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Eeeeh ... Makarenko!

von Falk Schreiber

Hamburg, 26. April 2012. Der Titel ist schon mal klasse. "Fuck your Ego!", das geht aggro in die Fresse, "Nimm dich mal nicht so wichtig!", und verschleiert in seiner Schnoddrigkeit charmant, dass das Ficken des Ego eben auch bedeuten würde, das Selbst zu verleugnen, sich einzuordnen ins Kollektiv. Und das klingt dann schon nicht mehr so schnoddrig, sondern mit einem Schlag gefährlich schillernd.

Die estnischen Theatermacher Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper, als Leiter des Theaters NO99 in Tallinn mit einer gewissen Festivalprominenz gesegnet, inszenieren erstmals in der Bundesrepublik: den Roman "Ein pädagogisches Poem" des frühsowjetischen Reformpädagogen Anton Makarenko. Das heißt: Sie zeichnen die Biografie Makarenkos nach und koppeln sie mit der Geschichte der Gorki-Kolonie, einem Kollektiverziehungsmodell, das in den 1920er Jahren mit straffälligen Jugendlichen versucht wurde, und das Makarenko in seinem Roman beschreibt.

Wir sind ja nicht beim Militär hier
Im Hamburger Thalia in der Gaußstraße sieht das dann so aus, dass Sebastian Rudolph (alle Schauspieler sprechen sich mit ihren echten Namen an, obwohl sie eindeutig Rollen darstellen) zunächst erklärt, wer dieser Makarenko eigentlich war, naja, "erklärt": Der Ort ist "eine ukrainische Stadt, deren Namen ich nicht aussprechen kann", ah ja. Was aber auch egal ist, denn mit einem Schlag verwandelt sich das Referat tatsächlich in die Gorki-Kolonie. Sieben Kolonisten marschieren über die Bühne, aber weil wir es mit Schwererziehbaren zu tun haben, ist das mit der Disziplin so eine Sache: Gleichschritt ja, aber die Blicke bleiben nicht gebändigt, die wandern suchend durchs Publikum, wir sind ja nicht beim Militär, hier.

ego5 560 krafft angerer hMan selbst sein oder im Kollektiv aufgehen wie Hefeteig? "Fuck your ego" © Krafft AngererDas ist geschickt gemacht, wie die gesamte Inszenierung weniger durch ihr stringentes Konzept überzeugt als durch kleine, kluge Details in Massenszenen. Wenn das Kollektiv entscheidet, dass Alkohol in der Kolonie verboten sein soll, dann schaffen es Ojasoo und Semper mit minimalen Mitteln, Verschiebungen der Machtverhältnisse klarzustellen, ein skeptisch hochgezogener Mundwinkel reicht da schon. Wenn in einer grandios chaotischen Choreographie die Körper nacheinander im Wettkampf, im Rangeln, im Liebesakt aufeinander prallen, dann sind diese Bedeutungsveränderungen auf den Punkt gesetzt. Und selbst wenn solche kurzen Sequenzen ausbleiben, passiert trotzdem immer was. Mal Klamauk, mal Musik (das Ensemble grölt den Ballermann-Hit "La Macarena" mit minimal abgeändertem Text: "Eeeeh ... Makarenko!", toll!), schon ganz zu Anfang rotzt Bruno Cathomas dem Publikum vor die Füße, da hätte man fast drauf wetten können, dass im Laufe des Abends auch noch Scheiße über die Bühne fliegt. Doch, macht Spaß.

Ein dreckiger Witz
Andererseits haben Ojasoo und Semper eigentlich nichts zu erzählen, und das über fast drei pausenlose Stunden. Entsprechend richtet man sich ein in dieser Nummernrevue aus der historisch-pädagogischen Zauberkiste, man kapiert ein paar Insiderwitze (Birte Schnöink "tanzt ihr Geschlecht": Sie hoppelt ein wenig hilflos rum) und erkennt viel mehr Referenzen nicht einmal, man schenkt einem durch die Bank wunderbaren Ensemble ein paar mal zu oft sein Herz, man sieht zu, wie das Bühnenbild (eigentlich nur eine große Fläche Stabparkett) zehn Minuten lang abgebaut und dann in Teilen gehäckselt wird. Irgendwann fragt Sebastian Zimmler Franziska Hartmann, was das Streben eines Kolonisten sei, "a) er selbst zu sein oder b) in der Gruppe aufzugehen wie Hefeteig?", da horcht man auf. Aber Hartmanns Antwort "Hefeteig" ist falsch, und man erfährt nicht, weswegen, weil Zimmler es in diesem Moment wichtiger findet, sein Gegenüber recht unangenehm sexuell zu bedrängen. Und dann verdeutlicht Sebastian Rudolph dem Publikum eine Viertelstunde lang das Konzept der Sechsfelderwirtschaft, es ist ein Irrsinn.

