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Die Ruhe nach dem Sturm

von Kai Krösche

Düsseldorf, 15. Dezember 2011. Es beginnt mit einer über zehnminütigen Ouvertüre. Musiker für Musiker betritt die Bühne, Streicher, Percussion, ein Vibraphonist, schließlich Bläser, zuletzt ein Klavierspieler. Im Dreivierteltakt legt sich langsam ein Instrument über das andere, erinnert dabei an eine Mischung aus jenen musikalischen Steigerungen, wie man sie aus Filmen des US-amerikanischen Regisseurs Darren Aronofsky kennt, sowie aus Werken amerikanischer Vertreter der Minimal Music mit ihren rhythmischen Klangflächen; zu Beginn schon, also noch vor dem ersten gesprochenen Wort, ein bohrendes Gefühl langsamer, aber stetiger und unausweichlicher Veränderung. Keine Bedrohung, auch keine Gefahr, eher eine Forderung; kein feindseliger, aber ein eindeutiger Weckruf – Achtung, es bahnt sich etwas an! –, vermittelt durch die eigens angefertigte Komposition des Düsseldorfer Komponisten Hauschka: Teil 1 eines dreigeteilten und trotzdem stets schlüssig wirkenden Theaterabends im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses.

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"Puppen" © Sebastian Hoppe

Dreigeteilt deswegen, weil sich Autor und Regisseur Kevin Rittberger für die deutsche Erstaufführung seines jüngsten Stücks "Puppen" die Unterstützung zweier Düsseldorfer Kunstschaffender – neben Hauschka der bildende Künstler und Musiker Stefan Schneider – holte, um gemeinsam mit ihnen eine "musiktheatralische Installation" zu schaffen. Während sich die bereits ästhetisch interessante, aber deutlich andere Wege gehende Uraufführung am Wiener Schauspielhaus (Oktober 2011 unter der Regie von Robert Borgmann) ausschließlich auf den Stücktext konzentrierte, erweitert Rittberger, der hier nicht nur als Autor, sondern ebenfalls als Regisseur seines eigenes Textes auftritt, am Düsseldorfer Schauspielhaus sein Stück um weitere Kunstformen, die er geschickt ineinander übergreifen läßt.

Traum von der Wurst

Rittbergers Stück selbst ist eine traumartige, in einem künftigen Niemandsland angesiedelte Ansammlung teils absurder, teils surreal wirkender Szenen rund um vier gestrandete Figuren: Diese Menschen – eine Friseurin, ein "Klandestino" (das ist ein Mensch ohne Papiere, ein Staatenloser), ein Fleischer, eine Frau, die immer wieder vom Schwindel übermannt wird – sie alle sind Überbleibsel einer beinahe vergangenen Gesellschaftsordnung, die jedoch vom Neuen noch nicht abgelöst wurde. Tag für Tag steht der Fleischer vor seiner leeren Theke, träumend von einer gigantischen Wurst, die den "Hunger" an sich stillen könnte – und kämpft gegen die in ihm immer stärker aufkeimende Ahnung, vielleicht schon längst überflüssig geworden zu sein. Stets aufs Neue sehnt sich die schwindelnde Frau nach einem Mitfließen im Strom, vom Mitgerissenwerden im gesellschaftlichen Umbruch; und verliert doch immer wieder das Gleichgewicht, stürzt zu Boden, findet keinen Halt. Die Figuren und die Situationen, die Rittberger in "Puppen" schafft, sind gleichsam Stellvertreter wie Sinnbilder einer Krise – einer Krise der Arbeit, einer Krise der Frage nach dem Lohn der Arbeit, die notgedrungen und in letzter Konsequenz immer auch eine Sinnkrise ist.

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"Puppen" © Sebastian Hoppe

Borgmanns Wiener Uraufführung spielte sich in einem – durch Videoeinspielungen an Filme Antonionis erinnernden – hochsommerlichen Niemandsland ab, inklusive Schweiß und Ventilatoren. In seiner Regie am Düsseldorfer Schauspielhaus verzichtet Rittberger auf jegliche zeitliche oder räumliche Verortungen: Bis auf mobile Bühnenelemente – mit roten, weißen, schwarzen Tüchern verhüllte, fahrbare Rechtecke – setzt er neben seinem ungemein starken Ensemble auf die (insbesondere für ein kleines Haus) beeindruckende Weite des leeren schwarzen Raums, schafft hier und dort Akzente mit gelbem Scheinwerferlicht – und erzeugt jene bereits im Aufbau des Textes selbst angelegte, traumartige Atmosphäre vor allem durch die musikalische Weiterdichtung der anfänglich aufgeführten Ouvertüre Hauschkas durch den an Synthesizern und Effektgeräten auf der Bühne agierenden Stefan Schneider. Schneider denkt die Musik Hauschkas mit seinen eigenen Mitteln fort, reduziert die dichte Komposition zunehmend auf ihren Kern – eine spannende musikalische Entsprechung für die sich langsam breitmachende Leere, die die Figuren in "Puppen" zu verschlingen droht.

