altDer Menschheit große Gegenstände

von Otto Paul Burkhardt

Stuttgart, 17. Februar 2012. "Der Aufstand beginnt als Spaziergang": Ein weiß geschminkter Clown im Rollstuhl berichtet da vom "Ruf nach Freiheit", von Steinwürfen, von Panzern, vom Drama "auf beiden Seiten der Front". Und wie aus einer völlig anderen Zeit steht Don Karlos neben ihm, der spanische Kronprinz mit republikanischen Sympathien, und balanciert, schwankt, taumelt. Oder ist es nicht eher so, dass er tanzt?

Ein starker Auftakt. Irgendwie surreal. Zeiten knallen aufeinander. Heiner Müllers "Hamletmaschine" trifft Schillers "Don Karlos". Der Zweifel an erstarrten Utopien prallt auf das Freiheitsideal der Französischen Revolution. Regisseur Hasko Weber macht von vornherein klar: Er spielt Schiller – aber gebrochen im Heute, immer wieder begegnet uns die Gegenwart in Webers Inszenierung. In großen Panoramabildern ist der arabische Frühling ständig präsent. Sie wirken wie stumme Kommentare. Lassen Parallelen aufscheinen. Machen aber auch bewusst, dass sich die Dinge nicht einfach so vergleichen lassen.

Zitterpartie im Vorfeld

Hasko Weber inszeniert Schillers "Don Karlos". Bis zur Premiere aber hatte man eine lange Zitterpartie zu überwinden. Die Wiedereröffnung des für 25,5 Millionen Euro sanierten Schauspielhauses (Baujahr 1962) wurde um ein halbes Jahr verschoben. Im Dezember 2011 kamen eklatante Baumängel, Planungsfehler und Sichtbehinderungen ans Licht: Das neue Gestühl musste wegen schlechten Sitzkomforts wieder ausgebaut werden. Und so saß das Publikum auf schlichten Leih-Plastikstühlen, die man in Nachtschichten auf den letzten Drücker noch besorgt hatte.donkarlos 560 sonjarothweiler u1Im Hintergrund: Die Arabellion © Sonja Rothweiler

Wie auch immer, Webers Inszenierung – auf der Grundlage einer Strichfassung mit halbiertem Personal – wirkt klar, konzentriert, schnörkellos. König Philipp II. ist bei Sebastian Kowski ein resoluter Machtzyniker mit Schreianfällen – doch als ihm die Liebe seiner Gattin zu entgleiten droht, sehnt er sich plötzlich nach Zuwendung ("gib mir einen Menschen!"). Dagegen ist der Marquis von Posa (Marco Albrecht) ein eher kühler Polit-Profi, der seine republikanischen Ideen nicht als flammende Ideale vor sich herträgt, sondern cool kalkulierend zu realisieren versucht. Das vielzitierte "Geben Sie Gedankenfreiheit" klingt bei ihm alles andere als fulminant: fast beiläufig, wie ein Vorschlag im Business-Poker.

Unfertige Biomechanik, aufleuchtende Wunder

Die Hofdamen? Sie tanzen ab und zu Reifrock-Ballett, wenn sie nicht von der im Ehejoch leidenden Königin Elisabeth (Lisa Bitter) mit einem herrischen "Raus jetzt!" verjagt werden. Die Stimmung im Hofstaat ist angespannt: Auf die Nachricht, der König habe geweint, bekommt Oberhofdame Mondekar (Rahel Ohm) einen ziemlich bizarren Lachanfall.

Manche anfangs ausgelegten Fäden greift Weber später nicht wieder auf – etwa die an Meyerholds Biomechanik erinnernde, expressive Choreographie, mit der die Personen zunächst eine zweite, unausgesprochene emotionale Dimension offenbaren. Und in manchen Phasen wirkt die Inszenierung unfertig, wenig mehr als solide Textbewältigung bietend.

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© Sonja Rothweiler

Doch dann wieder leuchtet sie auf und schafft kleine Wunder: Vor allem der schwer realisierbare, weil hoch- und daueremphatische Schiller-Tonfall entwickelt in Webers Regie eine ungeahnt spielerische Leichtigkeit. Wenn Don Karlos fragt "Willst Du mein Bruder sein?", dann schwingt in der Schillerschen Emphase auch postutopische Ironie von heute mit. Weber entdeckt das Komödiantische in "Don Karlos". So auch, wenn der Titelheld mit der intriganten Prinzessin Eboli (Svenja Wasser) übers Tanzparkett schiebt – und die Regie aus dem Off leise den Sinatra-Song "Something Stupid" einblendet.

