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Im Glaskasten des eiskalten Engels

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 15. April 2012. "Man versteht überhaupt nichts mehr. Diejenigen, die gegeneinander kämpfen müssten, kämpfen nicht mehr. Niemand weiß, an wen die Stadt fällt", sagt Habib. "Schatila 1982" heißt die Szene, in die gerade "hineingezappt" wurde. Schatila: das palästinensische Flüchtlingslager in Beirut, wo eines der vielen furchtbaren Massaker stattfand, die an diesem Abend thematisiert werden. Und wie Habib, der nichts mehr versteht, ging es wohl vielen Zuschauern bei der gestrigen Premiere im Schauspielhaus des Staatstheaters Stuttgart, wo eine Bühnenadaption von Mathias Énards Roman "Zone" zur Aufführung kam.

Dabei wäre doch eigentlich alles so einfach, wenn man es so sehen würde wie Francis Mirkovic, die Hauptperson des Abends, die am Ende konstatiert: "Alles hängt zusammen" – ob Napoleonische Kriege, Nazi-Gräuel oder Balkankriege. Egal wo man hinschaut in der Geschichte der "Zone", mit der Énard den Mittelmeerraum meint: Überall aufgeschlitzte Neugeborene, vergewaltigte Frauen und verbrannte Männer, gespaltene Schädel und abgeschlagene Hände. Und alles ist am Ende irgendwie dasselbe und der Zuschauer erledigt: vom theatralen Bombardement mit ständig wechselnden Kriegsschauplätzen, Wortkaskaden, unzusammenhängenden Episoden und Ereignissen.

Die Selbstvergewisserung des Kriegsverbrechers

Regisseur Nuran David Calis hat den 2008 erschienenen französischen Roman zusammen mit der Dramaturgin Beate Seidel für die Bühne eingerichtet. Es muss eine Heidenarbeit gewesen sein, aus diesem Textmonument theatertaugliche Szenen für zwei Stunden herauszukristallisieren. Hut ab! Aber sind diese 600 Seiten Suada, diese im Bewusstseinsstrom mäandernden Lebenserinnerungen des Ex-Soldaten und Geheimdienstlers Francis Mirkovic, wirklich als Stoff fürs Theater geeignet?

9485 auftrag zone 8 560 sonja rothweiler u  Till Wonka im Glaskasten © Sonja RothweilerUm das Textmonstrum zu bändigen hat man sich eine Hilfskonstruktion ausgedacht: Mirkovic wird als Kriegsverbrecher angeklagt. Der Prozess stellt sich mit der Zeit aber als eine Kopfgeburt des Protagonisten heraus – zwecks Selbstvergewisserung seiner Vergangenheit. Er sitzt im schusssicheren Glaskasten und muss – freilich mit Unterstützung zweier Anwälte – Rede und Antwort stehen. Ins Gerichtsszenarium hinein drängen weitere Erinnerungen: per Video zugespielt oder live. Chetniks stürmen die Bühne, israelische Soldaten, eine makabre Nazi-Party mündet in die Erschießung Gefangener – nur so zum Spaß –, Mirkovics Vater foltert im Algerienkrieg, seine Mutter gibt ein Konzert vor den Faschisten der kroatischen Ustascha.

"Irgendeiner muss sich die Hände schmutzig machen"

Dazwischen wichst, fickt, säuft, raucht Mirkovic, schubst seine Liebesgespielinnen herum. Till Wonka spielt das gut: den gewaltsüchtigen Choleriker, den einsamen eiskalten Engel und die selbstmitleidige Labertasche. "Die Feinde meiner Feinde sind meine Freunde", sagt Mirkovic, der kriegerische Jobhopper, der zunächst als seitenwechselnder Soldat im Jugoslawienkrieg das Töten lernt, dann zum Diener diverser Geheimdienste avanciert, getragen von der Einsicht, alles sei austauschbar und "Freiheit" und "Vaterland" nur Phantome. Ein Schuldiger ist er, der sich selbst – wie sollte es anders sein – als Opfer fühlt: "Irgendeiner muss sich in dieser Welt die Hände schmutzig machen, damit sich die andern moralisch entrüsten können", sagt er.