Das Ende der Arbeit

Doch weder Stück noch Inszenierung – und das ist das Spannende an diesem Abend – ruhen sich aus in der stickig-bequemen Bucht eines angstvollen Erstarrens vor dem Ende einer gewohnten Gesellschaftsform. Ein Schock zwar, wenn wie aus heiterem Himmel – als wäre man im falschen Film – der "Chor, der die Arbeit abschafft" (bestehend aus den Musikern vom Anfang und dem Schauspieler Markus Danzeisen) dem von Rainer Galke mit geradezu spürbarer Zerrissenheit verkörperten Fleischer den Beruf (und damit praktisch auch die Identität, das Dasein selbst) entzieht. Wenn dieser Mann all seine Illusionen, all seine Hoffnungen wie aus dem Nichts zerbrechen sieht, ein großes Schild um seinen Hals, vom Chor umzingelt – dann schafft dieses so künstliche und doch unbequem nahe Bild ein Gefühl der Angst vor einem möglichen Ende jener sinn- und identitätstiftenden Instanz "Arbeit". 

Um aber schließlich doch ein Gefühl des Aufatmens, einer Ruhe nach dem Sturm, eines neuen Miteinanders, einer Neuorientierung zu vermitteln. Ein Gefühl, das sich auch durch den abschließenden und mit einem imposanten Vorhangfall eingeleiteten Vortrag Stefan Schneiders fortzieht: Schneider beschreibt hier die Inhalte "bewegter" Photographien bestimmter Orte in Düsseldorf; inmitten der inhaltlich und ästhetisch reichhaltigen Bilder, gar nicht verloren, sehr lebendig sogar, die Figuren aus Rittbergers Stück. Gerade durch seine Ruhe, durch sein Bestehen auf den genauen Blick, fesselt Schneiders unspektakulärer Beitrag; und schafft ein zwar abstraktes, aber doch tröstendes Gefühl einer Hoffnung – der Hoffnung auf die Möglichkeit eines anderen, eines neuen Daseins, dessen Zeit vielleicht erst noch kommen muss.


Puppen
von Kevin Rittberger
Regie: Kevin Rittberger, Bühne: Jutta Zimmermann, Kostüme: Janina Brinkmann, Video: Egbert Trogemann, Musik: Stefan Schneider, Hauschka, Dramaturgie: Daniel Richter.
Mit: Ingo Tomi, Rainer Galke, Elena Schmidt, Karin Pfammatter, Markus Danzeisen, Stefan Schneider, Kai Angermann, Eva Bisanz, Daniel Brandl, Alexander Dressler, Ina Goelzenleuchter, Holger Heines, Sabine Rau, Zdzislaw Ryczko, Sonia Singel-Roemer.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Ein abstrakter, absurder, irritierender Abend" seien Kevin Rittbergers "Puppen" geworden, schreibt Dorothee Krings in der Rheinischen Post (17.12.2011). "Es sind hermetische Szenen, die sich da entwickeln. Manche sind komisch, weil das glänzende Ensemble Sinn dafür hat, alle schmecken bitter." Manchmal klinge das auch "wie Brecht. Aber so, als sei eines seiner Lehrstücke zu Bruch gegangen und nicht wieder gekittet worden. Man fühlt sich darum nicht belehrt, nicht bevormundet, dafür der Sinnlosigkeit ausgesetzt."

"Irritierend, fast schon verstörend" wirke "Puppen" auf den Zuschauer, meint Michel Winde in der Westdeutschen Zeitung (17.12.2011). Das Stück bleibe "Fragment, Stückwerk". Und wovon "da auf der kahlen Bühne wirklich gesprochen wird, erschließt sich dem Zuschauer kaum." Winde räumt ein, dass "Puppen" nicht gefallen müsse, "zum Nachdenken sollte es aber doch anregen. Das Publikum honorierte das und die gute Leistung aller Akteure mit ausdauerndem Beifall. 'Puppen' muss erst einmal verdaut werden."

Es seien "geläufige Krisensymptome wie Arbeitsverlust, Sinnleere und Entfremdung, die Kevin Rittberger in seinem Theaterstück 'Puppen' anspricht", schreibt Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (17.12.2011). "Schon der Titel enthebt ihn einer genauen Menschenerkundung, es geht um letzte Zuckungen", weswegen die Inszenierung "hätte nachfassen müssen". Doch es bleibe "alles im Ungefähren." Der "Installation, die – vielleicht ihr größter Witz – mit Surrealismus, Dada und Lehrstück kokettiert, mangelt es geradeso an Formbewusstsein wie an Wahrnehmungsschärfe und emotionalem Ausdruck."

Nicht überzeugt zeigt sich Christian Werthschulte in der taz (19.12.2011). Aus seiner Sicht fügt sich Kevin Rittbergers Figurenensemble nicht zusammen. Denn die Kontakte untereinander bleiben für ihn flüchtig, "ihrem Zusammentreffen wohnt keine Politik inne. Selbst das Wort "Figuren" findet er im Kontext von Stück und Inszenierung eigentlich nicht passend, weil "Figuren vielleicht schon wieder zu viel Fülle suggeriert. Rittberger präsentiert lieber Typen, Klischees, die kein Privatleben abseits der beruflichen Existenz auf der Bühne haben." Die heroische Ouvertüre wird im Stück nur noch als Echo erkennbar und löst sich immer wieder in hohe Sinustöne oder Weißes Rauschen auf. Die große Gegenerzählung des moralisch erhabenen Theaters – sie bleibt aus."

 
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