Walverwandtschaften

von Andreas Schnell

Bremerhaven, 24. März 2012. Reichlich frisch noch ist Ilija Trojanows jüngster Roman "Eistau", die Geschichte des Gletscherforschers Zeno, der sich als Lektor auf einer Antarktiskreuzfahrt verdingt, um seinen Gletschern nahe zu sein, aber damit zugleich Teil dessen wird, was er bekämpft. An diesem Widerspruch wird er irre und verfällt auf einen radikalen Plan: Die Passagiere, die an einer spektakulären Kunstaktion teilnehmen, bei der sie ein riesiges SOS auf dem Eis bilden, lässt er in der unwirtschaftlichen Landschaft allein, er kapert das Schiff und fährt davon.

Der Roman gibt diese Handlung elliptisch in Tagebuchform wieder. Hier liegt die große Schwierigkeit für das Vorhaben, "Eistau" auf die Bühne zu bringen. Und es ist auch nicht vollständig geglückt. Für das Projekt spricht andererseits einiges und dafür, es in Bremerhaven zu inszenieren, erst recht. Schließlich hat dort das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) seinen Sitz, das schon Mitte der achtziger Jahre die Auswirkungen des Klimas auf die Antarktis untersuchte und auf dem ewigen Eis eine Forschungsstation unterhält.

Willkommen auf dem Kreuzfahrtschiff
Die Tagebuchform nun bedingt, dass der Leser im wesentlichen mit Zenos innerem Ringen konfrontiert ist, seinen in ihrer Entwicklung gelegentlich erratischen Gedanken. Zenos Positionen sind in der Bühnenfassung auf mehrere Figuren verteilt: Die Kollegen Zenos, eine skurrile Versammlung von Käuzen, die ihre Wissenschaft bis zur Karikatur verinnerlicht haben wie zum Beispiel die mehrmals prustend ausspuckende Walforscherin.

Eistau2 560 HeikoSandelmann uMartin Bringmann, Mira Tscherne und Kika Schmitz auf dem Weg durchs ewige Eis.
© Heiko Sandelmann
Ein schöner Einfall ist der Ort des Geschehens: Im Theatermagazin, zwischen Säulen, Schränken, alten Bildern werden die Gäste empfangen, von der Besatzung des Kreuzfahrtschiffs per Handschlag zur Kreuzfahrt begrüßt und in Regen- und Pelzmäntel gesteckt. Die Lektoren, Zeno und Kollegen also, verteilen Handzettel mit den Terminen ihrer Vorträge. Danach geht es in eine Art Salon, mit Schreibtisch, alter Nähmaschine, Pumpenorgel und etlichem mehr, in dem wir unsere Fachleute und vor allem Zeno kennen lernen, den Martin Bringmann vielleicht etwas zu raubeinig spielt.

Mit wissenschaftlichem Beistand
Hier gibt es dann auch den ersten von zwei Vorträgen echter Experten vom AWI, die Trojanows Text wissenschaftlich fundieren. Das nimmt dem Stück einerseits Rhythmus, erdet allerdings die Zornesreden des Zeno wissenschaftlich und unterstreicht das Anliegen des Autors. Zugleich bewahren gelungene humoristische Elemente davor zu vergessen, dass wir eben doch im Theater sind. Wenn die Walforscherin Beate, herrlich verhuscht gespielt von Kika Schmitz, ihren Vortrag über die Wale mit ein paar hübsch gesetzten Wortspielen der Sorte "Walverwandtschaften" versetzt. Oder, auch eine der schönsten Szenen in Trojanows Buch, wenn die Crew eine Episode als Stück im Stück aufführt, bei der ein Pinguin zu Tode kommt, weil eine ältere Dame sich auf ihn setzt. Das ist ganz wunderbar und entschädigt dafür, dass der Abend ein bisschen braucht, um in Fahrt zu kommen. Hier sind wir dann schon auf dem Oberdeck, einer Plattform in der Lagerhalle, von wo aus wir unten die Landausflüge beobachten können, während Zenos Geliebte Paulina (anrührend: Mira Tscherne) gelegentlich Konfekt anbietet. Dort gibt es auch eine Brücke, auf der Zeno sich für seinen missionarischen Eifer beim Kapitän (Kay Krause) verantworten muss. Zu erwähnen wäre noch Andreas Möckel als Kreuzfahrtdirektor, der jovial, aber bestimmt versucht, Zeno wieder auf Linie zu bringen.

Als am Ende das Publikum das Oberdeck über eine Rutsche verlässt, um schließlich draußen vor dem Tore ein SOS zu bilden, während Zeno drinnen seine Tiraden von vorn beginnt und also immer noch nicht weiß, ob er "eine redliche Entgegnung auf die Zumutungen unserer Zeit gefunden" hat, ist doch noch ein so sinnlicher wie anregender Theaterabend daraus geworden.

Eistau (UA)
nach Ilija Trojanow
Theaterfassung von Natalie Driemeyer und Lorenz Langenegger
Regie: Till Wyler von Ballmoos, Ausstattung: Emanuel Schulze, Musik: Samuel Stoll, Dramaturgie: Natalie Driemeye.
Mit: Martin Bringmann, Andreas Möckel, Mira Tscherne, Kika Schmitz, Sebastian Zumpe, Walter Schmuck, Kay Krause, Samuel Stoll, Hans Oerter, Lars Kindermann.

www.stadttheaterbremerhaven.de


Kritikenrundschau

Es sei gelungen, aus der Tagebuchform der Vorlage eine ebenso unterhaltsame wie nachdenklich stimmende Theaterfassung zu machen, meint Ulrich Müller in der Nordsee-Zeitung (27.3.2012). "Die wiederum lag bei Regisseur Till Wyler von Ballmoos in guten Händen." Die Figuren verkörperten die von Wissenschaftlern zu Entertainern mutierten Lektoren mit skurriler Komik. Außerdem: "Viel Bewegung, man war mittendrin statt nur dabei, wobei die an sich schon interessanten Räume perfekt genutzt wurden." Geschickt in die Handlung eingebettet seien auch die beiden Fachvorträge der echten Experten gewesen. Fazit: "'Eistau' bietet einen amüsanten, gleichwohl zu weiterer Auseinandersetzung mit dem Thema anregenden Theaterabend."

 
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