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Psychogramm einer zerschundenen Seele

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 9. Dezember 2011. Dass Elfriede Jelinek eine von freiheitsliebenden Regisseuren geschätzte Autorin ist, verwundert nicht, lassen die von ihr verfertigten Textflächen ihnen doch viel Frei- und Spielraum. Dabei entfalten sie ihren ganzen Zauber oftmals erst auf dem Theater. So verhält es sich auch bei ihrer "Winterreise", die im Februar an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt und dieses Jahr auch mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde. In Mainz hat der leitende Regisseur des dortigen Schauspiels, Jan Philipp Gloger, aus dem undurchdringlichen Textblock eine zuschauerfreundliche Version destilliert, die dem ungeheuren Sprachwitz und der gern unterschlagenen Selbstironie der Nobelpreisträgerin in eineinhalb Stunden die Bühne bereitet.

Wie schon Andreas Kriegenburg verteilt auch Gloger den Text auf mehrere Frauen, in seinem Falle sind es vier, die miteinander in Dialog treten. Zu Beginn kommen drei der Frauen in schwarzen Hosen, champagnerfarbenen Blusen und schwarzen Pumps auf die Bühne und stimmen den Blues der Vergeblichkeit an. Ihr gesamtes Leben schnurrt als ein großes Vorbei an ihnen vorüber, wobei sie den Trübsinn schon mal mit einem Schulterzucken kontern.

Entblößtes, unerträgliches Ich

Lisa Mies präsentiert sich dabei mit wunderbar kühler Härte, Johanna Paliatsou lässt ihre Gesichtszüge souverän entgleiten, um sie ebenso schnell wieder zu glätten, und Karoline Reinke gibt das herrlich schalkhafte Mädchen mit Porzellanpuppenunschuld im blauen Blick. In verteilten Rollen sprechen sie die Jelineksche Selbstanklage, spüren ihrer unfasslichen Untröstlichkeit hinterher und hadern in ihrem Namen damit, sich selbst nicht loszuwerden. Die amerikanische Schriftstellerin Sylvia Plath hat einmal gesagt, dass ihr nichts schwerer falle als zu akzeptieren, dass sie nicht auf irgendeine Weise vollkommen sei. Sie hat es nicht akzeptiert und sich im Alter von nicht einmal 31 Jahren das Leben genommen.

Elfriede Jelinek schreibt. In ihrer "Winterreise" entblößt sie ein Ich, das sich selbst nicht erträgt und doch weiterleben muss. Es ist auch das Psychogramm einer zerschundenen Seele. Und die spricht in Mainz aus Monika Dortschy, der ältesten der vier Schauspielerinnen. Angezogen wie die anderen drei, kauert sie bei ihrem ersten Auftritt im Flügel, und wenn sie anhebt zu sprechen, ist nicht der geringste Mucks mehr zu hören im Zuschauerraum. Alle Düsternis und aller Tiefsinn des Textes füllt sich in ihrem Monolog mit Leben. Später wird sie mit Strickjacke, dicker Brille und Puschen an den Füßen die Mutter geben, gegen die das Ich versucht anzuleben und anzuschreiben. Und am Ende ist es wiederum Monika Dortschy, die sich die charakteristische Jelinek-Frisur-Perücke übers Gesicht zieht und sich von den anderen beschimpfen lässt, immer dieselbe alte Leier anzustimmen.

Die Lebenszeugnisse zerreissen

Gloger hat den Text zwar stark gekürzt, aber den Sprachwitz und auch die Sprachgenauigkeit des Originals nicht angetastet. Dabei betont er in seiner Inszenierung die Entertainment-Qualitäten des Stücks zugunsten der schmerzensreichen Schwermut, die auf dem Stück wie ja auch auf der "Winterreise" von Schubert und Müller lastet. Damit macht es Gloger den Zuschauern leichter, sich auf den Abend einzulassen, ohne dass er dabei dem Text unrecht täte.

