Freiheit ist nichts für feige Naturen

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 18. Februar 2012. Wie frei ist der Mensch? Jean-Paul Sartre beschäftigte diese Frage lebenslang. "Der Mensch ist dazu verurteilt, frei zu sein", schrieb er 1948, "verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, und dennoch frei, weil er, einmal in die Welt geworfen, für all das verantwortlich ist, was er tut". In seinem literarischen Werk stellte Sartre seine existenzialphilosophischen Gedankengänge in spielerischen Experimenten auf die Probe: Welche Möglichkeiten zur freien Entscheidung haben Menschen in Extremsituationen? In seinem 1947 von Jean Delannoy verfilmtem Drehbuch "Das Spiel ist aus" erhalten der Arbeiter und Revolutionsführer Pierre Dumaine und Eve Charlier, reiche Dame der höheren Gesellschaft und Ehefrau eines Regierungsangehörigen, eine einmalige zweite Chance. Die beiden lernen sich im Totenreich kennen: Er wurde am Vortag der Revolution von einem Verräter erschossen, sie zur gleichen Zeit von ihrem habgierigen Gatten vergiftet. Weil Gott tot ist und die Geschicke der Menschheit von einer recht bürokratischen Rechenzentrale organisiert werden, passierten Fehler: Eigentlich waren die beiden für einander bestimmt und hätten sich schon im Leben treffen müssen.

Es folgt die Korrektur: Beide dürfen noch einmal zurück ins Reich der Lebenden. Wenn sie es schaffen, 24 Stunden nicht an ihrer Liebe zu zweifeln, dürfen sie weiterleben, wenn nicht, sind sie für immer tot. Dass das Paar scheitern muss, wird schnell deutlich: Zu groß sind die Unterschiede zwischen dem hitzigen politischen Aktivisten und der passiv an ihrer Ehe zugrunde gehenden Eve, als dass ihre Liebe in der Realität bestehen könnte.

Der Existenzialismus als Schaubild mit Wollpullover

Im neu eröffneten, aber noch lange nicht fertig renovierten Schauspielhaus des Stuttgarter Staatstheaters hatte "Das Spiel ist aus" jetzt in einer Bühnenfassung Premiere. Die Schwierigkeit der Adaption liegt auf der Hand. Einerseits lässt sich die reiche Bilderwelt des Films nicht ohne weiteres auf die Bühne übertragen. Die Dialoge sind eher spärlich. Filmische Mittel müssen durch Theatrales ersetzt werden. Andererseits gilt es, Sartres verwirrende Aussage zu verdeutlichen, er habe keinen existenzialistischen Film machen wollen, sondern sein Szenario sei ganz geprägt vom Determinismus, dem Glauben also, zukünftige Ereignisse seien durch Vorbedingungen eindeutig festgelegt.

Im großen Ganzen ist Regisseur Sebastian Baumgarten beides gelungen. Das recht einfach gestrickte Skript wird intellektuell geschickt untermauert durch einen Vorspann, in dem ein humoriger Namensvetter Jean-Paul Sartres (Florian von Manteuffel) mittels dessen Essay "Der Existenzialismus ist ein Humanismus" in die Gedankengänge des großen Denkers einstimmt, inklusive Schaubild – wobei sich hier bereits zeigt, dass das alles nicht allzu bierernst genommen werden soll: Der schwarze Existenzialistenwollpullover des intellektuell Bebrillten reicht ihm beinahe bis zu den Knöcheln.

Dem Vorspann folgt das Lehrstück: "Das Spiel ist aus" als eine existenzialistische Situation, aus der heraus die Protagonisten verantwortungsbewusste Entscheidungen treffen müssen, gemäß dem Motto: Freiheit ist nichts für feige Naturen. Die sehr detailreiche Inszenierung setzt auf enormes Tempo. Zwei Stunden vergehen im Fluge.

