altTraumsplitter in der Glaubwürdigkeitsmaschinerie

von Nikolaus Merck

Berlin, 20. Januar 2012. Illyrien war einmal. Im Deutschen Theater steht, wo Jean-Paul Sartre Jugoslawien meinte, ein Labor. Von Florian Lösche aus grauen, allseitig drehbaren Wänden gebaut, wie neulich in Hamburg das Spanien aus Lederwänden für Jette Steckels Don Carlos.

Das Labor ist ein Labyrinth oder ein Konferenzraum, Schlafzimmer oder Karussell. Wie eine Wischblende im Film, schaufelt es Personen beiseite und öffnet neue Schauplätze. Und bleibt doch immer ein Labor, ein Mausoleum, in dem Jette Steckel alte Konflikte wiederbelebt. Und uns zur Besichtigung frei gibt. Denn vor dem Grau der Laborwände und dem Neonlicht von oben treten die Figuren und ihre Konflikte umso deutlicher hervor.

In den Köpfen Lüge, an den Händen Blut

Hoederer, der kommunistische Parteiführer, der mit Faschisten und Liberalen ein Zweckbündnis schließen will, um den Krieg und die deutsche Okkupation heil zu überstehen und am Ende die Macht zu ernten. Hugo, der Intellektuelle, der an die reine Lehre, sprich die Diktatur der Partei glaubt, und den die Parteiopposition ausgeschickt hat, um Hoederer zu beseitigen. Jessica, Hugos kesse Frau, die den Zögerlichen zur Tat, egal welcher, bewegen will und sei es, dass er dem Auftrag entsagt und sich auf Hoederers Seite schlüge.

schmutzige haende 560 arnodeclair hSchießen oder Nichtschießen? Ulrich Matthes und Ole Lagerpusch      © Arno Declair

Wir würden diesen Figuren zuschauen und würden vielleicht auch staunen können über ihre Auseinandersetzungen wie tief man die Hände in Blut und die Köpfe in die Lüge tauchen darf, wenn Jette Steckel nicht wie ein amerikano-russischer Monumentalfilmer jede Szene mit gefühlsschwellenden Gustostückerln wie Pergolesis "Stabat Mater" oder dem "Air" von Bach unterlegte. Natürlich, man kann diese affektleitende Strategie auch als gegenläufig zur Glaubwürdigkeitsmaschinerie des Spiels verstehen. Denn Steckel nimmt die Figuren, die Sartre aus finsterster Kolportage geborgen hat, nicht leicht, sie nimmt sie ernst. Bitter ernst.

Ideologen und andere Selbstsicherheitsakrobaten

So muss Maren Eggert als obernüchterne Parteidienerin Olga, bei Sartre sozusagen allzeit bereit sich auf das vorm Haus wartende Motorrad zu werfen, ihre Entschlossenheit die politische Linie zu bewahren, durch schamhaft ausgestellte, aber eben ausgestellte Herzensneigungen für Hugo unterlaufen. Muss Ole Lagerpusch als Hugo, mit grotesk unter die Brust hoch gezogener Hose und ordentlich aus dem Pullover lugenden Hemdkragen angetan, die Kränkungen und Verletzungen des Kindes aus bürgerlich heuchlerischer Familie durch heftiges Schwitzen und neurotisches Augenzwinkern beglaubigen. Während Ulrich Matthes den Hoederer als coolen, eigentlich warmherzigen, jedenfalls aber immer mit sich und seinen Handlungen und Ideen identischen Selbstsicherheitsakrobaten vorführt.

Kein Bruch, keine Distanz, die diese Figuren in Widersprüche mit sich selbst verwickelte. Wären da nicht hin und wieder kleine Traumsplitter, die an deutsche Kunstfilme der 70er Jahre erinnern, und eben die Musik, die einerseits Zuschauergefühle hervor zwingt, andererseits aber die abrollende Handlung derartig kräftig schaumbalsamiert, als handele es sich dabei vielleicht doch um großes Kino.

