Es wird nicht mehr lange gut gehen

Für die Zeit (29.12.2011) hat Peter Kümmel ein langes Interview mit Andrea Breth geführt, die in Düsseldorf derzeit das "gigantisch gut geschriebene Stück""Marija" von Isaak Babel inszeniert. Ausgehend von der Frage, ob das Stück, das im russischen Bürgerkrieg von 1920 spielt, von unserer Zukunft handele, dreht sich das Gespräch nicht nur um Theater, sondern auch um Breths Wahrnehmung unserer Gesellschaft: "Marija" seit "deutlich ein Stück über die Zeit von 1920. Und dennoch hat es mit uns heute zu tun: Ich habe so ein merkwürdiges Gefühl bezüglich der Zeit, in der wir leben. Ich glaube, es wird nicht mehr lange so gut gehen. (...) Wenn Sie den Fernseher anschalten, sehen Sie, dass die Menschen überall in großer Zahl protestieren." Dabei möchte sie "keine Revolution in diesem Land erleben; ich möchte uns nicht erleben in einer solchen Notlage". Zwar seien die Deutschen "diesbezüglich immer ein bisschen zurückhaltender als andere Völker" gewesen. "Aber dass sich da was zusammenbraut, dessen bin ich mir ziemlich sicher. (...) Wenn das Geld weg ist, verändert sich der Mensch schlagartig. Ich fürchte, dass wir alle dann nicht mehr für unsere Humanität garantieren könnten. (...) Wenn ich nichts zu fressen habe, bleibe ich nicht zu Hause sitzen und warte, dass die Zeiten wieder besser werden." Beängstigend findet sie außerdem, dass wir alle die "Chipkartendespotie" (Kümmel) freiwillig mitmachen: "Wir geben unsere Kreditkarten überallhin. Und begeben uns in die Hand einer Macht, von der wir nicht wissen, in welche Richtung die umschlagen wird." Davor könne man sich auch nirgendwo mehr hin zurückziehen: "Die Orte des Rückzugs haben wir abgeschafft".

Wahres Handeln bedeute für sie unaufhörliche "Bewusstmachung. (...) Was das Theater vielleicht kann, ist, die Menschen im Hinhören zu schulen." Wiederum outet sich Breth als "strikter Gegner" von Stück-Dekonstruktionen, davon, "irgendwelche Eigeninterpretationen und Performancekram einzubauen, das geht mir wahnsinnig auf die Nerven, ich find’s auch albern". Vielmehr solle das Theater "die Menschen wieder zum Denken verführen – aber mit den großen Theatertexten. Es geht darum, das Gehör und den Blick zu schärfen, das politische Denken zu schulen. Das geht verloren durch diese ständige Verblödung." Im Theater gehe oft "das Allereinfachste schief: wenn Schauspieler sich auf der Bühne die Hand geben müssen. Ich hab das nur ein Mal gut gesehen, ein einziges Mal. Das war bei Yoshi Oida". Oder wenn "Schauspieler zu nah beieinanderstehen und aus nächster Nähe miteinander sprechen, sich so anatmen – das macht doch keiner in Wirklichkeit." So etwas mache sie "völlig irrsinnig". Was auf dem Theater viel zu selten geboten werde, sei "die Verwandlung. Der Mensch verändert sich ständig, in jeder Situation." Außerdem lasse die "Artikulationsfähigkeit" mancher Schauspieler zu wünschen übrig; "viele können kaum noch sprechen. Das ist ein Albtraum, ein Genuschel und Gemache und Getue. (...) Das kommt oft daher, dass ein Satz nicht wirklich geistig durchdrungen wird. (...) Ich glaube bis zur Ohnmacht, dass man die Sprache verteidigen muss! Wenn ich diesen Glauben verliere, muss ich kein Theater mehr machen".

Ihre Lust am Regieführen habe sie früh entdeckt, "mit 14". "Wenn in der Schule Theater gespielt wurde, war mir immer ziemlich klar, dass ich das inszeniere. Ich habe mich aber nie gefragt, ob ich Autorität habe. Ich sehe einfach wahnsinnig gerne Schauspielern zu, ich gehe irrsinnig gerne auf Proben. Das Wunderbare ist ja, wir dürfen alles, es ist ein großes Spiel, und wir werden nicht bestraft. Das Tolle ist, dass man in jeder Inszenierung wieder was lernt." Dabei spiele sie niemals etwas vor, sondern stelle dem Schauspieler "unendlich viele Fragen" über seine Figur, deren Antworten man alle "aus dem Text rausholen" könne. Dabei dürften Figur und Schauspieler nie vermischt werden, "das wird sonst furchtbar".

Am Ende kommt Kümmel auch noch auf Breths "Phase der Depression" zu sprechen, die Breth als eine Zeit beschreibt, in der man glaubt: "Die anderen sind fremd. Denn die sind ja krank." Überhaupt sei die Krankheit "für die anderen viel schlimmer als für den Kranken selber".

(ape)

 
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