9485 auftrag zone 14 280 sonja rothweiler uTill Wonka © Sonja RothweilerDas ausufernde, dennoch um sich selbst kreisende Mitteilungsbedürfnis auf der Bühne wird durch die Rahmenhandlung noch verkompliziert, denn dafür hat man ausgerechnet Heiner Müllers noch aus DDR-Zeiten stammenden dramatischen Revolutionsdiskurs "Der Auftrag" gewählt und auf eine halbe Stunde eingeschmolzen. Darin sollen drei Abgesandte des nachrevolutionären Frankreichs auf Jamaika einen Sklavenaufstand gegen die herrschenden Briten in Gang bringen. Der Auftrag wird aber, nachdem Napoleon in Paris die Macht übernommen hat, zurückgenommen. Wofür jetzt noch kämpfen?

Freiheit und Jamaika-Rum

"Was du heute nicht verrätst, wird dich morgen töten. Vom Standpunkt der Humanmedizin ist die Revolution eine Totgeburt", lautet das resignative Resümee Debuissons, eines der drei Revolutionäre. Calis hat aus Bruchstücken des "Auftrags" eine Art Lehrstück geformt, von dem allerdings einzig die Parodie auf Delacroix' berühmtes Bild "Die Freiheit führt das Volk" in Erinnerung bleiben wird – eine bühnenbildnerische und beleuchtungstechnische Glanzleistung: Die französischen Abgesandten frieren zum Gemälde ein: mit gezückten Waffen und wehender Frankreichfahne – vor ihnen keine Toten, sondern Jamaika-Rum-Flaschen.

Am Ende sind die Schauspieler erschöpft und das Publikum eingelullt vom Wortschwall und von der Bilderflut. Virtuos gelingt zwar das schnelle Switchen zwischen den Zeitebenen. Indes: Das Geschehen auf der Bühne lässt kalt. Es packt einen nicht. Das siebenköpfige Ensemble rackert sich ab, aber die Charaktere bleiben blass. Liegt es am Umgang des Regisseurs mit dem Stimmmaterial? Lautes, speichelversprühendes Skandieren dominierte vor differenziertem Sprechen. Das wirkt zunächst eindringlich, aber auf Dauer gleichförmig. In die Seele schauen lassen sich die Protagonisten auf diese Weise nicht. Das wäre aber gerade im Falle des Francis Mirkovic die Rechtfertigung gewesen, ihn zur Bühnenfigur zu machen.

 

Der Auftrag / Zone
von Heiner Müller / Mathias Énard
Textfassung von Beate Seidel und Nuran David Calis
Regie: Nuran David Calis, Bühne: Irina Schicketanz, Kostüme: Amélie von Bülow, Video: Karnik Gregorian, Musik: Vivan Bhatti, Licht: Kevin Sock, Dramaturgie: Beate Seidel.
Mit: Till Wonka, Sebastian Kowski, Katharina Ortmayr, Nadja Stübiger, Minna Wündrich, Toni Jessen, Jan Krauter.

www.schauspiel-stuttgart.de


Kritikenrundschau

Um den mäandernden Bewusstseinsstrom zu kanalisieren, habe man zu einer Hilfskonstruktion gegriffen: Der außer Kontrolle geratene Ex-Agent muss sich vor dem europäischen Gerichtshof verantworten, so Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (20.4.2012). "Die eingeschalteten Spielszenen, in denen sich der Raum öffnet und zum halluzinatorischen Kopf-Kino wird, verlangen von den Schauspielern eine schwierige Instant-Emphase, bei der sie nicht selten überagieren." Heiner Müllers "Der Auftrag" diene als Rahmenerzählung, das sei "intellektuell reizvoll, erzeugt aber keinen szenischen Mehrwert. Eine echte Kopfgeburt aus der Dramaturgie-Stube".