Die Bühne lässt er – bis auf einen schwarzen Flügel in der Mitte – leer. Dieser Flügel ist Musicbox und Allzweckwaffe: Mal quillt Nebel aus ihm hervor, mal ist er ein großzügiger Sarg und immer wieder macht er Musik. Die vier Frauen bespielen ihn wie einen fünften Akteur. Und während sich Lisa Mies zu Beginn an den Schubertschen Liedern versucht, tönen sie gegen Ende vom Band. Die Frauen krabbeln dazu auf dem Boden herum und zerreißen im Scheinwerferlicht die papierenen Zeugnisse ihres gelebten Lebens.

Ja, gewiss, es ist die alte Leier. Doch bleibt sie immer neu.

 

Winterreise
von Elfriede Jelinek
Regie und Bühne: Jan Philipp Gloger, Kostüme: Karin Jud, Musik: Kostia Rapoport, Dramaturgie: Katharina Gerschler.
Mit: Monika Dortschy, Lisa Mies, Johanna Paliatsou und Karoline Reinke.

www.staatstheater-mainz.de


Mehr lesen? Für ihr Stück Winterreise, im Februar 2011 an den Münchner Kammerspielen von Johann Simons uraufgeführt, wurde Elfriede Jelinek wurde für das Stück 2011 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet. Im November 2011 wurde das Schubert-inspirierte Stück in Oberhausen von Peter Carp inszeniert.

 

Kritikenrundschau

Jan Philipp Gloger kehre in seiner Inszenierung "das Groteske, die erfrischend bösartige Unverblümtheit der Jelinek hervor", meint Eva Maria Magel in der Rhein-Main-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen (12.12.2011). Nur 40 Seiten umfasse seine Strichfassung, doch Gloger lasse "keines der großen Themen aus, die in der Suada stecken". Den vier "wunderbaren Darstellerinnen" gelinge das Kunststück, "als facettiertes 'Ich' ganz eigene Charaktere daraus hervorzukehren", und überhaupt mache "die präzise Spracharbeit der vier agilen Schauspielerinnen keinen geringen Teil des Vergnügens an dieser Inszenierung aus. Bei aller Leichtfüßigkeit leistet sie, was der Text im besten Falle zu tun imstande ist: die Rede des Ichs, auch von Trauer und Zumutung, nahezubringen."

Was Glogers Darstellerinnen "sprechen und spielen, folgt der assoziativen Dramaturgie eines szenischen Gedichts", meint Marcus Hladek in der Frankfurter Neuen Presse (12.12.2011), "ist eine Abfolge von Sprachspielen (allein die Präfix-Rutschpartien!) vom Abstrakten ins Konkrete. Dass Sprache in Jelineks Theater eine Macht ist, ist heute, da Sprache auf der Bühne ausdünnt, per se löblich." Der Regisseur und "seine vier Frauen aber, und das ist bereits im Text angelegt, konturieren das grenzenlose Panoptikum der Textbilder clownesk und kammerspielartig und tun gut daran. Ein geglücktes Stück Schauspielertheater."

Die Mainzer Inszenierung spüre "im verzweigten Endlosstrom aus sprachlich komplexen Gedanken, Verweisen, Hintersinnig- und Tiefsinnigkeiten eine der bloßen Lektüre entgehende Lakonie, ja sogar Humorigkeit auf", schreibt Andreas Pecht in der Mainzer Rhein-Zeitung (12.12.2011). "So werden die 90 Minuten im TiC zum kurzweiligen Wechselbad zwischen teils schier augenzwinkerndem Räsonieren über die ewige Fragwürdigkeit der Existenz und bitterböser Zeitkritik." Gloger verstehe es, "die natürlichen und professionellen Anlagen" der Darstellerinnen "trefflich zu fordern – um einen neuzeitlichen Frauentyp in fein unterschiedene Varianten aufzuspalten, die schließlich gar nicht anders können, als mit sich selbst die ganze Menschenwelt infrage zu stellen."

 
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