altElend ist keine Stilfrage

von Beat Mazenauer

Zürich, 2. Februar 2012. Untersuchungsberichte sind Gräber der Erinnerung und Denkmäler der Vergesslichkeit. Dies trifft speziell auf historische Berichte zu. In seinem jüngsten Stück lässt der Dramatiker Lukas Bärfuss einen Professor seinen Bericht gleich selbst zum Fenster hinauswerfen – ein Bericht über das Verhalten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Er wendet sich lieber der Kategorisierung von Knöpfen zu. Doch die Kiste mit den 25 Bänden fällt unglücklicherweise dem Träumer Tony auf den Kopf, mit Folgen. Wenn dieser aus dem Koma erwacht, haben sich die 20 000 Seiten in sein Gehirn eingebrannt, Wort für Wort, Komma für Komma. Für Tony ist dieses Wissen aber so nutzlos wie die Kategorisierung von Knöpfen, denn niemand interessiert sich dafür.

Einer, der alles erinnert

Lukas Bärfuss ist ein wacher Zeitgenosse, der in seinem Theater nicht die Realität spiegelt, sondern der Realität eine theatralische Verwicklung vorhält, damit sie sich darin erkenne. Im neuen Stück dreht er Bekanntes durch die Mühle der Verfremdung. Entstanden ist daraus eine brisante Mischung aus dramatischem Ernst und theatralem Klamauk. Das erzeugt Irritation und eckt an, zugleich wird signalisiert, dass es Bärfuss seinem Publikum nicht leicht macht – und auch nicht den sechs Schauspielern, die sich in Zürich in zwei Dutzend Rollen teilen. Sie spielen die Geschichte des jungen Mannes Tony (Sean McDonagh), der die Erinnerung an die historischen Opfer nicht los wird. Vor allem die Geschichte von Oskar beschäftigt ihn, der als Flüchtling aus der Schweiz ausgewiesen und nach Auschwitz deportiert wurde.

Tonys Begegnungen mit einem ehemaligen Journalisten oder mit den Zuhörern eines alternativen Bürgerradios enden ebenso im Desaster wie die Bekanntschaft mit dem Agenten John, der ihn in die TV-Show "Das Megatalent" lotst. Nirgends trifft er auf Menschen, die ihm zuhören, nicht einmal bei seiner lieben, doch verständnislosen Freundin Lisa. So bleibt ihm am Ende nur, dass er sich das Gedächtnis mit einem Experiment erneuern lässt.

Was in den Akten schlummert

Tonys Geschichte spielt sich in Zürich auf einer leeren Bühne ab, die von einem Archivregal umschlossen wird, das Hunderte von Ordnern enthält. Das Publikum sitzt in zwei Reihen darum herum und erhält auf Augenhöhe Einblick in die Szenerie. Ebenso schlicht wie effektvoll prägt diese Bühne das Geschehen mit. Die burleske TV-Show beispielsweise gewinnt an Wirkung. Der auf Anbiederung getunte Showmaster Guido, klischiert echt getroffen von Lukas Holzhausen, bezieht das Theaterpublikum als Teil des Geschehens mit ein.

Zwanzigtausend TanjaDorendorf 560 uZwanzigtausend Seiten © Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Genau dieser Appellcharakter aber erweist sich in intimeren Szenen als problematisch. Davon betroffen sind besonders Anfang und Schluss, wenn Tony Rat sucht bei der Ärztin Gosbor, gespielt von Ursula Doll. Die persönliche Unterredung franst notgedrungen aus, weil die beiden Gesprächspartner im Kreise gehend reden und sich voneinander abwendend das Publikum ringsum ansprechen. So verliert sich der Fokus, die Konzentration. Unglücklicherweise hat die Ärztin in beiden Passagen noch je einen ausufernden Monolog zu sprechen, den sie unter diesen Umständen nur mit forcierter Theatralik hin bekommt. Die Bühnensituation ist schwierig, zumal Bärfuss' hoch differenzierte Textvorlage gesprochen hier fast zwangsläufig zum Deklamatorischen neigt. Es wäre wohl sinnvoll gewesen, wenn der Regisseur Lars-Ole Walburg und die Dramaturgin Andrea Schweiter, mit denen Bärfuss schon mehrfach zusammen gearbeitet hat, hier ein paar Striche gesetzt hätten.

Verdrängung, Spektakelgesellschaft, Wissenschaftszauber

Bärfuss kämpft mit vielen Riesen: Verdrängung, Spektakelgesellschaft, Wissenschaftszauber sowie der Unfähigkeit der Menschen, ihr eigenes Leben zu leben. "Zwanzigtausend Seiten" ist ein ebenso dichtes und schillerndes Stück, das seinen Figuren viel abverlangt.

