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von Andreas Wilink

Düsseldorf, 24. März 2012. Es bellen die Hunde. Das Gekläff kommt aus Menschenmund und vereint das Ensemble im Düsseldorfer Schauspielhaus, Männer wie Frauen, im Geifern gegen einen Artgenossen, dessen Eröffnungsmonolog die Meute zuvor brockenweise vorgekaut und ihn selbst in seiner schäbigen Schiefheit imitiert hat. Dann bändigt der so Begrüßte die Kläffer, dass sie nur noch jaulen – und geht durch glorreichen Blutsommer in den Untergang. Shakespeares Winterreise heißt "Richard III."

"Der Bursche ist eine Katastrophe; das ist kein Grund, ihn als Charakter und Schicksal nicht interessant zu finden." Schreibt Thomas Mann über einen ungeheuerlichen Fall der Weltgeschichte, den er in einem bemerkenswerten Aufsatz als "Bruder" und – wenngleich ins Mediokre gewendete – Künstlernatur deutet: Adolf Hitler. Die Beschreibung passt auch auf einen ungeheuerlichen Fall der Dramengeschichte. Richard III., das Monstrum, steht überlebensgroß in seinem körperlichen, seelischen und moralischen Defekt: "Hunde bellen, hink ich wo vorbei." Den Ausspruch nimmt Intendant Staffan Valdemar Holm für den akustischen Auftakt seiner (bereits in Kopenhagen einmal erarbeiteten) Inszenierung. Es bleibt lautstark.

richard2 560 SebastianHoppe uRainer Galke als Richard III. © Sebastian Hoppe Agent der Hölle

Richard, Herzog von Gloucester, ist aus Hässlichkeit böse (darob auch ein Liebeskrüppel) und aus Bosheit klug. Sein Talent zu Gewalt, zur Lüge, Täuschung und Arglist trägt der intellektuelle Stratege der Macht wie eine Auszeichnung. Demiurg seiner eigenen Weltordnung und "Agent der Hölle", wie Thomas Brasch übersetzt, ist er zynisch und verächtlich gegenüber dem Menschlichen.

Mit einer Intrige beseitigt er seinen Bruder Clarence, bringt Könige und deren prinzliche Erben um, ergreift die Hand der Witwe des alten Monarchen, um die Dame später umzubringen für eine günstigere Ehe, verfolgt einen Mitwisser, den es vor weiteren Bluttaten schaudert, heuchelt Demut, bevor er sich zur Annahme der Krone überreden lässt, erträgt Spott und Fluch, sogar den der leiblichen Mutter.

Die Stühle

Das England der Zeit von 1471 bis 1485, in der die Rosenkriege enden, die Sonne des Hauses York und des Hauses Lancaster unter- und das Licht über dem Geschlecht Tudor aufgeht, um bald die Morgenröte des elisabethanischen Zeitalters zu bringen, ist in Düsseldorf des Jahres 2012: ein leerer Raum. Nur etwa dreißig Stühle reihen sich auf dem günstig verkleinerten, vorn offenen Bühnen-Karré (Bente Lykke Moller), von ihnen erheben sich die zehn Darsteller aufs Stichwort. Die schwarzen Wände sind beschriftet mit dem Stammbaum der in die Auseinandersetzung verkeilten Adelshäuser. Das ähnelt einer Unterrichtstafel, so wie die Aufführung, zumindest in ihrer ersten Hälfte, auch etwas vom Enthusiasmus eines Schülertheaters oder der Sitzung einer Selbsterfahrungsgruppe hat.

richard1 560 SebastianHoppe u Siebene auf einen Streich? © Sebastian Hoppe Stirbt eine der Personen wird ihr Name mit Kreide ausgestrichen. Der Tod ist auch nur eine andere Art von bürokratischem Federstrich. Die Kerle und Knaben, ob als Killer oder deren Opfer, sind in ihrer Casual-Alltäglichkeit Kretins, im steten Rollenwechsel austauschbar bis zur Gesichtslosigkeit, und die vier Ladies (Karin Pfammatter als Margret, Manuela Alphons als Herzogin von York, Claudia Hübbecker als Elisabeth, Patrizia Wapinska als Anne) hysterische Heulbojen, Schreckschrauben und Klageweiber, die in schreiender Exzentrik vielfach außer sich geraten. Der Charakter legt sich bevorzugt aufs Stimmband. Oder ins äußere Erscheinungsbild. Die schlabberig ausgeleierte Oberbekleidung des Rainer Galke sagt einiges über das Wesen seines Richard: ein aufdringlich wonniger, kumpelig schmieriger Animateur, Applausschinder und Ranschmeißer. Das Geschäft des politischen Verbrechens betreibt er als Scharlatanerie.

