altPanoptikum menschlicher Animalität

von Sabine Leucht

München, 3. Februar 2012. Ein Wohn-Ess-Schlaf-Arbeitszimmer mit alten Dielen und historisch korrekten Möbeln, Topfpflanzen, Samowar und gemächlich tickender Wanduhr: Ist es der falsche Film oder nur eine dieser Bühnen, die ein Setting zwar akribisch ausmalen, auf denen dann aber doch das Stück in einen anderen Kontext gesetzt, mit staunenden Augen ins Licht gehalten oder zumindest neu montiert wird? Schließlich ist der Abend von Alvis Hermanis, der an den Münchner Kammerspielen zuletzt Jack Londons Ruf der Wildnis zum Anlass nahm, das Verhältnis einsamer Menschen zu ihren Hunden zu sezieren.

Lebens- und Sorgenräume

Aber: Fehlanzeige! In der Spielhalle der Kammerspiele, die nicht wie die Spielhalle aussieht, weil der langgestreckte offene Raum eigens für diesen Abend in einen Standard-Theatersaal mit Guckkasten verwandelt wurde, erlebt man eine Hermanis-Inszenierung, die aussieht und sich so anfühlt, als hätte Peter Stein seinen "Kirschgarten" neu aufgelegt. Lediglich die Taubenkäfige an der Rampe weisen darauf hin, dass der lettische Regisseur mithilfe seiner Bühnenbildnerin Kristine Jurjane die Lebens- und Sorgenräume seines dramatischen Personals enorm eng zusammengerückt hat. Es fehlen eigentlich nur die Schiffe, mit denen all die überflüssig gewordenen Dinge transportiert wurden, auf die sich das bedrohte Vermögen der Familie gründet, die Maxim Gorki in "Wassa Shelesnova" porträtiert.

wassa2 560 julian roeder xNoch gurren nur die Tauben im Panoptikum menschlicher Animalität    © Julian Roeder

"Eine Mutter" ist der Untertitel des Dramas im Original, und aus dem von Zweckrationalismus und Zukunftsängsten geprägten Anteil mütterlicher Lebenswirklichkeit entwickelt Hermanis die ersten beiden Akte eines Abends, den er schlicht "Wassa" nennt, ohne viel am Text geändert zu haben. Dass die wie unter Glas ausgestellte Privatheit nicht nur der Titelfigur diese Verkürzung rechtfertigt, wird erst im letzten Akt wirklich deutlich. Dabei hätte man es bereits ahnen können, als Elsie de Brauw anfangs aus den üppigen Federn kroch: Nur in Spitzenbustier und Unterrock beugt sich ihre Wassa über eine Schüssel aus Keramik, um sich erst einen Schwung Wasser unter die Achseln zu klatschen und anschließend dasselbe Wasser mit dem Zeigefinger über die Zähne zu reiben.

Michailo Wassiljew, der die Geschäfte der Familie führt, wohnt in der stoischen Gestalt Peter Brombachers Wassas rustikaler Waschung bei. Keine Geheimnisse gibt es zwischen diesen beiden: Hier bestechen, da den Preis drücken. Oder dem Dienstmädchen, dass das Kind von Wassas Sohn Semjon erst ausgetragen und dann getötet hat, ins Gewissen reden, auf dass es Onkel Prochor ein bisschen zu viel Medizin gibt, weil der – wenn er nicht bald das Zeitliche segnet –, das Familienvermögen zerschlagen wird. Außerdem ist er ein Schürzenjäger, der mit der hübschen Frau des missgestalteten Sohnes Pawel eine alte Rechnung im Bett begleicht. Wassas Mann, der zu Lebzeiten ein ähnlicher Wüstling war, liegt im Sterben und sie, die seit fünfzehn Jahren "den Karren zerrt", will ihn nun endlich ins Trockene bringen.

Fratzen unterm Mikroskop

In Gorkis nach dem Scheitern der russischen Revolution von 1905 entstandenem Stück haben die Menschen ihre Seelen längst verkauft. Die Angst vor dem materiellen Niedergang bestimmt das Tagesgeschäft. Hier auf Aktualisierungen zu verzichten ist klug, weil sie überhaupt nicht nötig wären. Statt dessen vergrößert Hermanis erst sacht, dann mit Aplomb die inneren Fratzen dieser Menschen, die das alte Landhaus, das sie bewohnen, vom Leben trennt. So, wie das Geld, das die Alten nicht freigeben wollen, ihnen den Weg in die Zukunft versperrt.

