alt"Worauf lassen wir uns ein?"

von Rudolf Mast

Berlin, 7. Februar 2012. Aus der Box, der kleinsten Spielstätte des Deutschen Theaters in Berlin, ist eine Uraufführung zu vermelden, deren Titel an ein altes, zugegebenermaßen schlichtes Rätsel erinnert: "Was ist tiefer: Teller, Oder, Tasse?" Aufgeschrieben, erübrigt sich die Antwort, weil sie im Zentrum der Frage steht: die Oder. Die taucht auch in besagtem Titel auf, der zwar nicht das Zeug zum Rätsel hat, aber auf andere Art und Weise rätselhaft ist: "Oder Bruch" lautet er und ist in dieser sinnfreien Schreibweise prätentiös, weil er eine Neuerung behauptet, die sich nicht erfüllt.

Denn letztlich geht es an diesem Abend um das, was der Titel, ausgesprochen, besagt: Das Oderbruch, jene Region zwischen Lebus und Bad Freienwalde, Wriezen und Kostrzyn, die auf Betreiben Friedrichs II., dessen Geburtstag sich vor zwei Wochen zum 300. Mal jährte, trockengelegt, urbar gemacht und besiedelt wurde. Die Oder musste sich dafür begradigen und in ein enges Bett pressen lassen, wofür sie sich alle Jubeljahre mit einer riesigen Überschwemmung rächt.

Stilisierte Riesenwelle

Zuletzt war das 1997 der Fall, als sich, aus der Tschechischen Republik kommend, eine Flutwelle bis zum Oderbruch vorarbeitete und an beiden Ufern an mehreren Stellen die Deiche brechen ließ. Dieses Oderhochwasser ist nicht nur wegen der exorbitanten Schäden in Erinnerung, sondern auch, weil es im frisch vereinten Deutschland eine ungeahnte Hilfsbereitschaft und den größten Inlandseinsatz der Bundeswehr auslöste. Dieses Ereignis nimmt der Abend zum Anlass, danach zu fragen, was aus den Menschen geworden ist, die es am eigenen Leib erlebt haben.

oderbruch 560 arnodeclair hMit Gummistiefeln durch die Materialsammlung    © Arno DeclairUm das zu erfahren, hat sich Tobias Rausch, der auch die Regie verantwortet, mit einem Team aus Rechercheuren in die Region beiderseits der Grenze begeben und zirka 100 Interviews geführt. Aus dem zusammengetragenen Material ist ein knapp zweistündiger Abend entstanden, der ab dem 17. Februar auch an der Neuen Bühne Senftenberg zu sehen sein wird, die als Koproduzent auftritt. Er beginnt vor einem blau angestrahlten Plastikvorhang, vor den sich vier Schauspieler stellen. Sie tragen weiße Krankenhauskleidung, dazu eine weiße Regenjacke und weiße Gummistiefel. Ihre Worte machen sie als Vertreter von Politik (Ministerpräsident Manfred Stolpe, der "Deichgraf" Matthias Platzeck), Polizei und Militär identifizierbar, die auf dem Weg ins Oderbruch sind und sich fragen: "Worauf lassen wir uns ein?"

Das zeigt sich, wenn der Vorhang fällt und die Bühne in den Blick kommt: ein stilisierter Deich samt stilisierter Riesenwelle, beide mit derselben geblümten Schmucktapete drapiert. Nun sind es plötzlich sechs Spieler, die sich ihrer Regenjacke entledigen und beginnen, Texte vorzutragen, die aus dem Interviewmaterial exzerpiert und neu zusammengestellt worden sind. Und auch wenn sich das Unterfangen nicht explizit dokumentarisch nennt, beginnt schon hier das Problem, das solche "Projekte" – so die offizielle Gattungsbezeichnung – durchweg haben: Das, was sie zu behandeln vorgeben, kommt allenfalls am Rande vor, und das Beste, was man den Machern unterstellen kann, ist guter Wille. Denn um dem Ganzen Relevanz zu verleihen, fehlt ihm schlicht die Form.

Verängstigt am Boden

Im Überfluss hingegen ist vorhanden, was man dafür halten könnte: der Versuch, die O-Töne aus dem Oderbruch abwechslungsreich vorzutragen. Mal sprechen die Spieler allein, mal zu zweit, mal leise, mal laut, mal mit mehr und mal mit weniger Inbrunst, mal reden sie sich mit ihrem bürgerlichen Vornamen an, mal beschließen sie, die gerade gespielte Szene zu streichen. Genauso willkürlich und illustrativ ist der Einsatz der Technik, der die Szene mal in blaues, mal in orangenes Licht taucht, mal Musik, mal Geräusch vom Band abruft und in unregelmäßigen Abständen ein lautes Dröhnen auffährt, bei dem sich die Spieler verängstigt zu Boden werfen.

Das ergibt weder eine Dramaturgie noch eine Auseinandersetzung mit den "Helden" aus dem Oderbruch, wie es in der Ankündigung heißt. Vielmehr ist es Ausdruck des Denkfehlers, dass mit deren Worten sie selbst zur Sprache kommen würden. Dass das Gegenteil richtig ist, zeigt in einigen Szenen des Abends Barbara Schnitzler, die zu ihrem Text genügend Distanz hat, um die Sinne darauf zu lenken, wovon er handelt. In solchen Momenten wird deutlich, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt, Betroffene zu Wort kommen zu lassen: Entweder man lässt sie selbst reden, oder man redet so über sie, dass auch andere gemeint sein können. Und nur für Letzteres braucht man das Theater.

Oder Bruch
von Tobias Rausch
Regie: Tobias Rausch, Bühne und Kostüme: Michael Böhler, Musik: Tobias Vethake.
Mit: Barbara Heynen, Marco Matthes, Friedrich Rößiger, Barbara Schnitzler, Juschka Spitzer, Bernd Stempel.

www.deutschestheater.de

Kritikenrundschau

"Die Regie hat das Feld zwischen Authentizität und Kunst beackert und ist dabei selbst darin stecken geblieben", resümiert Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (9.2.2012). Auch wenn durch die Recherchearbeit interessante Texte entstanden seien, so bleibe das Ganze szenisch ziemlich einfallslos. Abgesehen von einfach erzeugten aber funktionierenden komischen Momenten sehe man die die Schauspieler "ziemlich unbeholfen herumstehen oder -tapsen".

"Nicht allein Dokumentation, sondern vor allem Spiel steht im Vordergrund", befindet Claudia Seiring in der Märkischen Oderzeitung (9.2.2012). Von komischen Momenten werde problemlos in herzzerreißende Episoden gesprungen, das Bühnenbild sei beeindruckend einfach wie klug. Alle Aspekte der Katastrophe würden angesprochen, und vor allem die Frage gestellt: "Wo ziehen wir die Grenze zwischen Rücksicht auf die Natur und dem Willen zur Expansion?"

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