Ins Leere

Man veranstaltet viel Gebrüll, Gewürge und Gewese und bemüht sich, lässig, sportiv, energetisch und improvisatorisch zu tun, ohne doch Herr über die Gestaltung zu sein: nicht gelöst, nicht souverän, ohne rhythmisches Gefühl, nie frei und verrückt genug für die offene Form einer kontrolliert entregelten, teils in die Humoreske driftenden Spielsamkeit.

Am Ende läuft Richards Kriegs-Rhetorik und patriotische Propaganda beim Kollektiv der Akteure ebenso ins Leere wie die im Ganzen dreieinhalbstündige Aufführung schon lange davor. Das starke Bild des Beginns aber findet Korrespondenz im Finale, wenn neun Würgeengel sich am Unhold abarbeiten, um ihn zu Tode zu bringen, als müsse seine Geburt in anderen Wehen negiert werden.

 

Richard III.
von William Shakespeare, übersetzt von Thomas Brasch
Regie: Staffan Valdemar Holm, Bühne und Kostüme: Bente Lykke Moller, Licht: Torben Lendorph, Dramaturgie: Daniel Richter.
Mit: Manuela Alphons, Jonas Anders, Rainer Galke, Claudia Hübbecker, Florian Jahr, Moritz Löwe, Dirk Ossig, Karin Pfammatter, Taner Sahintürk, Patrizia Wapinska.

www.duesseldorfer-schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

So wie in anderen Stücken ein Fechttrainer genannt werde, so möchte Matthias Heine von der Welt (26.3.2012) hier gern den Verantwortlichen für das "Würgecoaching" aufgeführt sehen, etwa "Kaa, die Riesenschlange." Denn ein Großteil der Inszenierungsanstrengung werde darauf verwandt, "Mitspielern effektvoll an die Gurgel zu gehen und ausdrucksvoll im Todeskampf zu zappeln". Im Übrigen sei das Würgen "absolut nachvollziehbar und einleuchtend". Denn es ist "die nächstliegende Methode, Menschen vom Schreien abzuhalten. Und gebrüllt wird in diesem 'Richard III.' noch viel mehr". Rainer Galke spiele Richard "als Narr der Macht". Er "verkneift sich keinen zynischen Witz, und er erkennt auch das bizarre Humorpotenzial des Massenschlachtens". Dank erhält Regisseur Holm vom Kritiker allein für seinen Verzicht auf Fremdtexte und aktualisierende Analogien à la Richard III. = George Bush.

Den Verzicht auf "heutige Bezüge" hebt auch Petra Kuiper auf dem Onlineportal der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung derwesten.de (26.3.2012) hervor. Die Akteure träten leger gekleidet in "kompakten unterhaltsamen Szenen" auf. Doch leider sei Rainer Galke als Richard III. kein schillernder Charismatiker, vielmehr "ein wildgewordener Spießer" und "etwa so subtil wie Kai Pflaume". Um ihn herum gebe es viel Brüllerei, und "jeder darf mal würgen".

"Holm entwirft kein Welttheater, schlägt keinen Bogen, er lässt den Stoff in Episoden zerfallen, die er oft ins Absurde steigert", berichtet Dorothee Krings in der Rheinischen Post (26.3.2012). Seine Inszenierung "flieht vor dem hohen Ton, vor Gefühlspathos. Doch Shakespeare, ironisch gebrochen, ist auf Dauer ermüdend." Rainer Galke gebe Richard als "hemmungslosen, ungehobelten Wüstling", als "bösen Clown" und "garstigen Grobian", nicht als "brillanten Taktierer" oder "abgründigen Mörder". Abwechselungsreich seien eher die Nebenfiguren.

