altGanz er selbst

von Sabine Leucht

München, 22. März 2012. Doch, das ist eine Möglichkeit: Man kann David Foster Wallaces 1547-Seiten-Roman auf unglaubliche zweieinviertel Bühnenstunden bringen, ohne sich ganz auf platte Hedonismus- oder Materialismuskritik, Paargeschichten oder familiäre Kommunikationsprobleme einzuschießen. Denn in "Unendlicher Spaß" – durch dessen disparate Sozial-, Sprach- und Gedankenwelten man sich tagelang graben kann, ohne die leiseste Ahnung, wohin es geht – gibt es nichts, was es nicht gäbe. Vor allem mannigfache Abhängigkeiten: von Anerkennung, Erfolg, einem Menschen oder Drogen mit unerhörten Namen.

Thematische Spielzeugkiste

Zugegeben! Bettina Bruinier und ihre Dramaturgin Katja Friedrich haben komplett auf die politische Rahmenhandlung verzichtet. Einige Dialog- und Handlungsfetzen wirken deshalb wie von der immensen Kondensationsschlacht übersehen. So ist etwa einmal von Sponsoren die Rede, aber nie davon, dass die Gegenwart des Buches (und Stückes) eine ist, in der selbst die Jahre an die Wirtschaft verkauft werden und dann zum Beispiel "Jahr der Inkontinenzunterwäsche" heißen. Und weshalb am Ende zwei Kanadier auf die Herausgabe eines Filmes drängen, bleibt diffus, wenn man nicht weiß, dass es sich hier um Québecer Separatisten handelt, die die herrschende "Interdependenz" aus USA, Mexiko und Kanada mit einer "Filmpatrone" angreifen wollen, vor der die Menschen sich selbst vergessen, verhungern und verdursten.

spass 560 arnodeclair u"Unendlicher Spaß" mit Max Wagner, Xenia Tiling, Pascal Fligg. © Arno Declair

Doch diese dramaturgischen Ungereimtheiten sind Kinkerlitzchen im Vergleich zu dem, was hier gelungen ist. Und das Münchner Volkstheater war sicher nicht der erste Kandidat, dem man die Mammutanstrengung zugetraut hätte, ein derart detail- und facettenreiches Buch zu dramatisieren. Obwohl Bettina Bruinier ja bereits ein wenig Anlauf genommen hat mit dem auch nicht gerade schlichten Roman "Schilf" von Juli Zeh.

Haus Incandenza, Tennisakademie, Entzugsheim

Abgesehen von dem Rätsel, warum eine so eindimensionale Schauspielerin wie Kristina Pauls schon wieder die weibliche Hauptrolle spielt, muss man anerkennen: Der Stoff verkraftet den Wegfall seiner größten thematischen Klammer gut. Und indem Bruinier und Friedrich die klug ausgewählten Szenen drei Lokalitäten zuordnen, bekommt die Inszenierung Struktur, ohne unangemessen geradlinig zu geraten. Da wäre zum ersten: Das Haus Incandenza, dessen jüngster Spross Hal eine der Hauptfiguren des Romans ist. Dann die von Hals Vater James gegründete Tennisakademie und zuletzt das Entzugsheim Ennet House, in dem der trockene Einbrecher und Zufalls-Mörder Don Gately vom Patienten zum Betreuer aufgestiegen ist.

Und bei Incandenzas zuhause bleibt nicht etwa nur die Küche kalt: Nachdem bei Tisch in Obst- und Schalentier-Attrappen herumgestochert wurde, erlebt man Madame (Xenia Tiling), wie sie auf existenzielle Fragen ihres behinderten Sohnes Mario, dessen Empathiefähigkeit bei Lenja Schultze schön zu spüren ist, nur syntaktische und semantische Korinthen kackt. Hal, der bei Justin Mühlenhardt nicht ganz unpassend vor allem staunender Beobachter ist, gilt als grenzgenial, ungezähmtes Tennisgenie und drogensüchtig. Überdies ist er "zu viel er selbst", was während der betreffenden Schlüsselszene auch wortwörtlich auf der Bühnenrückwand zu lesen ist, auf der auch mal ein in Selbstachtungs-Fragen bewanderter Guru erscheint oder Körper, die durch eine Art Silo fliegen.

Unendliche Raffinesse, unendliche Schönheit

Die Videobilder kommentieren und komplettieren das, was auf der Bühne oft nur angetippt wird. Ein Tennis-Ballett etwa, zu dem der Trainer den Takt schlägt, erspart manch langwierige Auslassung über Selbstverleugnung und Drill. Außer Mühlenhardt und Pauls (als an ihrer Perfektion leidende Joelle) übernehmen alle Schauspieler mehrere Rollen. Was Gelegenheit bietet, sich noch einmal besonders über Oliver Möller (Guru, Trainer, Gately) und auch andere Neuzugänge dieser Spielzeit zu freuen, die das Volkstheater wirklich gut gebrauchen kann.

Doch mitten im Drogen-Teil, wo die Ticks und Absonderlichkeiten der Süchtigen allzu selbstverliebt ausgewalzt werden, verliert der Abend an Spannung, der ansonsten so eigenständig ist, dass er einen Traum zum Fast-Happy-End umformatiert und andererseits von seiner Vorlage so viele Originalzitate übernimmt, dass die unendliche Raffinesse, die Schönheit und der Witz jener Sätze deutlich wird, mit denen ein großer Autor vor allem sich selbst zu erklären versuchte, wie Leben geht. Dass man sich selbst nicht entkommen kann, wusste die grenzgeniale und klinisch-depressive ehemalige Tennishoffnung nur zu genau, die sich mit 46 Jahren erhängte. Und der Jahrhundertroman, den Wallace hinterließ, weiß es auch: Der Erfolg, der Ruhm, die Perfektion – sie helfen nicht.