Schlüsselloch in die postideologische Jetzt-Zeit

Und: wäre da nicht Katharina Marie Schubert. Die ist als Jessica eine pure Wucht. Und von einem anderen, einem sehr heutigen Stern. Denn Jessica, die, wenn sie keinen Text hat, regelmäßig am Rand der Szene als Beobachterin hingebaut wird, bildet in Wirklichkeit eine Art menschliches Schlüsselloch, einen Filter, durch den wir Zuschauer die Szene betrachten. Egal ob im Dreißiger-Jahre-Sportdress mit riesigen Muppetshow-Baseball-Handschuhen oder in Unterwäsche, Jessica ist verkörperte postideologische Jetzt-Zeit. Für sie sind die rhetorischen Kämpfe um die moralisch richtige oder die zweckmäßige Politik immer bloß Jungskram. So muss es auch Jessicas Einfall gewesen sein, gegen Ende auf die Laborwände sämtliche Ismen von Terrorismus, Kapitalismus, Kommunismus, über Egoismus, Marxismus bis zu Dogmatismus, Humanismus zu projizieren, als handele es sich bei wirtschaftlichen Organisationsformen, Charaktereigenschaften und analytischen Theoremen um die immer gleiche geistige Verwirrtheit.

Nein, Jessica, die hörbar aus Helmut-Schmidt-Land stammt, wo Ideologien und Utopien als Krankheiten behandelt werden müssen, schert sich nicht um derlei dumm Zeuch', zwischen all der rhetorischen Revoluzzerei treibt sie in aller Seelenruhe Scherze, versteckt Revolver im Dekolleté, spielt Akkordeon oder verführt Hoederer, was zuletzt auch Hugo derart in Rage bringt, dass er endlich Hoederer meuchelt. Und hernach, als er erfährt, dass die Partei nach Hoederers Ableben auf dessen Volksfront-Linie eingeschwenkt ist, schießt er auch gleich sich selbst, Pfannkuchen mampfend, zu Tode.

Hintertür ins Freie

Bedauerlicherweise hat am Ende auch diese Jessica nicht die Kraft, die Geschichte zu kidnappen und auf eigene Rechnung zu Ende zu führen. Eine Geschichte, die Steckel mit all ihrer Versiertheit unbedingt erzählen will, allerdings so, dass man unterwegs nicht mehr genau weiß, handelt es sich hier um Parteikämpfe bei Kommunistens oder die Machenschaften rivalisierender Versicherungs-Manager. Jessica bleibt im Plot verstrickt, in dem sie ihre Rolle zu erfüllen hat. Aber immerhin, sie erlaubt dem von der Glaubwürdigkeitshuberei und dem tosenden Applaus irritierten Beobachter einen anderen Blick auf das Geschehen. Das öffnet in der neuen Übersichtlichkeit, mit der sich Regisseure wie Steckel oder auch Roger Vontobel den alten Stoffen nähern, zumindest eine Hintertür, die ins Freie führt.

 

Die schmutzigen Hände
von Jean-Paul Sartre
Übersetzung von Eva Groepler
Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Pauline Hüners, Video: Ayca Nina Zuch, Musik: Mark Badur, Dramaturgie: Anika Steinhoff, Licht: Matthias Vogel.
Mit: Ulrich Matthes, Ole Lagerpusch, Katharina Marie Schubert, Maren Eggert, Bernd Moss, Moritz Grove.

www.deutschestheater.de

 

Alles über Jette Steckel auf nachtkritik.de im Lexikon.

 
Kritikenrundschau

Um Sehnsüchte nach Gemeinschaft geht es für Peter Laudenbach in einer Doppelbesprechung in der Süddeutschen Zeitung (30.1.2012). Dass der zentrale Konflikt zugunsten eines "boulevardesken Beziehungsgezickes" an den Rand gedrängt werde, sei zumindest ehrlich. Spätestens wenn der Abend ins unfreiwillig Komische abrutsche werde aber deutlich, dass man einen Grund für die Reanimierung dieses "abgelebten Dramas" vergebens suche.

