alt

Männerknast für Hochgebildete

von Christian Rakow

Berlin, 17. Dezember 2011. "Oh jammervoll das Land, wo Lords Hof halten und Könige in Haft genommen sind!", beklagt der Graf von Kent das Schicksal seines Halbbruders König Edward II., der soeben abgedankt hat und nun seinen letzten Weg nach Berkeley Castle antritt, wo er den Meuchelmördern des Reichsverwesers Roger Mortimer zum Opfer fallen wird. Das höfische Jammertal in Christopher Marlowes Königsdrama – seinem letzten Stück (1591–1592), ehe auch er gewaltsam vor seiner Zeit starb (1593) – hat kurze Wege: Kaum ein Steinwurf trennt den Thron von Kerker und Schafott.

Was aber, wenn an der Berliner Schaubühne bei Regisseur Ivo van Hove diese ganze Welt ein einziges Gefängnis ist und sich nirgends ein Hof für einen Regenten findet? Kann man dann eigentlich noch über den fatalen Lauf der Dinge klagen? Oder muss man durchweg klagen?

Vitale Burschen
Acht eiserne Zellen für acht athletische Insassen hat Bühnenbildner Jan Versweyveld nebeneinander gebaut. Zentral darüber hängt eine Videoleinwand. Von seiner Wachstube aus kontrolliert Urs Jucker per Überwachungskameras das Geschehen (Videokonzept: Tal Yarden). Im Häftlingstrakt geht es gesittet zu. Man redet sich mit "Sir" und "Madam" an (Kay Bartholomäus Schulze übernimmt den einzigen Frauenpart der Stückfassung: Königin Isabella). Es ist ein Männerknast für Hochgebildete.

edwardii2_560_janversweyveld
Edward II (Stefan Stern, rechts) mit Königin Isabella (Kay Bartholomäus Schulze)
© Jan Versweyveld

Geradeheraus: Die kühne Setzung, Marlowes "Edward II." hinter schwedische Gardinen zu verlegen, will nicht einleuchten. Fraglos mag man bei Folterszenarien, derer das Stück nicht eben wenige zu bieten hat, an Abu Ghraib denken. Und kernige Hackordnungskämpfe lassen sich auch auf Alcatraz verorten. Sicher. Aber solche Analogien greifen nicht eben weit. Schlimmer noch: Sie greifen regelmäßig am gesprochenen Text vorbei: Während Stefan Stern als Edward II. von den Baronen Mortimer (Paul Herwig) und Lancaster (Sebastian Nakajew) über den finanziell und außenpolitisch desolaten Zustand seines Reiches informiert wird, stemmt er auf einer Fitnessbank Gewichte. Welche Welt, denkt man, bedrängt wohl diese vitalen Burschen? Welche Reiche haben sie zu verteidigen?

Inhaltslose Allianzen
"Treubrüchig Glück, dein Rad hat einen Punkt, zu dem der Mensch empor strebt, bis er ihn berührt und abwärts taumelt." Diese Worte Mortimers kurz vor seiner Hinrichtung durch Edwards Sohn, Edward III. (Bernardo Arias Porras), benennen den Zug ins Tragische. Bei Marlowe sieht man einen Edward II., der wie ein farbenfroher Gockel seine Favoriten Gaveston und später Spencer liebkost und protegiert. Unter seiner Günstlingswirtschaft verödet das Land, und erst als der König entmachtet ist, erkennt und leidet er in Größe seine eigene lebenslange Zerrissenheit: zwischen Privatvergnügen und öffentlichem Amt. Parallel zu seinem Abstieg sieht man den jähen Aufstieg und Fall von Roger Mortimer, dem Kriegsherrn und Liebhaber der Königin Isabella.

Diese Bögen sind bei Ivo von Hove nivelliert worden. In seinem Gefängnis werden alle gleich. Sie schmieden Allianzen, die inhaltslos bleiben. Zustand des Landes, Standesehre, persönliche Vorteile oder ähnliche Motivationen fallen hier für die Konflikte ebenso aus wie die sexuelle Einstellung des Königs (schon weil Homosexualität in dieser Haftanstalt praktisch universell vollzogen wird). Der Gewaltzusammenhang, der das Geschehen trägt, speist sich nurmehr suggestiv aus der bedrohlichen Szenerie.

