altFlucht in den Osten

von Willibald Spatz

Augsburg, 13. April 2012. Was wird nicht gerade gejammert über das, was die Theater auf ihre Spielpläne setzen: Nur noch dramatisierte Romane oder Uraufführungen von Stücken, die nach ihrer ersten Inszenierung für immer verschwinden. Da halten die Augsburger nun tüchtig dagegen. "We are Camera/Jasonmaterial" von Fritz Kater ist nicht frisch und doch auch nicht alt. Armin Petras, der sich bekanntlich hinter dem Pseudonym Fritz Kater verbirgt, hat es selbst 2003 am Hamburger Thalia Theater herausgebracht und wurde dafür auch prompt zum Theatertreffen eingeladen.

Politischer Eskapismus übertragen ins Familienleben

Dieser letzte Teil seiner so bezeichneten DDR-Trilogie ist nicht unbedingt ein dankbarer Brocken. Es geht um einen Wissenschaftler, der als Spion arbeitet und mit seiner Familie von West- nach Ostdeutschland flieht. Es ist der Silvestertag 1969 und die Familie ist gerade auf Zwischenstation in Finnland. Es ist die Nacht, in der der Mann seiner Frau das Geheimnis seiner Identität beichtet, und es ist die Nacht, in der sie ihn mit einem Fremden betrügt, der auch Agent ist und hinter einem weißen Pulver her ist, das der Fliehende bei sich hat.

Kater erzählt keine spannende Spionagegeschichte, er verarbeitet einen Teil seiner Biographie: Auch die Petras-Familie siedelte 1970 von West nach Ost um. Tatsächlich ist Mirko, der Sohn "We are Camera"-Familie, 1969 fünf Jahre alt, so alt wie Armin Petras zu der Zeit war. wearecamera1 560 NikSchoelzel uAlexander Darkow in "We are Camera" © Nik Schoelzel

Die Schwierigkeit ist nicht die Struktur des Stücks, obwohl auch die ungewöhnlich ist. Es gibt kaum Rückblenden, stattdessen eine Menge Vorausblenden, kurze Fetzen, die das Leben der Familie in der neuen Heimat beleuchten. Sie kommen nicht an in der Fremde; ähnlich wie die Jason-Medea-Familie im Mythos bleiben sie Vertriebene, deren Lebensentwürfe in einer Nacht geplatzt sind. Der Vater säuft sich kaputt, die anderen leiden stoisch mit bis zum bitteren Ende. Damit der Augsburger Zuschauer diese Sprünge geistig nachvollziehen kann, werden ihm die Handlungszeiten auf einem Flachbildschirm an der Rückwand angezeigt.

Erinnerungen in winterlicher Atmosphäre

Wesentlich problematischer sind die Figuren im Stück. Es gibt keine Sympathieträger: Sie berühren einen nicht, diese unschuldig Gescheiterten, die absolut nichts aus ihrem Schicksal machen wollen, sie stemmen sich nicht dagegen, sie nehmen es auch nicht an. Gut, die Mutter betrügt ihren Mann. Fritz Kater wollte Leute ausstellen, "die nur noch filmen, […] die nur noch beobachten, Leute, die nicht mehr selbst agieren". So etwas lässt sich schlecht vom Blatt spielen, weil es einen kalt ließe. Andersrum bietet dieser Text so den Schauspielern auch eine Menge Futter für reißende Nummern, solange sie nur genügend ironische Distanz bewahren. Armin Petras selbst ist da nicht zimperlich, wenn er eigene Stücke inszeniert. Da lässt er wenig Pathos zu.

Auch die Regisseurin Lilli-Hannah Hoepner gibt sich Mühe, aus dem Stoff etwas herauszuholen im Augsburger Textil- und Industriemuseum. Dieses dient den städtischen Bühnen im Moment als provisorische zweite Spielstätte, bis im Mai die neue Brechtbühne eingeweiht wird. Evi Wiedemann hat den kompletten Raum mit Plastikplanen ausgelegt, sie auch über alle Möbel gezogen. Das schafft eine sterile, winterkalte Atmosphäre. Da kann man auch toll mit Rollschuhen drüber flitzen und die Federn aufwirbeln, die drauf verstreut sind. Die Familie kauert an der Wand, sie liegen alle in einem Bett, die Folie dient als Bettdecke. Nachdem sie aufgewacht sind, rutschen Alexander Darkow und Sarah Bonitz als die Kinder der Familie mit Zahnbürsten auf Knien umher. Sie benehmen sich wie drei- und fünfjährig. Das ist einerseits durchaus komisch, andererseits auch etwas befremdlich, weil unklar bleibt, ob sie sich nun wirklich aufs Spielen einlassen oder doch lieber als Schauspieler neben ihren Charakteren stehen bleiben.

