Exekution eines traurigen Hallodris

von Kai Bremer

Frankfurt, 17. Februar 2012. Der Arzt Lwow hat Anna, Iwanows erste Frau, bis zu ihrem bitteren Tod umsorgt – anders als dieser, der die lebenslustige Sascha zum ersten Mal küsst, noch bevor Anna gestorben ist. Zugleich ist der Doktor ein aufgeklärter Moralist, wie er im Buche steht. Das hätte ihm vielleicht ein Motiv geben können, Iwanow abzuknallen. In Frankfurt ist gestern ein solcher Schluss zu sehen gewesen.

Zum zweiten Mal frisch getraut, läuft Iwanow (Isaak Dentler) auf den Doktor zu, von dem er weiß, dass der ihn für einen Heiratsschwindler und Aufschneider hält. Lwow (Martin Rentzsch) drückt ab, immer wieder. Er schwingt sich zum Richter und Henker auf, obwohl er zuvor wiederholt betont hat, dass er ein Mann der Wissenschaft ist. Ein kritisches Urteil erlaubt man ihm wohl – doch Exekution eines vermeintlichen Hallodris, den er eigentlich nur entlarven will? Die Maske abreißen durch Bauchschuss? Dieses Ende ist nicht deswegen ärgerlich, weil es von Tschechows Dramenende(n) abweicht, sondern weil Christoph Mehler, dem Hausregisseur am Schauspiel Frankfurt, bis zu dieser Schlussszene ein beeindruckender Theaterabend gelungen ist.

Ohne Nebel und Budenzauber

Vor einigen Jahren hat Dimiter Gotscheff den "Iwanow" an der Berliner Volksbühne anrührend, aber auch etwas nebelmaschinenlastig inszeniert. Elmar Goerden hat das Stück vor noch längerer Zeit in Stuttgart als Historiengemälde eingerichtet, was ihm zwar eine Einladung zum Theatertreffen bescherte, aber dort auch zahlreiche Pfiffe eintrug. Mehler nun veranstaltet keinen großen Budenzauber.© Birgit HupfeldDepressionen an der Festtafel: Isaak Dentler als Iwanow © Birgit Hupfeld

Aus dem vorderen Bühnenboden (Nehle Balkhausen) ist ein riesiges Rechteck ausgeschnitten, in das passgenau eine Art Podest eingelassen ist, das an vier Stahlseilen schwebt. Eine Bühne auf der Bühne, die erst parallel zum Untergrund, dann leicht schräg nach vorne abfallend, schließlich leicht nach hinten geneigt ist: die Welt ist aus den Fugen (schließlich vergleicht sich Iwanow gern mit Hamlet). Darauf ist eine lange Festtafel aus fünf Tischen parallel zur Rampe eingerichtet; vor und gerne auch hinter dem Podest nimmt das Treiben seinen Lauf.

Lockenwickler und Riesenbrille

Nun muss klare Bühnensymbolik kein Nachteil sein, wenn das Spiel im Mittelpunkt steht. Mehler hat offenbar viel Freude daran gefunden, durch die Nebenfiguren immer wieder zu zeigen, wie komisch Tschechow sein kann. In manchen Szenen möchte man meinen, dass nicht am Vortag, sondern erst am Premierenabend Weiberfastnacht war: bunte Lockenwickler im Haar (bei Heidi Ecks als Mutter Sawischna vor der Hochzeit von Tochter Sascha), Heidi-Kabel-verdächtige Krückstockschwinger der alten Nasarowna (Josefin Platt), Riesenbrille und grelle Kleider für die heiratswütige Babakina (Sandra Gerling). Vor allem aber ist Sascha Nathan ein Borkin, der mit seinem hemdsärmeligen Gutsverwalterpragmatismus allein schon durch den Kontrast zum depressiven Iwanow für Situationskomik sorgt.

Dass die Inszenierung trotzdem nicht in die Farce abrutscht, verdankt sie den Hauptfiguren. Lisa Stieglers Sascha ist ein energiegeladen-unverkrampfter Irrwisch, der vor lauter Liebesglück ein ums andere Mal durch die Gegend rennt. Claude De Demos Anna steht todkrank und totenbleich ihr Unglück ins Gesicht geschrieben, da sie ihre Eltern und ihren jüdischen Glauben für Iwanow aufgegeben hat.