Der Diktator verzehrt eine Wurst

Der Aufwand, mit dem das Theater dem Film beikommt, ist dabei groß. Auf der nagelneuen Drehbühne kreist als Ort der Lebenden ein dampferartiges Gebilde und in großen Lettern das Wort "Determinismus". Filmprojektionen steuern Kampf- und Revolutionsszenen bei, auch der Kulturphilosoph Boris Groys kommt hier zu Wort. Während sich im Film Tote und Lebende fröhlich vermischen, sind die Welten auf der Stuttgarter Bühne zunächst getrennt. Das Totenreich ist eine dunkle Unterwelt, deren Bewohner in Clownskostümen stecken und motorisch schwer gestörte Verhaltensweisen an den Tag legen.

das spiel ist aus 560 matthiasdreher uDas Stuttgarter Totenreich in "Das Spiel ist aus". © Matthias DreherKarikiert und übertrieben wird allerdings auf jeder Ebene. Der diktatorische Regent (Boris Koneczny), den die Revolutionäre beseitigen wollen, wird nicht bloß als eitler Fatzke dargestellt, sondern vertilgt obendrein, mit einem großen Fleischermesser bewaffnet, blutüberströmt und nackt in einer Badewanne stehend, eine Wurst, während sein Lakai ihn mit einem Schlauch bewässert. Das lumpenproletarische Pärchen, aus dessen Händen Pierre und Eve auf Bitte eines verstorbenen Vaters dessen Tochter retten soll, trifft man kopulierend an: Hammer-Georges Sperma spritzt den beiden Möchtegern-Rettern entgegen, das völlig verkrätzte und entstellte Kind kaut an einem toten Hahn, möchte keineswegs sein Milieu verlassen und hält Eve durch ständige Selbstmordversuche auf Trab.

Wohlstandsschlampe und Choleriker im Totenreich

Bei aller Überfrachtung und Übertreibung, die gelegentlich auf den Wecker geht, bietet der Abend doch überzeugendes Theater. Dafür sorgen auch Nadja Stübinger als Eve und Till Wonka als Pierre, die ihre filmische Ungleichheit noch um ein Vielfaches übertreffen. Sie: eine aufgedrehte, oberflächliche Wohlstandsschlampe, er: ein cholerischer, prügelnder Draufgänger. Fulminant, wie beide den Übergang vom Totenreich ins Leben und die damit verbundene Materialisierung ihrer Körper spielen, Wonka entfesselt gegen Tische und Wände rennt.

Es kommt, wie es kommen muss: Kaum zurück im Leben hetzt Pierre zu seinen Revolutionskameraden, will den Aufstand abblasen, hat er doch aus dem Totenreich heraus beobachten können, dass die Revolution verraten wurde. Und Eve versucht ihre Schwester (Sarah Sophie Meyer) zu retten, die zweites Opfer des Exgatten (Rainer Philippi) zu werden droht.

Die Frist ist vorbei, beide fallen erneut ihren Mördern in die Hände. Zurück im Totenreich begegnet ihnen ein junges Liebespaar, das ebenfalls auf eine zweite Chance hoffen darf. "Kann man sein Leben wirklich noch mal von vorne beginnen?", fragt der junge Mann die gerade Gescheiterten? "Man kann es ja mal versuchen", ruft Pierre. Eine bessere Antwort hatte auch Sartre nicht parat.

 

Das Spiel ist aus
von Jean-Paul Sartre. Deutsch von Alfred Dürr und Uli Aumüller. Nach der Bühnenfassung von Peter Hailer, Andreas Schäfer und Claudia Grönemeyer.
Regie: Sebastian Baumgarten, Bühne und Kostüme: Joki Tewes und Jana Findeklee, Musik und Sounddesign: Christoph Clöser, Video: Philip Bußmann, Dramaturgie: Christian Holtzhauer.
Mit: Florian von Manteuffel, Nadja Stübiger, Rainer Philippi, Sarah Sophia Meyer, Till Wonka, Matthias Kelle, Michel Brandt, Bijan Zamani, Boris Koneczny, Katharina Ortmayr, Christoph Clöser (Musiker).

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

"Aufgescheuchtes Zappeltheater" hat Wolfgang Bager für den Südkurier (20.2.2012) gesehen. Zunächst sehe das alles noch ganz gut aus. Ein junger Mann, der zufällig Jean-Paul Sartre heißt, erläutere dem Publikum die Grundzüge des Existenzialismus. "Das ist hübsch und geistreich." Doch kaum hebe sich der Vorhang, werde der Blick frei auf eine von vielerlei Gerümpel verstellte Bühne. "Optisch überfrachtet, von viel Technik und zappelnden Menschen bevölkert, erinnert die Szene an Baumgartens grandios gescheiterte Tannhäuser-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen." Es sei schwer, ausgerechnet hier Sartres Parabel spielen zu lassen. "Alles wird zugeschrien, die Personen handeln wie in schlechten Klamauk-Stücken." Sartre und Comedy, das wolle nicht zusammengehen, "auch wenn Nadja Stübiger und Till Wonka als Polizistengattin und Revolutionär beeindruckend aufspielen".