Hermanis legt all ihre Tumb- und Gemeinheiten, aber auch ihre Gewöhnlichkeit unters Mikroskop und erschafft ein langsam an Fahrt gewinnendes, stellenweise großartiges Panoptikum menschlicher Animalität, zu dem die Tauben an der Rampe unbeeindruckt gurren. Wie de Brauws aufbrausende, bitterkalte, aber in ihren (fehlenden) Regungen auch beängstigend nachvollziehbar gemachte Wassa sind auch die anderen einfach nur, wie sie sind. Die Frau, die zusieht, wenn ihre Tochter Anna (Katja Herbers) – die Dame von Draußen, der alle sich anvertraut haben – den sabbernden Pawel als "Helfer" auf den sterbenden Prochor schubst, kann sich einer würdigen Nachfolgerin gewiss sein.

Deutlicher als bei Gorki und in schmerzhafter Länge werden hier die zwei Überfälligen, weil Lästigsten des Clans ins Verderben geschickt, während die anderen geräuschvoll Suppe essen und die zappelnden Körper am Boden betrachten wie Kinder den Todeskampf einer Fliege, der man eben die Flügel ausgerissen hat. Einzig Brigitte Hobmeiers lachlustige und vertrauensselige Ljudmila, die offenbar mit ihrer Bosheit noch auf Kriegsfuß steht, vermag die Grausamkeit in diesem sehr speziellen Familienmord zu sehen. Ein großer und böser Theatermoment, der fast vergessen macht, dass man sich eigentlich wünschen würde, ein Regisseur würde es einmal wagen, Benny Claessens Drang einzudämmen, seine besondere Körperlichkeit weit über die Ekel- und Erbärmlichkeitsschwelle hinaus zu treiben. Doch wenn überhaupt, so ist sie hier am rechten Platz.

 

Wassa
von Maxim Gorki
aus dem Russischen übersetzt von Rainer Kirsch
Regie: Alvis Hermanis, Bühne und Kostüme: Kristine Jurjane, Licht: Wolfgang Göbbel, Dramaturgie: Julia Lochte, Taubentrainer: Alois Schwarzhuber.
Mit: Stephan Bissmeier, Peter Brombacher, Benny Claessens, Elsie de Brauw, Katja Herbers, Brigitte Hobmeier, Angelika Krautzberger, Oliver Mallison, Clara-Marie Pazzini, Çigdem Teke.

www.muenchner-kammerspiele.de

 

In der Berliner Schaubühne untersuchte Alvis Hermanis im November 2011 an Hand von Alexander Puschkins Eugen Onegin, wie zunächst die Kleidung das Bild vom Menschen und seine Gefühle formt, das schließlich von der Kunst verfestigt und überliefert wird.

 

Kritikenrundschau

Für den Deutschlandfunk (4.2.2012) hat Sven Ricklefs "eine Inszenierung als Freudenfeuer für den Requisiteur" gesehen, "sofern er gern beim Trödler kauft." Es sei wie so oft schon in Inszenierungen dieses detailverliebten Regisseurs: "Sein Hyperrealismus dekoriert sich mit einer durchaus bewunderungswürdigen Akribie eine Museumslandschaft auf die Bretter, in die er natürlich ebenso stilecht gekleidete Menschen schickt, denen wir dann beim Leben auf die Finger schauen sollen." Im Fokus von Hermanis' Interesse stehe "die Familiegeschichte und darin: die Familie und ihre Strukturen: die Familie als Schutzhülle des Zusammenhalts und sei der Preis auch noch so hoch, und: die Familie als Keimzelle des Bösen." Doch auch wenn man den Schauspielern über lange Strecken gern zuschaue, "einer hochaufrechten Elsie de Brauw etwa als Wassa oder dem wunderbar borderlinernden Benny Claessens als missgestaltetem Trauerkloß", trotzdem werde man nicht warm mit diesen "hermetisch hinter ihrer vierten Wand stattfindenden Museumslichtspielen", die einem so fern blieben, wie sie da auch akribisch fern in ihrer Zeit angesiedelt seien.

Als Dieter Dorn an der Isar noch als Gott gehandelt wurde, hätte man die Aufführung vermutlich gefeiert. So gab es eine hanseatische und gar hauptstädtische Zurückhaltung, die Joseph von Westphalen in der FAZ Sonntagszeitung (5.2.2012) peinlich fand. Denn grandios und genial sei der Abend, wirkungsvoll und raffiniert, das Drama in seiner Zeit zu lassen. "Trotz Kostüm nicht kostümiert wirken - das ist die Kunst, vor der man sich hier verbeugen kann." Es gelinge, Vergangenheit vollkommen nostalgiefrei präsent und begreiflich werden zu lassen. Fazit: Gorki ohne sozialkritischen Revolutionskitsch, mit dem er sonst gerne auf die Bühne gebracht werde.