Einleuchtend, aber auch nicht wirklich überraschend ist für Christine Wahl vom Tagesspiegel (22.1.2012), dass in "utopiearmen Zeiten" mit Jessica die "ideologieunverdächtigste Figur" des Sartre-Stückes zur heutigsten Erscheinung erklärt werde. Die übrigen Figuren und ihre Anliegen seien weniger klar verortet: Denn "'Wir kämpfen für' – die programmatische Leerstelle findet sich sozusagen auf der Inszenierungsebene wieder." Da in dieser Inszenierung nun aber "fast alle Zeichen auf Zeitlosigkeit" stünden, triumphiert in den Augen der Kritikerin Ulrich Matthes, der seinem Hoederer die "epochenübergreifende Strahlkraft des Machers" verleihe und das "Switching zwischen Tragödie, Ironie und tieferer Bedeutung subtil beherrscht und souverän Zeitlosigkeitsbehauptungen ausfüllen kann".

Einen "Hang zu Stoffen mit großem sozialrevolutionärem Drang bei gleichzeitig minimaler revolutionärer Ausbeute" macht Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (23.1.2012) in Jette Steckels bisherigem Oeuvre aus. Auch dieser Abend kreise um die Frage: "Wie wird aus Denken Tun?" Steckel mache "aus dem politischen Gedankenduell" zwischen Hoederer und Hugo "ein halbironisches Generationenabrechnungsspiel, für das sie sich und uns die weinerlich verzerrte Brille dieses Hugo aufsetzt". So würden alle Widersprüche des Stückes im "neurotischen Hugotheater" versinken, wofür auch Ole Lagerpuch, der in seiner Rolle Hugos "nur Psychopath bleibt", verantwortlich gemacht wird.

Steckel habe Sartres Stück "gut gestrafft" und mit "tollem" Bühnenbild und Lichtdesign "selbstbewusst" inszeniert, lobt Andrea Gerk in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (21.0.2012, hier zum Nachhören) diese Inszenierung. Was wie ein "Thesenabend" beginne, entwickele schnell eine "unglaubliche Dynamik". Sartres Stück erlaube in heute selten gewordener Weise, über "Grundfragen im öffentlichen Handeln" nachzudenken. Der politische Realist Hoederer sei dabei das "gedankliche Zugpferd" und werde von Ulrich Matthes "vielschichtig verkörpert". Lagerpuschs Hugo wiederum sei ein "Hamlet-Typ", dem "politisches Handeln völlig fremd" geworden ist. Sein Leben scheine ein einziges "Spielen" geworden zu sein. Herausgehoben wird von der Kritikerin auch Schuberts Figur Jessica. Alle drei seien "Sympathieträger gewesen", was das Stück "nochmals vielschichtiger" gemacht habe, weil es dadurch "keine eindeutige Stellungnahme" gegeben habe.

Ein "Prüfstein" für Regisseure ersten Rangs sei dieser Sartre-Text und die "unaufhaltsam in die erste Liga drängende Jette Steckel" habe sich daran bewährt, findet Matthias Heine in der Welt (25.1.2011). Ulrich Matthes zeige Hoederer "als verführerisch lässige Betriebsstörung in der roten Mordmaschine", Lagerpuschs Hugo sei einer, "der wie so viele Bürgerjünglinge des 20. Jahrhunderts eigentlich nur ungestört aus dem Bannkreis des reaktionären leiblichen Vaters in die Arme des roten Übervaters Stalin flüchten will". In den Dialogen der beiden entwickele Steckels "relativ textfromm" gespielte "Aufführung, die zunächst ein bisschen poptheater-putzig beginnt, allmählich eine große Ernsthaftigkeit." Wobei die Frauen, die "eigentlichen Bewegerinnen der Handlung" seien: Olga (Maren Eggert) und Jessica, die Katharina Schubert "anbetungswürdig als ein Wesen wie aus einem Godard-Film der 60er-Jahre" spiele. Jessica locke Hugo "aus seinem revolutionären Zölibat", wodurch dessen "emotional ladegehemmte Pistole zum eindeutigen Phallussymbol" werde. Sartre sei eben auch ein Freud-Kenner gewesen. In dieser Aufführung "strahle" er als Dramatiker "lebendiger denn je".