Für die Stuttgarter Zeitung (20.2.2012) hat Stefan Kister einen "furiosen Reanimationsversuch des im Schulkanon vor sich hin staubenden Stoffes" gesehen. Nach einem ganz schön schlauen Einstieg scheue Sebastian Baumgarten kein Mittel, das "Thesenskelett" mit aktuellem Theorie- und Theaterfleisch zu bewerfen. Am Ende habe Sartre seine zweite Chance bekommen. "Mehr als Baumgarten und seine quicklebendigen Schauspieler kann man daraus nicht machen", so Kister. "Doch ob das für eine Renaissance reicht?"

In der "grandiosen" ersten Viertelstunde werde dem Publikum ein kundiger Schnellkurs in Sachen Materialismus und Existentialismus, Existenz und Essenz erteilt, schreibt Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (20.2.2012). Auf diesen Enthusiasmus folge ein "langatmiges eindreiviertelstündiges Spiel, das Sartres Thesen dokumentieren soll". Interessante Thesen zum Thema Willensfreiheit habe Baumgarten entwickelt und fleißig Sartres Theorie mit Gedanken zeitgenössischer Denker konfrontiert, "doch die Schauspieler leiden unter Regieaufmerksamkeitsdefizit, ihnen bleibt kaum mehr zu tun als puppelnlustig mit den Gliedern zu zucken".

"Großen Budenzauber" mache Sebastian Baumgarten aus Sartres "Das Spiel ist aus", ist Andreas Jüttner in den Badischen Neuesten Nachrichten (20.2.2012) begeistert. Der Abend zeige, was im Zusammenspiel aus energiegeladenem Ensemble, eindrucksvoller Bühnentechnik und inszenatorischem Witz (der auch vor Kalauern nicht zurückschrecke) alles möglich sei. "'Das Spiel ist aus' unterstreicht, dass das Spiel in Stuttgart gerade erst begonnen hat."

Hohe Anerkennung findet dieser Abend bei Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (21.2.2012), in ihrer Doppelbesprechung mit Don Karlos: Sebastian Baumgarten sei „ein Regisseur, der die große Oper genauso wie die Laterna-Magica-Effekte eines high-tech-modernen Sprech- und Diskurstheaters beherrscht". Er inszeniere Sartres-Text als „rasantes Denkspiel mit turboschnellen, grotesk-komischen Szenen" und liefere damit eine „ganz eigenartige, eigensinnig verschrobene Regie-Unternehmung", in der „es irrsinnig viel zu sehen und zu staunen gibt". Schauspielerisch herausragend seien Nadja Stübinger als Eve, „eine Art Stuttgarter Sophie Rois", sowie „der pfiffig-agile Till Wonka als wuseliger Pierre".

Eine "dekonstruierend kalauernde Inszenierung" hat Matthias Heine von der Welt (21.2.2012), in seiner Doppelbesprechung mit Don Karlos, bei Baumgarten erlebt. Er moniert die Fremdtexteinschübe, das "Kostümproblem" ("Die Schauspieler kämpfen mit Fummeln, die aussehen, wie sich Klein-Provinzfritzchen das Outfit für eine Fetischparty im Berliner 'Berghain' vorstellt") und auch dass alles ziemlich "volksbühnig" aussieht, d.h.: "Man tobt, kaspert, stolpert, verspritzt viele Flüssigkeiten und sucht immer den kürzesten Weg zum Klamauk". Allerdings werde der Zuschauer dadurch zwar "manchmal genervt, aber in zwei Stunden nie gelangweilt." Baumgartens Inszenierung "wirkt schlau, auch da, wo man seinen dazugegebenen Regiesenf nicht mehr goutieren mag." Gleichwohl schleicht sich bei dem Rezensenten das Gefühl ein, "der Aufwand diente nur dazu, sich die großen Fragen des Textes vom Leibe zu halten, statt sie zu beantworten."

 
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