Hat Glück wirklich kein System?

von Simone Kaempf

18. November 2007. Theaterautoren schreiben Theaterstücke, ja. Aber was steht eigentlich drin in den Texten, bevor sie die Regisseure in die Finger bekommen? Diese Frage stellt Eberhard Rathgeb in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 18. November 2007 und unternimmt den Versuch, das Theater lesend, nicht sehend zu verstehen.

Eigentlich gar keine so schlechte Idee. Eberhard Rathgeb hat sich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sechs Autoren und ihre neuen Stücke vorgenommen: Dea Lohers "Land ohne Worte", Anja Hillings "Schwarzes Tier Traurigkeit", Philipp Löhles "Genannt Gospodin", Sabine Harbekes "trotzdem", Martin Heckmanns' "Ein Teil der Gans" und Falk Richters "Ausnahmezustand".

Dass sie Spezialisten für Gesellschaft, Moral oder Psyche seien, spricht Rathgeb ihnen ab – durchaus mit Bedauern. Sie suchen zwar die Gegenwart, aber "sie sind keine Soziologen, keine Philosophen und keine Psychologen - und doch reden sie über uns und unser Leben." Weiter heißt es: "Wenn man diese Stücke liest, dann geht man auf eine Reise, die in das Dilemma führt, in dem wir heute stecken." Das Dilemma sei, dass man vom System nicht mehr loskommt, wenn man stur vom System ausgeht. Aber was dann? Ohne System scheint es auch nicht zu gehen. Ganz ohne Systembewusstsein ausgestattet, würden Sabine Harbekes Figuren vor der Gegenwart mit ziemlich leeren Händen dastehen, "man ist geknickt, aber nicht bewegt", schreibt Rathgeb.

Schon glücklicher ist er mit Gospodin aus Philipp Löhles Stück, der sich aus Konsum- und Arbeitswelt zurückzieht und im Gefängnis landet. Aber, schreibt Rathgeb, sein Rückzug sei auch nur "Regression in eine widerspruchs- und schmerzfreie Privatzone, die nur das Pendant zum flächendeckenden System öffentlichen Glücksversprechens ist".

"Das System, die persönlich genommene Tagesschau und die kleinen Verhältnisse" würden zwar auch schon weit weg liegen von den Ausflüglern in Hillings "Schwarzes Tier Traurigkeit", doch das sei immer noch weit weg von Dea Loher, so Rathgeb. Bei ihr "sieht man dem Glück ständig entgegen", aber schaue dennoch dem Schmerz ständig ins Gesicht.

Schmerz, Glück, Trost, Hoffnung. "Man kann den Schmerz nicht ausblenden, wenn man bei Sinnen bleiben möchte", bilanziert der Text und sagt am Ende: "So lang ist der theatralische Weg von der modisch-modernen Theorie zu einer modern-antiken Lebenskunst. Und so klein ist heute unsere poetische Gegenwart."

So raten wir als dramatisches Rezept: man nehme antiken Schmerz, großes Glück, bleibende Hoffnung, poetische Überraschungen, ein wenig "Empire"-Sound der Gegenwart, Systembewusstsein und bastele sich ein Stück daraus. Aber wehe man gerät an einen Regisseur, der damit nichts anfangen kann.

Kommentare

Kommentar schreiben