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Die Aura der Selbstverwirklichung

von Matthias Weigel

23. Dezember 2011. Das oberfränkische Wunsiedel wäre eine Kleinstadt wie jede andere: Kein Bahnhof, keine Diskothek, kein Kino. Dafür Kirchweih und Feuerwehrfest, Schulbusse und Stadtkapelle, der CSU-Bürgermeister vom Gehöft nebenan, die Dorfpunks im Jugendzentrum, das Weihnachts-Musical vom Kirchenchor. Würden da nicht einmal im Jahr Fremde einfallen. Andere Klamotten, andere Frisuren. Sie sind in kürzester Zeit mit dem Wirt per Du und bleiben auch unter der Woche bis zuletzt. Sie wohnen in Ferienwohnungen oder auch mal im Campingzelt, und es umweht sie die unerreichbare Aura der freien Kunst, der großen Stadt, des unsteten Lebens, der freiheitlichen Selbstverwirklichung: Die Schauspieler sind in der Stadt.

Jedes Jahr im Mai beginnen die Luisenburg-Festspiele in Wunsiedel, und für die kommenden drei Monate wird die große und traditionsreiche Freilicht-Naturbühne zwischen den Fichten und Findlingen des Fichtelgebirges mit vier Theater-Eigenproduktionen bespielt. Michael Buselmeier erzählt in seinem Roman "Wunsiedel" wie sein Alter Ego Moritz Schoppe im Jahr 1964 in eben jene "Festspielstadt" reist, um sein erstes Engagement als Jungschauspieler anzutreten. Und wie er nach über 40 Jahren in die Stadt seines Grauens zurückkehrt und auf sein Leben zurückblickt.

Blick von innen, Blick von außen

In loser Szenenfolge collagiert Buselmeier tagebuchartig das Festspielleben der 60er Jahre und mischt es mit seinem heutigen Besuch der Erinnerungsstätten. Neben den unerträglich leeren Sonntagen des Jungschauspielers warten auf den folgenden Buchseiten die (heute) dahinvegetierenden Alten eines Wunsiedler Seniorenheims darauf, von Buselmeier trostlos analysiert zu werden.cover_wunsiedel

Buselmeiers/Schoppes Blickrichtung entspricht dabei der umgekehrten von mir, der ich in Wunsiedel aufwuchs: Wie viele aus der Region erlebte auch ich meine erste Begegnung mit dem Theater auf der Luisenburg und die individualistischen Eindringlinge zogen mich sogleich in ihren Bann. Natürlich dünkt einen später, dass man eventuell einer gewissen Idealisierung aufsaß. Doch was Buselmeier nun rückblickend so nüchtern und leise erzählt, ist nicht weniger als eine späte Verarbeitung eines tiefen Luisenburg-Traumas. Und eine Abrechnung.

Nicht nur dass der junge Schauspieler in den Sechzigern seine Freundin und die geliebte Mutter in Heidelberg zurücklassen muss. Der Intendant, der ihn (nicht aus künstlerischen Gründen, sondern wie sich später herausstellt eher einer sexuellen Zuneigung wegen) engagierte, ist inzwischen verstorben. Das Maximum von Schoppes Sprechrolle liegt bei zwischenzeitlich fünf Sätzen. Durch seine Mischung aus naiven Erwartungen, Übermotivation, Ehrlichkeit und auch Besserwisserei schmilzt schnell die Zahl der Kollegen ("Schon damals verabscheute ich das Wort Kollege wie kein anderes") dahin, die überhaupt noch mit dem Jungschauspieler reden. Zu allem Überfluss beendet schließlich auch noch seine Freundin Ulla in einem Brief die Beziehung – zu Gunsten ihres Ex-Freundes.

Enttäuschte Liebe

Die tiefe Enttäuschung seiner Liebe zu Ulla ist natürlich auch Buselmeiers Beziehung zum Theater. In Wunsiedel wurde sie für immer enttäuscht, die Liebe zu dem Ereignis, dass doch eigentlich sein Leben verändern kann und sollte. Gleich beim ersten Ausflug in die Realität des Theaterbetriebs stößt er auf ignorante Intendanten, die längst alle Ideale begraben haben, auf Regisseure, die alles "Geistige" aufgegeben haben und nur noch maschinelle Fließband-Inszenierungen produzieren.

Und natürlich auf die Kollegen, "diese häufig unintelligenten, jedenfalls naiven und mangelhaft ausgebildeten Wesen, die sich ständig enorm wichtig nehmen und für kompetent halten, sogar in geistigen und moralischen Fragen, obwohl sie doch von der Welt des Geistes sternenweit entfernt sind." Nur über "das Großsprecherische in der Garderobe, das Maulheldentum in der Kantine, den gleichsam schweißtriefenden Stallgeruch der Beschränktheit in allen Theaterbereichen" kann sich der Erzähler bei einem sonst ruhigen, fast kargen Stil in wahre Tiraden ergehen.

Denn sachlich-nüchtern, fast wie ein Außenstehender behandelt Buselmeier das postalische Ende der Liebesbeziehung zur Freundin. Der Schock, die Einsamkeit, der Abgrund ist zwar da; aber erzählt durch einen vom Leben Gezeichneten, der inzwischen schon weiß, dass alles, was im Moment existentiell bedrohlich ist, früher oder später nichtig und klein erscheint.

Beitrag zur aktuellen Stadttheaterdebatte

Was das Theater angeht, so hat sich allerdings wenig relativiert. Bemerkenswert, wie sich die Fragen und Zweifel des jungen Schauspielers aus dem Jahr 1964 (!) wie ein Beitrag zur aktuellen Stadttheater-Debatte lesen lassen: Kann man in der sogenannten Provinz nur ungeistiges, gefälliges Unterhaltungstheater machen? Will man zugunsten voller Ränge dem Publikum nichts zumuten? Muss die Pragmatik immer über die jugendliche Utopie siegen? Während der Rückkehr nach Wunsiedel wird auf der Luisenburg unter der Intendanz Michael Lerchenbergs jedenfalls zur Eröffnung ein Musical gespielt.

Wie der Erzähler, so ist bei der Rückkehr auch die Stadt Wunsiedel älter geworden. Manche Gebäude abgerissen, der Bahnhof geschlossen. Die Luisenburg steht. Immer noch finden junge Talente genauso wie zerrüttelte Existenzen ihren Weg hier her. Und trotz Buselmeiers Roman werden die jungen Wunsiedler wieder große Augen machen, wenn die Schauspieler anreisen. Wie es den Umschwärmten dabei wirklich gehen kann, steht in Buselmeiers rührendem Theaterroman. Und noch viel mehr.

Michael Buselmeier
Wunsiedel: Ein Theaterroman
Wunderhorn Verlag 2011, 158 Seiten, 18,90 Euro

 

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