Eine "Lehrstunde zum Widerstreit von Machthunger und Gewissen" hat Marion Troje von der Westdeutschen Zeitung (26.3.2012) in Düsseldorf erlebt. Vor allem vor der Pause überzeuge der Abend "mit Tempo und komischen Momenten. Später gerät das Schlachten recht langwierig." Alles in allem hat die Rezensentin "großes Schauspielertheater" erlebt, wobei Karin Pfammatter als Königin Margaret für sie herausragt.

In der Sendung "Kultur heute" im Deutschlandfunk (25.3.2012) sagt Katrin Fischer: "Das ist ein irritierender Abend. Erst ist er irritierend laut und hysterisch. Dann irritierend rational und mathematisch. Zum Schluss irritierend philosophisch und berührend. Er ist irritierend viel." Und dieses "Viel" sei sein Problem. "Diese Bühne wird zur unübersichtlichen Todeslandschaft, das Stück zur Todesfuge, zum Schlachtfeld aus Worten, in dem röchelnd, zuckend, minutenlang gestorben wird." Rainer Galke spiele den Richard als "täuschungsbereiten Schausteller und intriganten Schmeichler, er spielt lässig und vor allem schlau auf der Klaviatur von tränenreich bis loyal, von machthungrig bis jähzornig". Alles in allem sei man mit einer Inszenierung konfrontiert, die "den ganzen Shakespeare ausspielt, seinen Sinn aber auf ein Schlachtfest reduziert. In der sprechenden Bühne viel Raum für Fantasie lässt, aber zu viel Frontaltext aufsagen lässt. Es bleibt der irritierende Eindruck, dass Shakespeare zu groß für eine Bühne ist."

"Wir sitzen auf unseren Stühlen und schlüpfen bei Bedarf in die abenteuerlichsten Rollen, die mit unserem wirklich Leben natürlich nicht das Geringste zu tun haben. Achtung: Theater!" – so wirkten Staffan Valdemar Holms Schauspieler auf Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung. "So sympathisch dieser Ansatz sein mag, so harmlos und bieder ist er am Ende leider auch", meint Krumbholz. Es wolle von dieser ordentlich bemühten Shakespeare-Darbietung nicht die mindeste Brisanz, nicht die mindeste Gefährlichkeit, nicht der mindeste Sex-Appeal ausstrahlen. "Man lässt das über sich ergehen wie eine gründliche Geschichtslektion über das England des 15. Jahrhunderts an der Volkshochschule." Nein, ein großer Shakespeare-Regisseur sei Staffan Valdemar Holm nicht, "weder der ambitioniert angelegte, aber kleinmütig verunglückte, noch dieser Richard unsres Missvergnügens stehen dafür." Doch dafür sei der Schwede auch nicht primär ans Schauspielhaus Düsseldorf geholt worden. "Allerdings stelle sich beiläufig schon jetzt die Frage, in welche Richtung er seinen Tanker navigieren wolle."

Für unsere "hilflose moderne Gesellschaft" wäre Shakespeares dritter Richard, der toll grausige Held in einem Königsdrama von 1595, dem er den Namen gibt: eine Herausforderung. "Schon einfach dergestalt, dass man akzeptiert, dass es ihn gibt. Dass er wahr ist." Schreibt Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.4.2012). Aber, ach: "Alle sind hier Richard. In einer Angestelltenwelt, in der alle über alles informiert sind. Wofür schon der volkshochschulmäßige Stuhlkreis bürgt. Sagt die Beruhigungsregie von Staffan Valdemar Holm." Der Düsseldorfer Volkshochschulkurs „Lebenslanges Morden. Wie fange ich es an?" komme nur schwer in Fahrt. "Die Frauen müssen als hysterische Leidensmegären sich austoben, die Männer als Waschlappen sich auswringen." Alle steckten in Klamotten aus dem nächsten Kaufhaus. "Und der Teufel ist wie du und ich." Fazit der Doppelbesprechung, in der Stadelmaier auch den Zürcher Richard III. von Barbara Frey verreißt: "Das Böse hat auf den Theatern keine Chance. Dafür sind sie sich zu gut."