Wer heute ein Stück wie Jean-Paul Sartres "Die schmutzigen Hände" inszeniere, müsse sich seiner Sache schon sehr sicher sein, schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (26.1.2012). "Denn die politischen Konflikte, die Sartre 1948 verhandelte, erscheinen inzwischen als vergangen." Nach wie vor interessant seien aber die allgemeinen Debatten über Politik und deren menschlich-moralische Begleitumstände, über die Macht und ihren Preis. Im Deutschen Theater Berlin zeige Jette Steckel dieses potentielle Stück der Stunde indes höchstens als Stückchen – weder der Stunde noch der Stündchen. "Mehr der selbstgenügsamen Regiezuckerbäckerei: süß, niedlich, plunderig." Sartres diskursive Passagen über den richtigen Weg würden wohl ausgiebig rezitiert, seien allerdings für das Konzept der Inszenierung von marginaler Bedeutung. "An ihrer Stelle werden die privaten Verhältnisse mit reichlich routiniertem Regie-Schnickschnack und aufgeputztem Dekorationstrallala in den Vordergrund gerückt." Allein die "abgeklärt kunstvolle Rollengestaltung" von Ulrich Matthes sorge für die intensiven Szenen des Abends – und betone ungewollt, "wie läppisch der Rest dieser Inszenierung ist."

Von Florian Lösches Bühne würden die Spieler gehetzt und entwertet zugleich, schreibt Peter Kümmel in der Zeit (26.1.2012). "Alles riecht nach Kolportage. Allein Ulrich Matthes bewahrt sein Format." Matthes' Hoederer habe eine gewisse Wesensnähe zu dem Marquis von Posa, den Jens Harzer in Steckels Carlos gespielt habe. Wie auch der Don Carlos sei "Schmutzige Hände" ein Wirrsal aus Liebes- und Machtintrigen. Jedoch: Bei Jette Steckel gelinge weder die Behauptung des Liebes- noch des Machtkampfes. Es fehlten die Gegenspieler für Hoederer. Besonders Hugo, der schon bei Sartre kein gleichwertiger Gegner sei, tauge in der Obhut "des aufs schwitzend Nervöse und Neurotische beschränkten" Ole Lagerpusch nicht dazu. "Sein Gesichtsausdruck erinnert an einen harten Jungen, der sich das Heulen verkneifen muss, und seine Körperspannung ist die eines Mannes, dem die Weltgeschichte keine Zeit zum Austreten lässt: Er muss ja erst einen Mord begehen."

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Schmutzige Hände, Berlin: eindimensional gestricktProspero 2012-01-21 20:07
Im Gegensatz zum Rezensenten habe ic einen Abend gesehen,der sich um das Poiltisch-Ideologischee, um die Inhalte Sartres, den menschlichen Kampf zwischen Pragmatismus und Ideal, Weltverbesserung und Humanismus kaum schert. Steckel interessiert das Theatralische an der Politik, bei ihr wird aus all den Intrigen und Kämpfen, aus Revolution und praktischer Politik nichts als Theater. Die politische Inszenierung wird bis ins Detail seziert und weitergetrieben, bis alles nur noch Theater ist. Das ist weitgehend stimmig, hinterlässt aber ein etwas schales Gefühl der Leere. Im Mittelpunkt scheint hier das Schauspielduell zwischen Matthes und Lagerpusch zu stehen, das der Jüngere, gemessen am Applaus, knapp für sich entscheide kann. Sartre als Anlass für ein Um-die-Wette-Spielen? Wenigstens das ist originell, an diesem Abend, der im rahmen seiner Konzeption sehr wohl funktioniert, aber dann eben doch etwas eindimensional gestrickt ist.

Komplette Kritik: stagescreen.wordpress.com
#2 Schmutzige Hände, Berlin: gut gelungenmina53 2012-01-28 16:28
Ob eine flankierende Mickey-Maus Sentenz (zumindest teilweise!) Stares "Vorstellung" wirklich gerecht wird, Zweifel seien erlaubt.
Der Diskurs zur Zeit - ob heute oder gestern- scheint doch sehr verhalten.
Aber: Jung ( Lagerpusch) trifft auf ( sorry: Alt) Matthes gut gelungen !!!!! Bühnenbild großartig.
#3 Schmutzige Hände, DT: Politik und ÄsthetikInga 2012-02-18 16:34
Auch ich habe diese Inszenierung so wahrgenommen, dass es hier um die Inszenierung von Wirklichkeit geht. Aber das heisst für mich nicht, dass jetzt alles zum Theater wird. Vielmehr geht es einerseits um die Ästhetik der Politik und andererseits um die Politik der Ästhetik, welche aber eben nicht in einer einzigen Realität gründen. Denn nur auf der Theaterbühne kann das, was ausserhalb dieser Bühne dem Strafrecht unterliegen würde, experimentell durchgespielt werden.