Tonys Freundin Lisa wird von Franziska Machens in ihrem hilflosen Opportunismus schön getroffen, während Sean McDonagh vor allem dem naiven Träumer Tony eine wunderbar überzeugende Gestalt verleiht. In den verschiedensten, oft komischen Rollen gefallen Ursula Doll, Klaus Brömmelmeier und Ludwig Boettger. Ein Auftritt von Ludwig Boettger verdient besondere Erwähnung: als schmieriger, leicht mit Hand und Kopf wippender Alternativexistentialist elektrisiert er das Publikum förmlich.

Sie alle werfen sich für die TV-Show in ihre groteskesten Rollen. Regisseur Walburg treibt den bunten Schabernack mit Glitter und Glamour auf die Spitze und denkt dabei auch an Vorbilder des Komischen, etwa wenn Priska sich mehrfach für die Kamera vorstellen muss: "Ich bin die Priska und ich bin Busfahrerin..."

Dialektik der Verantwortung

In diesem Umfeld ist Tonys Appell an die Erinnerung ein hoffnungsloses Unterfangen – das Lukas Bärfuss gleich nochmals kontert. Inmitten des Trubels lässt er Oskar auftreten – exakt jene Figur, dessen trauriges Schicksal Tony in Erinnerung rufen will. Oskar gehört zu den wenigen Überlebenden, und er will sich hier nun nicht an diese Vergangenheit erinnern lassen. Vielmehr fühlt er sich "gut in Schuss, voller Saft und immer bereit für eine kleine Schandtat an der Gesellschaft, wenns keinem schadet und das Wohlergehen steigert". Haben wir da vielleicht etwas falsch verstanden?

Lukas Bärfuss liegt nichts daran, es sich und seinem Publikum leicht zu machen. Sein komplexes, nicht leicht durchschaubares Stück beschreibt einige Ränke und Kehren, die sich vorschnellen Interpretationen verweigern. Durchaus bewusst und kalkuliert, wie vermutet werden darf. Er nimmt das Bürgerradio auf die Schippe, dessen Redakteure den "restaurativen Bericht" aus trotzkistischer Optik verdrängen, und er lässt Oskar das Erinnern vergessen. Damit entgeht er dem wohlfeilen Zustimungsmechanismus und irritiert auch jenes Publikum, von dem er annehmen darf, dass es sein Stück besucht. "Das Elend ist keine Stilfrage", sagt Wütherich einmal. Leichte Bekömmlichkeit indessen wäre eine. Bärfuss hat sie auf seine Art gelöst.


Zwanzigtausend Seiten (UA)
von Lukas Bärfuss
Regie: Lars-Ole Walburg, Dramaturgie: Andrea Schweiter, Bühne: Robert Schweer, Kostüme: Nina Gundlach, Musik: Tomek Kolczynski.
Mit: Ludwig Boettger, Klaus Brömmelmeier, Ursula Doll, Lukas Holzhausen, Franziska Machens, Sean McDonagh.

www.schauspielhaus.ch

 
Kritikenrundschau

In seinem Deutschlandradio Fazit (2.2.2012) findet Roger Cahn: Bärfuss habe eine Art "Candide" des 21. Jahrhunderts geschrieben. Es werde sehr viel geredet, äußerst virtuos fabuliert. "Bärfuss schafft hier einen spannenden Kontrast zwischen Reden (machen fast alle der 22 Figuren) und 'etwas Sagen', wenn Tony einmal seiner Befindlichkeit Luft verschafft." Zusammen mit seinem Regisseur Lars-Ole Walburg bilde der Autor "ein eingespieltes künstlerisches Duo". Die Show lasse sich sehen: virtuos, abwechslungsreich, spannend. Doch es werde schnell klar: "Form ist wichtiger als Inhalt."

Im Deutschlandfunk (3.2.2012) ist Cornelie Ueding begeistert von Bärfuss' "virtuosem Stück". Bärfuss habe nicht nur eine kleine Dialektik der Erinnerungskultur entfaltet, sondern übe auch massiv – aber nicht plakativ – Kritik an der derzeit allenthalben praktizierten "Philosophie" der Normierung und Standardisierung, die alles Eckige und Sperrige, nicht in den Container der Erwartung Passende knallhart ausgrenzt und im Sinn einer schönen, neuen, vergangenheitsfreien Welt ausgrenzt. In seiner Inszenierung entwickele Lars-Ole Walburg die Szenen langsam, steigere sie zuweilen, bis die Figuren auf der Kippe zur Karikatur balancieren; "mit der Künstlichkeit von Fernsehshowelementen spielt er, statt sie outriert zu kopieren." Alle träten im Wortsinn auf der Stelle, und das verführe zu einer Art rastlosem Getänzel biegsamer Körper "und bisweilen zu einem Singsang, der leider Witz und Schärfe des virtuosen Stückes nivelliert."

