altIm Kabinett des Dr. Charivari

von Steffen Becker

München, 11. Februar 2012. Vor dem Marstall kann man sich einfühlen in die Leiden von Kafkas Landvermesser K. im Angesicht des nahen und doch unerreichbaren Schloss. Das Residenztheater München hat dem Kollektiv Showcase Beat Le Mot einen Spielort für seine Performance "The Happy Ending of Franz Kafka's Castle" zur Verfügung gestellt. Die vierköpfige Truppe (verstärkt durch Mitglieder des Resi-Ensembles) lässt ihr Publikum bei eisigen Temperaturen erst mal vor dessen Toren zittern.

Wie K. muss es sich zunächst eine andere Beschäftigung suchen. Es wärmt sich zwanzig Minuten an Feuerstellen, duckt sich in eine Jurte mit finnischer Sauna, drängt sich vor Absperrbändern und darf absurden Walkie-Talkie-Dialogen des Sicherheitspersonals lauschen ("Das erste Feuer ist aus."; "Du musst mir schon sagen wo!"; "Sorry, ich bin Kommunikation über Video gewöhnt.").

Von Warteraum zu Warteraum

Auch der erste Schritt ins Gebäude ist kafkaesk, führt er doch in einen weiteren Warteraum. Zwischen Containern und Gabelstaplern projizieren Showcase Beat Le Mot ein Scherenschnitt-Video, das Nikola Duric in osteuropäischer Sprache betextet. Was nahtlos übergeht in eine Geräusche-Battle mit Dariusz Kostyra. Ihre Soundimitate widmen sie Prinzessinnen, unentdeckter Materie und Rittern mit Patchwork-Rüstungen. Damit endet der einzige zusammenhängende Schauspielpart des Abends – obwohl die Künstler so scheinbar spontan in ihren Wettstreit schlittern, dass man auch glauben könnte, die Einfälle seien ihnen just in dem Moment durch den Kopf geschossen.

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Marie Seiser und Robert Niemann mit Steinadler © Renate Neder

Im Schloss bzw. der eigentlichen Spielstätte, erweist sich das im Titel angekündigte Happy Ending, das Kafka wollte und nicht konnte, als wildes Sammelsurium. Aus den Schwaden der Nebelmaschine schält sich eine Turminstallation, die an Jonathan Meese erinnert und von Martin Kippenberger inspiriert ist. Zwischen bis fast an die Decke ragenden Skiern, Instrumenten, Knochen und Soundboxen irren die Zuschauer umher und avancieren zum interessantesten Anschauungsobjekt dieses Abends.

Zuschauer auf Entdeckungsreise

Die Gießener Theaterschule, der Showcase Beat Le Mot entspringen, will den Zuschauer aus dem Korsett des "Still-Sitzen, am Ende klatschen" holen. Doch es verhält sich wie K., der zwar dem Reglement im Dorf entkommen will, die Freiheit eines Schloss-Bewohners aber nur erahnt. Er hätte mit ihr wahrscheinlich nichts anfangen können. Auch die Gäste von "Happy Ending" flüchten sich zunächst in die Sitzgelegenheiten am Rande dieser Bühnenwundertüte. Es dauert aber nur kurz, bis die Mutigen ans Buffet treten, auf die Deko-Trauben hereinfallen, sich ein (echtes) Brot schmieren und ein Bier bekommen.

Nachdem der Alkohol seine Wirkung getan hat, gehen einige Zuschauer auf Entdeckungsreise. Auf einem Klavier liegt etwa eine Ausgabe von Robert Walsers "Im Bureau". Ein Post-It führt zur Beschreibung eines schönen kleinen Angestellten, der als künstlerische Erscheinung im Büro wie ein Fremdkörper wirkt. Mit Bleistift hat jemand "der schöne Robot" hinzugekritzelt – und hatte einen nicht eingangs der junge Resi-Schauspieler Arthur Klemt mit abgehackten Bewegungen und einem wie eine Verkleidung wirkenden Anzug empfangen? Solche Querverweise finden sich zuhauf. "Happy Ending" funktioniert wie ein unglaublich detailverliebtes Kunstkabinett.