Dieses Spiel erscheint mir hier hauptsächlich bezogen auf die Generationenfrage. Was für die Elterngeneration noch die Verbindung von Wort und Tat bzw. politische Überzeugung im Sinne einer Haltung war (Hoederer), mutiert in der jüngeren Generation höchstens noch zu einer künstlichen und oberflächlichen Nachahmung der Revoluzzerposen ihrer Sponti-Eltern (Jessica und Hugo).

Jessica (Katharina Marie Schubert) scheint völlig unpolitisch zu sein, sie wechselt ihre Überzeugungen so schnell wie ihre Klamotten. Sie folgt der Ideologie des freien Marktes: Ich shoppe, also bin ich. Ich lege zwar viel Wert auf meine äußere Erscheinung, aber ich kann noch nicht einmal mich selbst überzeugen. Sie benutzt die Männer (Hugo) und wird von ihnen benutzt (Hoederer), ohne sie wirklich zu lieben.

Hugo (Ole Lagerpusch) erscheint tatsächlich als "tragischer Held", wie er es auch selbst einmal formuliert und was durch die erhabene Musik noch einmal fett illustrierend überhöht wird. Das ist ganz großes Kino, das ist die Projektion des in wohl jedem (jungen) Menschen verborgenen Wunsch nach Veränderung - Revolution! Doch im Verlauf der Inszenierung wird offenbar, dass es auch Hugo im Grunde weniger um die Sache geht, als vielmehr um die Anerkennung durch Jessica bzw. durch seinen "Ersatzvater" Hoederer.

Hoederer (Ulrich Matthes) erscheint als die Sorte Politiker, welche, einmal an die Macht gekommen, ihre früheren Überzeugungen und Ideen vergessen. Mit seinem blauen Unterhemd/Sporttrikot erinnert Hoederer ein wenig an Joschka Fischer, welcher auch im Programmheft im Hinblick auf den politischen Kompromiss zitiert wird oder: Vom Fundi zum Realo - "der lange Lauf zu mir selbst". In der Gegenüberstellung mit Hugo erscheint er als sympathisch, weil er Menschen nicht bloß als Mittel zum künftigen Zweck der Errichtung einer neuen Gesellschaft betrachtet, sondern auf das Leben im Hier und Jetzt fokussiert.
In der Begegnung mit den Machtpolitikern, dem Prinzen und Karsky, dagegen erscheint Hoederer als kalter Kompromissler, für welchen das eigene Weiterkommen als Politiker mehr zählt als der Kontakt zur politischen Basis. Hier offenbart sich, dass die von Hugo angestrebte Gleichwertigkeit eines jeden Menschen im Kontext einer von persönlichen bzw. ökonomischen Machtinteressen korrumpierten Politik nur scheitern kann.

Olga erscheint im Grunde als realistischste Figur, weil sie - im Gegensatz zu Jessica - eine argumentativ begründete politische Überzeugung hat, diese aber auch in einem veränderten Kontext leben kann, ohne wie Hugo daran zugrundezugehen, dass Politik nicht ohne Verhandlungsbereitschaft auskommen kann.

