altEin Mordsstück

von Wolfgang Behrens

Berlin, 30. April 2012. Am 26. Oktober 1590 erschlug Carlo Gesualdo, Fürst von Venosa, seine Gemahlin Maria d'Avalos und deren Liebhaber Fabrizio Carafa, den Herzog von Andria. Der Fürst hatte sich für diese Tat der Hilfe einiger Bediensteter versichert, und es ging, glaubt man den Quellen, recht blutig zu. Derselbe Carlo Gesualdo war aber auch ein Musiker von Rang, er verstand sich exzellent aufs Lautenspiel und komponierte Madrigale und Motetten, deren eigenartige, mitunter nahezu bizarre harmonische Kühnheiten spätere Generationen immer wieder von neuem verblüfften. Was aber haben diese beiden Tatsachen miteinander zu tun, was verbindet Mord und Werk?

Fürst Gesualdo – Komponist und Mörder

In trivialpsychologischer Sicht hängt beides natürlich eng zusammen: Da ist ein leidenschaftlicher Mensch, der sich im Leben und in der Musik zum Äußersten treiben lässt. Ob das jedoch so stimmt, weiß keiner. Möglicherweise war der Fürst ja weniger eifersüchtig als vorausschauend, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ihm der Herzog von Andria seinerseits gerne einen Giftbecher untergejubelt hätte, ist in der Spätrenaissance nicht gering zu veranschlagen. Und ebenso muss es ungewiss bleiben, inwieweit die so exzessiv chromatische Musik Gesualdos Folge einer psychisch haltlosen Konstitution ist – oder nicht doch Produkt eines kompositorisch kühl disponierenden Geistes.

Das Motiv "Der Mörder als Komponist" ist aber naturgemäß zu griffig, als dass es nicht quer durch die künstlerischen Sparten – Literatur, Oper, Film – weidlich ausgeschlachtet worden wäre. Als neue Spielart ist nun ein (im Rahmen des Alte-Musik-Festivals "Zeitfenster" aufgeführtes) "Szenisches Konzert" hinzugekommen, das sich der Regisseur Hans-Werner Kroesinger und das Vocalconsort Berlin für das Berliner Radialsystem ersonnen haben: "From Inside – Ein Gesualdo-Projekt". Tatsächlich ist dieses Konzert etwas ganz Besonderes, denn es erklingt das zweite Buch von Gesualdos "Sacrae Cantiones" (1603), von dessen sechs bzw. sieben Stimmen zwei die Jahrhunderte nicht überdauert haben. Der englische Komponist und Chorleiter James Wood hat diese beiden verschollenen Stimmen nun in jahrelanger Arbeit zu rekonstruieren versucht und die Motetten so wieder aufführbar gemacht.

Das Ergebnis kann sich hören lassen, soweit die erstmalige Begegnung mit diesen Stücken überhaupt ein Urteil über Woods Leistung zulässt. Das Vocalconsort jedenfalls brachte die verschlungenen Linien und harmonisch eigenwilligen Gänge dieser Musik eindrucksvoll und ungemein klangschön zur Geltung. Womit es sein Bewenden hätte haben können. Aber da ist ja auch noch das Szenische ...

Geistliche Gesänge und Gerichtsakten

Hans-Werner Kroesinger ist ja eigentlich ein Dokutheater-Spezialist. Also werden die geistlichen Gesänge von peinigend bedeutungsschwer sich gebenden Rezitationen aus den Gerichtsakten, die in Zusammenhang mit Gesualdos Bluttat angelegt wurden, umrahmt. Einige der Vokalisten stehen dann an Pulten und kratzen mit Schreibfedern ein wenig auf Papier herum. Ansonsten lässt Kroesinger das Ensemble auf und ab schreiten, verschiedene Gruppierungen einnehmen oder tiefsinnig in Spiegel schauen. Auf einer Leinwand im Hintergrund werden stimmungsvolle Videos projiziert, die auch einem Süditalien-Reisefeature im Dritten Programm gut zu Gesicht stünden: Kirchenräume, Naturansichten und immer wieder das Altarbild, auf dem Gesualdos Konterfei verewigt ist. Und da die Pulte an mehreren Seiten verspiegelt sind, kann man mit ihnen, wenn man sie langsam rotieren lässt, auch exquisite Lichteffekte erzielen.

