altTraumsplitter in der Glaubwürdigkeitsmaschinerie

von Nikolaus Merck

Berlin, 20. Januar 2012. Illyrien war einmal. Im Deutschen Theater steht, wo Jean-Paul Sartre Jugoslawien meinte, ein Labor. Von Florian Lösche aus grauen, allseitig drehbaren Wänden gebaut, wie neulich in Hamburg das Spanien aus Lederwänden für Jette Steckels Don Carlos.

Das Labor ist ein Labyrinth oder ein Konferenzraum, Schlafzimmer oder Karussell. Wie eine Wischblende im Film, schaufelt es Personen beiseite und öffnet neue Schauplätze. Und bleibt doch immer ein Labor, ein Mausoleum, in dem Jette Steckel alte Konflikte wiederbelebt. Und uns zur Besichtigung frei gibt. Denn vor dem Grau der Laborwände und dem Neonlicht von oben treten die Figuren und ihre Konflikte umso deutlicher hervor.

In den Köpfen Lüge, an den Händen Blut

Hoederer, der kommunistische Parteiführer, der mit Faschisten und Liberalen ein Zweckbündnis schließen will, um den Krieg und die deutsche Okkupation heil zu überstehen und am Ende die Macht zu ernten. Hugo, der Intellektuelle, der an die reine Lehre, sprich die Diktatur der Partei glaubt, und den die Parteiopposition ausgeschickt hat, um Hoederer zu beseitigen. Jessica, Hugos kesse Frau, die den Zögerlichen zur Tat, egal welcher, bewegen will und sei es, dass er dem Auftrag entsagt und sich auf Hoederers Seite schlüge.

schmutzige haende 560 arnodeclair hSchießen oder Nichtschießen? Ulrich Matthes und Ole Lagerpusch      © Arno Declair

Wir würden diesen Figuren zuschauen und würden vielleicht auch staunen können über ihre Auseinandersetzungen wie tief man die Hände in Blut und die Köpfe in die Lüge tauchen darf, wenn Jette Steckel nicht wie ein amerikano-russischer Monumentalfilmer jede Szene mit gefühlsschwellenden Gustostückerln wie Pergolesis "Stabat Mater" oder dem "Air" von Bach unterlegte. Natürlich, man kann diese affektleitende Strategie auch als gegenläufig zur Glaubwürdigkeitsmaschinerie des Spiels verstehen. Denn Steckel nimmt die Figuren, die Sartre aus finsterster Kolportage geborgen hat, nicht leicht, sie nimmt sie ernst. Bitter ernst.

Ideologen und andere Selbstsicherheitsakrobaten

So muss Maren Eggert als obernüchterne Parteidienerin Olga, bei Sartre sozusagen allzeit bereit sich auf das vorm Haus wartende Motorrad zu werfen, ihre Entschlossenheit die politische Linie zu bewahren, durch schamhaft ausgestellte, aber eben ausgestellte Herzensneigungen für Hugo unterlaufen. Muss Ole Lagerpusch als Hugo, mit grotesk unter die Brust hoch gezogener Hose und ordentlich aus dem Pullover lugenden Hemdkragen angetan, die Kränkungen und Verletzungen des Kindes aus bürgerlich heuchlerischer Familie durch heftiges Schwitzen und neurotisches Augenzwinkern beglaubigen. Während Ulrich Matthes den Hoederer als coolen, eigentlich warmherzigen, jedenfalls aber immer mit sich und seinen Handlungen und Ideen identischen Selbstsicherheitsakrobaten vorführt.

Kein Bruch, keine Distanz, die diese Figuren in Widersprüche mit sich selbst verwickelte. Wären da nicht hin und wieder kleine Traumsplitter, die an deutsche Kunstfilme der 70er Jahre erinnern, und eben die Musik, die einerseits Zuschauergefühle hervor zwingt, andererseits aber die abrollende Handlung derartig kräftig schaumbalsamiert, als handele es sich dabei vielleicht doch um großes Kino.

Schlüsselloch in die postideologische Jetzt-Zeit

Und: wäre da nicht Katharina Marie Schubert. Die ist als Jessica eine pure Wucht. Und von einem anderen, einem sehr heutigen Stern. Denn Jessica, die, wenn sie keinen Text hat, regelmäßig am Rand der Szene als Beobachterin hingebaut wird, bildet in Wirklichkeit eine Art menschliches Schlüsselloch, einen Filter, durch den wir Zuschauer die Szene betrachten. Egal ob im Dreißiger-Jahre-Sportdress mit riesigen Muppetshow-Baseball-Handschuhen oder in Unterwäsche, Jessica ist verkörperte postideologische Jetzt-Zeit. Für sie sind die rhetorischen Kämpfe um die moralisch richtige oder die zweckmäßige Politik immer bloß Jungskram. So muss es auch Jessicas Einfall gewesen sein, gegen Ende auf die Laborwände sämtliche Ismen von Terrorismus, Kapitalismus, Kommunismus, über Egoismus, Marxismus bis zu Dogmatismus, Humanismus zu projizieren, als handele es sich bei wirtschaftlichen Organisationsformen, Charaktereigenschaften und analytischen Theoremen um die immer gleiche geistige Verwirrtheit.

