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Theaterhaus Jena-Darsteller von Abschiebung bedroht

"Wir können das nicht akzeptieren"

9. April 2012. Wie das Theaterhaus Jena mitteilt, sind zwei der Darsteller, die derzeit in der Inszenierung My heart will go on zu sehen sind, von der Abschiebung bedroht.

Miloud und Sarah Lahmar Cherif seien "durch ihre Kraft, ihren Optimismus und ihre Spielfreude eine Inspiration für alle Mitglieder des Teams und Schlüsselfiguren dieser Produktion geworden", teilt das Theaterhaus Jena auf seiner Webseite mit. Am 2. April habe das Ehepaar per Bescheid von der Ausländerbehörde Meiningen erfahren, dass ihr Asylantrag abgelehnt wurde.

"Es ist nicht tragbar, dass zwei essentielle Darsteller inmitten einer so wichtigen Produktion von der Teilnahme ausgeschlossen und in ihre jeweiligen Heimatländer abgeschoben werden – Sarah in die Ukraine, Miloud nach Algerien. Dies ist sowohl fragwürdige Rechtsauslegung als auch eine moralische Katastrophe. Dazu kommt die krasse Behinderung unseres künstlerischen Schaffens und die Unmöglichkeit, in der Zukunft weitere Aufführungen stattfinden zu lassen", heißt es auf der Webseite des Theaterhauses Jena weiter, und: "Wir können das nicht akzeptieren."

Das Theaterhaus ruft die Öffentlichkeit zur Unterstützung des Protests gegen die Entscheidung der Ausländerbehörde auf. "Es wäre toll, wenn Sie im Rahmen Ihrer Möglichkeiten versuchen könnten, Einfluss auf diese Entscheidung zu nehmen. Sei es, indem Sie direkt Position beziehen, eine Stellungnahme oder eine Idee, wie Sie als Theaterzuschauer und Kulturschaffende vielleicht selbst einen Beitrag leisten könnten. Senden Sie uns ihre Vorschläge, ihr Statement, ihre Meinung an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!."

(Theaterhaus Jena / sd)

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#1 Jena-Darsteller von Abschiebung bedroht: Aufruf von Claudia GrehnClaudia Grehn 2012-04-11 20:15
Stellungnahme zur Abschiebeandrohung von Olesia Sarah Lahmar Cherif und Miloud Lahmar Cherif

Zwei Menschen, die sich gegen die allgemeine Ohnmacht auflehnen und öffentlich Menschenrechte für Aslysuchende einfordern, wird gedroht "aufenthaltsbeendenende Maßnahmen" gegen sie einzuleiten, wenn sie Deutschland nicht bis zum 07.05.2012 freiwillig verlassen.

Auf der Theaterbühne haben wir solche Eingriffe in das Leben von Menschen als kafkaesken Alptraum gezeigt, in der Realität ist es ein nicht wieder gut zu machender Angriff auf die psychische Gesundheit und das selbst bestimmte Leben, was in ihrem Fall bedeutet gemeinsam in einem Land leben zu dürfen, in dem keiner der beiden gefährdet ist.

Dafür haben sie sich entschieden zu kämpfen, auf der Bühne, auf Demonstrationen und mit dem Mittel der Unterdrückten, sich dem Fortlauf menschenunwürdiger Gesetze zu verweigern. So hat Miloud die Strafen für das "Überschreiten des Landkreises Schmalkalden-Meiningen" aus Protest gegen die Ausgrenzung von Flüchtlingen, die mit dem Verbot des Verlassens des Landkreises verbunden ist, nicht bezahlt. Letzten Sommer habe ich ihn und die Aktivist_innen von the Voice begleitet, wie sie verzweifelte, enttäuschte Menschen über den laufenden Widerstand informiert haben, über die Möglichkeiten sich zu wehren, "es geht darum die Würde zurückzubekommen", hat er zu den Menschen gesagt, die mit tiefer Zustimmung nickten und doch besorgt nachfragten, ob eine Teilnahme an einer Demonstration nicht von der Ausländerbehörde gegen sie verwendet werden kann.