Der Angelpunkt des Stückes sei bestechend, schreibt Claudio Steiger von der Neuen Zürcher Zeitung (4.2.2012) "Es ist der Einfall, den Bergier-Bericht auf die Bühne zu bringen, mit dem abgründigen Hintergedanken, dass die Forschungsresultate ein Jahrzehnt nach ihrer Publikation bereits wieder vergessen seien – und mit ihnen ein dunkles Kapitel Schweizer Historie." Das sei in dieser Form auf einer Schweizer Bühne überfällig gewesen. Regisseur Lars-Ole Walburg finde dafür auch angemessene Visulaisierungen, so der Kritiker. Das aber sei nur eine nur eine Ebene des Abends. Nicht fehlen dürfe auch reichlich Klamauk. Was den Kritiker schließlich irritiert, ist die letztendliche "dramatischen Suspension des Ethischen", die seiner Einordnung zufolge der Postmoderne geschuldet ist. "Ob nicht das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts," fragt Steiger dann, " ob nicht Lukas Bärfuss' eigene politische Interventionen einmal die Frage aufwerfen werden, ob auch im Theater ironische Brechung endlich einmal ehrlicher Stellungnahme und einer Art von Engagement ohne Hintertür weichen kann?"

War sein letztes Auftragswerk fürs Schauspielhaus Zürich, Malaga, geradezu ein klassisches Kammerspiel, betreibe Bärfuss in "Zwanzigtausend Seiten" "Thesentheater und Verdrängungs-Phänomenologie", schreibt Alexandra Kedves im Zürcher Tagesanzeiger (4.2.2012). In manchen zugespitzten Szenen mute Bärfuss dem Publikum Moral und eine Menge, eine arg grosse Menge an offenen Fragen zu, "zum Beispiel: Warum glätten wir die Kanten im Eigenen und im Fremden und bleiben im Käfig? Wie wird aus totem Wort pulsierendes Fleisch? Und was bedeutet eigentlich Liebe?" Im Geraschel der "Zwanzigtausend Seiten" gehe das viele, was Bärfuss noch zu sagen hätte, unter. Auch Lars-Ole Walburgs Inszenierung konnte Kevnes nicht überzeugen. Obwohl Walburg einiges probiere, um dem Publikum einzuheizen, erstarre dasselbe im Laufe des Abends allmählich zur kalten Mauer. "Walburg scheint dem durchstilisierten, wortlastigen Werk nicht recht zu trauen und stellt ihm ein verschwitztes, symbollastiges Körpertheater gegenüber; er vergisst dabei, dass Karikaturen allein noch keine Komödie machen und Hüftkreisen allein noch keinen Kitzel."

Wo Lukas Bärfuss über Fluch und Segen des Vergessens, Nutzen und Nachteil der Historie unter besonderer Berücksichtigung des erfüllten Augenblicks räsoniere, setze Lars-Ole Walburg in seiner Uraufführungsinszenierung groteske Bilder und Pantomimen ein: "Konfettiregen und grinsende Showmaster statt Auschwitz-Erinnerung, Irrenhauswitze und Hüpfballgymnastik statt klinischer Psychiatrie", so Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (4.2.2012). Das findet der Rezensent gut, dennoch bleibe "20 000 Seiten", vor allem in den länglichen Monologen, ein gramgebeugtes und – jedenfalls für Bärfuss-Verhältnisse – geschwätziges Lehrstück über unsere Mitschuld an allem Elend der Welt. An sich sei Bärfuss "ja nicht auf den Kopf gefallen", aber dieser "Bericht zur Lage der Nation" sei "doch eher zum Vergessen".

