altDer Zauberberg der dicken Kinder

von André Mumot

Hannover, 8. Januar 2012. Hoch oben in den Bergen, jenseits der Baumgrenze, befindet sich das Kurhaus, in dem der Nachwuchs abspecken soll. Und hoch aufgebockt ist auch die kahle Bühne. Der Neue, Leo, muss sie, samt schwerem Koffer, mühevoll erklimmen. Philippe Goos trägt, wie seine Kollegen, einen gewaltigen Fat-Suit, künstlich pralle Haut voller Falten und Dehnungsstreifen, eingezwängt in zu enge Hosen, dazu plumpe Knie- und Ellbogenschoner. Er hat also zu kämpfen.

Verbissen strampelt er, müht sich ab in komödiantischer Pein und stolziert schließlich mit der hochmütigen Würde des verlassenen Elfjährigen zum Münztelefon. Ruft die Mutter an, die ihn wieder abholen soll. Er will nicht bleiben, muss aber. Am Ende, als er sich eingestehen muss, dass er ersetzt worden ist durch Seymour, durch einen schlanken, schönen, klugen Jungen, der jetzt in seinem Zimmer wohnt, ruft er sogar die Bundeskanzlerin an: "Dinge geschehen hier, die sind keinem Kind zuzumuten, und nun wollte ich Sie untertänigst bitten, ob Sie nicht vielleicht einmal bei meinen Eltern klingeln könnten …"

"Das ist alles sehr 20. Jahrhundert"

Beim letzten Stückemarkt des Berliner Theatertreffens hatte Anne Lepper einen Werkauftrag gewonnen und sich nun für das Schauspiel Hannover eine grandios-finstere Fabel ausgedacht: Vier übergewichtige Kinder hausen, abgeschoben und einsam, in einem geisterhaften Sanatorium. Sie absolvieren wirkungslose Exerzitien, warten auf die Generaluntersuchung eines ominösen Doktor Bärfuß, der in altvertrauter Godot-Manier nie erscheint, und himmeln ihr Ideal an: Den womöglich längst gestorbenen Morphinisten Sebastian (Wesley D’Alessandro), der ausgemergelt auf dem Gemeinschaftsdiwan liegt und manchmal balletttanzend zum Leben erwacht. Ein knöchernes goldenes Kalb, eine bizarr selbtverliebte, lasziv-seelenlose Verkörperung des konsequent zu Ende gedachten Optimierungswahns.

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Dick, aber nicht glücklich: Philippe Goos, Daniel Breitfelder, Wesley D'Alessandro in Anne Leppers "Seymour" © Isabel Machado Rios

Die morbid aus der Ferne kommende Fin de siècle-Stimmung ist kein Zufall: "Das ist alles sehr 20. Jahrhundert", sagt Leo einmal, "das halt ich schwerlich aus." Anne Lepper selbst gibt den "Zauberberg" als Inspirationsquelle an. Und, wie sich im Programmheft erfahren lässt, hat die Autorin allerhand Intertexte aus dem "Herrn der Fliegen", aus Jüngers "Marmorklippen", aus Fichtes "Versuch über die Pubertät" in ihr dichtes Gewebe aufgenommen. Man stolpert beim Zuhören hin und wieder über diese Stellen, über theoretische Auslassungen, Slavoj Žižek-Zitate, vor allem über hochtrabende Hinweise darauf, dass diese aus der Zeit gefallene Liegekur-Geschichte unsere Gegenwart zum Gleichnis macht: "Der Mensch lebt nämlich nicht nur sein eigenes Leben, sondern auch das seiner Epoche und Zeitgenossenschaft", heißt es da.

Ein schmerzliches Frühlingserwachen

Es mag stimmen, ist aber erst einmal gar nicht so entscheidend. Eine Wohltat ist es, dass Anne Lepper nicht nur auf popkulturelle Albernheiten größtenteils verzichtet (einmal wird sehr verfremdet Heintjes "Mama" angestimmt), sondern vor allem, dass die Figuren ihre eigenen Geschichten entfalten können, dass sie zu bestürzend glaubhaften Gestalten werden, deren verzweifelte Interaktionen man so schnell nicht vergessen wird. Regisseurin Claudia Bauer lässt die Schauspieler in ihren voluminösen Kostümkörpern ein schmerzlich scheues Frühlingserwachen erleben, inszeniert mit nachhakender Genauigkeit und auffallend leisem Humor adipöse Kindertragödien ohne Hoffnung.

