altDünner Firnis der Zivilisation

von Shirin Sojitrawalla

Mainz, 10. Februar 2012. Womöglich ist ja die weiße Handtasche ein tragbares Symbol für das Scheitern dieser Inszenierung. Offensichtlich aus dem Theaterfundus gekramt, hängt dieses Requisit schlaff an der Schulter der Schauspielerin Lara-Sophie Milagro. Wirft sie ihr Mobiltelefon hinein, antwortet die Tasche bloß mit einem dumpfen Laut, der spricht: Hier ist sonst nichts. Die Tasche ist eine Theatererfindung, wie der ganze Abend.

Aufreizende Künstlichkeit

So ist es auch kein bisschen erklärlich, dass sich der Regie führende Mainzer Intendant Matthias Fontheim die Mühe gemacht hat, alle afrikanischen Rollen im Stück mit zumindest afrikanisch aussehenden Schauspielern zu besetzen. Wozu? Sie wirken an diesem Abend nicht weniger artifiziell als schwarz angemalte Weiße. Und das ist symptomatisch für diese Inszenierung, die an ihrer aufreizenden Künstlichkeit zunehmend leidet. Immer wieder kommt man sich vor, als sitze man im Tourneetheater, wo jede Pointe mit roter Nase im Geiste ausgespielt werden muss und alle Schauspieler immer so dastehen, als stünden sie auf einer Bühne. Fehlte nur noch, dass Herbert Herrmann hereinschneit.

dieunerhoerten2 560 bettina mueller hIrgendwo in Afrika   © Bettina MüllerDas Stück gehört sicherlich nicht zu den besten von Bruce Norris. Er erzählt darin von nur einem einzigen nicht enden wollenden Tag irgendwo in Afrika. Dort treffen einige weiße Amerikaner, die es dorthin verschlagen hat, aufeinander. Der kreuzbiedere Missionar Dave (Tilman Rose) und seine zumeist hysterisch kreischende Freundin Jane (Jele Brückner) sowie der ebenso abgefuckte wie braungebrannte Unternehmer Don (Marcus Mislin) sowie seine hinreißend blöde Ehefrau Nancy, die in der nonchalant nervtötenden Verkörperung von Andrea Quirbach zum pulsierenden Zentrum des Stücks avanciert. Dazu gesellt sich Tante Mimi (Lara-Sophie Milagro), die Trägerin der besagten Handtasche, eine schwarze Vertreterin weißer Interessen, und Etienne (Jonathan Aikins), ein junger Herumtreiber, der in Verdacht steht, Daves Missionarsstation abgefackelt zu haben. Er ist es auch, der die Zuschauer empfängt, bevor das Saallicht ausgeht, und ihnen davon abrät, sich diese Show anzutun.

Tropische Unendlichkeit

Erst nach seinem frechen Prolog nimmt das Stück dann seinen tatsächlichen Anfang. Im Kern erzählt Norris von dem dünnen Firnis der Zivilisation, der sich in Zeiten der Bedrohung bekanntlich ablösen lässt wie Tesafilm. Wie auch seine anderen Gesellschaftssatiren, das großartig böse Reiz und Schmerz und das lahmere "Clybourne Park", beide in Mainz von Matthias Fontheim zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht, entlarvt Norris auch diesmal unser Gutmenschentum als gemeinen Selbstbetrug. Das macht er fernab jeglicher Subtilität, und so ist es vielleicht kein Wunder, dass an diesem Abend viel Scheiße-Arschloch-Schreierei und aufgeregtes Armefuchteln herrscht.

Für die besorgniserregend glatte Auflösung des Stücks und das ziemlich schale Ende kann die Inszenierung nichts, für die affektierten Posen und kasperletheaterwürdigen Auf- und Abgänge schon. Selbstverständlich können wir bei Matthias Fontheim davon ausgehen, dass er alles absichtlich so unecht in Szene gesetzt hat. Warum? Weil er sich irgendwas davon verspricht. Nur was? Wir wissen es wirklich nicht. Sicher ist, dass diese Micky-Maus-Figuren nichts mit uns zu tun haben. Und noch sicherer ist, dass sich diese Inszenierung viel Zeit lässt, zu viel Zeit, um ihre Geschichte zu erzählen. Die Pausen, die bei Norris schon mal "grässliche Pausen" sind, dehnen sich bei Fontheim gern in tropischer Unendlichkeit. So vergehen zweieinhalb Stunden, die zuweilen zäh werden, bis endlich Etienne wieder im Saal auftaucht. Jetzt spricht er davon, dass er uns ja gewarnt habe vor diesem Stück und dass wir uns als Zuschauer jetzt bestimmt schäbig fühlten. Wir fühlen uns aber kein bisschen schäbig. Nur echt gelangweilt.