Glücksritter und Zurückgetretener

So ändern sich die Zeiten: Lange galt Posa, der "republikanische Erzieher des Menschengeschlechts" (Schiller), als die zentrale Figur des Dramas. Weber fokussiert seine Inszenierung auf Don Karlos, der sich zwischen privat und politisch, zwischen der Liebe zur Stiefmutter und der Sympathie für Freiheitsrechte nicht so recht entscheiden kann. Jan Krauter macht das exzellent: Sein Don Karlos ist vieles – Abenteurer und Hasardeur, Glücksritter und Zappelphilipp, angry young man und Träumer. Einer, der Stühle zerdeppert, wenn der Freund in Gefahr ist, und sich in Ekstase brüllen kann, wenn er die "Weltgeschichte" zu umarmen glaubt.

Apropos Weltgeschichte: Aus dem Fernsehgerät in Karlos' Gefängnis tönt leise die Stimme des eben zurückgetretenen Bundespräsidenten. Die Bühne? Kaum mehr als ein schwarzer Bunker. An den Wänden prangt "Plus Ultra" in großen Lettern, der Leitspruch des Königs: immer weiter, darüber hinaus. Zwischen den Szenen erinnert das Rock- und Geräuschgewummer von FM Einheit (ehemals Einstürzende Neubauten) immer wieder daran – in diesem Drama werden "der Menschheit große Gegenstände" verhandelt, freilich ohne Lösungspatent. Weber, der als Intendant schon länger keine große Produktion mehr inszeniert hat, ist in seiner Handschrift milder geworden – mit geschärftem Blick fürs Private im Politischen.

 

Don Karlos
von Friedrich Schiller
Regie: Hasko Weber, Bühne: Thilo Reuter, Kostüme: Anette Hachmann, Musik: FM Einheit, Dramaturgie: Jörg Bochow.
Mit: Sebastian Kowski, Lisa Bitter, Jan Krauter, Svenja Wasser, Rahel Ohm, Eléna Weiß, Marco Albrecht, Markus Lerch, Christian Schmidt, Lutz Salzmann.

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Die Sanierung des Schauspielhauses in Stuttgart zögerte sich mehrmals hinaus. Nicht nur der ursprüngliche Oktober-Termin konnte nicht eingehalten werden, auch im Februar werden die Bauarbeiten keinesfalls fertiggestellt.

 

Kritikenrundschau

Rainer Zerbst sagte in Fazit auf Deutschlandradio Kultur (17.2.2012): Jan Krauter spiele den Don Karlos zwar großartig, aber bei Regisseur Weber erschiene die Figur als "schnöseliger Dauerpubertierender". Die Parallelen zur arabischen Revolution, die das Bühnenbild behaupte, löse die Inszenierung nicht ein. Das habe auch mit "Don Karlos" nichts zu tun, weiß Zerbst. Die Figuren seien alle auf Normalmaß herunter gebrochen, Philipp, zwar gut gespielt von Sebastian Kowski, sei nur ein enttäuschter Liebender, Posa ein "erfolgsverwöhnter Bonvivant", Eboli wie eine "Zicke aus der amerikanischen College-Welt" - das alles könne nicht "die Tragik sein, die Schiller mit seinem Drama gemeint hat". Eine "äußerst matte, langweilige Interpretation", obwohl Weber es schaffe, Schillers Sprache daherkommen zu lassen wie Alltagssprache von heute, bliebe der Inhalt auf der Strecke.

Hasko Webers Schiller verpuffe " auch wegen mangelnder Sprechkultur", glanzlos im neuen, schön glänzenden Haus, stellt Roland Müller in der Stuttgarter Zeitung (20.2.2012) fest. Die ungeheure Stoffmasse des Dramas werde kaum gewichtet und bewertet, alle Stoffteile stünden gleich gültig nebeneinander und erwecken bei Kritiker "nolens volens auch den Eindruck einer großen, umfassenden Gleichgültigkeit, gerade so, als hätte die Regie vor dem herandonnernden Schiller-Tsunami kapituliert. Okay, es ist keine Kapitulation auf ganzer Linie, denn ein paar Zeichen des Widerstands, ein paar das Schauspiel strukturierende Regieeinfälle lassen sich zum Glück dann doch noch blicken. Sie tun es unübersehbar im Bühnenbild."

Von "eindrücklichen Momenten" in einer insgesamt wenig überraschenden Inszenierung spricht Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (20.2.2012). Viele Szenen stehen aus ihrer Sicht "merkwürdig un­verbunden nebeneinander, zusammengehal­ten nur durch dräuende Bässe und der – mit Bildern von Demonstrationen und zwei riesi­gen gemalten Kalaschnikows – überdeutlichen Anspielung" auf die Ereignisse in Syrien und Ägypten.

