche Inszenierung einmal als aufschlussreich, lebendig und grossartig und ein ander Mal als vollkommen mißlungen erlebt wurde.
Die eigene Offenheit, Laune und augenblickliche Problematik spielt uns da manchen Streich....
Hier verstehe ich die Apodiktiker von Stadelmeier bis Reich-Ranicki nicht.
Benjamin Henrichs (für mich der großartigste Theaterkritiker seit den 70ern) hat daher fast nur gelungene Inszenierungen besprochen, da er wußte wie unterschiedlich die Menschen Theater erleben.
Ich finde, Oliver Reese ist es gelungen, aus Frankfurt wieder eine Theaterstadt zu machen mit einem interessierten lebendigen Publikum.
Was hat mich diese Inszenierung erkennen lassen ?
Das Funktionieren von Intrigen, selbst, wenn sie "gut gemeint" sind
das Wirken allwissender Ratgeber für Politiker, die Ratlosigkeit Hamlets angesichts seiner Isolierung am Hof.
Die Unmöglichkeit für einen "Zweifelnden", zu eindeutigem und entschlossenen Handeln zu finden.
Das war - für uns - sehr überzeugend zu erkennen:
Die Aussichtslosigkeit des Skeptikers. Die Zunahme des Agierens der Handelnden, wenn Ihnen ein Spiegel vorgehalten wird.
Die Ambivalenz aller Eindeutigkeiten, schonungslos und in seiner Hoffnungslosigkeit "tröstlich" in Zeiten der Bush, Guttenberg und Wulff samt ihrer trotz aller Notwendigkeit verlogenen Kritiker.
Die Ewige Wiederkehr des Gleichen. Nicht als blutvoller lebendiger Krimi sondern als einsichtsvoller und dramaturgisch fein gesponnenener Blick auf die Menschheit....
So kann man es auch sehen und ich hatte den Eindruck, dass viele Zuschauer das ähnlich positiv sahen, auch wenn die Inszenierung vielleicht kein Jahrhundertereignis war.
Ein Lob noch an Nachtkritik für die umfassende Informationen über die relevanten Kritiken der Iszenierung!
8.2.2012
#10 Hamlet, Frankfurt: glattMicha 2012-04-05 12:38
wtf? das was zweifellos der langweiligste hamlet, den ich jemals gesehen habe!

ich frage mich, hat herrn reese eigentlich gar nichts interessiert? nichts? der hamlet ist eines der reichsten stücke der dramengeschichte, vielleicht habe ich das inszenierungskonzept nicht verstanden, doch mir drängt sich auf, als seien die intendanten-inszenierungen in frankfurt nur noch für die angereisten damen aus bad homburg... schön, glatt, ohne einen splitter. da reicht keine einzelne cross-gender-besetzung. wie oben schon angemerkt, wurde am meisten bei den nebenfiguren verschenkt - ich habe selten eine so unglaubwürdige ophelia gesehen.

den ganzen anmerkungen hier bezüglich dem thema "hauptsache, hütte voll kriegen" sind absolut gerechtfertigt. nachdem schweeger das große haus fast leer gespielt hat, will man nun die 97%-auslastungsquote sprengen, um jeden preis.

aber eines will ich mal verteidigen: die dramaturgInnen (erdmann ist ja zu hartmann an die burg zurückgekehrt). alexandra althoff und nora khoun machen gute programmhefte, gute publikumsgespräche - und bei gott sollte man sich einfach mal anschauen, wie viele produktionen die damen in frankfurt bewältigen müssen!

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