Nein, Jessica, die hörbar aus Helmut-Schmidt-Land stammt, wo Ideologien und Utopien als Krankheiten behandelt werden müssen, schert sich nicht um derlei dumm Zeuch', zwischen all der rhetorischen Revoluzzerei treibt sie in aller Seelenruhe Scherze, versteckt Revolver im Dekolleté, spielt Akkordeon oder verführt Hoederer, was zuletzt auch Hugo derart in Rage bringt, dass er endlich Hoederer meuchelt. Und hernach, als er erfährt, dass die Partei nach Hoederers Ableben auf dessen Volksfront-Linie eingeschwenkt ist, schießt er auch gleich sich selbst, Pfannkuchen mampfend, zu Tode.

Hintertür ins Freie

Bedauerlicherweise hat am Ende auch diese Jessica nicht die Kraft, die Geschichte zu kidnappen und auf eigene Rechnung zu Ende zu führen. Eine Geschichte, die Steckel mit all ihrer Versiertheit unbedingt erzählen will, allerdings so, dass man unterwegs nicht mehr genau weiß, handelt es sich hier um Parteikämpfe bei Kommunistens oder die Machenschaften rivalisierender Versicherungs-Manager. Jessica bleibt im Plot verstrickt, in dem sie ihre Rolle zu erfüllen hat. Aber immerhin, sie erlaubt dem von der Glaubwürdigkeitshuberei und dem tosenden Applaus irritierten Beobachter einen anderen Blick auf das Geschehen. Das öffnet in der neuen Übersichtlichkeit, mit der sich Regisseure wie Steckel oder auch Roger Vontobel den alten Stoffen nähern, zumindest eine Hintertür, die ins Freie führt.

 

Die schmutzigen Hände
von Jean-Paul Sartre
Übersetzung von Eva Groepler
Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Pauline Hüners, Video: Ayca Nina Zuch, Musik: Mark Badur, Dramaturgie: Anika Steinhoff, Licht: Matthias Vogel.
Mit: Ulrich Matthes, Ole Lagerpusch, Katharina Marie Schubert, Maren Eggert, Bernd Moss, Moritz Grove.

www.deutschestheater.de

 

Alles über Jette Steckel auf nachtkritik.de im Lexikon.

 
Kritikenrundschau

Um Sehnsüchte nach Gemeinschaft geht es für Peter Laudenbach in einer Doppelbesprechung in der Süddeutschen Zeitung (30.1.2012). Dass der zentrale Konflikt zugunsten eines "boulevardesken Beziehungsgezickes" an den Rand gedrängt werde, sei zumindest ehrlich. Spätestens wenn der Abend ins unfreiwillig Komische abrutsche werde aber deutlich, dass man einen Grund für die Reanimierung dieses "abgelebten Dramas" vergebens suche.

Einleuchtend, aber auch nicht wirklich überraschend ist für Christine Wahl vom Tagesspiegel (22.1.2012), dass in "utopiearmen Zeiten" mit Jessica die "ideologieunverdächtigste Figur" des Sartre-Stückes zur heutigsten Erscheinung erklärt werde. Die übrigen Figuren und ihre Anliegen seien weniger klar verortet: Denn "'Wir kämpfen für' – die programmatische Leerstelle findet sich sozusagen auf der Inszenierungsebene wieder." Da in dieser Inszenierung nun aber "fast alle Zeichen auf Zeitlosigkeit" stünden, triumphiert in den Augen der Kritikerin Ulrich Matthes, der seinem Hoederer die "epochenübergreifende Strahlkraft des Machers" verleihe und das "Switching zwischen Tragödie, Ironie und tieferer Bedeutung subtil beherrscht und souverän Zeitlosigkeitsbehauptungen ausfüllen kann".

Einen "Hang zu Stoffen mit großem sozialrevolutionärem Drang bei gleichzeitig minimaler revolutionärer Ausbeute" macht Doris Meierhenrich von der Berliner Zeitung (23.1.2012) in Jette Steckels bisherigem Oeuvre aus. Auch dieser Abend kreise um die Frage: "Wie wird aus Denken Tun?" Steckel mache "aus dem politischen Gedankenduell" zwischen Hoederer und Hugo "ein halbironisches Generationenabrechnungsspiel, für das sie sich und uns die weinerlich verzerrte Brille dieses Hugo aufsetzt". So würden alle Widersprüche des Stückes im "neurotischen Hugotheater" versinken, wofür auch Ole Lagerpuch, der in seiner Rolle Hugos "nur Psychopath bleibt", verantwortlich gemacht wird.