Im Vorlauf des Projektes kam die Frage auf, aber wenn wir über die Zustände in den Gemeinschaftsunterkünften sprechen, über die Erfahrungen mit Hausmeistern und Ausländerbehörde, wird die Ausländerbehörde uns dann nicht erst recht abschieben? Die Angst vor der Willkür ist groß. Vor dem Ermessenspielraum der Behörden. Vor den Ausländergesetzen, die gleichgültig gegenüber dem Schicksal des einzelnen, brutale Einschnitte in das Leben bedeuten. Umso wichtiger ist es die Menschen zu schützen, die sich über dieses Demokratie gefährdende Schweigen hinwegsetzen, die sich die Angst nicht einreden lassen.

Die Proben zu unserem Stück waren manchmal sehr hart. Das zu erzählen, was jeden Tag demütigt - dem zuzuhören, was in dem Moment, in dem man es hört eigentlich keine Sekunde mehr geduldet werden kann. Überforderung auf allen Seiten. Aber für 200 Menschen der Stadt Jena pro Vorstellung sichtbar, auf die Bühne zu bringen, was die Ausländerpolitik für Menschen bedeutet, war Antrieb genug diese Anstrengungen durchzuhalten. "Ich will nicht depressiv werden und Tabletten bekommen, die machen, dass mir alles egal ist. Ich werde alles tun um nicht wieder als Notfall ins Krankenhaus gebracht zu werden, ich will wieder auf der Bühne stehen und davon erzählen was hier passiert." Sagt Olesia, nachdem sie die Abschiebeandrohung erhalten hat. "Falls Sie sich entscheiden sollten gemeinsam mit ihrem Mann nach Algerien zurückzukehren, benötigen Sie ein gültiges Visum für den ständigen Wohnsitz in Algerien." Ist der Vorschlag des Landratsamts, Fachbereich Ordnung und Sicherheit, falls Olesia nicht alleine, ohne ihren Mann (algerische Staatsbürgerschaft) in die Ukraine ausreisen will, von wo aus sie gemeinsam aufgebrochen waren auf der Suche nach einem Land in dem sie zusammen ohne Ausgrenzung und Gefährdung zusammen leben können.

Diese Gesellschaft darf nicht verstummen!
#2 Jena-Darsteller von Abschiebung bedroht: Stellungnahme von Miloud & Olesia Lahmar CherifMiloud & Olesia Lahmar Cherif 2012-04-11 20:21
Am 04.03.2012 haben wir von der Ausländerbehörde Schmalkalden‐Meiningen einen Brief bekommen,in dem uns bis zum 07.05.2012 Zeit gegeben wird, Deutschland freiwillig zu verlassen – wenn wir uns weigern, werden sie uns abschieben.

Aufgrund unserer unterschiedlichen Nationalitäten (Algerier, Ukrainerin) planen sie, uns entweder zu zwingen, zusammen in eines der beiden Länder zu gehen, oder uns getrennt voneinander abzuschieben. Obwohl wir unsere offiziellen Personalausweise und Heiratsdokumente abgegeben haben, die unsere Ehe beweisen, drohen sie uns mit Trennung durch Abschiebung.

Wir wollen nicht gezwungen werden, in einem Land zu leben, in dem wir uns nicht sicher fühlen. Es ist unser Recht zu entscheiden, wo wir leben wollen – dafür werden wir weiter kämpfen. In der Ukraine wurde ich von ukrainischen Faschisten verfolgt und mit dem Tod bedroht, nur weil ich aufgrund meines Aussehens als Ausländer identifiziert wurde.

Meine Frau würde in Algerien aufgrund ihres jüdischen Glaubens mit geringer bis gar keiner sozialen Anerkennung und in Gefahr leben. Allein ihr Glauben reicht aus, um von extremistischen Islamisten umgebracht zu werden.

