Ein Leben in Widersprüchen

Angenommen, Pier Paolo Pasolini (1922-1975) wäre durch seine Arbeit als Filmregisseur und Autor nicht weltberühmt geworden. Über seine Vita wäre er wohl eher als wunderlicher Kauz denn als genialer Künstler in Erinnerung: Er war schwul und stellte sich gegen sexuelle Diskriminierung, sprach sich aber auch gegen Abtreibung und Ehescheidungen aus; er war Anhänger der italienischen Kommunisten, obwohl sein Bruder von ebendiesen gemeuchelt wurde; ebenso bezeichnete er sich selbst als Marxisten, ohne Marx gelesen zu haben. Ein pathologisch enges Verhältnis zur eigenen Mutter rundet diesen in der Tat sonderlichen Charakter ab.

cover pasoliniwagenbach2012Was Nico Naldini in seiner bereits 1986 erstmals erschienenen und zum 90. Geburtstag Pasolinis nun in aktualisierter Form neu aufgelegten Biographie beschreibt, zählt diese Vielschichtigkeit detailliert auf, geht aber glücklicherweise zugleich darüber hinaus, indem zahlreiche persönliche Aufzeichnungen und Briefe des Protagonisten eingearbeitet sind. Ärgerlich sind dagegen einige Auslassungen. Beispielsweise wäre eine genauere Schilderung der zahlreichen Skandale (33 Prozesse musste er überstehen), die Pasolini unter anderem mit seinen stets heftig umstrittenen Büchern, Stücken und Filmen entfachte, der inhaltlichen Vollständigkeit ebenso zuträglich gewesen wie die Berücksichtigung der neuen Entwicklungen rund um seine Ermordung.

Prägnant und sprachlich teilweise geradezu grazil hingegen arbeitet Naldini (hervorragend übersetzt von Maja Pflug) das Werden des Allrounders heraus – vom aufgeweckten Schüler, der "anderthalb Bücher pro Tag" liest, über seine frühe Fußball- und Kinoleidenschaft bis hin zur Doktorarbeit über Pascoli. Unterbelichtet bleibt lediglich die Entwicklung seiner sexuellen Identität, deren (auch juristisch relevante) Wirkungen zur Deutung erheblicher Aspekte des Œuvre später wichtig gewesen wären. So hatte er in der Liebe keinerlei Glück, wie exemplarisch die Passage zeigt, in der er in Korrespondenz mit Maria Callas seiner zutiefst unglücklichen Liebe zu einem seiner jungen Schauspieler berührend Ausdruck verleiht.

Von jenen Geschichten hätte man gerne mehr gelesen. Dem entgegenstehen dürfte die Tatsache, dass Naldini der jüngere Cousin Pasolinis ist und ihm daher persönlich zu nahe stand, um einen kritischen und wertenden Blick auf die inneren Widersprüche und Probleme des Lebemanns werfen zu wollen. So bleibt es dem Leser schließlich ganz selbst überlassen, zu entscheiden, was uns Pasolini eigentlich heute noch zu sagen hat. Was wiederum durchaus zu diesem zeitlebens nach größtmöglicher individueller Autonomie strebenden Menschen passt. (Christian Baron)
 
Nico Naldini:
Pier Paolo Pasolini. Eine Biographie. Aus dem Italienischen von Maja Pflug.
Wagenbach Verlag, Berlin 2012, 392 S., 15,90 Euro. 

 

Anderweitig persönlich

"Am Rande einer Verzweiflung, mit der ich nicht gerechnet hatte" ist Mark Z. Danielewski am 4. März 2005, notiert er im Arbeitsjournal zu seinem Roman Only Revolutions. Die Berliner Festspiele veröffentlichen es im zweiten Band ihrer so schlicht wie schön gestalteten, überdies kostenlosen "Edition" zusammen mit Zeichnungen von Jorinde Voigt.

Als Danielewski das schreibt, ist "Only Revolutions" (sein nach dem Kult-Erstling "Das Haus" zweiter Roman) beim Verlag und wird dort für die Veröffentlichung vorbereitet. Sechs Jahre lang hat er sechs Tage die Woche daran gearbeitet; kein Wunder, dass der Abschied von den Figuren Sam und Hailey ihn an den Rand der Verzweiflung bringt. Aber diese beiden, so beruhigt Danielewski sich an anderer Stelle seiner Begleitnotizen, "können für sich selbst sorgen und sei es auf Kosten aller anderen". Nach der Lektüre von "Only Revolutions" glaubt man das auch: Der Roman, in Amerika 2006 und auf deutsch im März 2012 erschienen, ist eine Entfesselung. Forever sixteen reisen Sam und Hailey einander auf genau 360 Seiten mit lyrischem Überschwang entgegen. Dabei vergehen in der äußeren Welt, die ihre Zweisamkeit nur peripher tangiert, von 1863 bis 2063 200 Jahre.