Für die FAZ (20.2.2012) berichtet der geborene Stuttgarter Gerhard Stadelmaier kurz und vernichtend aus dem "schick verschmockten" Zuschauerraum des renovierten Staastheaters und streift zu diesem am Ende kokett noch eine Hölderlinmaske übers Kritikergesicht. Von dürftigen Schauspielern, die tote aber zappelige Figuren mimen, ist unter anderem zu lesen. Sonst ist der Abend ihm kaum der Rede wert.

So unfertig wie die Spielstätte wirkt der Abend auf Ralf-Carl Langhals vom Mannheimer Morgen (20.2.2012) Vereinzelte Regieeinfälle kommen ihm wie "überkandidelte Verzierungen auf einem deutschen Butterkuchen" vor. Ansonsten sieht er den Abend "mit handelsüblichen Kürzungen und Szenenumstellungen" auf ordentlichem Niveau unspektakulär vor sich hin schnurren. "Karlos tänzelt und windet sich - wenigstens namentlich als Zappel-Philipp seinem Vater verwandt. Ein ähnliches Schicksal erleidet auch Prinzessin Eboli (Svenja Wasser): Außer Ungestüm bleibt nicht viel. Groß und klar spielt Sebastian Kowski den Spanierkönig, der sich (noch so ein Einfall) einmal auf der Erde wälzen muss."

In ihrer Doppelbesprechung mit Das Spiel ist aus ärgert sich Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (21.2.2012) über "die plakative Zeichen- und Zeigefingerhaftigkeit", mit der diese Inszenierung auf den arabischen Frühling abziele, ohne dass die Konzeption konsequent durchgehalten würde. "Weber inszeniert 'Don Karlos' überbetont (pseudo)komisch als Brief- und Liebesverwechslungsgeschichte der gröberen Art dahin, ohne Zuspitzungen, Betonungen und eine höhere Idee, ohne Sensibilität für die Sprache von Schillers 'dramatischem Gedicht', ohne Empathie. Er lässt seine erschreckend mäßigen Schauspieler schreien und schnarren, dass es eine Pein (und ihnen generell nicht gut zuzuhören) ist, findet weder ästhetisch noch inhaltlich zu einer überzeugenden Aussage." Einzig am Ende mit Lutz Salzmanns' Auftritt als Großinquisitor "gewinnt Webers laue Schiller-Interpretation (...) etwas von jener Schlagkraft, die man sich von ihr erhofft hatte."

"Wenn deutschen Regisseuren zu den Klassikern nichts Substanzielles einfällt, schmuggeln sie gern ein Bröckchen von Heiner Müller in den Dramentext." Mit dieser Faustformel zeigt sich Matthias Heine von der Welt (21.2.2012) in seiner Doppelbesprechung mit Das Spiel ist aus von Webers Fremdtexteinschüben genervt. Dessen ungeachtet konstatiert er, dass dieser "Don Karlos" alles in allem eine "recht ordentliche Aufführung geworden" sei, und das obgleich bei den Kostümen die "Geschmackskontrolle" versagt habe und die Verweise auf den arabischen Frühling eine "höchst problematisch Analogie" bedeuteten. "Im Grunde genommen inszeniert Hasko Weber, wie Claus Peymann es gerne würde – wenn er noch könnte: gepflegt modern, ein bisschen aufdringlich "politisch", schauspielerzentriert und ziemlich textfromm."

Weber nehme in seiner Inszenierung "den Schillerschen Pathosblasen mit feinen Humorspitzen die Luft", schreibt Tomo Mirko Pavlovic für die Frankfurter Rundschau (21.2.2012). Dabei bleibe allerdings vieles "Stückwerk, die Inszenierung zaudert, tippt viele Gedanken reizvoll an, führt sie aber selten zu Ende." In Jan Krauters erlebe man einen "forschen Don Karlos mit balkanischer Gestik", der "gegen die Versteifung des väterlichen Betonschädel-Regimes" wüte, während Marco Albrechts Marquis von Posa als "aaldünner Hipster, in größtmöglicher Lässigkeit einen irren Plan ausheckt", den die Videobilder mit dem arabischen Frühling verschalten. In der noch provisorischen Spielstätte des Schauspiels Stuttgart sehe "man den Gefühlspartisanen Don Karlos zwischen Liebe und Revolte schwanken. Ein Herzensaufrührer ist er, kein Rädelsführer."

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