Eine schlichtweg atemberaubende Leistung liefert dabei Daniel Breitfelder ab, dessen Oskar sich trotz schwer hängendem Bauch elegant federnd über die Szene bewegt. Er feixt, verdrückt heimlich Salamibrote und Kuchen und buhlt linkisch um den nicht weniger schwergewichtigen Max (Martin Vischer), reckt sich, versucht ihn zu küssen, sich an ihm festzuhalten. In einer Szene, die man in ihrer todtraurigen Brutalität kaum mitansehen kann, weist dieser ihn ab: "Niemals würde ich mich in einen verlieben, der so dick ist wie du, verstanden? Wie ekelhaft fett du bist, was für ein ekelhaft fettes Schwein." Und während Daniel Breitfelder vorne sitzt und weint, geht Martin Vischer nach hinten und erhängt sich, indem er sich – was für ein schönes, einfaches, furchtbares Bild – einen Luftballon um den Hals legt und ihn zersticht.

Verstoßen, verlassen, ausgetauscht

Anne Leppers "Seymour", für Hannover geschrieben und in Hannover mit dunkler Wucht als pubertäres Schauermelodram inszeniert, polemisiert gegen die Fit-For-Fun-Ausgrenzungswelt, gegen die haltlos ehrgeizige Verbesserungsgesellschaft. Vor allem aber ist es ein Stück über unsere tiefsitzende Panik davor, nicht zu genügen – verstoßen, verlassen, ausgetauscht zu werden wie die Kinder, in deren Zimmern am Ende allesamt kluge, schlanke, hübsche Substitute leben und die nicht ins Flachland zurückkehren dürfen. Die Angst der dicken Kinder dieser Bühne ist existentiell, genau wie ihr Wunsch, trotz allem dazuzugehören, normal und austauschbar zu sein.

Das alles wirkt so stark, weil es in uns ist. Der Nerv ist getroffen, der Epochen-Befund alles andere als erfreulich, außerdem kein helfender Arzt in Sicht. Und die Bundeskanzlerin geht vermutlich schon lange nicht mehr ans Telefon.

 

Seymour oder Ich bin nur aus Versehen hier (UA)
von Anne Lepper
Regie: Claudia Bauer, Bühne und Kostüme: Andreas Auerbach, Musik und musikalische Leitung: Peer Baierlein, Choreografie: Wesley D’Alessandro, Dramaturgie: Volker Bürger.
Mit: Philippe Goos, Sandro Tajouri, Emma Rönnebeck, Martin Vischer, Daniel Breitfelder, Wesley D’Alessandro.

www.schauspielhannover.de

 

Mehr über die 1978 geborene Dramatikerin Anne Lepper im Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Anders als die vordergründige Geschichte es vermuten lasse, sei "Seymour" kein in erster Linie moralisches Stück, schreibt Stefan Arndt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (10.1.2012). Für eine ernsthafte Bestandsaufnahme sei das Ganze viel zu grotesk. Die Handlung trete zudem hinter der "anziehend dunklen Sprache" der Autorin zurück. Der Text sei oft ein großer, vieldeutiger Wortstrom – und stelle damit wieder einen Bezug her: Autoren wie Heiner Müller hätten sich einer solchen strahlend undeutlichen Sprache bedient. "'Seymour' ist auch der Abgesang einer Epoche, die wir Gegenwart zu nennen noch gewohnt sind." In ihrer Inszenierung übertreibe Claudia Bauer die Übertreibungen der Vorlage – was die Schaupieler "spürbar" fordere.

In der Neuen Presse (10.1.2012) beschreibt Evelyn Beyer Anne Lepper Stück als "aberwitziges Pubertätsdrama in dichter, assoziativer Sprache". Angst, Sehnsucht, Sex, Tod elementare Szenen seien dabei, alle Darsteller hätten starke Momente. Am intensivsten sei Claudia Bauers Inszenierung da, wo sie ruhiger werde. Doch letztlich zermürbe Bauers Regiekonzept eher, als dass es beklemme oder berühre. "Wo Lepper die Groteske mit scharfem Strich gezeichnet hat, schüttet Regisseurin Claudia Bauer sie mit Kübeln aus." Das plätte viele Zwischentöne des Stücks – dass es sich dennoch behaupte, spreche für seine Qualität.

Bauer mache aus Leppers Assoziationen, die die Autorin "in einer eher minimalen Sprache mit eingeschobenen Zitatfetzen erwirkt, ein krachendes Spektakel", bemerkt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (12.1.2012). Vier abgerissene Michelin-Männchen und eine ebenso aufgepolsterte Frau verweigerten Normalität auf sehr unterhaltsame Weise: "Sie turnen und tanzen, hoffen und heulen in einer schweißtreibenden Gymnastik, die Körper wie Mimik gleichermaßen erfasst." Statt Trägheit des Fetts beherrsche diese Riesenkinder die agile Leidenschaft ihrer Träume. "Doch überdeckt die Derbheit der Mittel nicht die Melancholie des Leidens, sondern stellt die Balance her zwischen Realitätsbezug und Karikatur. Horror muss kein Kind von Traurigkeit sein."

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