Stillstand und Durchgeknalltheit

Ganz in ihren Rollen gehen dagegen Martin Herrmann als Vater und Ute Fiedler als Mutter auf, wenn er sie im Hotel in Helsinki mit der Wahrheit konfrontiert und sie es nicht glauben will, wieder und wieder darauf besteht, am nächsten Tag nach Indien weiterzureisen und nicht in "das andere Deutschland". Diese Szene hat Boulevardqualitäten und zwar im besten Sinne. Die vageste Figur jedoch ist John, der andere Agent, Liebhaber, Hotelangestellte. Kein echter Mensch, mehr eine Fleisch gewordene Ansammlung aus Film- und Sagenzitaten. Da steckt sowohl "Shining" drin als auch James Bond. Eine irre Gestalt bei Philipp von Mirbach, wenn er auf Rollschuhen durch den Raum schwirrt, unter der Plastikplane durchkriecht oder sich in Heldenpose auf eine Leiter in der Bühnenmitte schwingt.

Man würde ihn dann am liebsten ausschneiden aus dem Drumherum und ihn den restlichen Abend allein bestreiten lassen, weil hier genau die Durchgeknalltheit und Spielfreude aufblitzt, die alle Fragen, wie oder warum dieses Stück nun hier gespielt werden muss, überflüssig werden ließe. So aber hat man den Eindruck, nicht nur in einem Textil-, sondern auch in einem Theatermuseum zu sitzen. Es wird eine Art und Weise gezeigt, wie man vor nicht allzu langer Zeit Geschichte und persönliches Erleben aufzuarbeiten versuchte. Interessant durchaus, aber nicht zwingend.

We are Camera/Jasonmaterial
von Fritz Kater
Regie: Lilli-Hannah Hoepner, Bühne und Kostüme: Evi Wiedemann, Dramaturgie: Roland Marzinowski.
Mit: Martin Herrmann, Ute Fiedler, Alexander Darkow, Sarah Bonitz, Philipp von Mirbach.

www.theater-augsburg.de

 

Kritikenrundschau

"Vor dem Hintergrund des Ost-West-Konflikts" sei "We are camera / Jasonmaterial" "intelligentes Spiel mit dem antiken Mythos, Spionage-Thriller mit parodistischen Zügen und private Familientragödie in einem", schreibt Florian Welle in der Süddeutschen Zeitung (16.4.2012). Die Sprache sei "gehetzt, brutal, zärtlich auch und rhythmisch vollendet. Form und Inhalt sind in Balance. Daran ist letztlich die talentierte Jungregisseurin Lilli-Hannah Hoepner mit ihrer Inszenierung (...) gescheitert." Sie mache zwar "vieles richtig, und doch bannt die Aufführung nur in wenigen eindrucksvollen Momenten. Warum? Der Szenenreigen besitzt kaum Tempo. Das Ausbuchstabieren all der inhaltlichen und formalen Details wirkt wie eine Bremse. Das scheint sich auch auf das Spiel der Schauspieler übertragen zu haben. Vermisst wird: der selbstbewusste Umgang mit der Vorlage, Radikalität und Entfesselung."

"Dass da ernsthaft ein Stück deutscher Geschichte verhandelt wird, macht der Text schnell klar. Ob er dabei auch seine Personen ernst nehmen will, bleibt fraglich", schreibt Frank Heindl in der Internetzeitung Die Augsburger Zeitung (16.4.2012). "Kein Wunder also, dass die Inszenierung keine Empathie entstehen lässt: Die Personen bewahren sich eine hochgradige Künstlichkeit, als sollten sie nicht Menschen, sondern Exempel darstellen." Hoepners Inszenierung zeige "Menschen, die ebenso von der Geschichte wie von ihren eigenen Lebensgeschichten vergewaltigt, gefressen und wieder ausgespuckt werden – und die gelernt haben, die Spuren er Misshandlungen zu ignorieren im stumpfen 'Weiter so'."

 
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