Wo der Schnitter umgeht...
Dabei hätte man diesen Schauspielern der Schaubühne allen nur möglichen Raum geben können: Stefan Stern ist mit seiner weichen, nervös fiebrigen Anmutung, mit seinem durchlässigen Spiel, das Gefahr sucht, Abgründe schaut, Todesnähe spüren lässt, eine Idealbesetzung für Edward II. Christoph Gawenda kann seinem Gaveston, des Königs Liebhaber, eine fast entrückte Verletzlichkeit und Duldsamkeit verleihen. Kay Bartholomäus Schulze kostet mit großer, konzentrierter Ruhe die Marlowe'schen Verse. Man wünschte sich, dass jemand dieses ganze irreführende Setting wegrisse und ihnen eine abstrakte Raumanordnung gäbe, wo sie das Drama noch einmal neu aus der Textspur entwickeln, wo sie nicht nur einen ewig gleich bleibenden, gedämpft elegischen Ton ins Gang-Ambiente gießen könnten.

Paul Herwigs Mortimer ist kein Stratege, kein glorioser Intrigant. Wie auch, wo der schicksalhafte Verlauf rein äußerlich gedacht ist, als immer schon fertige Gewaltspirale? Mit Urs Jucker als Gefängniswärter erhält diese ein Gesicht. Er schlüpft in die Rolle des Mordbanausen und wird zum Handlanger eines irgendwie übergreifenden Willens zur Qual. Nach und nach lässt er die Köpfe des inhaftierten Hochadels rollen bzw. unter einer roten Plastiktüte ersticken – sogar noch einen mehr als im Stück vorgesehen (den der Königin). Wo der Schnitter umgeht, muss man's nicht so genau nehmen. Nach getaner Arbeit kehrt er brav nach Hause zu seiner Frau. Das Video flackert ein letztes Mal. Sie wartet mit Spaghetti und Tomatensauce auf ihn – Feierabend eines Henkers, Banalität des Bösen.


Edward II.
Von Christopher Marlowe
Deutsch von Alfred Walter von Heymel, Fassung von Bart van den Eynde
Regie: Ivo van Hove, Bühne und Licht: Jan Versweyveld, Kostüme: An d'Huys, Musik: Eric Sleichim, Video: Tal Yarden, Dramaturgie: Bart van den Eynde, Maja Zade.
Mit: Stefan Stern, Christoph Gawenda, Kay Bartholomäus Schulze, Bernardo Arias Porras, David Ruland, Sebastian Nakajew, Paul Herwig, Moritz Gottwald, Urs Jucker.

www.schaubuehne.de

 

Zuletzt inszenierte Ivo van Hove im Herbst 2010  an der Berliner Schaubühne Molières Der Menschenfeind.

 

Kritikenrundschau

"Toll," schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (19.12.2011) angesichts des Bühnenbild- und Technikbombastes dieses Abends. "Vielleicht hätte man auf ein Stück und Schauspieler lieber verzichten sollen." Die Schaubühnenspieler aber müssten prügeln, vergewaltigen, küssen, nackt duschen und dabei auch noch Blankverse sprechen. Und das Schaubühnenpersonal, Seidler zufolge sonst eher geübt in der Darstellung deprimierter "Wohlstandsjungs", versuche sich nun auch ganz redlich und bürgerlich-daramtisch in Marlowes Monströstäten einzufühlen. Was an diesem Abend offenbar auch nichts zur Wahrheitsfindung beitragen kann. Denn die Inszenierung zelebriere ihre eigene Ästhetik, für die der Kritiker nur ein "hübsch heftig" übrig hat.