Die Unerhörten (DEA)
von Bruce Norris
Deutsch von Martin Michael Driessen
Inszenierung: Matthias Fontheim, Ausstattung: Marc Thurow, Dramaturgie: Marie Rötzer
Mit: Jonathan Aikins, Tilman Rose, Jele Brückner, Andrea Quirbach, Marcus Mislin, Lara-Sophie Milagro, Leander Graf, Felix Frenken und Jean Claude Mawila.

www.staatstheater-mainz.de


Die Berliner Schauspielerin Lara-Sophie Milagro ist auch Dramatikerin und künstlerische Leiterin des 2010 gegründeten Berliner Ensembles "Label Noir", zu dem auch weitere Schauspieler in Fontheims inszenierung gehören, u.a. Jonathan Aikins und Leander Graf. Als Eröffnungsproduktion von "Label Noir" kam im Sommer 2010 Milagros Stück Heimat, bittersüße Heimat heraus.

Kritikenrundschau

In der Allgemeinen Zeitung Mainz (13.2.2012) und im Wiesbadener Kurier (13.2.2012) schreibt Jens Frederiksen: "Was in deftiger Bürgerschreck-Manier beginnt, verwandelt sich im Handumdrehen in einen prachtvollen, nach allen Regeln der Theaterkunst funktionierenden Guckkasten-Thriller." Norris' Stück sei "nicht nur handwerklich furios gemacht", und Matthias Fontheim könne mit seiner deutschsprachigen Erstaufführung "denn auch einen kleinen Theater-Coup" landen, halte "den schmalen Grat zwischen Komödie und Problemstück" sicheren Trittes. Die Inszenierung kühle die Figuren ein bisschen runter, lasse sie dabei oft allerdings auch in ein beiläufiges Genuschel abgleiten. Insgesamt aber ist Frederiksen sehr zufrieden: "Schönstes Theater – und schönster Diskussionsstoff obendrein."

"Die Frage, ob es überhaupt selbstloses Verhalten gibt, ob man Gutes tun kann, ohne dabei nur das eigene Ego zu bestätigen, wird in 'Die Unerhörten' wie beiläufig gestellt", schreibt Andrea Wagenknecht in der Mainzer Rhein-Zeitung (13.2.2012). Es sei die große Stärke von Matthias Fontheims in einer "afrikanischen Ethno-Kitsch-Welt" angesiedelten Inszenierung, dass die schweren moralischen Themen hier plaudernd-seicht daherkämen, die Kluft zwischen Erster und Dritter Welt mit jeder Minute größer werde. Der Abend zeige "nur zu gut", mit welch imperialistischer Arroganz der Westen auf korrupte Regimes hinabschaue und sich dabei aber keinen Deut besser verhalte.

Mehr als eine recht zähe Boulevardkomödie sei nicht geworden aus Matthias Fontheims dritter Norris-Inszenierung, urteilt Eva-Maria Magel in der FAZ Rhein-Main (13.2.2012). Das liegt der Rezensentin zufolge teilweise am Stück, dem die Präzision fehle. Doch auch die Inszenierung tue nicht das Beste dazu: In einem "Kolonialwohntraum" bringe Fontheim das Stück über die Bühne, ohne nach Tempo und Zuspitzung zu suchen.

"Man darf Fontheim als Entdecker des Amerikaners Bruce Norris für das deutschsprachige Publikum bezeichnen", so Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (17.2.2012). Der Regisseur habe einen gelassenen, gewitzten Ton für diese Texte gefunden hat, dunkelgrundierte Konversationsstücke, deren typisch amerikanisches Personal an Woody Allen denken lässe: tolerant, nett, eine Schicht darunter gefährlich komplexbeladen. "Norris legt dazu Wert auf pointenreiche Handlungen, deren Falltüren er gerne erst nach und nach öffnet." Norris' witzige Idee, einen jungen, in die Handlung verwickelten Afrikaner als Rahmenerzähler zu nehmen - dessen Hauptaufgabe es ist, noch bei Saallicht über "die Show" herzuziehen -, findet in Mainz eine geniale Umsetzung durch den schnoddrigen Jugendlichen Jonathan Aikins. "Wie überhaupt nur die großartige Truppe den Abend möglich macht." Fazit: "Bei Norris steht das Schwarzsein nicht für irgendwas. Es geht um Menschen dieser und jener Hautfarbe. Wer das nicht besetzen kann oder will, kann oder will es nicht spielen. Die Mainzer können und wollen, vorzüglich sogar."

"Unbequeme Fragen nach der eigenen Bereitschaft, die Hemmschwelle zur Folter zu überschreiten, soll sich das Publikum nach dem Willen von Norris stellen", schreibt Marius Nobach in einer Kurzkritik in der Süddeutschen Zeitung (27.2.2012). Doch dafür blieben Stück und Inszenierung zu bieder und verrännten sich zu sehr "in den Klischees, die sie anklagen wollen".

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