Peter Michalzik schreibt in der Frankfurter Rundschau (4.2.2012): Bärfuss reihe verschiedene, "skurrile, absurd unangemessene Szenen aneinander, die mehr über die Welt als über Tony verraten". Bärfuss bearbeite sein Thema. wie die frühen Elisabethaner in den morality plays: "Er möchte wissen, wonach wir unser Handeln richten, und was davon zu halten ist." Mit dieser Vorlage sei Lars-Ole Walburg nicht zurecht gekommen. Bärfuss' Stück "sagt nicht", wie man es spielen solle. Als realistische Gegenwartsszenen oder Kapitel aus einem "karikaturistischen Gesellschaftspanorama" oder als Stationen einer "Parabel über den Umgang mit Erinnerung". In Zürich retteten sich die Schauspieler in die Farce "mit überhöhter Phonzahl und überdrehten Einfällen". Und täten auch noch so, "als sei es vollkommen abgedreht, was sie hier sagen". Alle spielten so forciert, "als würden sie glauben, dass niemand ihnen zuhören möchte". Dabei seien doch "sogar die etwa 50 Journalisten", nach Zürich gekommen, "um nichts anderes zu tun".

Lukas Bärfuss sei ein Moralist, und er werde im Entstellen zur Wahrheit, in der Groteske, im Weiterdrehen an der Spirale der jeweils schlimmstmöglichen Wendung "immer 'dürrenmattischer'", konstatiert Andreas Klaeui in der tageszeitung (6.2.2012). Seine Texte würfen jeweils die großen, grundsätzlichen Fragen auf. Jetzt wende er sich der Erinnerungskultur zu, dem Umgang einer Gesellschaft mit ihrem Gedächtnis – und beklage: "Wir leben in einer geschichtslosen Zeit". Was sich damit verbinde, sei die Frage nach der Konstruktion einer Identität. "Woher kommen wir, wer wir sind?" In seiner Uraufführungsinszenierung setze Lars-Ole Walburg "ganz auf Farce". Dies bewahre ihn vor drohendem wohlfeilen Gutmenschentheater; enge aber auch ein. "Walburgs Inszenierung wird je länger, desto eintöniger."

Einen hirnverbrannten Einfall "im wahrsten Sinne des Wortes" hat Klara Obermüller erlebt, wie sie in der Welt (7.2.2012) schreibt: "effektvoll zwar, aber letztlich doch zu abstrakt, zu wort- und theorielastig, als dass das sechsköpfige Ensemble sich in den ständig wechselnden Rollen zu entfalten und einem das Geschehen wirklich nahe zu bringen vermöchte." Allerdings lobt sie Robert Schweers "klaustrophobischen Bühnenraum", der es geradezu darauf angelegt habe, "uns Zuschauer zu Komplizen dieser Gesellschaft zu machen. Dieser Gesellschaft, die Empathie pathologisiert und Erinnerung bestenfalls noch als Gedächtnistrick auf der Bühne einer Castingshow zulässt."

Als "in den Sand gesetzt" betrachtet Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (8.2.2012) Lars-Ole Walburgs "ranzige" Uraufführung des Stücks. Dem "Rohling" von Lukas Bärfuss, dem sie eine fragile Komik und Märchenhaftigkeit bescheinigt, konnte die Kritikerin noch einiges abgewinnen. Auch wenn sie das Stück grundsätzlich überfrachtet und daher als "sprachlich nicht richtig gebändigtes" Spiel vom Wissen und Fragen empfand. Da Bärfuss' Stück aber selber nichts wissen und nichts fragen wolle, so Dössel, verpasse es den dunklen Zauber, der grundsätzlich in dem Stoff liege. Die Regie lasse sich erst gar nicht auf das Märchen- und parabelhafte des Stoffes ein und ziehe den Holzhammer dem Florett vor. "Das Ergebnis: Freaks in der Manege. Abgedrehte Schauspieler, die aus dem letzten (Boden-)Loch pfeifen. Eine billige Atmosphäre von TV-Jahrmarktsrummel und Ausverkauf."

Leider sei bereits das Stück in seinem satirischen Furor hitzig verschwafelt, schreibt Peter Kümmel in der Zeit (9.2.2012). "Alle Figuren (außer Tony) sind an einen Jargon gekettet, an ein Sortiment von Phrasen, das ihnen ihr Berufsstand aufzwingt. Um nicht wahnsinnig zu werden über all das, was sie so eisern verdrängen, retten sie sich ins Spezialwissen, ins Detail, in die Schrulle." Bereits Lukas Bärfuss Vorlage wirkt auf den Kritiker, als habe der Dramatiker keine Geduld, seine Botschaft "leiser", also differenzierter zu übermitteln. "Lars-Ole Walburgs Inszenierung treibt die Farce entschlossen noch weiter ins Gummipuppenartige, grimmig Entstellende. Auf der Bühne des Zürcher Schauspielhauses herrscht der Geist von Bach (Dirk, nicht Johann Sebastian), denn in die andere Richtung, in die der Nuancierung, führt aus diesem Text kein Weg."

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