Das Beste, was man von dieser Regie sagen kann, ist wohl, dass sie die Musik im Grunde kaum stört. Das Lästige an ihr aber ist, dass sie einen zum Nachdenken darüber zwingt, warum sie denn überhaupt da ist. Das Programmbuch – es sei nicht verschwiegen – gibt darauf eine Antwort: "Gruppen- und Personenkonstellationen, die Ablehnung, Isolation, Vereinzelung, aber auch die Masse der außen stehenden Beobachter verkörpern, verdeutlichen psychische Prozesse." Aha. Zu sehen ist allerdings nur kunstgewerblicher Kunsternst. Der irgendwie einen Zusammenhang von Musik und Mord behauptet. Und der am Ende doch stört.


From Inside – Ein Gesualdo-Projekt
Eine Produktion von Vocalconsort Berlin
Regie: Hans-Werner Kroesinger, Musikalische Leitung und Rekonstruktion: James Wood, Ausstattung: Valerie von Stillfried, Lichtdesign: Arnaud Poumarat.
Mit: Ruth Gibbings, Claudia von Hasselt, Cécile Kempenaers, Wiebke Kretzschmar, Inga Philipp, Inga Schneider, Anne-Kristin Zschunke, Anne Bierwirth, Dorothee Merkel, Edzard Burchards, Philipp Cieslewicz, Dan Martin, Florian Schmitt, Stephan Gähler, Hannes Klügling, Markus Schuck, Matthias Jahrmärker, Kai-Uwe Fahnert, Clemens Heidrich, Christoph Drescher, Matthias Lutze.

www.radialsystem.de
www.vocalconsort-berlin.de
www.zeitfenster.net


Mehr über die Arbeit des Dokumentartheatermachers Hans-Werner Kroesinger im nachtkritik-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Der epochale Stoff werde auf seinen blutigen Sensationswert reduziert, schreibt Esther Slevogt in der taz (2.5. 2012), die allerdings beeindruckt von der musikalischen Qualität des Abends ist. Doch vom Dokumentartheaterspezialisten Hans-Werner Kroesinger hatte sie sich mehr erhofft. "Zwar lässt Kroesinger aus den Akten zum Casus lesen, dem Untersuchungsbericht der Gran Corte della Vicaria zu Neapel vom 27. Oktober 1590 zum Beispiel. Doch wer die Quelle nicht kennt, dem wird das an diesem Abend auch nicht verraten. Feierlich werden hier ein paar Brocken Herrschaftswissen zelebriert. Allerdings ohne jeden Mehrwert für den Blick auf Komponisten und Werk." Bald empfindet die Kritikerin "die unbeholfenen Arrangements" und die uninspirierte Videomontage im Hintergrund als ziemlich störend.

Hans-Werner Kroesinger sei nicht viel zu Gesualdo eingefallen, schreibt Peter Uehling für die Berliner Zeitung (2.5.2012) in einem Text über die VI. Biennale Alter Musik "zeitfenster", in dessen Kontext der Abend zu sehen war. Die Sänger des Vocalconsorts Berlin würden auf der Bühne hin und her zu geschoben und dazu Renaissance-Bilder projiziert. "Im Zusammenhang mit der Litanei der alten Ermittlungsakten klingen die von James Woods geleiteten Motetten wie Bußübungen des Komponisten. So wird Gesualdos Musik, so prächtig, satt und farbig sie auch gesungen wird, zum psychologischen Reflex auf seine Schuld verkleinert."

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