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Die Stunde der Wohnzimmerterroristen

von Wolfgang Behrens

Düsseldorf, 20. Januar 2012. "Nach Düsseldorf kommt man, wenn man erfolgreich ist." Gleich im neu erfundenen Prolog des Abends fällt dieser Satz, dessen Wahrheitsgehalt – zumindest von Düsseldorf aus gesehen – sicherlich nicht in Zweifel zu ziehen ist, den man aber auch einfach als selbstironisches Entree des Regisseurs verstehen kann. Denn Nurkan Erpulat, einer der neuen Hausregisseure des Düsseldorfer Schauspielhauses, schwimmt noch auf der Welle des beispiellosen Erfolges, den er in der vergangenen Spielzeit mit Verrücktes Blut, dieser durchgedrehten Amok-Komödie aus dem postmigrantischen Klassenzimmer, erzielte. Und diese Welle hat ihn nun nach Düsseldorf gespült.

Kunst der Entgleisung

Wer glaubte, Erpulat werde hier eine Art Quotenauftrag erfüllen und vor allem seine frech-fröhlichen Erkundungen migrationsgeschichtlicher Verwerfungen fortsetzen, der sieht sich erst einmal schief gewickelt. Erpulat hat sich für seinen Einstand stattdessen ein Stück gewählt, das eigentlich "durch" ist. David Gieselmanns "Herr Kolpert" – das war vor zehn Jahren! Da spielte man diese finster entgleisende Konversationskomödie landauf, landab (und – von Finnland bis Australien – auch länderauf und -ab). Seitdem ist er offenbar ein wenig in die Jahre gekommen, der "Herr Kolpert", und es ist stiller um ihn geworden.

Wobei sich Erpulat dann doch nicht so weit von "Verrücktes Blut" entfernen musste: Mit dem "Herrn Kolpert" nämlich teilt dieses die aberwitzigen Eskalationsstrategien, in deren Hintergrund jedoch immer die Muster des well-made play und auch des Boulevards durchscheinen. Das genrebefragende und genreverletzende Spiel mit diesen Mustern ist aber fraglos eines der großen Talente Erpulats – wie übrigens auch David Gieselmanns.

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Ohne Fluchtweg: Stefanie Rösner, Christoph Schechinger, Sesede Terziyan. © Sebastian Hoppe

Im "Herrn Kolpert" beginnt alles ganz harmlos: Ein unverheiratetes Pärchen lädt ein verheiratetes Paar zum Abendessen ein. Man kennt sich eher lose, die beiden Frauen sind Arbeitskolleginnen. Gleich zum Auftakt des geselligen Miteinanders allerdings bezichtigen sich die Gastgeber des Mordes: In der großen Truhe im Wohnzimmer ruhe der frisch um die Ecke gebrachte Herr Kolpert, ein Kollege der Damen. Was als geschmacklos tändelnder Scherz beginnt, mündet schließlich – unterbrochen von einigen furios lustigen Zwischenspielen – in eine so kaum erwartbare Orgie der Gewalt. Eine Boulevardkomödie gerät auf Abwege.

Wenn der Pizzalieferant um sein Leben tänzelt

Im Großen und Ganzen folgt Erpulat dieser Dramaturgie der Entgleisung in seiner Düsseldorfer Antrittsinszenierung recht treu. Den Ton der boulevardesken Ausgangslage trifft er dabei nicht sehr genau – möglicherweise sogar mit Absicht, um Distanz zu einer bestimmten Spielweise zu markieren. Jedenfalls kommen einige Slapsticks und Pointen zu Beginn seltsam unroutiniert daher und drohen mitunter zu verhungern. Umso großartiger gelingen Erpulats fabelhaften Darstellern dann aber die Eskalationen: Sesede Terziyan etwa, die vielgelobte Hauptdarstellerin aus "Verrücktes Blut", ist zuerst ein herrlich dämliches, mal höflich mitlachendes, mal empathisch mitweinendes Hübschchen, aus dem plötzlich die Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs hervorbricht. Bis sie schließlich auch über diesen Rand hinausgeht: Sesede Terziyan mit zitternder Unterlippe, ein blutiges Messer in der Hand – das ist ein Bild, das einem wohl länger im Gedächtnis haften wird.