"Fuck your Ego!" ist eine Überforderung. Zu lang, zu viel, zu laut, zu klug, zu läppisch. "Fuck your Ego!" ist aber auch auf eine ganz großartige Weise konsequent. Wie Makarenkos Traum vom "neuen Menschen" scheiterte, erst zu Stalin und dann in den Gulag führte, so scheitert auch diese Inszenierung. Am Ende bleibt nur noch ein erschreckendes Bild von Bruno Cathomas, der halbwahnsinnig Strategien linken Widerstands durchdekliniert, ohne zu wissen, wogegen er eigentlich widerstehen soll, am Ende bleibt eine E-Mail an den slowenischen Philosophiestar Slavoj Žižek, dass man ihn zitieren wolle, ob das okay sei, am Ende bleibt Žižeks desinteressierte Antwort? Der neue Mensch: ein Witz. Ein blutiger, dreckiger, viel zu langer Witz, ein irgendwo ganz großartiger Witz.

Fuck your Ego!
nach Anton Makarenko
Regie/Ausstattung: Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper, Musik: Lars Wittershagen, Dramaturgie: Sandra Küpper, Eero Epner.
Mit: Bruno Cathomas, Julian Greis, Franziska Hartmann, Sebastian Rudolph, Birte Schnöink, Alexander Simon, Sebastian Zimmler.

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Auf der Webseite des Hamburger Abendblattes bewundert Armgard Seegers (28.4.2012) die Leistung der sieben Schauspieler, die knapp drei Stunden auf der Bühne "exerzieren", sich mit "Wasser übergießen", kopfüber in einer "halb gefüllten Tonne" landen, sich prügeln oder als Roboter verkleiden. "Die Truppe lebt in einer Kolonie und arbeitet mit vollem Einsatz an der historischen Utopie vom besseren Menschen", und manchmal sehe es aus wie "Kindergeburtstag". Bruno Cathomas werde "die Hose heruntergezogen". Er müsse sich "für seinen dicken Bauch entschuldigen", wo doch die anderen hungerten. Hartmann und Schnöink spielten die "wunderbarsten Pferde", die man je auf einer Bühne gesehen habe. Die "kleine Schnöink mit dem dicken Cathomas auf dem Rücken" – ein Bild "himmelschreiender Ungerechtigkeit". Der Abend sei eine "aufregende, unterhaltsame, mutig konsequente Ansammlung von tollen Nummern über das schwierige Leben miteinander", über das "Scheitern des Kommunismus und anderer Träume". Theater, wie man es selten sehe.

Auf taz.de (27.4.2012) schreibt Klaus Irler: Das Jahr 1920 von Makarenkos Experiment sei weit weg. Hier gehe es um ein Experiment unter der Regie von Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper: "Was würde passieren, wenn der Sebastian, der Bruno und die Franziska von heute in der Arbeitskolonie von damals landen würden?" Würden sie mit ihrer heutigen Sehnsucht nach Veränderung an der damaligen Idee vom "Neuen Menschen" anknüpfen können? Um das rauszufinden, probierten die Schauspieler "Bestrafungsmethoden durch das Kollektiv", probierten, "ohne persönlichen Besitz auszukommen und machen sich über Gerechtigkeit bei der Essensrationierung Gedanken". Dabei kippe das Experiment in den Klamauk: Ernst nehmen könne den militärischen Drill keiner. Die Suche nach einer "aktuell brauchbaren Utopie" laufe ins Leere. Die Schauspieler gäben sich "redliche Mühe bei der Selbstbefragung", fänden aber keine Antwort. Ein "naiv angelegter, aber phasenweise amüsanter Abend".

 
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