"Der Verlust des politischen Auftrags als sinnstiftendes Element", dies sei "die Verbindung zwischen Énards Roman und Müllers Text", sagt Rainer Zerbst in der Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (15.4.2012). Autorregisseur Calis "beherrscht alle Mittel der Dramatisierung. Schriftzüge an der Wand, Videoeinblendungen, Livevideoaufnahmen des Bühnengeschehens entwickeln alsbald einen Sog, der der Romanvorlage durchaus entspricht". Allerdings rahme der Roman bei ihm das Müller-Stück, und "Müllers geschichtsphilosophische Thesen lassen sich nur vage mit den zum Teil sehr realistischen Szenen Énards verbinden. So wäre es sinnvoller gewesen, beide Stücke zu getrennten Theaterabenden zu verarbeiten, Stoff dafür hätten beide hinreichend gehabt."

Otto Paul Burkhardt schreibt für die Onlineseite des Schwäbischen Tagblatts (17.4.2012): Der Abend stelle eine "bezugsreiche Koppelung" von Müller und Énard her: "Hier skeptische Blick auf die Ideale der Französischen Revolution, dort ein Durchgang durch die neuere Kriegsgeschichte: Holocaust, Spanien, Algerien, Libanon, Jugoslawien – ein nicht abreißender Strom von Gewalt und Verbrechen". Nuran David Calis habe beide Werke "zu einem ungeheuerlichen Tableau, zu einem Albtraum, der knapp 200 Minuten währt", verbunden. In seinen Gewaltdarstellungen halte er sich weit entfernt von einem "schrillen Naturalismus" und vermeide auch den Drift "in pure Anklage oder in die bloße Faszination des Bösen". Die Situierung des Geschehens in einer fiktiven Gerichtsverhandlung schaffe "Distanz zu den Dingen". "Trotz recht ermüdender Längen (gerade in Énards schier endlosem Kriegs-Furioso) gelingt es der Regie, die Spannung zu halten."

"Dem Kämpfer ist der Sinn des Auftrags abhandengekommen. Dies ist die Denkfigur, die Müller und Énard verbindet", schreibt Nicole Golombek in den Stuttgarter Nachrichten (17.4.2012). Calis erinnere mit Énard an die europäischen Kämpfe vor der eigenen Haustür, mit Müller blickt er nach draußen. Doch so sehr der Ansatz die Kritikerin intellektuell überzeugt, so wenig kann sie ihm ästhetisch etwas abgewinnen. "Es ist eine dann doch vor allem ermüdende Wiederholung von Szenen: Gewehrgefuchtel von Kämpfern mit Palästinensertuch oder Soldaten, die sich an Wonka (den Protagonisten) drängen und mit großen Augen Kriegsgräuel-Mauerschau betreiben. Die Inszenierung erschöpft sich in zerdehnten Kunstbewegungen oder in hilfloser Ballerei und Geschrei, in wild gemeinten Kriegs- und Bordellszenen, Papierregen, Videoeinspielungen. Die Schauspieler brüllen sich die Kehle aus dem Leib, es herrscht stets dieselbe Tonlage."

Skeptischer beurteilt Christian Gampert in der Stuttgarter Zeitung (17.4.2012) die Verknüpfung von Müller und Énart. Zwar schreibe letzterer "Müllers Geschichtspessimismus in die Gegenwart fort"; "aber rein sprachlich ist das ein ziemlicher Absturz – und dramaturgisch ebenso". Müllers Stück wirke bei aller Sprachgewalt "in Zeiten der Finanzkrise, wie ein historisches Relikt aus einer überschaubaren Welt". Das anschließende Tribunal, mit dem Énards Roman aufbereitet wird, sei "von großer intellektueller Schlichtheit". Auf "Feinheiten" in der Differenzierung ethischer, religiöser und ökonomischer Konflikte werde bei Calis im Ganzen verzichtet. Seiner Inszenierung "geht es umden Effekt. Der stellt sich, nach etwa einstündiger Flaute vor dem hohen Gericht, dann doch noch ein: je mehr Trümmer die Bühne bedecken, je mehr misslungene Privatgeschichten den Weg der Hauptfigur säumen, desto mehr Sog entwickelt die Aufführung."

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