Kein Glück verheißt Erlösung

Diesen Kontrast ergänzt Dentler in der Titelrolle nicht etwa, er überbietet ihn. Mehler lässt ihn lange Zeit an der Tafel sitzen und mit hängenden Schultern apathisch mal auf den Boden, mal vor sich hin starren. Mit seinen ins Gesicht hängenden Haaren und seinem Vollbart um die schmalen Wangen erinnert er an Renaissance-Darstellungen Christi, auch wenn er sich wie ein Mensch unsere Zeit auf dem Stuhl lümmelt. In dem Moment aber, in dem sich Iwanow eingesteht, dass es nicht nur falsch war, Sascha zu küssen, sondern dass er in seinen Depressionen verfangen ist, rückt Dentler seinen Stuhl an den Bühnenrand. Er gesteht sich seine Schuld und seine Krankheit und beginnt langsam zum im Hintergrund einsetzenden, zunächst noch schleppenden Rock Jim Morrison gleich zu tanzen: im Bewusstsein, dass letztlich kein Glück Erlösung verheißen wird.

Dass dieser arme Mensch, dem seine Erkrankung so klar vor Augen steht und der ihr doch nicht entkommen kann, sich scheut, seine Sascha zu heiraten, versteht jeder. Auch, dass er sein Glück nicht fassen kann, als Sascha ihn von ihrer Liebe überzeugt. Jeder im Publikum hätte es diesem Depressiven abgenommen, wenn er sich nach diesem Euphorieschub den Revolver an die Schläfe gesetzt hätte – denn dieser Iwanow ist zu klug, als dass er über den Moment hinaus seinem Glück auf den Leim geht. Warum stattdessen schließlich der Doktor herumballern musste, bleibt das große Rätsel des Abends.

 

Iwanow
von Anton Tschechow
Deutsche Fassung von Elisabeth Plessen nach einer Übersetzung von Ulrike Zemme.
Regie: Christoph Mehler, Bühne: Nehle Balkhausen, Kostüme: Anne Hölzinger, Musik: Oliver Urbanski, Dramaturgie: Nora Khuon.
Mit: Ernst Alisch, Claude De Demo, Isaak Dentler, Heidi Ecks, Sandra Gerling, Thomas Huber, Sascha Nathan, Josefin Platt, Martin Rentzsch, Matthias Scheuring, Lisa Stiegler.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Ein anderes Tschechow-Stück, "Platonow" nämlich, ist eben gerade in der Burgtheater-Inszenierung von Alvis Hermanis zum Theatertreffen eingeladen worden. Und wer noch mehr zu Tschechow lesen möchte, dem kann auch ein Buch empfohlen werden. 

 

Kritikenrundschau

Der Eindruck von Qual und Strafe, Gekreische und Gerenne durchzieht die Kritik von Claudia Schülke im Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.2.2012). Aus Sicht der Kritikerin denunziert Regisseur Christoph Mehler den Dramatiker Anton Tschechow mit seiner Inwanow-Interpretation. Denn so platt, wie er hier inszeniert werde, sei Tschechow nicht gewesen. Lichtblicke in diesen "anderthalb Stunden Langeweile" seien nur die Schauspieler Heidi Ecks, Thomas Huber und Martn Rentzsch.

Mit Anteilnahme und Ironie sah Shirin Sojitrawalla in der Main-Spitze (20.2.2012) Tschechows frühes Drama inszeniert. Aus ihrer Sicht wird die Geschichte eines Verfalls hier nun "zu einer Geschichte des abermaligen Aufbruchs". Besonders, dass es sich um einen herrlichen Abend für Schauspieler handelt, schreibt die Kritikerin der Inszenierung gut.

Von einer "sehenswerten Aufführung" spricht Marion Schwarzmann in der Giessener Allgemeinen (20.2.2012). Darüber hinaus ist von einem "hervorragenden Ensemble" zu lesen, "das Mehler ohne Regiemätzchen zu einer überzeugenden Gesamtleistung zusammenschweißt."

 
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