Steckel habe Sartres Stück "gut gestrafft" und mit "tollem" Bühnenbild und Lichtdesign "selbstbewusst" inszeniert, lobt Andrea Gerk in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (21.0.2012, hier zum Nachhören) diese Inszenierung. Was wie ein "Thesenabend" beginne, entwickele schnell eine "unglaubliche Dynamik". Sartres Stück erlaube in heute selten gewordener Weise, über "Grundfragen im öffentlichen Handeln" nachzudenken. Der politische Realist Hoederer sei dabei das "gedankliche Zugpferd" und werde von Ulrich Matthes "vielschichtig verkörpert". Lagerpuschs Hugo wiederum sei ein "Hamlet-Typ", dem "politisches Handeln völlig fremd" geworden ist. Sein Leben scheine ein einziges "Spielen" geworden zu sein. Herausgehoben wird von der Kritikerin auch Schuberts Figur Jessica. Alle drei seien "Sympathieträger gewesen", was das Stück "nochmals vielschichtiger" gemacht habe, weil es dadurch "keine eindeutige Stellungnahme" gegeben habe.

Ein "Prüfstein" für Regisseure ersten Rangs sei dieser Sartre-Text und die "unaufhaltsam in die erste Liga drängende Jette Steckel" habe sich daran bewährt, findet Matthias Heine in der Welt (25.1.2011). Ulrich Matthes zeige Hoederer "als verführerisch lässige Betriebsstörung in der roten Mordmaschine", Lagerpuschs Hugo sei einer, "der wie so viele Bürgerjünglinge des 20. Jahrhunderts eigentlich nur ungestört aus dem Bannkreis des reaktionären leiblichen Vaters in die Arme des roten Übervaters Stalin flüchten will". In den Dialogen der beiden entwickele Steckels "relativ textfromm" gespielte "Aufführung, die zunächst ein bisschen poptheater-putzig beginnt, allmählich eine große Ernsthaftigkeit." Wobei die Frauen, die "eigentlichen Bewegerinnen der Handlung" seien: Olga (Maren Eggert) und Jessica, die Katharina Schubert "anbetungswürdig als ein Wesen wie aus einem Godard-Film der 60er-Jahre" spiele. Jessica locke Hugo "aus seinem revolutionären Zölibat", wodurch dessen "emotional ladegehemmte Pistole zum eindeutigen Phallussymbol" werde. Sartre sei eben auch ein Freud-Kenner gewesen. In dieser Aufführung "strahle" er als Dramatiker "lebendiger denn je".

Wer heute ein Stück wie Jean-Paul Sartres "Die schmutzigen Hände" inszeniere, müsse sich seiner Sache schon sehr sicher sein, schreibt Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (26.1.2012). "Denn die politischen Konflikte, die Sartre 1948 verhandelte, erscheinen inzwischen als vergangen." Nach wie vor interessant seien aber die allgemeinen Debatten über Politik und deren menschlich-moralische Begleitumstände, über die Macht und ihren Preis. Im Deutschen Theater Berlin zeige Jette Steckel dieses potentielle Stück der Stunde indes höchstens als Stückchen – weder der Stunde noch der Stündchen. "Mehr der selbstgenügsamen Regiezuckerbäckerei: süß, niedlich, plunderig." Sartres diskursive Passagen über den richtigen Weg würden wohl ausgiebig rezitiert, seien allerdings für das Konzept der Inszenierung von marginaler Bedeutung. "An ihrer Stelle werden die privaten Verhältnisse mit reichlich routiniertem Regie-Schnickschnack und aufgeputztem Dekorationstrallala in den Vordergrund gerückt." Allein die "abgeklärt kunstvolle Rollengestaltung" von Ulrich Matthes sorge für die intensiven Szenen des Abends – und betone ungewollt, "wie läppisch der Rest dieser Inszenierung ist."

Von Florian Lösches Bühne würden die Spieler gehetzt und entwertet zugleich, schreibt Peter Kümmel in der Zeit (26.1.2012). "Alles riecht nach Kolportage. Allein Ulrich Matthes bewahrt sein Format." Matthes' Hoederer habe eine gewisse Wesensnähe zu dem Marquis von Posa, den Jens Harzer in Steckels Carlos gespielt habe. Wie auch der Don Carlos sei "Schmutzige Hände" ein Wirrsal aus Liebes- und Machtintrigen. Jedoch: Bei Jette Steckel gelinge weder die Behauptung des Liebes- noch des Machtkampfes. Es fehlten die Gegenspieler für Hoederer. Besonders Hugo, der schon bei Sartre kein gleichwertiger Gegner sei, tauge in der Obhut "des aufs schwitzend Nervöse und Neurotische beschränkten" Ole Lagerpusch nicht dazu. "Sein Gesichtsausdruck erinnert an einen harten Jungen, der sich das Heulen verkneifen muss, und seine Körperspannung ist die eines Mannes, dem die Weltgeschichte keine Zeit zum Austreten lässt: Er muss ja erst einen Mord begehen."

 
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