Unendlicher Spaß (UA)
nach dem Roman von David Foster Wallace
Regie: Bettina Bruinier, Bühne: Markus Karner, Kostüme: Justina Klimczyk,Video: Clemens Walter, Dramaturgie: Katja Friedrich.
Mit: Jean-Luc Bubert, Pascal Fligg, Justin Mühlenhardt, Oliver Möller, Kristina Pauls, Pascal Riedel, Lenja Schultze, Xenia Tiling, Max Wagner.

www.muenchner-volkstheater.de


Kritikenrundschau

Im Deutschlandradio Kultur Fazit (22.3.2012) ärgert sich Christian Gampert ausgiebig – zunächst allgemein über den "Wahn des bundesdeutschen Stadttheaters, das sich alles, was sich bewegt und nicht beizeiten auf den Bäumen ist, unter den Nagel reißen und vermantschen und verramschen muss". Dann auch konkret über Bettina Bruiniers Inszenierung. "Unglaublich schwache Jungschauspieler dürfen sich hier auf der Bühne ausagieren oder bedeutungsvoll rumstehen, mitten in München, und keiner sagt was." Foster Wallace's Mischung aus Überdrehtheit und Trauer, seine Methode der ständigen Querverweise, Fußnoten, Selbstbefragungen, seine Wortneuschöpfungen und Wissenschafts-Ekstasen, seine tödliche Unterhaltsamkeit und sprachliche Hyperaktivität – all das würde nicht einmal angedeutet. "Das Ensemble ist radikal zu jung, und das Staatstheater ist hier nur die Fortsetzung des Schülertheaters mit mehr finanziellen Mitteln." Die Inszenierung von Bettina Bruinier sehe sich an, "als habe jemand Beethovens Neunte für ein Blockflöten-Ensemble umgeschrieben".

Als "(zum Glück) nach 130 Minuten endlichen Unspaß" beschreibt Gabriella Lorenz es in der Abendzeitung München (23.3.2012). Diesen Roman auf die Bühne zu bringen, sei todesmutig, aber unmöglich. Bettina Bruinier und ihre Dramaturgin Katja Friedrich versuchten, Erzähl-Stränge herauszudestillieren. "Sie gliedern fein." Aber das scheint nichts zu bringen: "Ein paar starke Bilder und hübsche Einfälle, aber am Ende hat einem die Inszenierung nichts erzählt."

Sehenswert, unterhaltsam und bedenkenswert findet Michael Schleicher die Inszenierung im Merkur (23.3.2012). Brunier und ihrer Dramaturgin Katja Friedrich sei es tatsächlich gelungen, aus dem 1500-Seiten-Werk eine dramatische Handlung zu destillieren, die als Theaterstoff funktioniert. Sie hätten die Stimmung von David Foster Wallaces Sprach- und Satz-Ungetümen ebenso auf die Bühne gerettet wie viele seiner Assoziationsbandwürmer und Mengen der ausgeprägten Adjektiv-Diarrhö des Autors. Auch für die Umsetzung des Stoffs habe Bruinier mit ihren spiellaunigen Darstellern immer wieder gute Lösungen gefunden. Natürlich sei nicht der ganze Abend zwingend inszeniert. Bruinier habe es aber zumindest weitgehend geschafft, die unterschiedlichen Niveaus der Darsteller auszugleichen.

"Bettina Bruinier und Katja Friedrich haben unerschrocken die Textfluten geteilt und zwar nicht gerade einen Königsweg gefunden, aber doch einen mäandernden Eselspfad, der ins schwarze Herz dieses untröstlichen Panoramas der amerikanischen Gesellschaft führt", urteilt Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (24.3.2012). In drei Etappen teile sich der "doch etwas ziellose" halluzinogene Theatertrip, doch durch die mehrfach besetzten Schauspieler bleibe die Einheit dieser Szenencollage gewahrt, "als würden die Protagonisten sich häuten, als wäre jeder von ihnen nur eine andere Transfiguration desselben Schmerzes". Dass die Inszenierung handgemacht wirke, "unplugged", dass aus literarischem Stadionrock ein Kammerkonzert werde, machten die tollen Schauspieler nicht nur durch Einsatz, sondern mit durchaus filigraner Darstellungskunst vergessen. "Ihnen zuzusehen ist ein großer - aber mit zwei Stunden Spieldauer zum Glück endlicher Spaß."

Für die Frankfurter Rundschau (24.3.2012) hat Dirk Pilz eine Inszenierung gesehen, "die sich derart auf Fußnotengröße verzwergt, dass man meint, sie wolle Zeugnis ihres eigenen ästhetischen Analphabetentum ablegen". Der Abend tue so, als erzähle Wallace lediglich von der "Das-hat-doch-alles-keinen-Sinn-Krise", "als sei das Leben ein Badeteich mit lauter Friedfischen". Entsprechend aufgeräumt gehe es zu. In allem herrsche "das bare Veräußerlichungstum". "Wallace würde sagen: Man sieht die Aufziehschlüssel, die diesen 'seelenschmodderigen' Figuren im Rücken stecken." Sie spielten aufgedreht, aber seelen- und damit in diesem Fall weitgehend ahnungslos.

 
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