Vom Titel gebe es nur die Hälfte. "Dafür ist das Stück nicht nur komplett, sondern auch im überbreiten Cinemascope zu bestaunen", schreibt Mathias Hejny in der Abendzeitung München (5.2.2012). Die "erstaunlich intensive Inszenierung" wird von Hejny so charakterisiert: Hermanis' "kompromissloser Naturalismus" sei nicht nostalgische Dekoration, sondern bebildere, "wie das Sein auf das Bewusstsein wirkt". In der naturalistischen Szene werde "hyperrealistisch" gespielt. Von den Spielern hat Hejny vor allem Benny Claessens als Pawel beeindruckt. "ein Monster der Gefühligkeit, das mit seinem enthemmten Selbstmitleid terrorisiert".

In der Welt (6.2.2012) schreibt Ulrich Weinzierl: "Hermanis, der Meister der Zeitmaschine, versetzt uns stets präzise in die Epoche des jeweiligen Werks." Zuweilen arte das bei ihm ins arg Museale, ja Verstaubte aus. "Falls es - wie hier - tadellos funktioniert, dann überwältigen die atmosphärische Dichte, das Wechselspiel der Figuren mit dem unbelebten Kosmos der Dinge." Gelobt werden "die eiserne Lady Wassa" von Elsie de Brauw, Benny Claessens' "heulender Elendsklumpen Pawel" und "die kindlich animalische Lüsternheit" von Brigitte Hobmeiers Ljudmila. Geschickt steigere Hermanis die Intensität des Abends. "Er hebt scheinbar harmlos an und wird zur Schreckensreise, die allerdings keineswegs frei von finster funkelnder Komik bleibt."

Gorkis "verlorenen" Figuren schaue man zu, als wären sie hinter Glas, schreibt ein begeisterter Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (6.2.2012). "Hermanis schafft keinen Fokus, das Geschehen ist ein Tableau, vieles findet gleichzeitig, parallel an verschiedenen Stellen der Bühne statt, der Zuschauer wird zum Voyeur, als wäre dies Big Brother 1910." Der Hyperrealismus in Ausstattung und Spiel sei dabei nicht das Ziel, sondern das Mittel. "Er bildet trotz allem Schauwert so wenig das Zentrum der Aufmerksamkeit beim Zuschauer wie etwa die Nacktheit der Darsteller in Jürgen Goschs 'Macbeth'." Man vergesse ihn. Jedes Detail diene nur der Freiheit des Spiels. Und tatsächlich könne man von 'Spielen' kaum mehr sprechen. "Über einen sorgsam beschrittenen Umweg erreicht Hermanis genau das, was er in vielen seiner Arbeiten viel unmittelbarer postulierte: Wahrhaftigkeit."

Auch Gerhard Stadelmaier gerät in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (6.2.2012) ins Schwärmen über Hermanis' "glückstraurig schönes Theater". Hermanis setze die Ausstellungsstücke einer Gesellschaft in Szene, in der nur der materielle Vorteil, das nackte Überleben, das Über-die-Runden-Kommen zähle. Und wie schon in anderen Hermanis-Inszenierungen spiele auch in der "Wassa" der Raum wieder die Hauptrolle. "Er ist in seiner Überfülle schier unübersehbar." Der ganze Abend sei im Atmosphärischen, Altrussischen, exquisit Antiquierten "derart überwältigend vergangenheitstrunken, dass in so viel warmer, goldtondurchtränkter Schönheit die Figuren entweder unter- oder verlorengehen – oder im Kontrast dazu in kalt klirrenden Konturen aufblitzen können." Hier blitzten sie. Zum Beispiel Wassa, bei Hermanis gespielt von Elsie de Brauw: Wo Gorki eine vorrevolutionäre Herrscherin von 1910 meißele, inszeniere Hermanis eine nachrevolutionäre Unternehmerin von heute. "Die das Letzte wagt."

Begeisterung auch in der Neuen Zürcher Zeitung (7.2.2012). Wieder habe Alvis Hermanis seine "Realer than life"-Ästhetik auf den Plan geholt, schreibt Barbara Villiger Heilig: "Alles atmet sparsame Bürgerlichkeit und fleissige Disziplin, aber auch familiären Charme." Hermanis verfüge in München über ein durchweg exquisites Ensemble: "Es findet im Bühnen-Vivarium ein adäquates Habitat und durchpulst das akribische Natur-Reenactment mit lebendigen Schwingungen."

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