Am Ende bleibt die Frage: In welcher Form können Kunst und Politik vermittelt werden, um der politischen Veränderung neue Impulse zu geben? Jette Steckel transformiert die Ästhetik des Widerstands in eine Art surrealen Traum, welcher zu Beginn und am Ende durch das Öffnen und Schließen des Eisernen Vorhangs gerahmt wird, vor dem zu Beginn Jessica und Hugo nach dessen Entlassung aus dem Gefängnis und am Ende Jessica allein steht. Dadurch wird der Widerspruch produktiv gemacht, dass man auf der (politischen) Bühne für seine Ideale morden und sterben kann, dass das Leben aber weitergeht und also vor allem in der Verantwortung jedes einzelnen Zuschauers als politischem Bürger liegt. Es gilt: "Nicht die Kunst ist politisch, sondern sie treibt neue Einsatzräume des Politischen hervor." (Jacques Rancière, "Ist Kunst widerständig") - Bloß, warum dann ein Zitat von Joschka Fischer im Programmheft? Als Denkanregung oder als politische Positionierung der Theatermacher?
#4 Die schmutzigen Hände, Berlin: viel Rumironisiereich 2012-02-23 02:20
dieses ewige ironisieren auf der bühne nervt mich nur noch. ich habe ganz viel rumgeironisiere gesehen (vor allem bei der so hochgelobten schubert), sinnlos platzierte musik gehört und einzig bei den szenen zwischen lagerpusch und matthes war ich dran... naja.
#5 Schmutzige Hände, Berlin: im Kontext der Agenda 2010Inga 2012-02-23 16:50
@ ich/du: Auch ich habe mich gefragt, ob die hier verwendete Ironie ein Mittel ist, um die mögliche Entpolitisierung der heutigen jungen Generation zu diskutieren - Stichwort: Facebook-Persönlichkeit, Definition des Ichs über den Bewusstseinsanteil von (Mode-)Marken, Identifikation mit Fernseh-, Fussball- und Filmstars als Werbeträger usw. - oder ob das rein affirmativ gemeint ist.

Als schwierig empfand ich in diesem Zusammenhang auch, dass die Frage der existenziellen Lebensbedingungen der Personenschützer Slick und Georges durch die groteske Ironisierung vom Publikum (zumindest in meiner Beobachtung der Reihe vor mir, u.a. eine Dame mit Opernglas) einfach "weggelacht" wurde, ohne in die Dialektik von Kapital und Arbeit und daraus resultierender Widersprüche vertiefter einzusteigen. Mir stellte sich die Frage, ob die Darstellung hier nicht allzu schnell ins Lächerliche kippt und damit eine Haltung des Zuschauers befördert, welche die wachsende Kluft zwischen arm und reich ignoriert, indem er/sie sozial Benachteiligte als Verlierer abstempelt, die einfach zu blöd sind und/oder sich nicht genügend angestrengt haben. Siehe dazu auch Hoederers Aussage, welcher rhetorisch von "Leistung" und "jeder solle das tun, was er am Besten könne" spricht, ohne mitzureflektieren, dass es im Kontext der Agenda 2010 und der Hartz-Reformen mitnichten darum geht, was einer am Besten KANN, sondern vielmehr, welche Arbeit er tun MUSS, um nicht aus dem sozialen Netz zu fallen. Kann man Politik machen, ohne sich die Hände schmutzig zu machen? Anders formuliert: Kann man eine Form der Imagepolitik mit weisser Weste inszenieren und darunter dreckige Geschäfte machen?
#6 Schmutzige Hände, Berlin: Ticket zurück in die ZukunftInga 2012-02-29 03:32
Noch eine Verständnisfrage: War es wirklich so, dass Hugo hier zu Beginn wie Guttenberg von seiner zusammenkopierten Doktorarbeit spricht? Wenn ja, heisst das, dass Politiker inzwischen austauschbar geworden sind bzw. sich selbst aus dem Politikbetrieb austauschen/zurückziehen, sobald sie sich nicht mehr als "Saubermann" (bei Guttenberg kam die Kundus-Affäre dazwischen) inszenieren können? Heisst das, dass die Macht heute Leuten überlassen wird, die ausdrücklich auf deren Ausübung verzichtet haben und nichts Politisches mehr an sich haben? Heisst das, dass sich diese Leute früher oder später als ungeeignet für das schmutzige Geschäft der Politik erklären? Sie halten also, wie Hugo, an der reinen Idee fest. Dazu schreibt Jean Baudrillard in "Laßt euch nicht verführen!":