Von einer mittelmäßig klischeemodernen Aufführung spricht Matthias Heine auf Welt-online (19.12.2011), den die Setzung des Abends, Marlowes Drama im Männerknast zu verorten, nicht überzeugt. Aber auch die Schauspieler kommen schlecht weg. Nicht nur, dass bereits ihre Physiognonie den Kritiker unken lässt, sie hätten wohl zu oft Küchendienst gehabt und sich eher wenig im Fitnesssudio auf der Bhne gestählt. "Am allerunglaubwürdigsten sind diese Wohlstands-nicht-mehr-ganz-Jünglinge, wenn sie mal richtig die brutale Sau rauslassen sollen," schreibt Heine. "Dann schlagen sie mit Eisenstangen gegen die Gitterstäbe wie kleine Jungs, die mit ihrem Holzbaukasten hämmern. Dann schütteln sie die Federn aus den Zellenkissen wie Frau Holles züchtige Haushilfe. Erst recht gelingt es den Darstellern nicht, einleuchtend zu machen, warum die Häftlinge mit ihrem Casual-Gefängnishof-Look in der geschraubten Sprache elisabethanischer Poesie reden. Es bereitet ihnen unsagbare Mühe." Für den Kritiker sind das nicht die einzigen Widersprüche, "an denen diese im schlechtesten Sinne zeitgenössische Inszenierung klumpfußt. Ein paar weitere: Wieso gibt es in diesem Dritte-Welt-Knast eigentlich eine Videoüberwachungsanlage, von der die Direktoren westlicher Hightech-Gefängnisse nur träumen können? Aus welchem Grund regen sich ausgerechnet an diesem frauenfreien Ort, wo man sich lieber nicht nach dem Stück Seife unter der Dusche bücken sollte, alle so über die Männerliebschaft des Königs auf?"

Als "pompös verquaste Eros-und-Thanatos-Männer-Show" verreißt Andreas Schäfer im Berliner Tagesspiegel (19.12.2011) die Inszenierung. "Die Welt ist also ein Riesenknast, in dem es ausschweifend drunter und drüber geht, inklusive Mord- und Totschlag. Das passt, wenn man Foucault falsch verstanden hat, natürlich immer." Van Hove mache aus dem Stück "eine große Sexsache", bei der "hinter tausend Stäben zwar viele Penisse baumeln, aber nichts von dem Doppelporträt und dem Interesse an der Geschichte" übrig bleibe. Die Schauspieler geben sich Schäfers Eindruck zufolge zwar Mühe, "überhaupt so etwas wie Figuren und einen nachvollziehbaren Konflikt hervortreten zu lassen, aber das dominante Setting des Abends prügelt sie immer wieder in die Gesichtslosigkeit der Reihe, in die choreografischen Gesetze der Turnerei zurück. In einem anderen Rahmen würde das empfindsame Leiden und die inbrünstig vorgetragene Liebe zwischen Stefan Stern als verweichlichter Edward und Christoph Gawenda als Gaveston möglicherweise anrühren. Hier wird bloß eine Schmonzette draus. "

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.12.2011) schreibt Irene Bazinger: Bei van Hove gerate in Vergessenheit, dass König Edward II. ein "charismatischer, nicht unbedingt sympathischer Außenseiter" gewesen sei. Die acht inhaftierten Männer seien einander "ziemlich ähnlich", nur Urs Jucker als Leicester sei hervorgehoben. Die Gitterzellen, die er überwacht, symbolisierten "eher die gesellschaftliche Vereinzelung und Isolation" als das Gefängnis. Van Hove demonstriere "mit seiner spiegelglatt unterkühlten Inszenierung" einerseits die Banalität des Bösen, andererseits das "Modell eines politischen Ausnahmezustandes". Die aufwendige Technik sei "eindrucksvoll" und verstärke die vorhandene "unmenschliche Atmosphäre des Originals", lasse aber die Schauspieler "ganz klein und blass und unerheblich werden". Die "enorme tragische Fallhöhe Edwards II." sei "unter diesen Umständen" nicht einmal zu "erahnen". Stefan Schwarz (sic!) vermöge "demgemäß" dem König keinerlei "dramatisches Profil und emotionale Sprengkraft" zu verleihen. Unüberzeugend auch Paul Herwig und Christoph Gawenda. Nur Kay Bartholomäus Schulze als Königin Isabella gelängen "ein paar berührend-intensive Augenblicke". Edward II. inszenatorisch in die Mitte der Gesellschaft zu holen, bedeute einen Statuswechsel, der ihm nicht bekomme.

 

Kommentar schreiben