Relevanz revisited

von Ulrike Gondorf

Köln, 21. November 2007. "Das Fundament ist die Grundlage der Basis." Gut, dass die Grübelei ein Ende hat und wir endlich klar sehen in dieser Frage. She She Pop sei Dank. Die Gruppe hat diese grundlegende Erkenntnis zum Fundament ihrer "Relevanz-Show" gemacht. Und die wiederum wurde zur Startbasis, von der das knapp zweiwöchige Festivalprogramm der Impulse abgehoben hat bei der Eröffnung im Kölner Schauspielhaus.

Das seit 1990 in Nordrhein-Westfalen stattfindende Bestentreffen der Freien Theaterszene wurde in diesem Jahr erstmals von den Programm-Machern Tom Stromberg und Matthias von Hartz kuratiert, die einen Blick auf das "Theater der Zukunft" versprechen und dazu neun Inszenierungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz eingeladen haben.

Mitspielen nicht gerade leicht gemacht

Die "Relevanz-Show" setzte zur Eröffnung gleich eine ironische Pointe. Was hier eine gestresste Inspizientin über die Bühne peitschen muss – durch eine Serie von Pannen, peinlichen Selbstdarstellungsnummern, verquastem Pseudo-Tiefsinn, esoterischem Gequatsche und vorgestanztem Polit-Betroffenheitsjargon, ist die konzeptionell schlechteste Show der Welt.

Es fiel der Truppe aus fünf Frauen und einem Mann, die gemeinsam am Gießener Institut für angewandte Theaterwissenschaften studiert haben und seit 1998 unter dem Label She She Pop ihre Performances erarbeiten, in Köln nicht ganz leicht, ein Eröffnungspublikum zu amüsieren und zum Mitspielen zu animieren, das zum überwiegenden Teil aus Theaterleuten, Kritikern und Repräsentanten der vielen Partner bestand, die das Festival Impulse tragen. Man hätte sich einen beschwingteren Start vorstellen können. Dennoch war die Vorstellung zum Auftakt gut gewählt, denn sie riss eine ganze Reihe von Themen an, die das diesjährige Festivalprogramm bestimmen werden.

Deutlich erkennbar ist der Trend zur Gruppenarbeit, zur Abkehr vom "Regie-Gott", wie Tom Stromberg es formuliert hat. Kollektive Arbeitsweisen, wie auch She She Pop sie praktiziert, waren von jeher ausgeprägt in der freien Szene – bei diesen Impulsen sind sie eindeutig vorherrschend, ob es um das Berliner Figurentheater Das Helmi geht, um die Bairishe Geisha aus München, um Showcase Beat Le Mot oder Monstertruck – die letzteren beiden übrigens genau wie She She Pop im Gießener Institut verwurzelt.

Alles das sind Projekte, die von einem Kollektiv erarbeitet und dargeboten werden. Stücke, bei denen ein Regisseur firmiert, sind nur zwei von neun: David Marton mit seiner "Fairy Queen" – einem Musiktheaterprojekt über die Purcell-Oper - und Ivana Müller mit dem Tanz-Theater-Abend "While we were holding together".

Im Grenzland zwischen Schein und Sein

Bei aller Verschiedenheit der Theaterformen, die diese Impulse erwarten lassen: Puppentheater, Oper, Tanztheater, Schauspiel mit vielen Grenzüberschreitungen zur Installation, zur Performance – ein dominantes Thema der Auswahl von Tom Stromberg und Matthias von Hartz zeichnet sich klar ab. Fast immer geht es auch um die Erkundung des Verhältnisses von Spiel und Realität, von Akteur und Zuschauer, die auch die "Relevanz Show" am Eröffnungsabend mitbestimmt hat. So wird die Schweizer Gruppe mikeska:plus:blendwerk eine Aufführung zeigen, in der in einer hotelartigen Installation jeweils nur ein einziger Zuschauer Zeuge einer Aktion wird. Und die Wiener Truppe God’s Entertainment verlässt die vertraute Sphäre von Bühne und Zuschauerraum und spielt vor zufälligem Publikum in den Fußgängerzonen.

Unter den neun eingeladenen Produktionen wird ein Preisträger gekürt, der zum Berliner Theatertreffen und zu Festivals in Wien und Zürich eingeladen wird. Das ist eine Neuerung, die Stromberg und von Hartz etabliert haben, ebenso wie die Partnerschaft mit dem Goethe-Institut, das eine von einer Jury ausgewählte deutsche Produktion aus dem Kreis der Teilnehmer auf Gastspielreise schicken wird.

Außerdem haben die neuen Leiter die Impulse internationaler gemacht: außer Konkurrenz sind zwei bekannte "special guests" eingeladen worden: Cuqui Jerez und Jerome Bel. In Köln, Mülheim, Bochum und Düsseldorf können Theaterfans bis zum 2. Dezember beobachten, ob die Impulse 2007 dem selbst gesetzten Ziel gerecht werden, dem Publikum vitale Eindrücke und der Stadt- und Staatstheaterszene alternative, frische, vielleicht auch provozierende Anregungen zu geben.

 

www.festivalimpulse.de

 

 
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