Ein Parcours mit Rollstuhlgeige bis Gratismassagen

Das verdankt die Performance auch den Schauspielern, die hier gar keine sein möchten. Die Akteure sind zwar klar erkennbar, weil sie ihren Spieltrieb an den bereits erwähnten Rüstungsteilen, den Pferdekostümen, der Rollstuhlgeige etc. ohne Scheu ausleben. Zeitweise verschwinden sie aber in der Masse und bringen die Mauer zwischen Künstler und Publikum zumindest ins Wanken. Sie beweisen zudem kollektives Einfühlungsvermögen. Die (wenigen) Spielszenen wirken, als würden sie erst eingeleitet, wenn die Bedingungen im Raum stimmen. Wenn etwa Veit Sprenger seine Mitspieler mit Bilderrahmen, Krügen und Essen so lange herumkommandiert, bis seine Vision eines Gelages befriedigt ist, wartet er damit, bis sich bereits eine Menschentraube gebildet hat, die das Werk von allen Seiten betrachten kann.

Man merkt, dass Showcase Beat Le Mot ihr Schloss mit einem eigenen, unkonventionellen Konzept zu gestalten wissen. Sie sparen sich Plattheiten wie die Suche nach Opfern für oberflächlich fröhliches Mitmachtheater. Ihr Happy Ending ist ein Parcours, den jeder Zuschauer selbst entdeckt und anders erlebt. Und in jedem Fall genießen kann. Wer damit nichts anfängt, holt sich nach dem Schlussapplaus einfach noch eine Gratismassage von den Resischauspielern. Zusammen mit Bier und Abendbrot für umme holt man so den Eintrittspreis locker wieder rein.


The Happy Ending of Franz Kafka's Castle
von Showcase Beat Le Mot
Mit: Showcase Beat Le Mot (Nikola Duric, Dariusz Kostyra, Thorsten Eibeler und Veit Sprenger) sowie Gunther Eckes, Arthur Klemt, Robert Niemann, Marie Seiser u.a. Musik: Albrecht Kunze

www.residenztheater.de


Mehr zur Performancegruppe Showcase Beat Le Mot finden Sie im Lexikoneintrag.

 

Kritikenrundschau

Von "wundersamen Erscheinungen in eiseskalter Nacht" schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (13.2.2012). Falls der Abend funktioniere, und das hänge sehr stark von der Gemütslage des einzelnen Besuchers ab (je entspannter, desto besser), dann funktioniere er jedes Mal völlig anders. Was Showcase trieben, sei nur in Momenten einleuchtend, dann aber hinreißend. Kafkas "Schloss" sei "eine Metapher auf das sinnlose Bemühen der Menschen, einem System genüge tun zu wollen, selbst wenn man dieses nicht durchschaut." Der Abend mache dieses Bemühen sichtbar. "Ein Happy End gibt es nicht. Aber der Weg dorthin ist ebenso steinig wie erschütternd komisch."

Mit wenig Verständnis nähert sich eine ungezeichnete Kritik dem Abend auf Welt-online (13.2.2012). Das glücklichste an diesem Happy-End sei das Ende der Vorstellung gewesen. Die Rede ist auch von "urschreiähnlichen Liedern", Her K. als "hilflos-hopsende Marionette" und allerlei postdramatische Unbill. "Danach führt der Weg weiter in eine vernebelte, unübersichtliche und groteske Szenerie: Ein Skelett auf einem roten Plüschstuhl, ein Ritter, der an einer alten Nähmaschine arbeitet, vorsintflutliche Gerätschaften vom alten Rollstuhl bis zum Telefon aus dem vergangenen Jahrhundert - alles gruppiert um einen riesigen Turm aus Boxen. So könnte es schon aussehen, in diesem ominösen Schloss. In diesem Ambiente darf sich der Zuschauer umsehen. Es gibt Bier, Käse, Wurst und Obst, während Männer in Anzügen allerlei Geschäftigkeiten entwickeln. Musik entsteht mit Tischtennisbällen in Krügen, ein Geigenbogen entlockt den Speichen des Rollstuhls Töne, eine alte Schreibmaschine klackt, der Ritter klappert mit der Rüstung, eine Percussion-Konstruktion schafft Rhythmus.  Für Unterhaltung bleibt gesorgt."

Auf Deutschlandradio Kultur (14.2.2012) rammt Rosemarie Bölts den Abend unangespitzt in den Boden. Vielsagender Nebensatz: "Die vier Männer von Showcase Beat Le Mot und die vier echten Profis des Residenztheaters". Bölts bemerkt, dass erstens richtiges Mitmachtheater München generell nicht funktioniere. Und zweitens auch noch so eines "von gestern. Damals hieß das Anti-Theater und hatte noch einen Anspruch. Hier im Stall-Ambiente geht es zu wie auf einer dieser neo-belanglosen Parties." Da gebe es kein Konzept, keine Geschichte, keinen Sinn. Im Endeffekt sei der Abend also nur ein "Happy Together für Showcase Beat Le Mot".

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