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© Sebastian Hoppe

Oder Marian Kindermann, der als schlaksiger Pizzalieferant völlig schuldlos in die schon brutalisierte Atmosphäre hineingerät. Als er bemerkt, dass er zum Opfer auserkoren ist, führt er einen höchst eindrücklichen, so grotesken wie anrührenden Verzweiflungstanz auf: sich entziehend, sich schüttelnd, pendelnd zwischen der perversen Faszination des nahen gewaltsamen Todes und dem letzten jämmerlichen Versuch, sich aus der Affäre zu ziehen. Aber auch Christoph Schechinger und Stefanie Rösner als aasig unverbindliches Gastgeberpaar und Philipp Denzel als verstockt-steifer Ehemann haben ihre Szenen: "Herr Kolpert" ist eben auch Schauspielerfutter.

Zwischen Gartenzwergen und türkischen Putzfrauen

An einigen Stellen hat Erpulat dann aber doch merklich in Gieselmanns Textvorlage eingegriffen. Er scheint damit die Motivlage für die Gewaltexzesse schärfen und näher an aktuelle Debatten heranrücken zu wollen. Sind die Gastgeber bei Gieselmann nicht zuletzt gelangweilte Snobs, die ein gesteigertes Sein erfahren möchten, so werden sie bei Erpulat zu Wohnzimmerterroristen, die für obskure Ideale kämpfen.

Der Schoß, aus dem diese Ideale kriechen, ist dabei irgendwie sehr deutsch: Daher verbergen sich hinter den holzkassettenartigen Türen der Rückwand auch Gartenzwerge, bürgerliche Bibliotheken und türkische Putzfrauen, während man sich auf dem blauen Ledersofa politisch unkorrekte Witze erzählt und die schrecklichen Großstadtghettos mit all ihren schrecklichen Ausländern beklagt. Bei Gieselmann ziehen sich die überlebenden Figuren am Ende nackt aus und fühlen sich gereinigt. Bei Erpulat säubern sie Düsseldorf und sprengen es in die Luft. Die gute Nachricht: Das Schauspielhaus steht noch. Man applaudierte dort lange und herzlich.


Herr Kolpert
von David Gieselmann
Regie: Nurkan Erpulat, Bühne: Kathrin Frosch, Kostüme: Julia Plickat, Musik: Henning Brand, Video: Philipp Thalmann, Licht: Wolfgang Wächter, Dramaturgie: Kathrin Michaels, Daniel Richter.
Mit: Christoph Schechinger, Stefanie Rösner, Philipp Denzel, Sesede Terziyan, Marian Kindermann, Georgios Getsios/Jens Reinhardt.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de


Mehr zu den Auftaktinszenierungen der neuen Düsseldorfer Hausregisseure: Nora Schlocker stellte sich mit Hauptmanns Einsame Menschen vor, Falk Richter debütierte zum Saisonauftakt mit Houellebecqs Karte und Gebiet.

 

Kritikenrundschau

Nurkan Erpulat setze "für seine erste Inszenierung am Düsseldorfer Schauspielhaus auf das grell Überzogene, Slapstickhafte der Vorlage", schreibt Dorothee Krings in der Rheinischen Post (23.2.2012). Er bringe "mit viel Schwung eine wüste Farce auf die Bühne – doch mischt er eben geschickt auch Gesellschaftskritik in den makabren Tumult." So mache er aus den Gästen "Edith und Bastian Migranten. Das gibt den Bösartigkeiten zwischen den Paaren noch die Schärfe des Ausländerhasses, der ja meist nur eine Spielart des Klassenhasses ist." Allerdings gelinge Erpulat "noch nicht ganz das Timing, das perfekte Komödien brauchen." Und er lege "dann doch zu viel hinein": "Herr Kolpert" sei eben "nicht mehr als eine schwarze Groteske".

"Das Timing der Darsteller stimmt", meint Marion Troja in der Westdeutschen Zeitung (23.1.2012). "In peinlichen Sprechpausen zeigt sich die Sprachlosigkeit dieser Protagonisten." Das Kammerspiel erinnere "in seiner Versuchsanordnung an Yasmina Rezas Erfolgsstück 'Der Gott des Gemetzels'. Die offengelegten Abgründe sind allerdings weniger gekonnt subtil. Der Regisseur führt plakativ vor, dass vermeintliche Richtigdenker sich genauso gegen Neonazis, Kinderschänder und 'Alkis' richten wie gegen Araber, Alleinerziehende und Rentner. Es dauert nicht mehr lang, bis dann Blut fließt und Häuser fallen. Zumindest in dieser unterhaltsamen Zuspitzung."

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