Ich bin Miloud und seit meiner Ankunft in Deutschland Aktivist von The VOICE Refugee Forum. Ich habe den Großteil meiner Zeit damit verbracht, den institutionellen Rassismus hierzulande öffentlich anzuklagen und Gerechtigkeit sowie gute Lebensbedingungen für Flüchtlinge in Deutschland und auf der ganzen Welt zu fordern. Ich habe für eine Änderung der Situation im Lager‐Wohnblock von Zella‐Mehlis gekämpft, in dem ich selbst noch lebe. Viele Dinge haben sich seitdem in Zella‐Mehlis geändert – die meisten der Familien haben Wohnungen bekommen und damit das schreckliche Lager verlassen. Ich habe dem Thüringer Innenminister in einer Podiumsdiskussion bei Radio Lotte in Weimar die Stirn geboten – der Minister hatte keine andere Wahl, als das Lager Zella‐Mehlis besuchen zu kommen.

Die Ausländerbehörde hat mich seit der ersten Aktion für die Schließung von Zella‐Mehlis im Visier gehabt. Genau am Tag einer Kundgebung und Demonstration in Meiningen (24.03.2011) habe ich einen Brief bekommen, in dem ich aufgefordert werde, eine 60€‐Strafe zu zahlen, weil ich im
thevoiceforum.org November 2010 auf dem Weg zu einer Karawane‐Konferenz in Berlin im Erfurter Hauptbahnhof wegen der Residenzpflicht kontrolliert wurde.

Meiner Frau wurden ärztliche Versorgung und ihr Recht auf psychologische Behandlung verweigert. Sie wurde sogar vom Meininger Sozialamt davon abgehalten, überhaupt einen Arzt aufzusuchen. Die Greizer Ausländerbehörde setzte uns bereits 2010 unter Druck, drohte uns mit Abschiebung und damit, uns zu trennen, weshalb meine Frau Olesia in eine schwere Depression geriet. Sie konnte acht Tage lang nicht sprechen und wurde ins Stadtrodaer Krankenhaus eingeliefert. Als sie nach elf Tagen wieder entlassen wurde, ließ der Druck durch die Ausländerbehörde Greiz nicht nach.

Ich habe mich deshalb dazu entschlossen, mit ihr nach Norwegen zu gehen, wo wir 14 Monate blieben. Meine Frau verbrachte neun Monate durchgehend in drei verschiedenen Kliniken in Oslo und Umgebung, unter anderem in Blackstad, wo sie einen Selbstmordversuch unternahm, als sie verstand, dass uns Norwegen aufgrund der Dublin‐II‐Verordnung nicht dauerhaft aufnehmen würde. Die norwegischen Ärzte warnten uns, dass im Falle neuerlicher Auslöser für das Trauma die Auswirkungen auf meine Frau noch schlimmer sein könnten und zu einer schweren und langfristigen Depression führen können. Infolge der jetzigen Abschiebeandrohung verschlimmert sich ihre schwierige Situation, was mir große Sorgen bereitet.

Mein Leben wird in Deutschland stattfinden. Ich habe im Dezember 2011 angefangen, Deutsch zu lernen, obwohl ich den Kurs selber gar nicht bezahlen konnte. Freunde unterstützten mich mit Spenden. Meine Frau und ich sind Teil des Theaterstücks "My heart will go on", das vom Theaterhaus Jena zusammen mit The VOICE Refugee Forum entwickelt wurde.

Ich werde Deutschland nicht unter Zwang verlassen. Ich werde nie das Lager Zella‐Mehlis verlassen – bevor nicht alle anderen dort raus sind und ich als Letzter es schließen werde.
Meine Mission in Zella‐Mehlis ist noch nicht beendet!

Miloud & Olesia Lahmar Cherif
The VOICE Refugee Forum
Industriestr. 29
98544 Zella‐Mehlis
thevoiceforum@gmx.de
#3 COMMENT_TITLE_RE Theaterhaus Jena-Darsteller von Abschiebung bedrohtChandrika 2012-05-15 19:09
Leider wird mir nicht klar, wie und aus welchen Grund Sie nach Deutschland gekommen sind, welchen Aufenthaltstitel Sie innehaben und weshalb Ihnen der Aufenthalt entzogen wurde.

Da Sie sich über die Gründe, die zum Entzug des Aufenthalts geführt haben nicht äußern, bleibt freier Raum für Spekulationen in alle Richtungen.

Da müßte schon mal "Butter bei die Fische" bzw. Klarheit geschaffen werden.

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