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Mit der Aura eines italienischen Paten

9. Dezember 2011. Der Gesellschaftsreporter Stefan Lebert hat den Schaubühnen-Intendanten Thomas Ostermeier ein Jahr lang begleitet. Wie er selber im Zeit Magazin schreibt.

In Wirklichkeit traf er wohl binnen eines Jahres immer mal wieder mit Ostermeier zusammen, hat schöne Reisen unternommen, war in Venedig, wo Ostermeier einen Auszug aus "Tod in Venedig" als Stück über Pädophilie inszenierte. Den Gustav von Achenbach spielte Sepp Bierbichler. Lebert ist außerdem mit Ostermeier in dessen altem Volvo von Westberlin nach Ostberlin gecruist, während der Regisseur dem Reporter seine nicht angenehme Familiengeschichte mit vielen viel zu frühen Toten darlegte. Wir erfahren, dass Ostermaier immer einen alten Parka für 15 Euro vom Flohmarkt trägt und dass Sepp Bierbichler den Mann aus Landshut für ein noch größeres Arschloch als Peter Zadek gehalten hat, es aber inzwischen nicht mehr tut. Es ist die Rede vom Nachwuchs, der nicht herangezogen worden sei von den Theatergrößen in Deutschland-Ost und -West, "Nachwuchs heranziehen", hmm.

Inszenierungen

Stephan Lebert und noch mehr der Fotograf Paolo Pellegrin, der mit Ostermeier kurz in Venedig zusammengetroffen ist, inszenieren den Theatermann nach Kräften und nach eigenen Ideen, für die der Portraitierte selber, dem Augenschein nach, nicht mehr als seinen Kantschädel hingehalten hat.

Pellegrin gibt ein ganzseitiges Portrait, auf dem Ostermeiers Sonnenbrille, der lichte Haaransatz, Stirn und Nasenspitze scharf, Mund und Bart und Ohren dagegen bereits in Unschärfe-Gegenden erscheinen und die Augen, das eigentlich Wichtige und Sprechende bei einem Portrait, hinter der getönten Sonnenbrille verborgen bleiben. Dafür aber springt der Markenname "Ray Ban" unübersehbar ins Betrachterauge. Was soll man davon halten?

Lebert wiederum, der Ostermeier ziemlich ahnungslos mal als "Gesicht des modernen deutschen Theaters", mal als "der Radikale" bezeichnet, probiert dem Bayern aus Berlin verschiedene Kostüme an, unterschiedliche Rollen. Er stellt ihn vor als den einstigen jungen Wilden, der die Baracke am Deutschen Theater "gründete". Präsentiert ihn als Geliebten der Anne Tismer, eine Beziehung, deren Ende "traumatisch" gewesen sei, was wiederum zum, von Lebert gebastelten, Image des Thomas Ostermeier als großem Bindungslosen, als einsamem starken Leitwolf gewinnend beiträgt. Weiter begegnet uns Ostermeier mit der "Aura eines italienischen Paten", der in der Schauspielschule den Nachwuchs beobachtet, bei dem ein ostemeiersches Achselzucken "Gefühle von Niederlage Selbstzweifel, Sackgasse" auslösten. Ostermeier, der politische Kopf, der sich als enger Freund des ermordeten Leiters des Freedom Theatres von Dschenin Juliano Mer-Khamis im israelisch-palästinensischen Konflikt zwischen alle Stühle setzt. Ostermeier, der gute Freund von psychisch Angeschlagenen wie der depressiven Sarah Kane oder eines anonymen, jedoch "sehr guten" Schauspielers, der mit Verzweifungsanrufen das Abendessen von Lebert und Ostermeier "beim Italiener" stört. Bei Lebert erfahren wir, dass im Ausland "Thomas Ostermeier wie kein anderer als der deutsche Theatermann der Stunde gefeiert" wird, besonders in Venedig, wo er den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhalten hat. Mit 43, man denke.

Wie Theater das Leben verändert

Nur gut und bewundernd sprechen bei Lebert auch Kollegen wie Lars Eidinger oder Gert Voss, "der König am Wiener Burgtheater" von Thomas Ostermeier, dessen wahre Bedeutung aber erst die letzten beiden Geschichten des Artikels ins rechte Licht rücken. Wie eine Dame in Ostermeiers Aufführung der "Nora" beschlossen habe, ihren Mann zu verlassen, und wie ein Bekannter in seiner Hedda Gabler-Aufführung begriffen habe, "dass es im Grunde egal sei, in welcher Form man lebe, das Unglück wäre überall". Womit bewiesen wäre, dass das Theater, besonders jenes von Thomas Ostermeier, doch das Leben verändern kann.

(jnm)