"Die neue Macht möchte sich gern ein kulturelles und intellektuelles Image geben. Sie will nicht mehr als zynische historische Macht auftreten, sondern vielmehr die Inkarnation der Werte repräsentieren. Nachdem sie ihr politisches Wesen verraten hat, möchte sie nun, daß die Intellektuellen ihrerseits dasselbe tun. Die Intellektuellen sollen also Partei ergreifen für die Versöhnung von Theorie und Praxis und somit die Doppeldeutigkeit der Begriffe vergessen, und zwar so ähnlich, wie die neue Macht ihrerseits die Doppeldeutigkeit des Politischen abgelegt hat. [...] dieser Sozialismus stellt lediglich das Simulakrum einer Alternative dar - er ist kein besonderes Ereignis, sondern die posthume Verkörperung einer überholten Ideologie. Er nimmt die Form eines Modells statt eines Mythos oder gar einer Geschichte an - illusionslos bezüglich seiner ursprünglichenn Stärke nimmt er jedoch einfach Glaubwürdigkeit in Anspruch. Dieser Sozialismus macht sich keine Illusionen über die ihn begründende politische Leidenschaft, bietet sich jedoch als Pathos, als moralisches und historisches Artefakt an."

Wird also die Politik zunehmend durch das alle und alles beherrschende Gespenst des Kapitals verdrängt? Dieser Zug muss aufgehalten werden. Ein Ticket zurück in die Zukunft, bitte!
#7 Die schmutzigen Hände, Berlin: nicht überraschendK.K. 2015-09-27 13:50
1948, unter dem noch frischen Eindruck der Kollaboration des Vichy-Regimes mit den Nazis und angesichts der Moskau-hörigen Regierungen, die in Mittel-und Osteuropa eingesetzt wurden, schrieb Sartre ein Stück, das damals von der sogenannten bürgerlichen Presse in Frankreich gefeiert wurde.

In Die schmutzigen Hände beschreibt der Vordenker der existenzialistischen Philosophie das Schicksal von Hugo, der aus wohlhabendem Haus stammt und sich der kommunistischen Partei als Zeitungsredakteur anschließt. Ihn drängt es weg vom Schreibtisch, hin zur Tat. Von den Kadern seiner Partei erhält er schließlich den Auftrag, den Parteichef Hoederer zu liquidieren. Ihm wird von seinen Parteifreunden unterstellt, heimlich einen Pakt mit den Nazis schmieden zu wollen.

Ole Lagerpusch gibt den jungen Hugo mit nervösen Ticks und lebenslustiger Frau (Katharina Marie Schubert), die das von bedrückenden grauen Betonquadern hermetisch abgeschirmte Anwesen Hoederers mit ihrer Mischung aus Naivität und Laszivität aufmischt. Hugo ringt mit sich, die charismatische Ausstrahlung von Hoederer (Uli Matthes) zieht in in ihren Bann und er ist unfähig, seinen Auftrag auszuführen. Bis er ihn letztlich doch ausführt, allerdings aus Eifersucht, nach einer Liebesszene zwischen seiner Frau und Hoederer.

Die Konservativen in Frankreich waren damals vor allem deshalb so begeistert von dem Stück, da Sartre als linker Intellektueller ihren politischen Gegner, die kommunistische Partei, als Schlangengrube des Verrats und die Hauptfigur des Hugo als unfähigen Zauderer zeichnete.

Jenseits dieser vordergründigen Interpretation geht es in dem Stück grundsätzlicher um das Verhältnis zwischen Politik und Moral: Hoederer, mit allen Winkelzügen der Politik vertraut, ist in den Streitgesprächen des dialoglastigen Politdramas davon überzeugt, dass es nicht möglich ist, sich im politischen Geschäft die Finger nicht schmutzig zu machen und nie zu lügen.

Besonders interessant ist diesmal das Programmheft gestaltet: Die verantwortliche Dramaturgin Annika Steinhoff ordnet das Drama mit dem Nachdruck kürzerer philiosophischer Texte und eines ausführlichen Original-Interviews Sartres aus den 60ern in das Denken des Philosophen ein und kontrastriert seine Thesen mit neueren Feuilleton-Texten wie dem ZEIT-Gespräch mit Stephane Hessel und Richard David Precht.

"Die schmutzigen Hände" hat keine überraschenden Inszenierungsideen – von dem erwähnten klaustrophobischen Bühnenbild abgesehen. (...)

kulturblog.e-politik.de/archives/150-sartres-drama-ueber-politik-und-moral-schmutzige-haende.html
#8 Die schmutzigen Hände, Berlin: welche denn?Stritter 2015-09-27 17:42
Welche Inszenierungen mit herausragend überraschenden Inszenierungsideen gab es denn bisher, kann das jemand zusammenfassend kurz ausführen?

Kommentar schreiben