Auch den Leser von "Only Revolutions" tangiert die äußere Welt schnell nur noch peripher, denn das wilde Duett entwickelt einen Sog – obwohl das Buch auf den ersten Blick eine anstrengende Lektüre vermuten lässt. Jede Seite enthält drei Erzählebenen, die graphisch auseinander gehalten werden. Nach Empfehlung des Autors soll "Only Revolutions" von beiden Seiten her gelesen werden. Auf diese Weise blättert man Sam und Hailey immer näher aneinander, um ihnen ab Seite 180 wieder aus ihrer unendlich scheinenden Umarmung hinaus zu helfen. Die dritte Ebene, die aus der Rezitation von historischen Eckdaten besteht, läuft kleingedruckt daneben.

"Historisch & gegenwärtig. Anderweitig & persönlich" denkt Danielewski seine Erzähl-Ansätze im Journal auseinander. Die "Edition" enthält das Faksimile seiner nahezu unleserlichen handschriftlichen Notizen; außerdem die Transkription des englischen Originals sowie eine deutsche Übersetzung. Braucht man die Begleitgedanken des Autors, um "Only Revolutions" zu decodieren? Nein. Sam und Hailey können nicht nur für sich selbst sorgen, sondern auch für sich selbst sprechen.

Trotzdem ist die Danielewski-"Edition" ein bezauberndes Unterfangen. Denn das aus kurzen Beobachtungen, Stichworten und assoziativen Wortspielereien sich zusammensetzende Journal mutet in seiner Rohheit an wie der Bericht einer weiteren Reise. Einer riskanten Reise in eine Welt, in der eigentlich nur Sam und Hailey existieren dürfen. "Sam? Hailey? (wie auch immer ihr heißt...) War es nicht auf diesen Feldern, wo ihr euch trefft?" ruft Danielewski den beiden einmal zu. Sie sind flüchtig. Haben ihm aber dann doch geantwortet. Was und wie, lässt sich nachlesen in "Only Revolutions". (Sophie Diesselhorst)

 

Mark Z. Danielewski:
Only Revolutions. Journals (2002-2004), Jorinde Voigt: Symphonic Areia (2006).
Edition 2, Berliner Festspiele

 

Die Komplexität des Komplexen

Die Frage stellt sich immer, für die flüchtige Kunst des Theaters besonders, und im Fall der Kunst des vor zwei Jahren verstorbenen Christoph Schlingensief in noch besonderer Weise: Wie erinnern? Und was? Es gibt, generell, kein Erinnern ohne Vergessen. Es gibt auch kein Verstehen ohne Begriffe, und Begriffe sind ja immer Versuche, die Komplexität der Phänomene unter ein sprachliches Dach zu zwingen. Schlingensief waren diese Paradoxa geläufig, sie tauchten überall in seinem Werk auf (Werk? ist das der passende Begriff?), in seinen Filmen, Inszenierungen, Texten, Happenings, Interviews. Aber er hat sich damit nicht abgefunden, nie abfinden wollen, bis zum Ende nicht; in einer seiner Inszenierungen, Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir, machte er diese Weigerung zu einem seiner Themen. Und eben das, diese Weigerung, die Komplexität der Wirklichkeit in Begriffsschubladen zu packen, macht das Schlingensief-Erinnern und die Schlingensief-Wissenschaft so schwierig.

cover schlingensiefpraesens2011Und jetzt?

Jetzt ist ein Band mit Aufsätzen und Essays erschienen, basierend auf einer großen Schlingensief-Konferenz im letzten Jahr in Wien, der um diese Schwierigkeiten weiß und zum Glück gar nicht erst versucht, die "Gesamtkunst" Schlingensiefs in einen Begriffstopf zu zwängen. Die einzelnen Texte machen allenfalls erste Angebote für die Zukunft der Schlingensief-Erinnerung. Der Pop-Theoretiker Diedrich Diedrichsen spricht von "Diskursverknappungsbekämpfung", die Literaturwissenschaftlerin Bärbel Lücke von dem "Vermischungskünstler", der Filmwissenschaftler Georg Seeßlen von einer "Ästhetik der Öffnung". Es gibt in diesem Buch Gespräche mit Schauspielern und einstigen Mitarbeitern, viele schöne Bilder, trockenste Wissenschaft, persönlichste Erinnerungen. Man weiß am Ende zwar nicht mehr, als dass die Komplexität des Schlingensiefschen Schaffens, nun ja, sehr komplex war, aber immerhin: Einen einheitlichen Blick auf Schlingensief gibt es nicht. Deshalb ist dies ein reiches, lohnendes Buch auch für jene, die nie eine Schlingensief-Inszenierung gesehen haben.

Es bleibt, zunächst, ein Satz von Elfriede Jelinek, auch in diesem Band zu finden: "Ich kann nur von außen herumsprechen, als würde man ein Stück Brot von den Rändern her aufessen, indem man ringsrum abbeißt, bis es weg ist." (Dirk Pilz)

 

Pia Janke und Teresa Kovacs (Hg.):
Der Gesamtkünstler Christoph Schlingensief.
Praesens Verlag, Wien 2011. 493 S., 41, 80 Euro

 

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