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altDas Leben läuft

Von Dirk Pilz

Februar 2012. Alexander Kluge ist 80 Jahre alt, und auch wir wollen gratulieren: herzlichen Glückwunsch! Vielen Dank für die Filme, Interviews und Fernsehproduktionen, vor allem aber für die Bücher! Die Welt wäre ärmer, leerer ohne sie.

akluge 5buchPünktlich zum Geburtstag ist "Das fünfte Buch" erschienen, das so heißt, weil es zu vier vorangegangenen Bänden gehört, nämlich der zweibändigen "Chronik der Gefühle", "Die Lücke, die der Teufel lässt" und "Tür an Tür mit einem anderen Leben". Sie versammeln  Lebensläufe, lauter Geschichten als0, die der Wahrheit des Sprichwortes zufolge nur das Leben zu schreiben vermag, überraschende und gewöhnliche, oft traurige, mitunter tragische, auch unbegreifliche Lebenslaufgeschichten. Das ist Kluges Lebensthema; schon 1962 fertigte er ein Buch, das er "Lebensläufe" nannte.

Aus der Bahn geworfen

"Das fünfte Buch" besteht aus 402 "neuen Lebensläufen". Man trifft auf Bekannte (Einar Schleef, Heiner Müller, Thilo Sarrazin, Alexander Kluge) und wenig Bekannte (die Enkelin von Kluges Schwester, den sowjetischen Auslandsspion Georgy Juschkow, die Comtesse de La Fayette). Eine Geschichte handelt von Willi Eiselt, einem Forscher in Harsleben bei Quedlinburg, der sich mit der "Morphologie von Lebensgeschichten" befasst. Er interessiere sich dafür, was aus Menschen wird, wenn sie während ihrer Lebenszeit aus ihrer Bahn geworfen werden. Es gebe ja nicht einfach Kindheit, Schulzeit, Beruf und Alter, sagt er. "Vielmehr krümmen und bewegen sich diese Elemente unter dem Druck der Zeitgeschichte." So ist es. Und hierin hat man auch Kluges Blickwinkel auf das biographische und welthistorische Geschehen. In einem späteren Kapitel stellt er sich entsprechend die Frage: "Warum stehen Menschen neben ihrer Geschichte?" Ja, warum?

Das ist es, was seit über 50 Jahren seine Neugierde weckt, auch deshalb, weil es darauf vertrackter- und oft genug tragischerweise keine abschließende Antwort zu geben scheint; und immer schien mir, als sei diese Neugierde das Wesentliche, das er mit seiner speziellen Lebensläufesammel- und montagekunst vermitteln will. Das klingt simpel, aber man muss genau sein. Es gibt verschiedene Formen der Neugierde.

Man kann etwas erfahren wollen, um Bescheid zu wissen. Diese Neugierde ist gestillt, wenn man meint, etwas oder jemand oder sich selbst durchschaut, ausgeleuchtet zu haben. Sie erlischt in dem Moment, wenn sich passende Begriffe, Muster finden ließen, wie berechtigt oder herbeigeholt sie auch sein mögen. Solche Neugier ist stets Instrument eines Interesses, das sich über den Zustand der Welt, die Verfassung des Anderen oder die eigene beruhigen will – sie strebt an ihr eigenes Ende, um im Bescheidwissen Ruhe zu finden.

In der Küche des Glücks

Damit hat Kluge nichts zu schaffen. Er will etwas erfahren, um die Dinge und Menschen und sich selbst besser kennen zu lernen; im besten Fall kommt es zu Überraschungen, solchen oder solchen. Er sucht keine Muster, sondern Begegnungen, die Augen, den Blick des Gegenüber. Derartige Neugier ist nie zu stillen und stiftet entsprechend Unruhe, eine Weise des Beunruhigt- und Berührtseins, die für Kluge die Voraussetzung von Empathie und das Ziel aller Kunst ist. Er ist ein Neugieriger, der mit dem Staunen nicht fertig wird. Nicht darüber, wie Leben laufen, nicht darüber, dass sie trotz allem weiter verlaufen, nicht über den Umstand des Lebensverlaufens selbst.

Dass in seinen versammelten Geschichten immer wieder das Lieben und Leiden, die Irrtümer der Leidenschaft und die Passionen des Denkens, Entdeckens, Erfindens von zentraler Rolle sind, ist symptomatisch: Er begibt sich mit ihnen in die "Küche des Glücks" (so einer der Kapitelnamen im "Fünften Buch"), lauscht auf das "Rumoren der verschluckten Welt", folgt dem "rebellischen Vogel" namens Erinnerung. Man weiß dabei nie, wo das Erdichtete anfängt und das Erlebte aufhört, nicht, weil es sich nicht unterscheiden ließe, sondern weil sie beide das Flussbett für die Läufe des Lebens sind.

Für Kluge gibt es dabei nichts, worüber man abschließend Bescheid wissen könnte und entsprechend auch keinen Anlass für Belehrungen, aber unermesslich viel, was sich erfahren lässt. Keine Erfahrung erschöpft sich für ihn in Wissen, nie passt sie in Muster; deshalb kann von ihnen nur erzählt werden. Und deshalb sind Bescheidwisser keine Erzähler, sondern Belehrer, die beim Zuhörer oder Leser entweder Langeweile oder Unmut auslösen. 

Alexander Kluge gehört nicht zu diesen Artgenossen, er ist ein Lebenserzähler und Geschichtensammler. Seine Bücher, auch das "Fünfte", schaffen in ihrer rebellischen Neugierde für die Menschen und ihre Geschichten eine rumorende Unruhe, sie suchen die Wege und Umwege in die Glücksküche, und es ist mir immer so vorgekommen, dass auch das Theater, ganz gleich in welcher Form, dann am dichtesten, schönsten und wertvollsten ist, wenn es zum Stifter solcher Neugierde wird.

Alexander Kluge
Das fünfte Buch. Neue Lebensläufe. 402 Geschichten.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 564 S.,
D: 34,95 Euro, A: 36,00 Euro, CH: 46,90 sFr

Der Suhrkamp Verlag hat zum 80. Geburtstag von Alexander Kluge eine Sonderseite eingerichtet.

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